Hip-Hop

Der Rapper, der das Gras wachsen hört

Der Berliner Rapper Herzog ist ein Ein-Mann-Mischkonzern aus Musiker, Label-Inhaber und Cannabis-Entrepreneur. Seine Songs tragen Namen wie „Ich kiffe, also bin ich“ oder „Keine Nacht ohne Drogen“. Das mag zwar fragwürdig sein, ist aber auch ziemlich erfolgreich

Vor dem Wohnblock Pallasseum in Schöneberg: Herzog, der Rapper
Foto: Don Ribacker – DRPhotoperformanc

Um ehrlich zu sein: Rap-Star ist gar nicht der Traumberuf des Rap-Stars Oliver Herzog. Lieber stünde er während der gesetzlichen Ladenschlusszeiten hinter der Theke seines eigenen Coffeeshops und würde Gras verkaufen. Das Problem: Coffeeshops sind hierzulande noch illegal.

Bis es soweit ist, kann er aber mit der Alternativ-Karriere gut leben. Seit zehn Jahren feiern Herzog, wie sich der 34-jährige Berliner als Rapper nennt, und sein Label Bombenprodukt beachtliche Erfolge. Dieses Jahr ist sein viertes Album „OG mit Herz“ bis auf Platz zwei der deutschen Albumcharts gestiegen. Auch der Vorgänger „Eine drogenlose Frechheit“ konnte 2014 die Top Ten erreichen. Gerade eben hat er einen Vertrag mit Sony/ATV abgeschlossen, dem größten Musikverlag der Welt.

Den Traum von der Karriere im Geschäft mit weichen Drogen verfolgt Herzog aber parallel weiter. Neben seiner Musik hat er schon Bongs mit der renommierte Kiffermarke Roor auf den Markt gebracht, investiert in das medizinische Cannabidiol (CBD) und verkauft seit 2017 sogar eigene Marihuana-Samen im Internet. Herzog steht als erfolgreicher Rapper und erfolgreicher Geschäftsmann mit einem Bein im Aufnahmestudio und dem anderen im Gras.

Einen ausgeprägten Geschäftssinn, sagt Herzog, habe er schon immer besessen. Bevor er als Rapper erfolgreich wurde, habe er im großen Stil Cannabis verkauft. Er erzählt, wie er vor vielen Jahren Marihuana im Wert von 30.000 Euro gebunkert habe und plötzlich die Polizei vor der Tür stand. Heute sagt er über diese Zeit: „Danach haben mir meine Eltern die Pistole auf die Brust gesetzt: Okay, du bist geschäftstüchtig, aber kannst du das bitte mit etwas Legalem machen?“ Der Unternehmergeist liege in der Familie, glaubt Herzog. Sein Vater, eigentlich studierter Gerichtsmediziner aus Ost-Berlin, hatte im frisch wiedervereinigten Deutschland keine Anstellung bekommen. Papa gründete daraufhin eine Versicherungsfirma und brachte es, als diese pleite ging, beim Kosmetikriesen Wella zum Top-Manager.

»Berlin als Partystadt ist ein wichtiger Faktor für mich. Ich habe auch viele chemische Drogen ausprobiert«

Herzog begreift den Beruf Rapper von Anfang an nicht als Hobby, sondern als Karriereoption. Mit Geld aus der Drogendealer-Zeit stampft er 2009 ohne Vorkenntnisse das Label Bombenprodukt aus dem Boden. „Ich habe Demos an Labels geschickt, aber keiner wollte mit mir arbeiten“, sagt der selbsternannte „Wossi“, der 1985 in der DDR geboren, in Kreuzberg und Mitte aufgewachsen ist. Schon bei der Firmengründung ist er initiativ und ambitioniert, baut sogar ein eigenes Tonstudio auf. Bereits sein Debütalbum „Ein Herz für Drogen“ von 2011 verzeichnet in der Prä-Streaming-Ära sensationelle 100.000 illegale Downloads. Ein Überraschungserfolg, der unverhoffte Aufmerksamkeit auf sich zieht. Der Axel Springer Verlag, Inhaber der Hilfsorganisation „Ein Herz für Kinder“, schickt wegen der Namensähnlichkeit eine Abmahnung mit der Forderung von 50.000 Euro. 2015 kann Herzog eine außergerichtliche Einigung erringen.

Es ist kein Wunder, dass Springer den Rapper abgemahnt hat. Schließlich rappt Herzog vornehmlich übers High-Sein, Feiern und über Exzesse. Seine Lieder tragen Namen wie „Liebe auf den ersten Trip“. Auf einem seiner berühmtesten Songs, „Das hab ich mir erlaubt“, zitiert Herzog die Prinzen und fügt hinzu: „Da liegt nur aus Spaß Haze und Speed auf dem Tisch.“ Seine Diskografie ist gespickt mit Wortspielen und Querverweisen auf Rauschmittel.„Wenn ich meine Musik in eine Schublade packen muss, würde ich es Drogenrap nennen“, sagt Herzog. Und er könne nur über Dinge rappen, die er selbst erlebt habe: „Berlin als Partystadt ist ein wichtiger Faktor für mich. Wir waren früher immer auf dem RAW-Gelände oder im Weekend. Da habe ich auch viele chemische Drogen ausprobiert.“

Kein blindes Drogen-Abfeiern

Aber natürlich ist sich Herzog bewusst, dass Rap vor allem von jungen Menschen gehört wird. Blindes Abfeiern von Drogenkonsum sei ihm immer schon zu undifferenziert gewesen. Tatsächlich stimmt er in Liedern wie „Alte Muster“ oder „Weedtox“ auch kritischere Töne an: „Bin ich mal ehrlich, aufhören will ich immer/ Ich kriege einen Turkey und andere kriegen schon Kinder.“ Dass er eine Verantwortung gegenüber seiner jugendlichen Hörerschaft trägt, weiß Herzog: „Als ich mit 22 Jahren vor ein paar hundert Leuten gerappt habe, war es mir egal, was passiert. Das hat sich heute verändert. Drogen können durchaus positive Effekte haben, genauso wie negative.“ Das Bewusstsein für diese Ambivalenz und einen verantwortungsvollen Umgang mit Drogen zu propagieren, sieht Herzog als seine Aufgabe.

Freundlich, eloquent und aufgeräumt wirkt Herzog auch in seinem Auftreten: nicht etwa wie ein zerstreuter Junkie, sondern eher wie ein hochmotivierter Jungunternehmer. „Montags will ich Sport machen, einen organisierten Start in die Woche haben, Pläne schmieden. Je mehr die Woche fortschreitet, desto größer wird aber der Wunsch nach der wohlverdienten Entspannung“, sagt er und meint damit natürlich: Drogen.

Die Altersmilde, die er an sich diagnostiziert haben will, hält Herzog allerdings nicht von einem gelegentlichen Rausch ab. „Ich will jung bleiben und manchmal auch wieder Blödsinn machen“, sagt er. Er nutzt die Freiheit eines Lebens als Künstler, die er sich erkämpft hat. Und er weiß aber auch um die Schnelllebigkeit der Pop-Welt. „Ich bin als Rapper vielleicht noch ein paar Jahre interessant bei den Hörern“, vermutet er. „Irgendwann wachsen die aus meiner Musik raus, werden Eltern und können nichts mehr mit Drogenrap anfangen. Dann muss ich meine Einnahmequellen woandershin verlagern“, sagt der Unternehmer Herzog. Kann man nur hoffen, dass Coffeeshops bis dahin legal sind.

Fr 20.9., 20 Uhr, Gretchen, Obentrautstr. 19–21, Kreuzberg, VVK 22 €