Kino

Der sechste Kontinent

Da ist Ervin, der ganz wunderbar Akkordeon spielen kann, wenn er nicht gerade unter Suff-bedingten Depressionen leidend im Bett liegt. Und da ist Hatem, der ganz dringend eine Stelle als Koch braucht, um seine Familie aus Tunesien holen zu können. Und Sumi, die gestalkt wurde, die es aber im Frauenhaus nicht mehr ausgehalten hat, in dem sie sich wie in einem Gefängnis fühlte. Und Ousman, der von seinen Erinnerungen verfolgt wird, und der doch am liebsten heute noch in seine afrikanische Heimat zurückkehren würde, so es denn möglich wäre. Und viele, viele mehr. Um die 50 Menschen leben im „Haus der Solidarität“ am Rande der Südtiroler Kleinstadt Brixen. Menschen aus verschiedenen Kulturen, die verschiedenen Ethnien und Religionen angehören und die, so drückt es die Hausleitung aus, „unterschiedliche Herausforderungen“ mitbringen, soll heißen, unterschiedliche Probleme mit sich herumtragen.

Der sechste Kontinent
Foto: Miramonte Film

Seit über 15 Jahren gewährt das Haus den diversen Randständigen in Not für eine Übergangszeit Schutz und Unterschlupf; dabei kommt es ohne öffentliche Fördermittel aus, setzt vielmehr auf Eigeninitiative, Selbstorganisation und Mithilfe und kann daher unabhängig arbeiten.

Das Institutionen-Porträt allerdings, das der routinierte, vielfach fürs Fernsehen tätige Dokumentarist Andreas Pichler mit „Der sechste Kontinent“ versucht, prallt an der Oberfläche dieses komplexen Mikrokosmos’ ab. Pichler begleitet die Leute in ihrem Alltag und schaut ihnen bei ihren Tätigkeiten zu, er lässt sich von diesem und jenem Bewohner oder Betreuer dies und das erzählen, aber er verharrt im Gestus des Anekdoten-Sammlers, enthält sich jeden Kommentars, jeder Einschätzung und jeder Nachfrage – und kommt solcherart den Dingen nicht nahe genug, um ihnen auf den Grund gehen zu können.

Am Erhellendsten sind da noch die Aussagen der Betreuer*innen, die, in ihren Lebensumständen gefestigt und der Außenperspektive fähig, nicht nur Muster erkennen in den Lebenswegen jener, die da abzustürzen drohen, sondern auch das erschreckende Ausmaß der eigenen Verantwortung diesen fragilen, gefährdeten Existenzen gegenüber.

Der sechste Kontinent, D/I 2018, 84 Min., R: Andreas Pichler, Start: 7.6.

Der sechste Kontinent