Clubs

Der große Tür-Report

Was wollen Türsteher – und wie kommt man an ihnen vorbei? Wir haben Experten gefragt

Jeder Clubgänger kennt die Angst, nicht reinzukommen. Und die Erleichterung, doch, vielleicht sogar mit einer eigentlich viel zu großen Gruppe, reingekommen zu sein. Aber dafür, dass die nachts oft hochgesteckten Erwartungen auch mal enttäuscht werden, passieren ziemlich selten Gewalttätigkeiten an den Berliner Clubtüren. Was macht die Berliner Bouncer so besonders? Und wie kommt man an ihnen vorbei? Bei uns verraten Experten die Do’s and Don’ts vor den Berliner Clubs. Und erklären, wie alle eine gelungene Party feiern und später Freunde werden können.

Berlins Türsteher haben das Zeug zum Kult. Zwei Männer aus der ersten Generation der Bouncer, Frank Künster und Michel Ruge, die sich Anfang der 90er vor den damals oft noch illegalen Clubs in Mitte einen ­Namen machten, sind längst – in anderen Funktionen – weit über Berlins Grenzen bekannt. Damals standen sie für die neue Berliner „Türpolitik der Deeskalation“, mittlerweile reisen sie als Buchautoren und Herausgeber, Schauspieler und Filmproduzenten durch die Welt.

Sven Marquardt, der gesichtstätowierte Superstar der Berghain-Tür, widmet sich mit all seiner internationalen Bekanntheit seinem noch in der DDR erlernten Beruf des Fotografen und stellt seine Werke, wie auch Frank Künster seine Club-inspirierten Filme und Bücher, in den Goethe-Instituten rund um die Welt aus. So arbeiten sie am dauerjungen, wilden und lauten Ruf Berlins in der Welt. Die Türpolitik hat seit dem Mauerfall mit dazu beigetragen, dass unsere Stadt in Europa das Partymekka Nummer Eins werden konnte.

Der aktuelle Antrag der Berliner FDP passt wenig zu dem friedlichen, fröhlichen und ausgelassenen Gesamteindruck, der das Berliner Nachtleben so attraktiv macht. Die FDP will die Türsteher staatlicher ­Kontrolle unterwerfen. Gerade wurde der entsprechende Antrag im Abgeordnetenhaus gestellt: Türsteher, die direkt vom Wirt – nicht über eine Sicherheitsfirma – eingestellt wurden, sollen, genau wie Security-Mitarbeiter, Sachkunde­prüfungen und Führungszeugnisse vorweisen müssen.

So soll verhindert werden, dass Türsteher, die nicht den für Security-Leute geltenden Regeln unterstehen, mit ihnen geschäftlich verbundene Drogendealer in Clubs und Diskos einlassen. Der FDP-Abgeordnete ­Marcel Luthe geht davon aus, dass viele Wirte die Türsteher nicht freiwillig, sondern auf Druck von Banden beschäftigen – was weder Polizei noch Clubbetreiber so bestätigen können.

Die Polizei teilt mit, dass sich die Türsteherszene „durch die Vergabe von Security-Dienstleistungen an externe Firmen oder unmittelbar beim Betreiber angestelltes Securitypersonal weitgehend ‚legalisiert‘“ habe, so dass „nur noch vereinzelt Angehörige von Gruppen festzustellen sind, die der Organisierten Kriminalität zugeordnet werden können“. Auch solle man nicht denken, dass es in Berlin wie in der Dealer-Serie „4 Blocks“ zugeht: „Clubbetreiber“, so erklärt die Polizei, seien daran interessiert, den „Drogenhandel zu unterbinden und mit der ­Polizei zu kooperieren“. Auch ­Rockergangs an Türen sollen wohl der Vergangenheit angehören, stellt die Polizei fest. Nur noch „einzelne Angehörige der Rockerszene wurden (…) als Sicherheitspersonal (…) festgestellt.“


»Den Türsteher würdevoll behandeln«

Michel Ruge, Ex-Türsteher Cookies, WBM Bar, Berlinbar, 101, Café 103, Greenage, Felix und WMF, sieht die Interaktion vor dem Club als komplexe soziale Situation

Michel Ruge, Ex-Türsteher
Foto: Anatol Kotte

„Jeder sollte sich klarmachen, dass der Türsteher gesehen werden möchte – im Sinne von ‚wahrgenommen‘. Er ist wie der Kapitän einer Yacht, er fühlt sich wie der Besitzer, weil er die Befehlsgewalt hat. Er hat zwar eine – kurzfristige, nur im Nachtleben, in dem Moment bedeutende – Machtposition, ist dabei aber nicht der Besitzer. Das ist sein Dilemma.

