BVG-Schuh

Der große Run aufs eingenähte Jahresticket

Alle wollen auf die Liste, in Berlin kein seltenes Phänomen. In diesem Fall geht es nicht um ein Konzert, sondern um den Verkaufsstart des neuen Sneakers der Berliner Verkehrsbetriebe in Kooperation mit Sportartikelhersteller Adidas. Für beide Marken handelt es sich vor allem auch um einen Marketing-Gag. 180 Euro kostet ein Turnschuhpaar, das eine Sonderedition des Modells EQT Support 93 ist. Los geht es am morgigen Dienstag ab 11 Uhr und wird einige Stunden dauern, bis alle Paare vergriffen sind. Ausverkauft scheinen sie längst zu sein. Denn schon seit Samstagabend campieren Schuhbegeisterte vor dem Kreuzberger Schuhladen „Overkill“ in der Köpenicker Straße 195a sowie auf der gegenüberliegenden Straßenseite. Auch in Mitte bei „Originals Flagship Store“ wird der Laufschuh angeboten.

Da ist das Ding. Mit eingenähtem BVG-Sitzpolstermuster.
Foto: Robin Thießen

Warme Getränke, schnelles Essen, Campingstuhl und vor allem ein Schlafsack gehören zur professionellen Ausstattung der Camper. Am besten getroffen haben es diejenigen, die sich zwischendurch im Auto aufwärmen können, und noch dazu einen Parkplatz in der Köpenicker Straße vor dem Laden gefunden haben. Viele haben sich extra Urlaub genommen. „Ich habe um die 200 Paar Schuhe zu Hause, daher muss ich diesen auf jeden Fall haben und stehe zum Glück auch seit ein paar Stunden auf der Liste“, sagt Hendrik, 29, der leidenschaftlicher Sneakerhead ist, wie man szeneintern sagt. George, 24, hat anderes im Sinn: „Es ist nicht das erste Mal, dass ich für einen Schuh bis zum Verkauf ein paar Tage draußen warte.“ Zuletzt sei es für den Yeezy Boost 350 V2 gewesen. „Das Geld liegt nicht auf der Straße, es läuft in neuen Colorways“, fügt er grinsend hinzu.

Zwei Fliegen mit zwei Sohlen schlagen

Das Besondere an dem neuen BVG-Schuh: Tatsächlich ist auf der Lasche ein gültiges Jahresticket für Bus, Tram und U-Bahn eingenäht, nicht jedoch für die von der Deutschen Bahn betriebene S-Bahn. Ein solches Abo kostet je nach Tarif 730 oder 760 Euro. „Anders als bei einem neuen Jordan- oder Nike-Schuh ist die Altersspanne, die sich für diesen Schuh interessiert, viel größer“, fasst eine Verkäuferin von „Overkill“ zusammen. Das liege vor allem am Seltenheitswert und Berliner Kultfaktor. Rund 50 Prozent würden den Schuh in den kommenden Tagen auf Plattformen wie Ebay weiterverkaufen, vermutet sie, und das zum Teil für den dreifachen Preis. Die Sneaker- und Re-Seller-Community ist groß, mit dem Weiterverkauf regelmäßig neu veröffentlichter Sneakers könne man hin und wieder gutes Geld verdienen. Man könne in den letzten Tagen aber auch viele Menschen Ü40 vor der Filiale sehen, denen wohl auch viel am Besitz eines der Paare liegt.

Eventuell sind es die älteren Segmente, die den Schuh wirklich zum U-Bahnfahren tragen. Denn tatsächlich muss man ihn an an beiden Füßen tragen, damit das Jahresticket gültig ist. Den Schuh zum Vorzeigen im Rucksack zu haben, sei vor den Kontrolleuren nicht gültig. Spaßeshalber twitterte die BVG am vergangenen Dienstag außerdem:

Hart aber fair

Aber kann man denn nicht einfach wieder nach Hause gehen, sobald man auf der Liste für den Verkaufsstart steht, um am Dienstagmorgen wiederzukommen? Eben nicht. Rund alle zwei Stunden kommt ein Mitarbeiter für einen „Check“ mit einer frisch ausgedruckten Liste aus dem Laden, um die Namen aufzurufen. Viele Gesichter kenne man mittlerweile, bestätigt ein Verkäufer. Und wer nicht mehr anzutreffen ist, fliegt von der Liste. Als sich wieder alle Anwesenden um ihn herum versammeln, stellt er sich zum Aufruf auf den Stromkasten auf der gegenüberliegenden Straßenseite.

Bilder

Am Montagnachmittag um 15 Uhr fragen noch immer Neuankömmlinge nach Listenplätzen. Und immer wieder bestätigt der Listenträger: „Liste is’ voll.“ 300 Plätze bietet sie. Wie viele Schuhe am Dienstagvormittag tatsächlich herausgegeben werden, bleibe vorerst geheim. 500 Paare sollen laut Adidas existieren.