Liebeslieder

Der Herzadministrator

Der 25 Jahre junge Max Richard Leßmann kriegt keine Panik vor purer Romantik. Sein swingendes Debüt „Liebe in Zeiten der Follower“ ist das Wagnis der Saison

Er wurde am Wasser gebaut. Max Richard Leßmann ist in Husum aufgewachsen, dem 20.000-Einwohner-Städtchen an der Wattenmeerküste in Nordfriesland. Seit zwei Jahren wohnt der Sänger der Band Vierkanttretlager in Alt-Treptow. Zum Interview lädt er aufs Tretboot. An der Abteibrücke geht’s los. Leßmann greif sich den Steuerknüppel, nuckelt Caprisonne-Multivitamin „Ich hab das noch nie gemacht, ne? Ich bin auch ein ganz schlechter Autofahrer. Hab irgendwann aufgehört. Das nützt ja nichts, andere Leute in Gefahr zu bringen.“ Das kann ja heiter werden! Den Dreh rund um die Insel der Jugend kriegt Leßmann aber ganz lässig hin. Er plaudert davon, wie das war als Smalltownboy in Husum. „Wir sind da schon viel um die Häuser gezogen. Es gibt da so eine Vergnügungsstraße.“ Seit er 14 war: jede Woche zweimal Feierei im Club, der einfach nur Club hieß. Dart zocken und Flens saufen in Aristo’s Pub. Es gibt ja nicht so viel zu tun, im Winter an der Frieslandküste. Klar hat man da mal „einen im Tee“. Und so heißt auch Leßmanns Trinklied auf dem Solo-Debüt, das gerade rauskam. „Ich wollte ein Lied schreiben, das auch mein Opa mit seinen Sangesbrüdern singen kann.“ Im Grunde wird in besagtem Herrenchor-Schwofer aber auch der Kater von morgen schon angestimmt. „Es hat einen doppelten Boden“, sagt Leßmann. „Ich wollte kein Sauflied machen, heititei-toll.“ So trägt das Lied den Blues in sich: Die Kneipe ist bei Leßmann das Pfandleihhaus der Freude. Und morgen ist Payback-Tag. Nicht nur Kopf- sondern auch Herzweh bahnen sich an. Letztens hat der Opa Leßmann nach den Noten gefragt. Der Plan ging also auf.

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Ansonsten singt Leßmann am liebsten von der Liebe. Bedingungslose Geständnisse, wie sie uns Tinder-Kindern eher peinlich sind. Das schickt sich ja nicht: sich ganz auf die Eine einzulassen. Aber sind das Schlager, die Leßmann da auf hyper-üppige Arrangements aus Streicherseufzen und Beach-Boys-Chöre legt? Bei der Frage fällt ihm der Knüppel aus der Hand. „Gassenhauer sind das geworden!“, kontert er. Manche sind bisschen melancholischer, aber alle laden zum Mitsingen ein.“ Es gebe ja diesen Trend: Craft-Beer statt Industriepanscherei. „Und wir machen halt Craft-Schlager. Sehr viel Liebe ohne Plastik.“ Wer dran zweifelt, sollte sich Leßmanns linke Achillesferse anschauen. „L.O.V.E.“ ist da amateurhaft drauftätowiert. Ja, das ist sein Schwachpunkt, an dem er sich verletzlich macht. Leßmann streift sich das Hemd vom Leib; auf der hellen Haut lauert ein Dutzend weiterer Tattoos: „Jesus“. „Internetcafé“. „Oma + Opa“ (das haben die beiden, laut Leßmann, selbst gestochen). Leßmanns Lieder starten immer als Gedichte – weil er ja kein Musiker sei, sagt er. Dabei macht erseit zehn Jahren Musik, lange mit seiner Band Vierkanttretlager und nun solo. Doch keine drei Akkorde kriegt er auf der Klampfe hin. Er ist sehr ungeduldig und hatte immer schon Konzentrationsschwächen. Motorisch begabt sei er nun auch gar nicht; dafür hyperaktiv.

