Aufstand im Wrangelkiez

Der Streit um Bizim Bakkal

Die ganze Nachbarschaft versammelt sich hinter einem Kreuzberger Gemüsehändler. Er ist einer von vielen, die ­dem Luxus weichen sollen. Aber seine Fangemeinde trommelt zum Widerstand – und agiert professionell wie eine PR-Agentur

Text: Franziska Felber

Alle Gespräche drehen sich um ihn und seine Zukunft. Ahmet Çalışkan aber steht vor seinem Gemüse und zählt die Tomaten. Die kleine Inventur am Abend muss sein. So macht der 55-Jährige das jeden Tag. Damit er weiß, was er morgens um zwei Uhr im Großmarkt für seinen Gemüsehandel Bizim Bakkal, übersetzt „Unser Laden“, kaufen muss.

Foto: Anthea F. Schaap
Foto: Anthea F. Schaap

 

Vor der benachbarten Bäckerei dreht der Sohn des Inhabers an einem Lautsprecher. Neben ihm hängt ein junger Mann ein Transparent an die Scheibe: „Bizim Bakkal bleibt“. Um 19 Uhr strömen plötzlich Menschen von allen Seiten in die Wrangel­straße, rund 150 Demonstranten versammeln sich vor dem Gemüsehandel. Denn Ahmet Çalışkan soll nach 28 Jahren raus aus seinem Laden. Zum 30. September hat der neue Eigentümer ihm den Gewerbemietvertrag gekündigt. Doch die Nachbarschaft will das nicht hinnehmen.

Der Kampf um Kiezkultur erreicht hier ein neues Niveau: Die Unterstützer agieren hochprofessionell. Sie demonstrieren ­jeden Mittwoch, haben Aufkleber mit dem Motto „Bizim Kiez“ gedruckt – die Vorlage liegt im Copy-Shop ums Eck, damit jeder die Sticker in Umlauf bringen kann. Es gibt eine Website, ein Twitter- und ein Facebook-Profil. Die ansässige Schneiderei hat Banner genäht, der Fahrradladen Sprühdosen gestiftet. ­Jeder bringt sich ein. Ob eine Nachbarschafts-Initiative einen Investor zum Einlenken bringen kann, ist die Frage der Stunde. Der Aufstand in der Wrangelstraße könnte zum Vorbild werden für Gentrifizierungsgegner im ganzen Land.

Die Betroffenen selbst, die Mitglieder der Familie Çalışkan, könnten glatt untergehen in dem Trubel. Ahmet Çalışkan steht mit seiner Enkeltochter auf den Schultern neben seiner Frau Emine, sie strahlen jeden an, der sich in die Protestierenden einreiht. „Ich hole schnell ein Bettlaken“, sagt ein Bewohner zu Ahmet Çalışkan. Eine junge Frau drückt ihm eine Visitenkarte in die Hand: „Falls Sie noch eine Anwältin brauchen.“

Ein Unterstützer liest aus einer Mappe die anfallenden Aufgaben vor. Es werden Flyerverteiler und Medienvertreter gesucht. Den Umschlag der Mappe ziert ein gelbes Ortsschild: „Berlin-Kreuzberg“. Ein anderer trägt einen Kapuzenpulli mit dem Aufdruck „Kottbusser Tor“. Kreuzberg und die Wrangelstraße sind nicht nur Ortsteil und Kiez. Für die Alteingesessenen sind sie Identität. Schließlich waren sie es, die das ­Areal zu dem gemacht haben, was es heute ist: Magnet für Berliner und Berlin-Besucher.

Als Ahmet Çalışkans Vater den Gemüsehandel 1987 eröffnete, konnte hier, am Rande West-Berlins, niemand ahnen, wie die Mieten im Jahr 2015 durch die Decke schießen würden. Es herrschte Leerstand. Bis sich Ini­tiativen gründeten, um die Nachbarschaft aufzuwerten. Das Phänomen ist bekannt: Die Kiezstrukturen, die engagierte Anwohner aufgebaut haben, machen den Ort für Investoren attraktiv – dann rollt die Gentrifizierungswalze. Den Aktivisten bleibt allein der Versuch, den anonymen Käufern klarzumachen, wie viel die Nachbarschaft zu verlieren hat. Auf der Website der Bizim- Kiez­-Initiative klingt das so: „Wir alle haben diesen Kiez aktiv gestaltet und deshalb haben wir den Mehrwert geschaffen, den wir nun als Rendite in Form von Menschlichkeit ausgezahlt bekommen wollen.“

Hinter der Sorge um die Çalışkans steckt auch ein bisschen die Sorge um sich selbst:  „Wenn sie gehen, bedeutet das: Ich muss vielleicht auch bald weg“, sagt Paula und besprüht ein weiteres Bettlaken. Die 31-Jährige ist gebürtige Kreuzbergerin und wohnt seit zehn Jahren in der ­Wrangelstraße.

Die Entwicklungen im Kiez machen ihr zu schaffen. „Wir haben keine Drogerie mehr hier, dafür bekommen wir jetzt einen veganen Colaladen. Das ist doch ein Scherz.“ Der Kiez ­werde nicht für die Anwohner gestaltet, ­sondern für die Touristen-Massen.

Ein neuer Hauseigentümer hat die Immobilie in der Wrangelstraße 77 zum neuen Jahr übernommen. Den Bewohnern soll er für den Auszug fünfstellige Summen geboten haben. Ein Gewerbemietvertrag wie der von Ahmet Çalışkan aber ist einfacher kündbar: innerhalb einer Frist von drei Monaten. Die Immobilienfirma hat sich auf Nachfrage nicht zum Protest geäußert. Überhört haben kann sie ihn jedoch kaum. Aus der Rubrik „Aktuelle Projekte“ auf ihrer Website hat die Firma die Immobilie zunächst entfernt.

Auch falls Bizim Bakkal tatsächlich schließen muss: Ahmet Çalışkan hat nicht vor, wie seine Eltern irgendwann wieder in die Türkei zu ziehen. „Da kann ich immer noch Urlaub machen“, sagt er. Es geht ihm wie seinen Unterstützern: Seine Heimat ist Kreuzberg.

Foto: Anthea F. Schaap