Kunstsammlung

Kein Kerngeschäft: Seit September gibt es das Palais Populaire

Die Deutsche Bank macht mit Ermittlungsverfahren und Managerwechseln Schlagzeilen. Kunst kann sie offenbar besser, wie das neue Palais Populaire zeigt

Seit rund einem Monat hat das Prinzessinnenpalais mit seiner Barockfassade, gelegen neben der Staatsoper Unter den Linden, wieder geöffnet. Palais Popu­laire heißt es jetzt und dient der Deutschen Bank als neuer Standort für Kunst, Kultur und Sport.

Gleich hinter dem Eingang, der sich an der Seite des Hauses öffnet, fällt der schlichte Innenbereich auf, der mit der historisierenden Fassade kontrastiert. Die runden Schalter in der Mitte des Eingangsbereichs und das Café sind durchgängig zeitgenössisch eingerichtet, und modern bis zeitgenössisch ist auch die Kunst, die auf drei Etagen und 750 Quadratmetern Ausstellungsfläche unter dem Titel „The World on Paper“ gezeigt wird. In dem neuen Haus, das die Kunsthalle der Deutschen Bank an der Ecke Charlottenstraße/Unter den Linden ablöst, will Palais-Leiterin Svenja von Reichenbach ein Programm machen, „ das für alle zugänglich ist, aber auch kom­plexe Themen von gesellschaftlicher Relevanz miteinbezieht“.

Foto: Mathias Schormann
„The World on Paper“: Sammlung Deutsche Bank. Abgebildete Werke von Ellen Gallagher und Ugo Rondinone. Foto: Mathias Schormann

Die Zugänglichkeit für alle wurde gleich zur Eröffnung Ende September während der Berlin Art Week mit Tagen der offenen Tür bei freiem Eintritt erprobt. Das Palais-­Team zählte rund 2.600 Besuchende, die für volle Gänge und Hallen sorgten. Am Sonntag bildete sich sogar eine Schlange vor Achraf Touloubs unbetiteltem Bild von 2014. Die darauf gezeichneten Figuren, die sich wie ein Passepartout um das sonst leere Bild tummelten, glichen der Menschentraube davor.

Im Obergeschoss lässt sich die Vielfalt der Sammlung bereits im ersten Ausstellungteil erkennen. Seit 1979 besteht die Sammlung Deutsche Bank, eine Präsenzsammlung, die weltweit ausgestellt wird und internationale Kunst mit einem Fokus auf Zeichnungen und Fotografien nach 1945 vereint. „The World on Paper“ scheint das Publikum zu überzeugen. Während der Eröffnungstage gab es Kenner, die sofort Leiko Ikemuras „Liegende“ identifizieren konnten und sich vor den schwarzen Pinselstrichen Norbert Krickes Notizen machten. Andere kommentierten Gerhard Richters bunte Aquarellarbeiten aus der Ferne mit Sätzen wie: „Das hat doch ein Kind gemalt“, zogen jedoch erstaunt die Augenbrauen hoch, wenn sie den Namen des Urhebers lasen. Über 130 Positionen aus 34 Ländern sind derzeit zu sehen, auf einer wesentlich größeren Fläche als in der nun geschlossenen Kunsthalle der Deutschen Bank.

Fragen in kleiner Runde

Nach dem Sichten der modernen Kunst ist man vielleicht mit der neuen Gaststätte versöhnt. Das schlichte Café des Kunsthauses erinnert zwar an den Verlust des üppigen „Opernpalais“, das sich bis Ende 2011 hier befand. Und der Shop lässt mit einem Sortiment aus Kunstkatalogen und Prinzessinnen-Accessoires in Pink fragende Gesichter zurück. Doch werden Arbeitsprozesse gut sichtbar. Das Architektenbüro Kuehn Malvezzi hat im Foyer zum Beispiel Stahlträger freigelegt. Zuvor hatte der Eigentümer und Vermieter Mathias Döpfner, Vorstandsvorsitzender der Axel Springer AG, die Innenräume kernsanieren lassen. Sie sind nicht denkmalgeschützt. Anstatt das alte, nach der Zerstörung im Zweiten Weltkrieg rekonstruierte Operncafé noch einmal zu kopieren, haben sich die Architekten auf die 60er-Jahre berufen, als das Innere von Architekt Richard Paulick schon einmal modern gedacht wurde.

Auf neuem Stand ist man auch mit dem Vermittlungsprogramm. Neben Führungen, Workshops, einer informativen App und Talkreihen mit Sportlern und Kulturschaffenden gibt es Künstlergespräche. Die erste Runde Anfang Oktober bestritt die in Deutschland lebende Künstlerin Parastou Forouhar aus Iran. Sie sprach über ihre Lebensgeschichte und den politischen Mord an ihren Eltern vor rund 20 Jahren. In der kleinen Runde wagten die Zuhörenden direkte Fragen, etwa „In welchem Verhältnis stehen Kunst und Politik für Sie?“. Oder: „Wie schätzen Sie die politische Lage im Iran heute ein?“

Foto: © Mathias Schormann
„The World on Paper“: Sammlung Deutsche Bank. Arbeiten von Chris Ofili und Matt Saunders. Foto: Mathias Schormann

Alle Zuhörenden beteiligten sich danach an der gemeinsamen Betrachtung der neun ausgestellten Zeichnungen aus Forouhars Reihe „Take off Your Shoes“ (2001/2002). Sie zeigt verschleierte Frauen, die auf ihre Befragung durch die Justiz warten. Die Künstlerin hat die Gesichter der Personen leer gelassen, allein die Körperhaltungen der Staatsbediensteten und vorgeladenen Frauen drücken das Machtgefälle aus. Forouhars dicke, schwarze Filzstiftstriche auf der Kleidung der Frauen verdeutlichen zusätzlich die Bürde, die diese tragen.

Mit Buchpreis-Gewinnerin

Inzwischen ist am neuen Kunstort ­etwas Routine eingekehrt. Mitte Oktober sind die Absperrungen zwischen der Staatsoper und dem Palais Populaire zwar noch nicht ganz verschwunden, aber das Café-Restaurant ist bei den spätsommerlichen Temperaturen gut besucht. Auf dem Programm stehen in den kommenden Wochen ein Gespräch mit der Menschenrechtsaktivistin und Schriftstellerin Waris Dirie (22.11.), ein Auftritt von Inger-­Maria Mahlke (29.11.), die mit dem historischen Familienroman „Archipel“ soeben den Deutschen Buchpreises gewonnen hat, und ein Gespräch mit dem Berliner Elektronikmusiker und Komponisten Robert Lippock (13.12). Im Februar 2019 sollen Skulpturen aus der Sammlung der Tate Modern in London folgen.

Bis 7.1.2019: The World on Paper. Palais Populaire, Unter den Linden 5, Mitte, Mo, Mi, Fr–So 10–19 Uhr, Do 10–21 Uhr, Eintritt: 9/ 6 €, bis 18. J. und Mo frei

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