Liste

Die 25 besten Berliner Tonträger 2017

„So richtig gute Berliner Platten gab es 2017 ja nicht.“ Diese Feststellung fliegt gerne mal durch den Raum, vor allem jetzt, wo sich zum Jahresende hin die Bestenlisten in den Magazinen und Timelines häufen. Was ist dran an dem Bonmot?

Klar, Matthias Schweighöfers Langspieler „Lachen Weinen Tanzen“ wurde von Kritik und Fans gleichermaßen nicht gerade mit Lob überhäuft. Und auch Adel Tawils „So schön anders“ war leider zu anders, verglichen mit seiner Fünffach-Gold-LP „Lieder“ von 2013. Zu berechnend, zu glattgebügelt, eventuell zu langweilig waren diese Songs für das Formatradio-Gedudel.

Doch dies sind nur zwei Worst-Case-Szenarien. Denn: ZITTY kürt wöchentlich eine neue Platte zum „Berliner Tonträger der Woche“, 52 Mal im Jahr. Nachfolgend haben wir eine Auswahl der besten 25 getroffen, chronologisch sortiert nach Erscheinungsdaten.

Klez.e – Desintegration

Gothic Pop  
Gitarren klangen anders in den 80ern: einsam, hohl, verzweifelt, dunkel. Nach acht Jahren Pause haben Klez.e eine Platte aufgenommen, in der Mastermind Tobias Siebert, der zuletzt als And The Golden Choir ein Meisterwerk abgeliefert hat, seine Erfahrungen als DDR-Bürger mit dem neu
en Deutschland in kalte Riffs packt. Dabei bezieht sich der Berliner zwar ausdrücklich auf The Cure und Joy Division, findet aber eine eigene Stimme. (Staatsakt) TO


Robot – 33.(3)

Pop  Ganz und gar nicht roboterhaft klingt das Debüt des britischen Wahlberliners, der sich hinter dem Pseudonym Robot versteckt. Eher süßlich sind die Melodien, prätentiös, ein wenig theatralisch gar der Vortrag. Was vor allem dann witzig wird, wenn Robot in „Pig“ und „Animals“ flammende Plädoyers gegen den Fleischkonsum hält. Die vegane Bewegung hat ihren Popstar gefunden. (Impression) TO


Víkingur Ólafsson – Philip Glass: Piano Works

Minimal  Der 32-jährige Teilzeit-Berliner aus Island hat schon mit Björk gearbeitet und widmet sich nun dem Pionier der Minimal Music. Prima, dass er, klassisch studiert, nicht in die Falle tappt, Glass sirupsüßlich zu verschmieren, sondern ihn uns fast Beethoven-rhythmisch ertastet. (Deutsche Grammophon/Universal) SH


Acid Pauli – BLD

No-Beat  Techno
 ohne Bassdrum: Diese ziemlich irre Idee steht hinter dem zweiten Album von Acid Pauli. Hinter dem Pseudonym versteckt sich Martin Gretschmann (Console, Ex-The-Notwist), der sich an ungewohnt kalte Beats, aber eben nicht auf den Dancefloor wagt. Dafür macht das Zuhören umso mehr Spaß. (Ouie/Rough Trade) TO


Pilocka Krach – Sugar
Cane & The Lost Amigos

Synthie-Pop  Pilocka Krach hat Mut. Wenn die schrille Szene-Institution Eighties-Pop mit Techno und Pop-Versatzstücken verschraubt, dann traut sie sich, ihre Einflüsse aufeinander prallen zu lassen, anstatt sie miteinander zu versöhnen. Wenn die Synthies billig piepsen und Discount-Melodien anklingen, dann hat das sogar Witz. (Greatest Hits International/Rough Trade) TO


Nihils – Perspectives

Indietronic  Vorbands haben schweres Spiel: Allzu oft werden sie penetrant ignoriert, alle sehnen den Hauptact herbei. Nicht so bei Nihils letzte Woche als Support von Claire. Die drei Neu-Berliner Cutie-Boys haben im Bi Nuu vom ersten Song an alle elektrisiert mit ihren prima Trübsal-Hymnen. Nihilistisch sind die Texte trotz des Namens nicht. Fakt: „Perspectives“ ist die Platte, die Depeche Mode sicher gerne gemacht hätten. (Believe/Soulfood) SH


Donna Stolz – Long Way Home

Folk  Sie ist eigentlich studierte Malerin und rastlose Reisende, aber sesshaft geworden in Moabit. Dass sie ihren Folk direkt an der Quelle in den USA gelernt hat, hört man, denn ihre Songs sind stark countryfiziert, trauen sich sogar ein Banjo und wagen eine unironische Nähe zu den Appalachen wie sonst niemand in der Berliner Anti-Folk-Szene. (www.donnastolz.bandcamp.com) TO