Spätestens wenn er in das Alter kommt, in dem andere in seinem Umfeld richtig Kohle machen und gefestigte, höhere Positionen bekleiden und ihm klar wird, dass seine ‚Machtbefugnis‘ total lächerlich ist und sich nur auf den Raum beschränkt, den andere gar nicht ernstnehmen und eher zum Ausblenden der wichtigeren Sachen nutzen. So kann es auch passieren, dass der Türsteher ­belächelt wird. Das ist aber eine psychologische Ebene, die sollte man nachts, auf der Suche nach Vergnügen, nicht raushängen lassen.

Wenn man unbedingt rein möchte, aber den Türsteher nicht kennt, würde ich zumindest den Männern empfehlen, schon in der Schlange Augenkontakt aufzunehmen. Nicht devot, aber respektvoll. Das hebt das Selbstvertrauen des Türstehers, und er fühlt sich nicht mehr als Dienstleister oder Tagelöhner, sondern als Person, die auch von Menschen respektiert wird, die gesellschaftlich oder im Tagesleben eigentlich über ihm stehen. Man muss den Türsteher würdevoll behandeln.

Wenn der Türsteher sagt, dass man nicht reinkommt, dann ist es gut, zu fragen, woran es liegt. Im Normalfall – außer im Berghain – hört man dann den Grund. Dann einfach mal sich einsichtig geben: ­‚Danke aber, ach, das habe ich nicht gewusst‘ und so steigen die Chancen für das nächste Mal.“


»Lust auf Feiern ausstrahlen«

Marc Wohlrabe von der Clubcommission ­empfiehlt, das Telefon freiwillig abzugeben

„Man muss freundlich sein. Die Lust auf Feiern ausstrahlen. Man sollte die DJs und das Musikprogramm des Abends kennen. Natürlich sollte man nicht in großer (Männer-)Gruppe auftauchen, eher zu zweit oder dritt. Man sollte nicht besoffen sein. Ansässige sollten versuchen, Stammgast zu werden, immer wieder kommen. Und: Ja, das ist am Anfang aufwendig. War aber sogar bei mir so, in den frühen 90ern. Natürlich sollte man auch kooperativ mit dem Handy sein. Abgeben. Abkleben lassen, am besten gleich anbieten.“


»Manche müssen einen Witz erzählen«

Stephan, Betreiber eines kleinen Clubs in Kreuzberg, verteidigt seinen Laden mit harter Tür

„Ja, klar, hier auf unserer Meile ist der Tourismus ausgebrochen. Uns gibt es seit 2009, aber ich will gar nicht sagen, dass früher alles besser war. Es war … intimer, aber nicht unbedingt besser. Wir wollten einfach eine Bar aufmachen, ohne Club, also eher als Kiezclub, für Leute, die tanzen wollten, aber nicht erst Stunden anstehen wollten, um dann in einem Riesenclub zu landen. Anfangs gab es gar keine Türsteher, aber wir mussten eine Tür machen, weil wir überrannt worden sind. Dann ­haben wir uns mit dem Thema auseinandergesetzt: Was ist gute Türpolitik, wie kann man sie durchsetzen. Manchmal müssen die Gäste an der Tür einen Witz erzählen, um reinzukommen.

Wir sind ein kleiner Laden. Alle größeren Gruppen sind für uns schwierig, wenn es nur Spanier oder Engländer sind, dann dominieren die plötzlich. Bei uns ist es eher wie auf einer Privatparty. Wenn man Pech hat, hat man irgendwann die Leute drin, die nur noch konsumieren wollen, vor allem auch die Stimmung konsumieren wollen, ohne etwas dazu beizutragen. Unsere Tür achtet daher auf Details. Neben dem körperlichen Zustand des Gastes ist seine Körpersprache wichtig. Unsere Türcrew besteht aus Freunden und Freunden von Freunden, von denen wir wissen, dass sie extrem gut deeskalieren und selektieren können. Es ist schwierig, wenn mal jemand wegfällt, an neue gute Leute zu kommen. Man muss da ja viele Qualitäten mitbringen, Respekt geben und erhalten. Man muss es schaffen, wach zu bleiben, man muss Erfahrung mitbringen, das ist wichtiger als einfach nur jung zu sein.“


