Richtig ausgehen

Der neue Ausgeh-Knigge

Wie komme ich am Türsteher vorbei? Darf ich bei der Betriebsfeier auf dem Tisch tanzen? Und welche Toilette eignet sich für spontanen Sex? Das Nachtleben steckt voller Geheimnisse. Ein Knigge für alle, die gerne feiern. Regeln für den perfekten Abend

Regel 1: Profiaufreißer entlarven

Der Trend kommt aus den USA, aber inzwischen gibt es sie auch haufenweise in Berlin: Kerle, die das Abschleppen von Frauen explizit als Sport verstehen. Sie nennen sich Pick-Up-Artists, kurz PUA. Ihr Ziel ist es, eine Frau möglichst schnell ins Bett zu kriegen. In ihrem Jargon nennen sie das „fuck close“ – vorsichtig formuliert in etwa „Abschluss mit Beischlaf“. Wie man sie erkennt? 1. Oft hat der PUA einen Freund dabei, der ihn in einem guten Licht dastehen lassen soll. Er wird Heldengeschichten erzählen und sich später entfernen. 2. Verführungskünstler achten penibel auf ihre Körpersprache, die so unaufdringlich und locker wie möglich erscheinen soll. Steht das Opfer im Raum, lehnt er an der Wand. Lehnt es an der Wand, hockt er auf dem Boden. 3. Ein PUA wird garantiert Körperkontakt suchen, und zwar scheinbar zufällig. Spätes­tens dann ist der Zeitpunkt gekommen, sich zu entscheiden: Will man sich darauf einlassen? Zumindest besteht nicht die Gefahr, dass er am nächsten Morgen mit einem Heiratsantrag überrascht.

Regel 2: taktvoll zum Handy greifen

Eine Studie besagt, dass bereits jeder vierte Smartphone-Besitzer Suchtsymptome zeigt. Es spricht grundsätzlich nichts dagegen, im Laufe des Abends sein Handy vorzukramen und Freunden eine neue, sinnlose App zu präsentieren. Genauso legitim: Club­adressen raussuchen, die Gruppe fotografieren oder auf ­Wikipedia nachschlagen, um den Klugscheißer in der Runde zu belehren, der partout behauptet, Melbourne sei die Hauptstadt von Australien. Für solche Momente hat Gott das Smartphone erschaffen. Es erspart einem zudem wesentlich uncoolere Übersprungshandlungen wie Bierdeckeltürmen. Wer aber dauernd am Handy rumzappelt, signalisiert Desinteresse an seiner analogen Umgebung. Kompromissvorschlag: Eine Smartphone-Session sollte nie länger als ein normaler Toilettenbesuch dauern. Und nein, man geht üblicherweise nicht jede Viertelstunde aufs Klo!

Regel 3: das richtige Trinkgeld geben

Zehn Prozent, lautet die Faustformel. Wer sich daran hält, riskiert manchmal trotzdem böses Blut. Der Berliner Humanwissenschaftler Markus Dobler hat zum Thema geforscht, Kunden wie Kellner befragt und Überraschendes festgestellt.  Zunächst die Geberseite: Männer zahlen durchschnittlich 9,75 Prozent Trinkgeld und damit etwas mehr als Frauen (9,15 Prozent). Wer mit Karte zahlt, gibt im Schnitt ein Prozent mehr. Kellner möchten ihr Extra meist trotzdem bar auf die Hand, weil sonst womöglich der Chef abkassiert. Besonders interessant: Ist die Bedienung weiblich, bestellen die Gäste durchschnittlich etwas mehr, geben aber fast das gleiche absolute Trinkgeld. Relativ zum Bestellwert erhalten Frauen also weniger Trinkgeld. Richtig aufschlussreich wird es bei der Nehmerseite, also der Kellnersicht: Je höher die Rechnung ausfällt, desto weniger Prozent Trinkgeld erwartet die Bedienung. Bei einem Betrag unter fünf Euro hätte sie durchschnittlich gerne 15 Prozent Trinkgeld, bei mehr als 25 Euro dagegen nur noch sieben Prozent.

