Das ist ihr Haus!

Der Pachtvertrag für das Hausprojekt Liebig34 läuft aus

Der Pachtvertrag für das Hausprojekt Liebig34 läuft aus. Die Bewohner wollen aber nicht kampflos gehen
Französischer Rap donnert aus den Boxen in den Fenstern der Liebig­straße 34. Auf dem Dorfplatz, so nennen die Bewohner die Straßenkreuzung vor dem Haus, haben sich etwa 20 Menschen versammelt. Eine Matratze lehnt an der graffitibedeckten Hauswand, mit Edding stehen Sätze darauf geschrieben: „He was my father“ und „I told him to stop“. Sie erzählen von sexueller Gewalt.

Die Kundgebung Ende August protestiert gegen „Rape Culture“, Vergewaltigungskultur – denn die Liebig34 versteht sich als Frei- und Schutzraum vor den Exzessen des Patriarchats. Sie ist ein anarchistisch-queerfeministisches Hausprojekt, das 1990 aus der Besetzung des Hauses hervorging und später, wie andere Projekte in Nord-Friedrichshain, legalisiert wurde. Im Jahr 2007 erwarb die Unternehmensgruppe Padovicz das Haus – ein Versuch der Bewohner, es kollektiv zu kaufen, scheiterte. Man einigte sich auf einen zehnjährigen Pachtvertrag. Derzeit leben hier 40 Menschen, keiner von ihnen ist cis-männlich – identifiziert sich also mit dem bei Geburt zugeschriebenen, männlichen Geschlecht. Das ist ein Ausschlusskriterium. Neben dem Wohnprojekt sind noch zwei andere Kollektive im Haus aktiv: der Infoladen „Daneben“ und die L34 Bar. Jetzt stellt sich die Frage, wie lange das so bleibt.

Die Liebig 14
Foto: Foto: Markus Heine / Imago

Ende des Jahres läuft der Pachtvertrag aus, der mit Padovicz’ Siganadia Grundbesitz GmbH geschlossen wurde – und das könnte das Aus für die Liebig34 bedeuten, eine Verlängerung scheint von Seiten des Eigentümers nicht vorgesehen. Gijora Padovicz ist in Berlin für Luxusmodernisierungen und rabiate Entmietungen bekannt. Im April diesen Jahres initiierten Betroffene sogar einen eigenen „Watchblog“.

Der Kiez war einst eine Hochburg der Gegenkultur. Doch die Luft wird dünner. Das Hausprojekt in der Liebigstraße 14 wurde 2011 geräumt, das in der Rigaer Straße 94 hatte schon mehrfach mit dieser Bedrohung zu tun. Der Versuch, eine besseren Welt im geschützten Mikrokosmos zu schaffen, erfährt starken Druck von außen – die Existenzangst steigt mit zunehmender Gentrifizierung.

Warum dieses Haus wichtig ist

Aber noch leisten die Bewohner Widerstand. In einem Brief an Padovicz äußerten sie bereits ihren Bleibewunsch und fragten nach seinen Bedingungen. Es kam aber keine Antwort. Nun lautet die Strategie: eine Großdemo am 29. September.

In einem Moabiter Café bestellt Toni einen Chai. Toni heißt eigentlich anders und lebt seit einiger Zeit in der Liebig34. „Wir brauchen Unterstützung. Wir kommunizieren unsere Situation, versuchen Aufmerksamkeit auf das Problem zu lenken und zu erklären, warum dieses Haus wichtig ist“, sagt sie. Mit seinem anarchistisch-queer-feministischen Ansatz ist das Kollektiv eines von wenigen seiner Art in Europa.

„Der Kiez würde extrem aufgewertet werden, wenn das Haus luxussaniert würde“ , sagt Toni. Eine Ankündigung gäbe es bisher zwar noch nicht, die Vermutung, dass der Eigentümer künftig möglichst viel Geld mit seiner Immobilie machen will, liege jedoch nah. Eine Luxussanierung betreffe dann nicht nur die Bewohner der Liebig34, so Toni. Auch bürgerliche Anwohner könnten durch die Aufwertung der Gegend schrittweise Mieterhöhungen bekommen, und so selbst verdrängt werden.