»Keine Raketen­wissenschaft«

Terri Belle, Veranstalter Washing Machine, verrät, wen er auf seiner Party haben will

„Für uns war ‚Türpolitik‘ immer sehr einfach, von Anfang an hatten wir mit Smiley Baldwin unseren Lieblingstürsteher am Einlass. Er kennt unsere Leute, er ist ein Freund, er kennt eigentlich alle und kennt er mal jemanden nicht, dann ist er in der Lage abzuschätzen, ob er gerade verarscht wird oder nicht. Er hat ein ganz natürliches Gefühl, wer zu unserer Party passt und achtet auf Kleinigkeiten, die uns immer vor Ärger bewahrt haben. Eine gute Tür ist vor allem doch Selektion und Ausstrahlung. Bei uns wird man mit einem Lächeln begrüßt und höflich gebeten, einige Minuten zu warten. Wir wollen freundlich sein und das überträgt sich auch auf unsere Gäste.

Manchmal werden Menschen abgewiesen – aber die Selektion ist überlebenswichtig. Das obliegt tatsächlich der Einschätzung der Türcrew, die weiß am besten, ob jemand kommt, weil er mit uns feiern möchte, oder ob er andere Beweggründe hat, unsere Party aufzusuchen. Die alten Grundregeln, dass man am besten nicht in einer Gruppe von fünf bis zehn Männern an einer Tür auftaucht, dass man nicht komplett besoffen ist, dass man noch einigermaßen in der Lage ist, geradeaus zu schauen, muss man da, glaube ich, nicht erwähnen. Ganz schlecht ist es, sich wichtig zu machen, so zu tun, als ob man ein älteres Recht hätte als andere, die auch warten. Und wer aggressiv ist, fällt von vorne herein aus dem Raster, aber das ist nun wirklich keine Raketenwissenschaft.

Wir machen Partys mit rund 200 bis 600 Leuten, da ist das schon einigermaßen übersichtlich, wir müssen da auch nicht alles und jeden durchsuchen. Du kannst aber ­sicher sein, dass du mit einer großen Sporttasche nicht bei uns reinkommst, wenn wir nicht wissen was drin ist. Die Geschlechterparität spielt natürlich auch eine Rolle. Da gibt es natürlich den Idealfall, dass das einfach passt, aber am Ende kommt es, glaube ich, eher darauf an, ob das Tänzer-/Barsteher-Verhältnis stimmt. Nur ­Heteromänner auf einer Party ist natürlich die Höchststrafe, das ist uns aber noch nie passiert.

Keine Gästeliste zu haben ist fatal, die Gästeliste ist ein wenig das Geheimnis einer guten Party. Wir haben eigentlich immer die Gäste, die wir gerne sehen möchten. Je nach Location kann das bei begrenztem Gästelistenkontingent auch mal schwierig sein, aber wenn wir selber veranstalten, dann haben wir natürlich eine prall gefüllte Gästeliste.

Trotzdem kommen immer wieder viele sehr junge, unbekannte Gäste, denen sieht man an, dass sie dieses Feeling – echte, auch mal knarzende Schallplatten zu hören – aus den Erzählungen ihrer Eltern kennen, die Platten haben die zum Teil im Kinderwagen gehört und nun sind sie da und es fühlt sich echt an, weil da tatsächlich Plattenspieler stehen, und der DJ tanzt und es gibt einen MC, der die Leute anfeuert. Das ist alles heute so frisch wie es 1987 war und wenn man es genau nimmt, sorgen wir da ja auch für so eine Art Generationenverständigung, die sich häufig wirklich gut anfühlt. Vor ein paar Jahren hab ich gedacht, die Washing Machine wird jetzt so etwas wie eine Ü40-Party, schön, dass wir uns da so gründlich geirrt haben. Und unsere Türcrew die Jungen genauso herzlich begrüßt wie die Alten.“


»Sich fürs Programm inter­essieren«

Tom, Manager der Ipse, hat ein Problem mit Gruppen, die betrunken und verkleidet sind

„Es ist uns wichtig, dass unsere Türsteher freundlich sind, aber auch immer bedacht auf Gefahr. Sie sehen jeden Menschen als Menschen und nicht als Störfaktor, sie ­gucken den Gästen in die Augen, treten ihnen mit ­Respekt gegenüber – solange, bis es nicht mehr anders geht.