Phase Fatale – Anubis EP

Techno  Kirchentag ist die neue Love Parade? Manche munkeln ja, nach solchen Kirchen-Events würden mehr Gummis im Park liegen als nach dem Zug der Liebe. Göttlichen Techno aus heidnischem Hause macht jedenfalls der junge Punk-affine New-York-Berliner Phase Fatale, der sein Debüt auf dem Berghain-Label gleich dem ägyptischen Totengott geweiht hat und im finalen Track Drone-pulsierend abmisst, wie groß Gott ist. Apocalypse, wow! (Unterton) SH


Jaqee – Fly High

Pop  Aufgewach­sen in Kampala, als Teenager mit der Familie nach Göteborg geflüchtet, mittlerweile in Berlin heimisch geworden: Wer will, kann Jaqees Flucht­geschichte hören im weltgewandten Pop ihres zweiten Albums, der überall zu Hause zu sein scheint – und nirgends. Wer will, kann aber auch einfach tanzen. (Rootdown/Soulfood) TO


Dark Harbour – Here By The Sea

Dark-Pop  
Edwin Oberender ist 19 und klingt wie ein beim Schicksal in Ungnade gefallener Schiffsjunge. Zusammen mit den Melancholie-Spezis von Isolation Berlin legt er jetzt seine Debüt-EP vor, die in den Vocals an Patrick Wolf gemahnt und in der Instrumentierung
 an einen James Blake, der gerade gemerkt hat, dass es Gitarren gibt. Der richtige Typ für düstere Nachtgespräche in Hafenbars. Ahoi! (Martin Hossbach/Kompakt) SH


Pantha du Prince – The Triad Ambient Versions

Electro  Der Berliner Produzent Pantha du Prince ist einfach der Beste darin, Glocken(spiel) in allen Facetten organisch zu verflechten. Das wird in den Ambient-Versionen seiner prima Platte von 2016 supertransparent. Die zurückgeschraubten Tiefenbeats legen die Hochfrequenzen frei. Nach dem Wirbelsturm sieht man den Wald dank weniger Bäume umso besser – und die Sterne funkeln. (Rough Trade/Beggars/Indigo) SH


Ya Tosiba – Love Party

Disco  
Das finnisch-aserbaidschanische Duo Ya Tosiba aus Berlin nimmt auf dem west-östlichen Divan Platz und findet dort zur eurasischen Sound-Sprache. Tatu Metsätähti verwebt Synthschleifen der Skweee-Spielart zum clubtauglichen Klangteppich. Darauf breitet Zuzu Zakaria den Meykhana-Sprechgesang ihrer orientalischen Heimat aus. Die Begegnung von Eurodance und Brauchtumspoesie entwickelt einen hypnotischen Drive. (Asphalt Tango) HK


Maike Rosa Vogel – Alles was ich will

Lieder  Die Welt
lässt sich nicht verändern mit einer akustischen Gitarre und einer Stimme. Aber man kann es ja versuchen. Immer wieder. So wie Maike Rosa Vogel, die auch auf ihrem fünften Album wieder mal so radikal ehrlich von ihren Gefühlen erzählt, dass sich mancher peinlich berührt abwenden wird. Aber der kompromisslose Seelen-Striptease dient einem höheren Zweck: den Blick zu schärfen für die Schönheiten des Lebens. (www.maikerosavogel.com) TO


MDK – Manifestation

Punk-Jazz  35 Jahre war es ruhig um die West-Berliner Legenden Mekanik Destrüktiw Komandöh (MDK). Heute ist nur noch Sänger Volker Hauptvogel von der Urformation übrig, doch der widerspenstige Geist ist geblieben. Reduzierte Rhythmen, staubtrockenes Saxofon und smarte Texte um Gentrifizierung und Kreuzberg, aber auch Lebensfreude und Spaß ergeben mehr als eine Nostalgie-Nummer für Mauerstadtkinder. (Broken Silence) SLA


Terence Fixmer – Force EP

Techno  Der Berghain-Resident legt auch mal als Eisbär, Scanner oder Cyborg auf. 2017 ließen Remixe für DJ Hell und Depeche Mode aufhorchen. Die vier synthiemelodischen Tracks nun beweisen es mal wieder: Fixmer versteht es wie kaum ein anderer, in seinen Tiefgrund-Techno, dunkler als schwarz, üppig Tanzbarkeit zu pumpen. (Ostgut Ton) SH


Msoke – Facettes

Reggae  
Der Schweizer Künstler ist in vielerlei Hinsicht ein Solitär: Er ist dunkelhäutig, Trans* und Reggaesänger. Geht das überhaupt? Schließlich sind viele jamaikanische Szenegrößen zutiefst homophob. Msoke stört das nicht. Der „The Voice of Germany“-Star schafft es, klassischen Offbeat-Reggae und modernen Dancehall mit seinen Themen (sexuelle Freiheit, Vegetarismus, Flüchtlingspolitik) zu assoziieren und dem Genre dennoch treu zu bleiben. Toll! (Springstoff) MM


