»Die Unfertigkeit macht Berlin lebenswert«

Der Psychiater Mazda Adli im Interview

Mazda Adli erkundet das Seelenleben der Städter. Sein Buch „Stress and the City“ kritisiert soziale und kulturelle Verödung

Herr Adli, Sie erforschen als Psychiater seit Jahren, was Großstädte mit unserem Seelenleben machen, jetzt haben Sie das Buch „Stress and the City“ veröffentlicht. Warum interessieren Sie sich so sehr für dieses Thema?
Ich bin Stadtmensch aus Leidenschaft und habe mein ganzes Leben in großen Städten verbracht, ob in Köln, in Teheran, in San Francisco oder Berlin. Mir ist wichtig, dass die Vielfalt erhalten bleibt, die Städte so lebenswert macht. Immer mehr Metropolen verändern ihr Gesicht, werden zusehends kommerzialisiert und zum Spielball für Investoren. Die Folgen sind sowohl kulturelle als auch soziale Verödung. Das alles sind Entwicklungen, die auch unser seelisches Wohlbefinden beeinflussen. Hinzu kommen Faktoren, die Städte schon immer ausgezeichnet haben und neurobiologische Prozesse in unseren Gehirnen verändern: das Tempo, die Dichte, der Lärm.

Mazda Adli
Mazda Adli, 47, ist Psychiater und Psychotherapeut. Er ist Chefarzt der Fliedner Klinik in Berlin und Leiter des Forschungsbereichs Affektive Störungen an der Charité.
Foto: Fliedner/ Annette Koroll Fotos

Welche Stadt war Ihr Alptraum?
Ich kann mich an ein Geschäftsviertel in Peking erinnern. Man lief stundenlang an ausgestorbenen Hausfassaden vorbei. Kein Leben auf den Straßen, nur Autos, die vorbeirauschten. Der Horror.

Wie gesund ist Berlin?
Berlin tut uns grundsätzlich gut. Wir leben in einer echten Draußenstadt, in mediterranen Lebensverhältnissen. Die Bürgersteige sind breit, es gibt viele Cafés, Plätze, Parks und Brachflächen. Die Kieze haben ihre eigene Kultur, verfügen über sozialen Zusammenhalt. Städte wirken dann positiv, wenn wir dazu animiert werden, möglichst viel Zeit vor der Haustür zu verbringen.

Was macht Ihnen Sorgen?
Zu viele Brachen werden zugebaut. Ich erlebe diese Entwicklung seit Jahren in Prenzlauer Berg, wo ich die letzten zehn Jahre gewohnt habe. Dort gab es Flächen, wo früher Nachbarn gegrillt haben, Kinderflohmärkte stattfanden, Public-Viewing-Leinwände hochgezogen wurden. Heute werden dort teure Immobilen gebaut. Auch das Nebeneinander von großen und kleinen Läden geht vielerorts verloren. Unter den rasch steigenden Mieten können nur die investorengetriebenen Projekte überleben. Ein Verlust, zumal die Unfertigkeit die Qualität Berlins ausmacht – eine Voraussetzung dafür, dass sich die Bewohner die Stadt aneignen, sich mit ihr identifizierten können. Wenn alles fertig und durchfunktionalisiert ist, gibt es kaum Gestaltungsmöglichkeit für die Menschen. Das löst psychologisch Stress aus.

Welche Rolle spielt die Gentrifizierung?
Sie führt dazu, dass die Stadt von innen nach außen verarmt, in sozialer und kultureller Hinsicht. Im Gespräch mit Patienten erlebe ich, wie sehr die Furcht, den eigenen Wohnraum verlieren zu können, verunsichert und zu erheblichem Stress führt. Die Folgen können Depressionen und Angststörungen sein. Weshalb es allerhöchste Zeit ist, dass die Stadtplanung auch die psychische Gesundheit der Menschen stärker berücksichtigt. Das ist damit auch eine Aufgabe für die Politik. Außerdem wäre ich dafür, dass für jeden Neubau, der den öffentlichen Raum verkleinert, an anderer Stelle ein Ort für die Gemeinschaft geschaffen wird, ein Park oder ein kulturelles Zentrum. Der Politik muss klar sein, dass es in einer Stadt nicht nur nur auf eine florierende Wirtschaft ankommt, sondern auch auf Kultur und Zivilität. Sie beeinflussen das Alltagsverhalten der Menschen noch viel unmittelbarer.


Mazda Adli: „Stress and the City“, C. Bertelsmann, 19,99 Euro

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