Wir bekommen auch E-Mails, dass die Leute mit den Türstehern sehr zufrieden sind, das ist toll und wichtig. Wenn der Gast mit Respekt behandelt wurde, dann gibt es fast keine gefährlichen Vorfälle.

Klar, wenn man zwei Meter große, breitschultrige Kerle an die Tür setzt, dann regiert man die Leute mit Angst, wir aber wollen mit ­positivem Beispiel vorangehen. Wir haben eine professionelle Firma, die Freunde von uns machen, engagiert. Das ist eine enge Beziehung, sie passen menschlich zu uns und können ein Stück weit den Club vertreten. Die wollen niemandem aufs Maul hauen, sondern sind auch stolz darauf, Teil vom Ganzen zu sein. Und alle haben eine Sanitätsausbildung, das finden wir wichtig in einem Open-Air-Club am Wasser. Wenn die jemanden finden, der irgendwo liegt oder schon etwas länger wach ist, können sie checken: Sonnenstich? Zu viel getrunken, oder was anderes? Und wissen, was zu tun ist.

Wer bei uns reinkommen will, darf auf jeden Fall nicht so aussehen, als ob er das Erlebnis für andere schmälern will. Wenn die Clubpolitik lautet ‚Wir verkaufen billige Shots an die Leute‘, dann bekommt man Saufkundschaft – und muss mehr ausfällige Leute rausschmeißen. Kritisch sind daher auch die Bachelorpartys zu betrachten. Männer, die in Gruppen und lustiger Verkleidung trinken wollen oder schon betrunken sind. Die Leute sollte schon interessieren, was bei uns los ist, was wir für ein Programm anbieten. Die Türsteher versuchen, das rauszubekommen und handhaben das auch als intuitive Gefühlssache.

Was bei uns auf der Straße, vor dem Club passiert, ist natürlich eine ganz andere Thematik. Da müssen wir eng mit dem Bezirk und anderen Clubs zusammenarbeiten. Da gibt es echt gefährliche Leute. Dann gibt es welche, die gezwungen werden zu dealen und andere, die nur ihr Taschengeld aufbessern wollen.

Aktuell ist die Gefährlichkeit gesunken, die Clubs haben hier ja die Initiative ergriffen und sich der Politik zugewandt. Aber wenn im Görli keiner mehr verkauft, dann verlagert sich das Ganze – die Polizei kann nur kleine Brandherde löschen, nicht die großen.“


»Lächeln statt Ego-Show«

Marcus S., Host im Bordel des Arts, lässt gern fast jeden rein

Marcus S., Bordel des Arts
Foto: Magnus Reed

„Während sich viele angesagte Locations und Events darüber definieren, die ‚falschen‘ Leute an der Tür entrüstet und brüsk abzuweisen, sind wir da ganz anderer Auffassung. Es ist doch so: Jemand, der unseren Flyer sieht, sich auf Facebook vielleicht die Fotos vergangener Events anschaut, sich auf die Party freut, sich fertig macht, Freunden Bescheid sagt und sie motiviert, sich mit ihnen dann vorher zum Warm-Up trifft, der hat es nicht verdient, ein ‚Du heute nich‘ zu hören, und das nicht selten völlig willkürlich …

Wir versuchen, unseren Gästen schon an der Tür ein Lächeln zu schenken und ihnen auch an der ­Kasse statt cooler Ego-Show lieber ein ‚Willkommen‘ und ‚Viel Spaß‘ anzubieten. So, dass unsere Gäste schon gut gelaunt reinkommen und sich als wichtiger und vor allem gewollter Teil der Tanznacht fühlen können – was sich natürlich auf die Stimmung vor Ort auswirkt. Fast alle strahlen aus dem Arsch und das ist es schließlich, was man als Host sehen und erleben will!“


»Keine großen Männergruppen«

Maurice vom YAAM erklärt die Türpolitik des wahrscheinlich buntesten Clubs der Stadt

„Wer zu betrunken ist, kommt bei uns nicht rein – oder fliegt auch mal raus. Bei uns ist eigentlich jeder willkommen – außer Gruppen von drei oder mehr Männern. Wenn das Geschlechterverhältnis nicht stimmt, dann macht es den Frauen keinen Spaß mehr, und sie bleiben weg – das will keiner. Deshalb achten wir darauf, ebenso wie darauf, dass keiner frech anfängt, seine Drogen zu ver­ticken. Wir sprechen auch mal richtig lange Hausverbote aus und arbeiten im Zweifelsfall sehr gut mit der Polizei zusammen, auch wenn die sich manchmal etwas zu lange Zeit bei der Anfahrt lässt.“


