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Der Grenzenlose

Der Londoner Produzent Max Cooper verbindet schon lange die Clubkultur mit der Wissenschaft und versucht, Hören und Sehen miteinander zu verschmelzen. Nun kommt er mit seinem neuesten audiovisuellen Mammutwerk nach Berlin

„Ich habe versucht,
mich dem Unendlichen auf so viele Arten
wie möglich zu nähern“, sagt Max Cooper. Foto: Ozge Cone 2018

Max Cooper hat sich erst einmal einen Virus eingefangen. Heute sei der erste Tag, an dem es wieder einigermaßen ginge, erklärt er und klingt dennoch etwas verschnupft dabei. „Ich hab’ mich wohl einfach verausgabt“, lacht er und ist sich der Ironie dieser Aussage bewusst. Der nordirische Produzent hat sich bei seiner Auseinandersetzung mit der menschlichen Natur und den Systemen, die aus ihrem unbändigen Drang entspringen, offensichtlich selbst eine Überdosis Grenzenlosigkeit verabreicht.

Denn ans Bett gefesselt war er, nachdem er mit „Yearning for the Infinite“ eine neue audiovisuelle Show vorgestellt hat, deren Thema das menschliche Streben nach Unendlichkeit ist. Andererseits scheint Cooper auch gar nichts anderes zu können oder aber zu wollen. Nachdem er im Jahr 2008 seinen Doktortitel als Bioinformatiker erlangt, verschlägt es denn 1980 geborenen Cooper zwar für eine Weile an die Universität. Doch der kreative Drang ist stärker, und schon nach zwei Jahren entschließt er sich, die Musik zur Hauptsache zu machen. Nicht aber, dass er darüber der Wissenschaft vollends den Rücken kehrt: Bis heute geht der in London lebende Cooper seine spektakulären Veröffentlichungen und Live-Konzepte nicht nur mit der Penibilität eines Forschers an, sondern bezieht sich immer wieder auf akademische Theorien und Praktiken.

So auch auf „Yearning for the Infinite“, dessen Premiere ihn erstmal für eine Weile außer Gefecht gesetzt hat. Entstanden sind die Live-Show und das dazugehörige Album als Auftragswerk für das Londoner Kulturzentrum Barbican im Rahmen der Serie „Life Rewired“, die künstlerische Positionen versammelt, die sich allesamt einem Thema widmen: Was bedeutet es eigentlich, ein Mensch zu sein, wenn die Technologie um uns herum alles in rasender Geschwindigkeit verändert? Cooper versuchte für seine Arbeit diese Frage auf ihre Essenz herunterzukochen: „Was macht dieses ständige Begehren nach Fortschritt und Wachstum aus? Mehr Wissen, mehr Geld, mehr Macht – was auch immer“, erklärt der Produzent. „Als wären wir in einem Hamsterrad gefangen, das so komplex und aufwändig und kompliziert ist.“ Und doch rennen und rennen wir vorwärts, angetrieben vom Verlangen nach immer mehr.

Cooper wäre nicht Cooper, wenn er auf diese Ausgangsfrage hin nicht erstmal Bücher gewälzt hätte. So viel Doktor steckt eben immer noch im Produzenten „Das ist doch das Tolle daran, dass ich solche Projekte verfolgen kann: Ich kann ordentlich Zeit damit verbringen, über all diese Konzepte zu forschen“, lacht er. Die künstlerische Arbeit begann danach und nicht etwa im Medium der Musik. „Am besten konnte ich all diese Gedanken zum Ausdruck bringen, indem ich unendliche Strukturen visualisiert haben, die von Bildern von Menschen kontrastiert werden, die ihrerseits ihren unendlichen Tätigkeiten nachgehen“, erklärt er. Gemeinsam mit Mathematikern beschäftigte er sich etwa mit dem Schaffen des deutschen Wissenschaftlers Georg Cantor, der in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts die Mengenlehre begründete. Die Sound kam erst viel später und orientierte sich an den theoretischen Überlegungen und visuellen Aspekten.

Die Forschung aber ist natürlich keineswegs ein reiner Selbstzweck, am Ende stehen handfeste Resultate. Während der A/V-Show flackern mal Listen mit schier unendlichen Zahlenreihen über die Projektionsflächen, dann blühen Mandala-ähnliche Formen, die Coopers Auseinandersetzung mit der sogenannten Penrose-Parkettierung entsprungen sind. Dazu mischen sich andere Themen, die er seiner Auseinandersetzung mit religiösen und mystischen Texten und Traditionen wie der Kabbalah entliehen hat oder Bilder von sich ausweitenden Großmetropolen. „Ich habe versucht, mich dem Unendlichen auf so viele Arten wie möglich zu nähern“, sagt er.

Aber: Wie klingt eigentlich die Musik von „Yearning for the Infinite“? Natürlich nach sehr viel. Von seiner Debüt-LP „Human“ aus dem Jahr 2014 über den audiovisuellen Nachfolger „Emergence“ hin zu „One Hundred Billion Sparks“ aus dem Vorjahr war Coopers Musik schon immer von einer klanglichen Überfülle geprägt. Auf „Yearning for the Infinite“ entfaltet sich das im konzeptuellen Rahmen nur umso intensiver. Knisternder Ambient, Minimal-Music-Reminiszenzen, Indietronica-Grooves, bounciger House, ratternder IDM, zuckelnder Jungle, atmosphärische Spoken-Word-Passagen und sogar eine kratzig-dystopische Techno-Nummer finden sich in der Show und auf dem Album. Das ist nur folgerichtig: Das musikalische Gesamtbild fällt ebenso überbordend und überfordernd aus wie die dazugehörigen, mit einer Reihe von Künstler*innen gemeinsam erarbeiteten Visuals – als Überdosis Grenzenlosigkeit eben.

Text: Kristoffer Patrick Cornils

Max Cooper: „Yearning for the Infinite“ (Mesh)Mi 23.10., 19 Uhr, Silent Green, Gerichtsstr. 35, Wedding, VVK 30 € zzgl. Gebühren