KLASSIKER

Der Stellvertreter

Georg Preusse brilliert in einer genial verdichteten Fassung von Rolf Hochhuths legendärem Theaterstück

Georg „Mary“ Preusse (Mi.) als Papst Pius XII – Foto: DerDehmel / Urbschat

Vor 55 Jahren löste dieses Stück den größten Theaterskandal in der Geschichte der BRD aus. Der junge, damals unbekannte Autor Rolf Hochhuth hatte nach einem Romaufenthalt ein Drama entworfen, das das umstrittene Verhalten des Papsts Pius XII zum NS-Regime thematisierte. Es wurde ein Welterfolg.

Regisseur Philip Tiedemann hat das lange Werk mutig auf zwei Stunden zusammengestrichen und dramaturgisch wirksam auf den Grundkonflikt reduziert: Der junge idealistische Geistliche ­Fontana (Tilmann Kuhn) fordert den Papst auf, seine Stimme gegen den Massenmord an den Juden zu erheben, Pius rettet sich in diplomatische Formulierungen. Fontana geht daraufhin den Märtyrerweg in die Gaskammer. Zu erleben ist ein hochkonzentriertes, reduziertes Schauspielertheater, ein Kammerspiel, das in acht Kurzszenen den Konflikt zwischen Moral und Pragmatik zuspitzt. ­Totenstill ist es im Parkett beim Auftritt des Pius’, beeindruckend von Georg Preusse gespielt. Ein magerer, bleicher Papst, zugleich aalglatt, wie auch menschlich verkleinert, rätselhaft, unnahbar, in den stärksten Augenblicken unheimlich.

Philip Tiedemann und sein Ensemble ­haben Hochhuth (der 87-Jährige war bei der Premiere anwesend) mit dieser eindringlichen, feinen Inszenierung neuentdeckt. AXEL SCHALK

1. – 7.10., 20 Uhr, Schlossparktheater, Schloßstr. 48, Steglitz. Regie: Philip Tiedemann; mit Georg Preusse, Krista Birkner, Oliver Nitsche, Tilman Kuhn. Eintritt 18–39,50 €