»Nicht rauchen, nicht trinken«

Smiley Baldwin, seit über zwanzig Jahren einer der meistgebuchten Türsteher der Stadt, erklärt, wen er reinlässt und wen nicht

„Man sollte wissen, wo man ist und wer die DJs sind. Wenn man passend zur Location und zum Event gekleidet ist, hat man bessere Chancen, reinzukommen. Wenn man dann nicht raucht und auch keine Pulle Alk in der Hand hat, kann eigentlich kaum etwas schief gehen.“


»Die Stressmacher wollen gar nicht zu uns«

DJ San Gabriel, Resident-DJ von Hip Hop Don’t Stop, setzt auf ein buntes Publikum

„Wir waren die ersten, die Hip-Hop in einen angesagten Mitte-Club brachten. Das war 2007, da war HipHop in ‚hippen‘ Clubs noch ‚pfui‘. Schlechtes Image, die Leute dachten eher an Gangster-Rap und Messerstechereien kleiner Gang-Kids als an sexy Ladys und ausgelassene Stimmung. ‚Hip Hop Don’t Stop‘ schlug aber ein wie eine Bombe, plötzlich war die Musik auch bei den House-Leuten wieder angesagt. Wir sind nach dem Weekend ins Tape gegangen und dann in die Tube ­Station, wo wir – das war gar nicht beabsichtigt – das ganze Profil geändert haben. Die haben sich dann von selbst voll auf Hip-Hop ausgerichtet.

Ich glaube, es war ziemlich besonders und auch schon ganz im Vorfeld deeskalierend, dass wir Ivan an der Tür hatten. Wenn ein Schwuler, der dazu steht und dem man das auch anmerkt, an der Tür steht, dann zeigt das allen, dass wir offen für alle sind. Das ist wichtig, gerade in der testosterongesteuerten Hip-Hop-Szene. Toll war auch die Arbeit mit Posh. Er ist eine Supertranse mit entsprechendem Show-Verständnis und Selbstbewusstsein. Er hat auch mal mit Lady Gaga gelebt und gearbeitet, war später mit ihr als Tänzer unterwegs. Das war toll: Der hat bei unseren Hip-Hop-Partys gearbeitet!

Jetzt sind wir im Prince Charles. Ich glaube, trotz der Kreuzberger Lage wollen die Stressmacher da gar nicht hin, die fühlen sich nicht wohl auf unseren Partys. Es gab noch nie eine Schlägerei, wir mussten noch nie jemanden rausschmeißen. Im Prince Charles haben wir – mit Smiley Baldwins Leuten – auch Türken und Araber an der Tür, die wissen ja auch, wie sie eventuelle Stressmacher beruhigen können. Naja, es läuft auch kein Gangster-Rap auf den Partys. Ich glaube, heutzutage ist die Gewalt eher in der Schule, auf den Straßen, aber nicht in den Clubs. Und in den schicken Clubs, in denen Hip-Hop läuft, also im Pearl, im Avenue, im Kitty Cheng und jetzt im neuen 808, das sind ja eher auch friedliche Gäste.“


»Nett sein an der Tür«

Pamela, Gretchen-Betreiberin, wünscht sich Gäste, die wissen, was sie wollen

„Unsere Türsteher fallen nicht so auf wie in anderen Läden – keine Muskelmänner, die finster schauen und den Weg versperren. Wir haben ein sehr musikinteressiertes Publikum. Die Menschen kommen zu uns wegen der Künstler. Im Gretchen gibt es elektronische Musik in allen Facetten, außer Techno: Soul, Funk, Drum’n’Bass, intellektuelle Sachen, Jazz, Avantgarde – so dass die Menschen, die zu uns kommen, extrem heterogen sind. Je nach Veranstaltung und Musikstil können sie komplett unterschiedlich sein, aber alle vereint das Interesse an der Musik und den Künstlern.

Bei uns wissen in der Regel alle Gäste, wer auflegt oder wer auftritt. Wir bieten kein Programm für Ballermanntourismus. Natürlich haben wir viele Berliner Gäste – aber auch viele Touristen, die sich genauso für die Musik interessieren. Manche planen sogar ihren Berlin-Urlaub um unser Programm herum, das wissen wir, weil wir öfters E-Mails bekommen von Leuten, die sich extra nach unserer Türpolitik erkundigen.

