Literatur

Der neue Leiter des Literarischen Colloquiums, Florian Höllerer im zitty-Interview

»Ab morgen wird alles anders«, Florian Höllerer über seine ersten hundert Tage im Amt

Florian Höllerer, geboren 1968 in Berlin, leitet seit Januar das Literarische Colloquium (LCB) – die Institution, die sein Vater, der berühmte TU-Literaturwissenschaftler Walter Höllerer, 1963 gründete. Auch der Sohn ist promovierter Germanist, zuletzt leitete er das Stuttgarter Literaturhaus. Wie waren die ersten hundert Tage als neuer Chef eines Bücherschlosses? zitty sprach mit F.H.  über Gegenwart und Zukunft der traditionsreichen Villa am Wannsee.

Herr Höllerer, letztes Jahr wurde das 50-jährige Bestehen des LCB gefeiert. Ist es für Sie seltsam, nun der Leiter dieser Institution zu sein? Es ist schon ein bisschen gewöhnungsbedürftig. Grundsätzlich finde ich es aber schön, etwas fortzusetzen, was mein Vater begonnen hat.

Sie sind in Berlin geboren, haben hier studiert und kehren nun nach 13 Jahren Stuttgart wieder zurück in die Hauptstadt. Ist es ein Nach-Hause-Kommen? Es waren glückliche Jahre in Stuttgart, und doch fühlt es sich gut an, zurückzukehren. Ich freue ich mich darauf, die Literaturlandschaft Berlins, mit der ich natürlich auch vom Süden her in Kontakt war, noch einmal neu kennen lernen zu können.

Was ist das LCB heute für Sie? Ein Ort, der Literatur nicht nur präsentiert, sondern auch ihren Entstehungsprozess mit bedenkt. Darin liegt auch die Attraktivität für das Publikum. Man kommt den Autoren sehr nahe. Auf der anderen Seite gefällt mir die internationale Ausrichtung, das Haus als Ort des Aufbruchs.

Sie waren in Stuttgart extrem umtriebig, was Vernetzungen, aber auch was Akquirierungen von Finanzierungen angeht. Wird das in Berlin schwieriger? Das kann ich noch nicht beurteilen. Natürlich ist das LCB eine Berliner Einrichtung, sie strahlt allerdings weit über Berlin hin­aus, so dass die Möglichkeiten von Finanzierungspartnern nicht nur hier liegen. In Stuttgart war das Haus auch nicht so aufgestellt, dass man allein von den öffentlichen Zuschüssen leben konnte. Drei Viertel der Mittel mussten akquiriert werden. Das ist hier ähnlich.

Wie sehen Sie die Konkurrenzsituation in Berlin? Ein wirkliches Gespür für das Berliner Pub­likum habe ich noch nicht. Die ersten Veranstaltungen waren sehr gut besucht, das hat mich gefreut. Dass sich die Literatur- oder Kultureinrichtungen untereinander Konkurrenz machen, ist sicher nicht meine Hauptsorge. Der wahre Konkurrent ist immer das Fernsehsofa.

Was lesen Sie gerade? Viel zu wenig, heute schon einmal gar nichts, das ist ein Problem in dieser Anfangsphase. Da haben Sie mich jetzt erwischt. Für ein Seminar lese ich gerade Büchnerpreis-Reden. Aber das alltägliche Lesen darf man sich dabei nicht nehmen lassen. Ab morgen wird alles anders.
Interview:Steffen Maher

Ein Lieblingsprojekt Höllerers, die Ausstellung mit Zeichnungen des Comic-Künstlers Jacques Tardi, ist noch bis 4. April zu sehen. Bereits am 25. März stellt Durs Grünbein im LCB seinen neuen Gedichtband vor, am 1. April liest die Skandal-Autorin Sibylle Lewitscharoff aus ihrem neuen Roman. Mehr: www.lcb.de