Regel 4: nicht abheben

Zur Berlinale sah man sie auf dem roten Teppich. Das Adagio widmete ihnen eine eigene Mottoparty. Und in Wilmersdorf gibt’s sogar eine Schule, die das richtige Tragen lehrt. High Heels sind modisch legitimierte Foltermittel, gelten Frauen oft aber als unverzichtbares Accessoire, weil Männer angeblich darauf stehen. Die gute Nachricht: Die Quälerei ist völlig unnötig, wie eine britische Studie ergab. Männern fällt es nämlich gar nicht auf, wenn Frauen High Heels tragen. Im Gang und in der Statur bemerken sie keinen Unterschied. Um das herauszufinden, wurden Testerinnen beim Laufen in hohen und flachen Schuhen mit einer 3-D-Kamera gefilmt, die Aufnahmen in Animationen verwandelt, die Füße dabei abgeschnitten. Welche Schlussfolgerung ergibt sich daraus? Ernüchternderweise diese: Frauen in flachen Schuhen wirken auf Männer ebenso attraktiv wie in hohen Schuhen.

Regel 5: Kollegen umarmen

Gerade in Berlins selbstausbeuterischer Kreativszene überlagern sich Freundes- und Kollegenkreis oft massiv. Wie verhält man sich da auf Betriebsfeiern? Traditionelle Etikette-Trainer raten zum Komplettverzicht auf Alkohol. Das ist natürlich Blödsinn. Niemand möchte einen steifen Langweiler mit Stock im Arsch zum Kollegen. Wer angemessen mitfeiert, hat ers­tens Spaß und wird zweitens Eindruck hinterlassen. Der entscheidende Trick lautet, darauf zu achten, dass mindestens ein Kollege noch sehr viel betrunkener ist als man selbst. Soll heißen: Es ist völlig okay, nach Mitternacht auf dem Tisch zu tanzen, solange Frau Möhring aus dem Controlling gleichzeitig die Tanzfläche vollkotzt. Leider kommt es auch vor, dass auf Betriebsfeiern Karrieren enden. Kündigungsgründe sind: Verrat von Betriebsinterna, Kollegenbegrabschen, Sex auf dem Kopierer, das Anzetteln einer Schlägerei, den Chef einen Wichser nennen oder mit Hitler vergleichen. Keine Gründe zur Kündigung sind dagegen: sich vor allen anderen zum Affen machen, dem Vorgesetzten versehentlich Rotwein auf den Armani-Anzug kippen, beim Engtanz eine Erektion bekommen.

Regel 6: unter der Diskokugel glänzen

Ob Männer überhaupt tanzen sollten, daran scheiden sich die Geister. Auch wenn manche eine richtig gute Figur abgeben, sollten viele es selbst bei Kunstnebel und äußerster Dunkelheit bleiben lassen. Wenn Gruppenzwang und der Mangel an Alternativen keine Wahl lassen, kann man mit den folgenden Tipps den Imageschaden in Grenzen halten. 1. Die Tanzfläche erst entern, wenn sie voll ist. 2. Auf ausgefallene Choreografien verzichten; Anfänger setzen auf dezente Beinbewegungen und leicht angewinkelte Arme. Aber Achtung, Stolperfalle: Das Ganze darf nicht an Nordic Walking erinnern. 3. Schlagerpartys wie die in der Hafenbar sind vorzuziehen, denn da wird nicht übereinander gelacht, sondern mit­einander. Und eine Polonaise bekommt selbst der größte Körperklaus hin.

