Kino

Der Goldene Handschuh

In seinen stets hoch emotionalen, meist konsequent ihre Geschichte auserzählenden Filmen hat der Hamburger Filmemacher Fatik Akin oft ein ­wenig mit Genrestrukturen geliebäugelt, sei es nun in seinem Langfilmdebüt „Kurz und schmerzlos“ (1998) oder im Roadmovie „Im Juli“ (2000). Nun hat er sich nach „Tschick“ (2016) erneut an die ­Adaption eines Romans gewagt: Heinz Strunks

Sankt-­Pauli-Horrorstudie „Der Goldene Handschuh“. So heißt die heruntergekommene Pinte, in der in den ­70er-Jahren ­neben vielen anderen Verlorenen auch Fritz „Fiete“ Honka (eindringlich: Jonas Dassler) zu den Stammkunden gehört. Hier sind sie zu finden, die Säufer und ­Huren vom untersten Ende der Gesellschaft, hier wird gezecht und gestritten, philosophiert und zu Schlagern von Bata Illic bis Heintje geschmachtet.

Die Gisela von der Heilsarmee (Victoria Trauttmansdorff, re.) und Trinkerinnen im „Handschuh“ Foto: bomberoint WarnerBros/Gordon Timpen

Schon die erste Sequenz dieses erbarmungs­losen Films zeigt, was auf einen ­zukommt: Die Leiche einer deutlich ­älteren Frau liegt in Honkas Bett, er ­zerteilt sie und schmeißt die Teile auf ­einen Schuttberg – keine gute Idee, wie die Schlagzeilen in den Zeitungen etwas später zeigen; fortan wird ­Honka seine Opfer – ältere Frauen, die niemand zu vermissen scheint – zerteilt in einem Verschlag seiner Dachwohnung „entsorgen“, der Gestank ist entsprechend, da hilft kein „Wunderbaum“ mehr.

In seinem konzentrierten Blick nach ganz unten verzichtet Autor und Regisseur Akin auf fast jede Suspense und ist so mit ­seinem Psychogramm eines Mehrfachmörders viel näher an John McNaughtons ­„Henry – Portrait of a Serial Killer“ (1986) als an einschlägigen Serienkiller-Spannungs-­Filmen. Und auch wenn er auf das ganz große Gemetzel vor der Kamera verzichtet, ist seine Sozialstudie nur schwer zu ertragen, dieses Konglomerat aus Einsamkeit, Perspektivlosigkeit, ­Unfähigkeit zur Kommunikation, dreckigem Sex und ­Gewalt. „Der Goldene Handschuh“ ist eine filmische Zumutung, wie es sie so radikal im deutschen Kino sehr lange nicht mehr ­gegeben hat. Keine Rettung in Sicht.

D 2019, 110 Min., R: Fatih Akin, D: Jonas Dassler, Margarethe Tiesel, Katja Studt, Marc Hosemann, Tristan Göbel, Start: 21.2.