Schlagabtausch

Der Menschenfeind

Anne Lenk zeigt eindrucksvoll, dass Molières Klassiker eigentlich ein Stück über eine unabhängige Frau ist

Querkopf trifft Gothic-Queen: Ulrich Matthes, Franziska Machens – Foto: Arno Declair

Mitunter genügt eine leichte Verschiebung der Figuren-Balance und schon wirkt eine Geschichte wie verwandelt. Molières Komödie „Der Menschenfeind“ (von 1666) erzählt eigentlich von dem missmutigen, aller gesellschaftlichen Etiketten abschwörenden Eiferer Alceste. Aber bei Regisseurin Anne Lenk wird es ein Stück über eine höchst unabhängige, wendige Frau. Célimène heißt sie, ist jung verwitwet, und wird nun von hochnotpeinlichen Galanen, unter ihnen Alceste, umschwirrt.

Franziska Machens ist diese Célimène, eine dunkle Gothic-Queen und Virtuosin des Schlagabtauschs. Alceste dagegen ist bei Ulrich Matthes ein introvertierter Gründler, man vernimmt seinen Herzschlag lauter als seinen spitzen Zungenschlag. Mit Célimène möchte er, der nichts so hasst wie unverbindlich höfisches Gehabe, in die Einsiedelei fliehen, aber er verfängt sich in Eifersüchtelei.

Anne Lenk inszeniert das Drama mit fast altmeisterlicher Kühle und Präzision. Die Wortgefechte sind subtil gereimt. Reihum kippen die Männer – während Célimène in ihrer Ungebundenheit triumphiert. Einmal schleudert ihr Alceste entgegen: „Es gibt auf der Welt viele Ratten, / aber deine Bosheit stellt alles in den Schatten.“ Und sie so: „Das ist ja ein reizender Empfang.“ Feine Klinge, das. CHRISTIAN RAKOW

16.+20.4., 19.30 Uhr, Deutsches Theater, Schumannstr. 13a, Mitte. Regie: Anne Lenk; mit Ulrich Matthes, Manuel Harder, Franziska Machens, Lisa Hrdina, Judith Hofmann, Timo Weisschnurs. Eintritt 10–48, erm. 9 €