Neue Fotobände

Der lange Blick: Neue Fotobücher

Neue Fotobücher machen über 100 Jahre Berliner Alltagsgeschichte lebendig – und geben empathische Einsichten in gefährdete Existenzen

Das waren Zeiten, als Hochglanzbände, dick wie Ziegelsteine, bunte Gegenwartskunst anpriesen. Da ließ die Globalisierung die Börsen boomen, Kapitalanlagen überboten Arbeitskraft. Die Rechnung zahlen wir jetzt, in geteilten Gesellschaften, mit AfD, Brexit und dem Regenten Trump. Inzwischen finden sich prachtbunte Kunstbände seltener in deutschen Verlagsprogrammen, stattdessen öfter Fotobücher, viele in Schwarzweiß. Die Zeiten sind so.

Wie in „After the Gold Rush“ von Falk Haberkorn. Der gebürtige Berliner aus Leipzig reiste im Herbst 2004 mit dem Auto durch Ostdeutschland und fotografierte, dis­tanziert meist vom Beifahrersitz aus, ­nahezu menschenleere Gegenden: Kleinstädte, Dörfer, Kraftwerke, neue Straßen, Äcker, Abrisshäuser, Landschaften der Fortgezogenen und Zurückgebliebenen, aus jetziger Sicht auch eine frühe Topografie heutiger Hochburgen von Rechtspopulist*innen. Haberkorn diffamiert die Regionen nicht, doch ­seine Beklemmung überträgt sich mit jedem Bild. Hier also stehen wir nun.

Verfolger und Verfolgte

Was alles zuvor war, findet sich in ­einer Fülle rückschauender Bände von Foto­graf*innen, deren Empathie für prekäre Existenzen besticht, zuallererst „Das alte Berlin“ mit Fotos von Heinrich Zille. ­Einen Teil kennt man aus Berlinischer Galerie und Zille-Museum, sieht ihn aber neu, weil ein Aufsatz der kanadischen Künstler Jeff Wall und Roy Arden den Blick auf Details wie Strümpfe und Bretter lenkt.
„Verfolgte/ Verfolger“, das neue Buch über August Sander, präsentiert seine ­Gegenüberstellung der Porträts verfolgter Juden mit denen von Natio­nalsozialisten. Hinzu kommen Aufnahmen jener politischer Gefangener, die Sanders Sohn Erich während seiner Haft in Siegburg machte. Der Band ist auch eine Hommage an die vertrauensvolle Zusammenarbeit zwischen dem sozialdemokratisch denkenden Vater und seinem Sohn, dem Kommunisten, der in der Haft starb.

Bilder

Nach dem Krieg

Die Folgen kaiserlicher Klassengesellschaft, von NS-Diktatur und Zweitem Weltkrieg bleiben in Berlin sicht- und spürbar. Das von Frauke Berchtig herausgegebene Büchlein „Kindheit in der großen Stadt“ ­feiert mit Aufnahmen etwa von Willy ­Römer und Bernd Heyden den Überlebenswillen von Kindern. André Kirchner, der zur Zeit im Haus am Kleistpark ausstellt (S. 68), lichtete während stiller Tage in West-Berlin jene ­flachen Nachkriegsbauten ab, mit denen Bombenlücken eilig übermauert worden waren. Olaf Ballnus („superreal_punk“) dagegen erinnert an die Kraft, die Punk nicht zuletzt aus Industrie- und Kriegsruinen zog.

Mit dem Regierungsumzug beginnt in Berlin das lange 20. Jahrhundert zu enden. Matthias Steinkraus („Rote Rose“) und ­Annette Hauschild („Last Days of Disco“) würdigen letzte Lokale proletarischer Trinkkultur und ihre Gäste. Hauschild kombiniert diese Fotos mit Bildern vom neuen Berlin: von Kulturleuten, Köchen, Politiker*innen, Bürgerrechtler*innen und dem Wende­jubiläum 2014, von ­einer hell erleuchteten Hauptstadt agiler Akteur*innen. Von Falk Haber­korns Landkreisen scheint dieses Berlin Lichtjahre entfernt, dabei beginnen sie gleich bei Spandau. 

 

„Das alte Berlin: Photographien von Heinrich Zille 1890-1910“. Schirmer/ Mosel 2018,
208 S., 134 Duotone-Tafeln, 17 Abb., 29,80 €

Memorial de la Shoah/ Steidl (Hg.): „August Sander: Persecuted/ Persecutors“. Steidl 2018, 235 S., dt./ engl./ franz., 30€

Falk Haberkorn: „After the Gold Rush. Journey to East Germany“. Spector 2018, 224 S., 42 €

Frauke Berchtig (Hg.): „Kindheit in der großen Stadt“. Edition Braus, 128 S., 90 Abb., 14,95 €

André Kirchner: „Die West-Berliner Jahre – ­Fotografien 1981 bis 1990“. Edition Braus 2018, 99 S., dt./engl., 32 €

Olaf Ballnus: „superreal_punk“. Eigenverlag 2018, www.olafballnus.de, 106 S., 25 €

Matthias Steinkraus: „Rote Rose“. Hatje Cantz 2018, 144 S., 78 Abb., 28 €

Annette Hauschild. „Last Days of Disco“. Hatje Cantz 2018, 128 S., 100 Abb., 20 €

 

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