»Schwänzer sehen keine Perspektiven«

Der Schulpsychologe Matthias Siebert im Interview

Schulpsychologe Matthias Siebert über die Gründe, warum Kinder und Jugendliche dem Unterricht fern bleiben. Und darüber, wie man ihnen helfen und einen Schulabschluss möglich machen kann

Herr Siebert, wer massiv schwänzt, gefährdet nicht nur seinen Schulabschluss, sondern auch seine berufliche Zukunft. Warum tun es manche Schüler trotzdem?

Schuldistanz kann in der Familie des Schülers begründet liegen. Wenn dort niemand berufstätig ist oder eine nega­tive Weltsicht vorherrscht, können sich Schüler unbewusst daran orientieren. Aber es gibt auch Gründe, die in der Schule liegen. Wenn sich jemand beispielsweise unter den Mitschülern nicht wohl fühlt. Oder, wenn eine positive ­Beziehung zu den Lehrern fehlt. Schul­distanz kann auch in der Persönlichkeit des Schülers begründet sein, etwa, wenn die Person unter Ängsten leidet. Auch eine Peergroup, die Clique des Jugend­lichen, kann Schuldistanz befördern.

Kann man es erkennen, wenn jemand Gefahr läuft, Schulschwänzer zu werden?
Es ist meistens ein schleichender Prozess. Er kann damit beginnen, dass ein Kind die Schule immer mal wieder vor Schulschluss verlässt und dazu Gründe wie Bauchschmerzen vorschiebt. Oft ist es auch deshalb schleichend, weil zunächst nur die nicht so geliebten Fächer abgehängt werden. Wegen der Rückfragen von Lehrern und Mitschülern, ­warum die Betroffenen nicht zum Unterricht erschienen sind, wird es für sie dann zunehmend unangenehmer, wieder in die Schule zu gehen, selbst im Zusammenhang mit geliebten Fächern.

Wie verbringen Schulschwänzer ihre Zeit?
Manche Kinder und Jugendliche ­bleiben zuhause, klagen gegenüber den Eltern über Bauchschmerzen, die sie zum Teil auch tatsächlich empfinden. Andere verlassen morgens das Haus, aber anstatt zur Schule zu gehen, sind sie in der Stadt unterwegs. Ist der Schultag zu Ende, erscheinen sie wieder zu Hause. Kommuniziert die Schule das Fehlen der Kinder nicht gut genug, bekommen Eltern das Fehlen erstmal nicht mit. Wird Schuldistanz innerhalb der Peergroup unterstützt, schwänzen Mitglieder der Clique also ebenfalls, treffen sich die Schüler in Einkaufszentren oder in ­Wohnungen von Freunden, bei denen die Eltern etwa aufgrund von Berufstätigkeit nicht zuhause sind.

Matthias Siebert, 43, ist Fachbereichsleiter Schulpsychologie im SIBUZ Steglitz-Zehlendorf, außerdem Sprecher der Vereinigung der Berliner Schulpsycholog*innen in der GEW
Foto: Matthias Siebert

Empfinden schuldistanzierte Schüler Leidensdruck, durch ihr Verhalten zum Außenseiter zu werden?
Innerhalb ihrer Peergroup kann es auch umgekehrt sein: Die Zugehörigkeit kann sich festigen, wenn man gemeinsam schwänzt. Das ist dann sogar eher ein Statusgewinn.

Aber den schuldistanzierten Schülern müsste doch klar sein, dass sie Schulstoff verpassen, ein Abschluss und berufliche Perspektiven in weite Ferne rücken.
Die Schuldistanz-Problematik ist oft sehr komplex. So kann es sein, dass ein Schüler für sich ohnehin keine Zukunftspers­pektive sieht – und ihm vielleicht ­öfters gesagt wurde: Aus Dir wird ­sowieso nichts. Fehlende Zukunftsperspektiven führen dazu, dass die Sinnhaftigkeit von Schule verloren geht.

Verlieren notorische Schulschwänzer endgültig die Chance auf ein befriedigendes Arbeitsleben?
Im Idealfall werden schuldistanzierte Schüler aufgefangen. Wenn es bei ­ihnen wieder eine Bereitschaft gibt, in die ­Schule zu kommen und die Probleme, die zur Schuldistanz geführt haben, beiseite geräumt worden sind, vielleicht ein Schulwechsel stattgefunden hat, dann gibt es durchaus eine gute Prognose. Den mittleren Schulabschluss oder die Berufsbildungsreife kann man nachholen. Und auch, wer seine zehn Pflichtschuljahre bereits absolviert hat, kann weiterhin zur Schule gehen, etwa in ein Oberstufenzentrum. Selbst wenn Schule für jemanden nicht der richtige Ort ist – was vorkommt –, gibt es verschiedene Angebote, die in sozialpädagogischen oder schulpsychologischen Beratungsgesprächen vorgestellt werden können.

Und wenn familiäre Probleme, die zur Schuldistanz geführt haben, bestehen bleiben?
Kinder brauchen Bezugspersonen. ­Diese können auch von außerhalb des Elternhauses kommen. Entscheidend ist, dass die Bezugspersonen an den jungen Menschen glauben, ihn sehen, wie er ist, ihn auf sein Potenzial hinweisen und ihm Mut machen. So eine Schlüsselperson könnte ein Lehrer oder eine Lehrerin sein – vorausgesetzt, die Kinder docken wieder in der Schule an. Wenn sie sich von ihrer Schlüsselperson gesehen und anerkannt fühlen, dann steigert dies ­automatisch auch die Motivation und Leistungsbereitschaft.

Hilfe für Schulschwänzer und ihre Familien:

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