Mindestens 130 Häuser sollen der Unternehmensgruppe von Padovicz in Berlin gehören, so der Padovicz-Watchblog, der Aussagen von Bewohnern gesammelt hat. Dazu kommt eine hohe Dunkelziffer – offizielle Zahlen gibt es nicht. Viele befinden sich in Friedrichshain, einige in Kreuzberg, Lichtenberg und Prenzlauer Berg. Der Unternehmensgruppe gehört ein breites Geflecht von Hauseigentümer-Gesellschaften an, die unter anderem von Gijora Padovicz selbst oder von Familienmitgliedern geführt werden. Oft arbeiten sie mit Hausverwaltungen wie Factor oder Vivo und der eigenen Facility-Management-Firma Dr. House Solutions zusammen. Auf dem Padovicz-Watchblog werden zahlreiche Fälle brachialer Entmietungsvorhaben von 1999 bis 2004 dokumentiert, die damals von einer Betroffenenvertretung Geschädigter gesammelt wurden. Die Vorwürfe reichen von Einbrüchen bis hin zu unerklärlichen Gasaustritten oder sogar Brandstiftung. Aber auch in den letzten Jahren wurden immer wieder Beschwerden von Mietern wegen mutwilliger Beschädigungen und verweigerten Reparaturen laut, etwa im Fall der Seumestraße 1 und 2 in Friedrichshain. Auf mehrfache Kontaktanfrage der ZITTY reagierte die Siganadia Grundbesitz GmbH nicht.

Unsaubere Praktiken

Markus, der seinen Nachnamen nicht nennen will, betreibt den Padovicz-Watchblog. Im Fall der Liebig34 wünscht er sich ein Verkaufsangebot von Padovicz – zum Preis von vor zehn Jahren, als der Pachtvertrag geschlossen wurde und der Kaufversuch der Bewohner scheiterte. Er sieht den Bezirk in der Verantwortung, denn der könne zwischen den Parteien vermitteln: „Im Gegenzug für ein Entgegenkommen könnte der Bezirk Padovicz andere Dinge geben, die er dringend braucht: Er könnte zum Beispiel Blockaden in anderen Fällen lockern.“

Markus sagt, er wisse zwar nicht, welche Geschäfte der Bezirk mit Padovicz derzeit führe, es würde aber einige geben. Der Bezirk könne auch prüfen, ob eine Zwangsverwaltung eingesetzt werden kann, da der Eigentümer den Konflikt mit der Hausgemeinschaft sucht. Seit Jahren nähme Padovicz keinen Kontakt auf, kommuniziere nur über die Hausverwaltung und wolle nicht mit den Bewohnern verhandeln – aus Markus’ Sicht arbeitet er dadurch auf die Obdachlosigkeit der Bewohner hin.

Auch ein Untersuchungsausschuss für die Geschäfte zwischen Senat und Padovicz, sagt Markus, könnte ein Drohmittel sein. Padovicz erhielt immer wieder Fördergelder des Senats, gegen dessen Bedingungen er verstieß – so Ende der 90er Jahre, als Padovicz eine gemeinsame Gesellschaft mit der Wohnungsbaugesellschaft Friedrichshain gründete, durch die günstig Wohnungen in seinen Besitz überführt wurden, und sich durch das Programm „Soziale Stadterneuerung“ fördern ließ.

Durch die Demo hofft Markus, einen Raum für Meinungsbildung zu schaffen – aber auch Kampfbereitschaft zu zeigen. Deswegen werden sich viele Padovicz-Mieter anschließen: Im Windschatten der Liebig34 könnten auch ihre Kämpfe gegen Verdrängung Gehör finden.

Demonstration „Liebig34 Verteidigen“, 29.9., 18 Uhr, Wismarplatz, Friedrichshain