Regel 7: Stimme erheben

Natürlich können auch Schlechtsänger Kara­oke ausprobieren. Sie sollten sich bloß von den schweren Songs fernhalten. Also besser nicht gleich »Bohemian Rhapsody« auswählen. Auch nicht aus Selbstironie – die erste Minute erntet man vielleicht noch Lacher, danach ist es bloß schrecklich unan­genehm für alle Beteiligten. Geeigneter sind Lieder mit geringen Schwankungen der Tonhöhe. Zu den besten Anfängersongs zählen Karaoke-Veteranen Sades »Smooth Operator« und Laid Backs »Bakerman« Unverzeihlicher als Falschsingen ist übrigens die Angewohnheit, am Mikro­fon zu kleben. Spätestens nach zwei Liedern sollte ein Sänger verstummen und dem nächsten die Bühne überlassen.

Regel 8: die Macht des Alks erkennen

Über die Pubcrawler auf der Oranienburger Straße zu lästern, ist mittlerweile Volkssport. Dass sie sich womöglich nur aus ästhetischen Gründen hemmungslos besaufen, wird dabei außen vorgelassen. Tatsache ist, dass man ab einem gewissen Alkoholpegel sein Gegenüber deutlich hübscher findet als im nüchternen Zustand. Also ja: Man kann sich tatsächlich Menschen schön trinken. Sich selbst übrigens auch. Denn unter Alkoholeinfluss werden Ungleichmäßigkeiten in Gesicht und Körper weniger stark wahrgenommen. Menschen mit ebenmäßigen Zügen finden wir attraktiver, weil physiognomische Symmetrie biologisch gesehen ein Zeichen für Fruchtbarkeit und Gesundheit ist.

Regel 9: politisch korrekt lieben

Zum Sex aufs Damen- oder Herrenklo? Läden wie das Cookies ersparen einem die Entscheidung dank Unisex-Toiletten. Bei den meisten Clubs aber gilt es abzuwägen. Drei Kriterien sind entscheidend. 1. Hygiene. Die ist, anders als das Klischee besagt,  bei Herrenklos oft besser – weil die im Schnitt viel weniger benutzt werden, Pinkler bevorzugen das Pissoir. 2. Ungestörtheit. Frauen müssen bekanntlich öfter aufs Klo und bleiben länger, Warteschlangen sind die Folge. Außerdem verbringen sie mehr Zeit vorm Spiegel. Ein Liebespaar hat auf dem Damenklo garantiert Zeugen. 3. Akzeptanz. Aller Gleichstellung zum Trotz fällt ein Mann auf dem Damenklo unangenehmer auf, stellt den größeren Tabubruch dar als andersherum. Logisch gesehen kann es also nur eine vernünftige Antwort geben – ab aufs Männerklo.

Regel 10: wenig erwarten

Laut Studien ist der Berliner signifikant One-Night-Stand-affiner als der Bundesdurchschnitt. Falls der gut läuft, stellt sich die Frage: Kann sich daraus mehr entwickeln? Die Wissenschaft sagt: Männer können sich mehr Chancen auf ein Wiedersehen ausrechnen als Frauen, denn letztere wollen die flüchtige Bekanntschaft häufiger vertiefen. Klingt sexistisch, aber die Begründung ist simpel: Für die Aussicht auf einen One-Night-Stand sind Männer bereit, ihre Ansprüche extrem zu senken. Frauen aber nicht. Für den männlichen Leser bedeutet das: Nimmt Sie eine Frau für eine Nacht mit nach Hause, gefallen Sie Ihr bereits so gut, dass sie Sie unter anderen Umständen auch gerne kennenlernen würde. Das kann man umgekehrt leider nicht behaupten: Wie ein Forscherteam um den Psychologen Achim Schützwohl herausfand, spielt es für Männer mit konkreter Aussicht auf einen One-Night-Stand im ­Eifer des Gefechts keine gewichtige Rolle, ob sie ihre Partnerin „mäßig attraktiv“ oder gar „eher hässlich“ finden. Das Problem: Am nächsten Morgen gilt wieder der gewohnte Standard.

Der Text basiert auf dem neuen Buch „Nachts sind alle Katzen blau. Feiern für Fortgeschrittene“  von Nana Heymann und Sebastian Leber (Goldmann, 8,99 Euro)