Marta Collica – Inverno

Rock Noir  Erwähnen muss man’s schon: Marta Collica, Italienerin und Wahlberlinerin, ist Mitglied in der John Parish Band. Ja, PJ-Harvey-Produzent Parish. Doch im Grunde ist das mäßig wichtig, denn den vor Leben vibrierenden Sound, den man mit diesen Namen verbindet, bekommt Collica auch selbst hin. Sacht und unprätentiös, mit einer Noir-Note, die nie nach Pose, sondern nach aufrichtiger Liebe zum Alleinsein bei Nacht klingt. (Solaris Empire/Broken Silence) JL


Casper – Lang lebe der Tod

Prog-Rap  Nach Caspers „Hin zur Sonne“, dem Nummer-1-Durchbruch „XOXO“ und dem noch Indie-lastigeren „Hinterland“ war ganz Deutschrap offener für Einflüsse aus anderen Genres. Nun geht es ihm um Todesvoyeurismus, gepaart mit der Angst vor nahendem Kollaps. Es wird düster und zum Ende auch sehr persönlich. Cas zitiert sich von Nine Inch Nails bis Dizzee Rascal durch die Popkultur. Alles ist dreifach durchdacht. Meisterwerk. (Columbia/Sony) RBT


Manfred Maurenbrecher – Flüchtig

Liedermacher  Nein, das neue Album des Berliner Musiker-Urgesteins versammelt beileibe keine flüchtigen Songs zum Nebenbeihören. Sondern 13 profunde Lieder übers Unterwegssein in der Welt und im eigenen Kiez. Ein vorzügliches Roadmovie für Ohr und Hirn aus pointierten Alltagsbeobachtungen und reportagehaften Chansons. (Reptiphon/Broken Silence) -ICKE


Maurice & Die Familie Summen – Bmerica

Funk  Eines 
muss man Maurice Summen (Die Türen) lassen, er hat Eier aus Stahl. Sich als weißer Mann mit schütterem Haar in die Fußstapfen von Sly Stone zu stellen, ist allerhand. Doch es funktioniert! Begleitet von seinem Funky-Ensemble bringt er herrlich produzierte, ironisch-geschmeidige Großstadtsongs zwischen Sozialkritik, Hedonismus und Nostalgie auf die Bretter. (Staatsakt) SLA


Hope – Hope

Noise-Pop  Doch, dass Hope mal 
als Jazz-Formation angefangen haben, das kann man noch hören. Denn so, wie die Wahlberliner auf ihrem Debüt schmerzhafte Lärmexkursionen arrangieren und wie sie noch in den dunkelsten Stimmungen eine wundersame Poesie entdecken, das ist nicht nur deutlich am Jazz geschult – sondern vor allem großartig. (Haldern Pop) TO


Sedlmeir – Fluchtpunkt Risiko

Hardschlager  Auch auf seinem sechsten Album versteckt Henning Sedlmeir anrührend Alltagsromantisches hinter schlichter Spacepop-Fassade. Dabei gelingt es dem „Erfinder des Hardschlagers“ immer, Glamour ins Spiel zu bringen, ob er sich nun zwischen Kraut- oder Stonerrock nicht zu entscheiden weiß oder mit der Verschwisterung von Oi und Wave ein neues Genre kreiert. (Rookie/Indigo) VSZ


F. S. Blumm – Welcome

Knister-Folk 
 Seit der Berliner mit Faible für Selbstbau-Instrumente in den 1990ern zu einer zentralen Figur des Wohnzimmer-Folk wurde, hat er seinen Schaffensradius stark erweitert, von Dub bis zu Avantgarde-Minimalismus. Erstmals präsentiert er sich als Singer-Songwriter und lässt Komplexes leicht, warm und intim klingen. (Karaoke Kalk/Indigo) SG


Badger – Untitled EP

Electronica  Kein zweiter Berliner hat so viel Potenzial zum Popstar wie Max Wiegand alias Badger. Der klingt so, als wäre James Blake so depri drauf, dass nur noch tanzen hilft. Der Bass ist durch und durch Berlin, die Synthies dürften Fans von Moderat gefallen (die ja auf Eis liegen), und die melancholischen Midtempo-Hooks treffen ins versehrte Herz, als Soundtrack der unfreiwilligen Hauptstadt der Singles, ihrer Sehn- und anderer Süchte. (Golden Ticket) SH


Kelele – Xaritoo

Afrobeat  Kaum eine andere Berliner Band hat einen solchen Groove miteinander wie diese zehn, gleichermaßen ausgefeilt und gutgelaunt. Senegalesischer Gesang über westafrikanischer Percussion und Balkan-affinen Saxophonen und Trompeten, samt synkopierten Gitarren. Mit dieser Musik fühlt sich selbst Dezember nach Hochsommer an. (Get On) SH