Wir haben auch nichts gegen eine Gruppe von Männern im rosa Tütü, es ist uns egal, was sie anhaben. Sie müssen nett sein an der Tür. Wenn wir uns unsicher sind, ob die Menschen reinpassen, dann fragen wir das Programm ab. In der Regel haben wir auch nichts gegen Männergruppen – zehn Männer stehen aber ohnehin eher selten als Gruppe an der Tür. Wir haben nicht so das Problem mit den großen Touristengruppen. Bei uns ist das alles ein bisschen anders. Wir sind nicht auf der Partymeile, das war mit einer der Gründe, warum wir hier ein wenig versteckt unseren neuen Standort gefunden haben. Zuvor betrieben wir das Icon in Prenzlauer Berg.

Wir kontrollieren die Taschen der Menschen, das ‚Schlimmste‘ was wir da finden, sind mal ein paar Fremdgetränke. Bei Hip-Hop-Konzerten schauen wir auch nach Stiften, um Sachbeschädigungen vorzubeugen. Ansonsten haben wir als Wunsch an unsere Gäste ein freundliches Auftreten, und auch unsere Türsteher freuen sich, wenn sich die Gäste für den Abend bedanken und mit einem Lächeln nach Hause gehen.

Aber natürlich weisen wir Leute ab, wenn sie ganz augenscheinlich nicht wegen des Programms kommen oder zu betrunken sind beziehungsweise anderes konsumiert haben. Oder eben auch total unhöflich sind. Aber nicht wegen Klamotten, Herkunft, Geschlecht oder Frisur.“


»Tanzen können«

Reimund Spitzer, Macher beim Golden Gate, will keine Angeber und keine Diskussion

„Willkommen sind alle Leute, die zu einer schönen Party beitragen könnten. Und die, auf die das nicht zutrifft, sind ja auch gar nicht so viele. Wir freuen uns über fast alle Gäste, auch wenn sie sehr spät kommen – das Golden Gate ist ja für seine sehr langen Partys bekannt.

Die Leute sollten noch sprechen können. Irgendwas, das noch Sinn ergibt. Und sie sollten in der Lage sein, zu stehen und zu gehen, und Tanzen ist natürlich auch dufte. Dann profitiert ja die ganze Party.

Vom Alter her haben wir alles dabei – unter 20 bis Ü50 –, das finde ich besonders schön. Es wäre ja langweilig, wenn alle gleich alt wären. Natürlich haben wir Türkontrollen – da schauen wir in Taschen und Beutel, das muss sein. Es geht um Waffen, eigene Getränke, komische Flüssigkeiten. Wenn wir was finden, müssen wir das den Leuten abnehmen, da haben wir keine Wahl. Man könnte uns sonst unterstellen, dass wir das dulden, das geht auf keinen Fall. Wir haben eine Null-Toleranz-Politik allen illegalen Substanzen gegenüber.

Mit Rockern oder mit Clans haben wir noch nie zu tun gehabt. Die haben auch andere Sachen im Fokus, Gastro-Betriebe, wo sie wissen, was das ist. Locations, die die Hippie-Nummer verfolgen, die verstehen die nicht – meine Vermutung. Außerdem sind wir ja viel zu klein, wir dürfen ja auch offiziell nur 150 Gäste haben.

Mit unseren Türstehern verbindet uns Freundschaft und Vertrauen. Ein alter Freund von uns hat eine Agentur und stellt die Türsteher. Ein paar sind auch alte Freunde, und alles ist eh familiär. Touristen können auch mal die Mehrheit sein, ich würde sagen, wie in jedem Club in Berlin. Über 30 Clubs habe ich gezählt, die mehr oder weniger dieselbe Musik spielen – wie sollen die denn überleben ohne Touristen? Trotzdem ist bei uns alles familiär, intim, klein, daher freundet man sich eher an, man kann sich ja nicht aus dem Weg gehen. Der Schritt zum Kennenlernen ist bei uns ein kleiner – Touris, Neuberliner, Altberliner, man lernt sich kennen. Leute, die öfter kommen, merken, was man im Türkontakt machen sollte und was nicht. Egal, wer rein will, es spielt sich nach ein paar Mal ein, dass es nichts bringt, zu diskutieren oder zu zetern. Größere Gruppen betrunkener junger Männer will keiner, die kommen bei uns nicht rein. Leute, die aussehen wie Angeber, will auch keiner – die machen immer Stress und benehmen sich daneben.“