»Ich bin der Dean Martin des deutschen Gassenhauers« – Max Richard Leßmann, Sänger

Vierkanttretlager existieren noch, doch der Gitarrist hat sich beim Boxen die Hand gebrochen. Also erst mal auf Eis gelegt, das nächste Album der Band. Die letzte Platte von Vierkanttretlager hatte Max Richard Leßmann im Wendländer Studio von Sebastian Madsen (aus der Band Madsen) eingesungen – es groovte so schön, sodass die beiden direkt Songs für andere Künstler schrieben – und auch für fiktive Alter Egos ihrer selbst. „Wir haben sehr viel Quatsch gemacht. Tollen Blödsinn.“ So kam das mit der Solo-Ideen für Leßmanns Debüt „Liebe in Zeiten der Follower“. Madsen machte die Musik; Leßmann die Lyrics. „Wir sind Dean Martin und Frank Sinatra des deutschen Gassenhauers.“

Und damit niemand die Kitschkatze im Sack kauft, prangt gleich auf dem Vinylsticker: „Pure Romantik“ Wobei: den Kitsch umschifft Leßmann eigentlich wie ein Steuermann, den alle Wasser gewaschen haben. Als wichtigsten Einfluss nennt er die Comedian Harmonists. Schon als Kind waren die sein Ding. Die verspielte Sprache und den Humor mochte er – auch wenn er ihn damals noch nicht ganz verstand „Als ich 2012 versucht habe, Liebesgedichte für meine Freundin zu schreiben, sind sie versehentlich wieder an die Oberfläche getrieben.“. Leßmann ist eben ein Sprachfetischist. Das wissen auch Stars wie Casper und Romano zu schätzen, mit denen er schon Songs schrieb. Da sitzt jeder Konjunktiv II. Und es kommen so schöne Wortwendungen heraus, wie: dass man sich auf jemanden ein Lied macht; dass jemand das Herz des Sängers administriert. Kühles Verb, kühnes Bild. „Ich hatte lange Probleme über die jetzige Zeit zu schreiben“, sagt Leßmann. Weil er sie so unästhetisch findet. „Ich wollte Spannung und Bruch. Schwelgerische Sprache samt klinischen Begriffen.“

Mit dem Tretboot aus Trepwoter gleiten wir smooth unter der Elsenbrücke durch. Fahrt voraus zur Oberbaumbrücke! Leßmann setzt das Käppi auf, aus Angst vor Sonnenstich. Wohl eine gute Idee, denn er sagt schon Sachen wie: „Niemand war vor uns hier in dieser Zeit. Wir können das jetzt ausprobieren.“ Experimente also? Das ist ja nicht das Erste, was einem bei Leßmanns Gassenhauern in den Sinn kommt. Es stimmt, wenn Leßmann sagt, dass er zwei Gesichtsausdrücke draufhat: „Honigkuchenpferd“ und „Resting-Bitch-Face“. Jetzt also: Wechsel vom Pony zur Bitch. Leßmann reißt den Steuerknüppel hart backbord: „Das ist doch ein Wagnis, sich dieser Musik zuzuwenden!“ Für manche hätte das was Gestriges. „Das ist kein sicherer Weg, über seine Gefühle zu reden; sich verletzbar zu machen. Wir sind das Wagnis eingegangen, weil wir so eine Liebe dafür haben.“ Vielleicht ist Leßmann der einzige Mann der Welt, der wie auf Cannabis klingt, derweil er nur Caprisonne intus hat. Der Wellengang wird härter, rauer. Wenn Leßmann von der Liebe singt, schaut auch der Zweifel als Zaungast zu. „Ich wünschte“ ist auf den ersten Klick eine schwungvolle Entsagungshymne an Social Media, um sich dann nur einem einzigen Menschen zu widmen. Das Lied handelt aber letztlich auch von der Angst, nach draußen zu gehen und sich anderen Leuten auszusetzen. Doppelter Boden. Auch er habe diese introspektive Seite, beteuert Leßmann – obwohl er im Gespräch rüberkommt wie einer, der sich wohlfühlt im Saufgelage mit den Dart-Buddys in Aristo’s Pub.

Apropos Einschotten: Die geheimnisvollste Figur auf dem Album ist „Der Mann im Stream“. Quasi die Personifikation der eigenen Computer-Bubble. Welt- und Selbstbild-Käseglocke. Dort ist es ja auch ganz kuschelig. Der Mann im Stream sagt, alles ist gut – obgleich die Welt vor die Hunde geht.

Leßmann, der Wortfetischist und Sprachakrobat, hat ein Notizbuch für Wörter, die ihm gefallen: Salzwasserfreibad. Helikopterterminal. Wachsmalstiftanspitzen. – Weil sie gleichzeitig hart und weich sind. Sie haben etwas von der Art, wie Leßmann dreinschaut: Resting Bitch und dann ganz schnell wieder Honigkuchenpferd. Diesen Sommer will Leßmann noch von Berlin nach Husum laufen. 400 Kilometer. Doch schon nach einer Stunde Tretboottreterei spüren wir die Spannung und den Kater von morgen in unseren Waden. Leßmanns linke Achillesferse zuckt: L.O.V.E..

Max Richard Leßmann: „Liebe in Zeiten der Follower“ (Caroline/Universal Music)

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