Jenseits des Tellerrands

Die 60. Nordischen Filmtage Lübeck

Filme aus Skandinavien und dem Baltikum – ein Rückblick auf die 60. Nordischen Filmtage Lübeck

Diese Buttermaschine! In den beiden Haupthotels des Festivals steht beim Frühstücksbüfett eine überdimensionierte Buttermaschine, die auf Knopfdruck kleine blumenförmige Butterstückchen auf den untergestellten Teller pappt. Eine hübsche Allegorie fürs Kino: Ein relativ großer Apparat spuckt nach oft erheblichem Aufwand ein hoffentlich möglichst wohlgeformtes Kleinod aus.

Bei den aus Skandinavien und den Baltischen Staaten stammenden Filmen des Wettbewerbs im Jubiläumsjahrgang der Nordischen Filmtage Lübeck zeigt sich eindrucksvoll: Es sind meist jene Filme interessant, denen es gelingt, über ihren jeweiligen Tellerrand hinauszublicken, die ihre anvisierte Geschichte in ein gesellschaftliches Umfeld einbetten und damit Relevanz erreichen. Doch leider baden etliche Produktionen zu sehr im eigenen Saft. Da wäre Breathing into Marble der litauischen Regisseurin Giedré Beinoriüté. Sie erzählt von einer irgendwo in einer verwunschen wirkenden Landschaft lebenden Kleinfamilie, deren Gleichgewicht durcheinander gerät, als sie den kleinen Ilja bei sich aufnimmt. Der erweist sich nämlich als bösartig, schweigsam und latent aggressiv. Der Film vergleicht das Verhalten des Jungen mit dem eines eingesperrten Fuchses. Und der Zuschauer fragt sich auch mangels Spannung: So what?

Ähnlich ergeht es auch der Norwegerin Camilla Strøm Henriksen mit ihrem Familiendrama Phönix. Die atmosphärisch dicht inszenierte Geschichte um eine 13-Jährige, die sich um ihre psychisch labile Mutter kümmern muss und dabei heillos überfordert ist, verlässt nie den hier geschaffenen Mikrokosmos und hinterlässt so ein vom Zuschauer nur schwer zu füllendes Vakuum.

Dass es auch anders, relevanter geht, das beweist die Isländerin Isold Uggadóttir in ihrem Drama Atme ganz normal. Sie erzählt von der alleinerziehenden Lara, die trotz ihres Jobs beim Zoll des Flughafens Keflavik Geldsorgen hat und mit ihrem kleinen Sohn Eidar aus ihrer Wohnung fliegt. Unterstützung erhält sie nun ausgerechnet von Adja, jener Frau, die Lara bei der Ausweiskontrolle hat auffliegen lassen wegen eines gefälschten Passes und die nun in einem Flüchtlingsheim ständig befürchten muss, abgeschoben zu werden. „So ist nun mal das System“, lautet die Floskel der Behördenmitarbeiter. Ein starker Film über Solidarität in Zeiten der Migration und des Turbokapitalismus‘.

Lass Mich Fallen
Foto: The Icelandic Film Company

Richtig ans Eingemachte geht der Isländer Baldvin Z in seinem herben Drogendrama Lass mich fallen. Virtuos in der Chronologie hin- und herspringend erzählt er vom Niedergang einer ganz normalen 15-Jährigen aus bürgerlichem Hause, die an die falschen Freunde gerät, drogenabhängig wird und aus dieser Spirale nicht mehr herausfindet. Happyend? Fehlanzeige, das scheint von vornherein klar, die Sucht ist einfach stärker.

Seine Flexibilität stellt wieder einmal der finnische Regisseur Klaus Härö unter Beweis, der nach seinem schönen, auch bei uns im Kino gelaufenen historischen Drama „Die Kinder des Fechters“ nun in Ein unbekannter Meister von einem alten Mann erzählt, der noch einmal etwas Großes schaffen will. Olavi ist Kunsthändler in Helsinki und möchte ein letztes Mal eine großen Fisch an Land ziehen, bevor er sich zur Ruhe setzt. Die Gelegenheit bietet sich, als Olavi bei einer Auktion ein nicht signiertes Bild entdeckt, dass vom großen Meister Ilja Repin stammen könnte. Olavi verschuldet sich hoch, um das Bild zu ersteigern. Ein souverän inszeniertes Drama über Lebenswünsche und Familienbande.

Ted – Alles Aus Liebe
Foto: Stella Nova Film

Neben gut gemachten, eher konventionellen Werken wie das Biopic Ted – Alles aus Liebe über den in den 1970ern in Schweden schwer gefeierten und bei uns vollkommen unbekannten Musiker Ted Gärdestad (brillant: Adam Pålsson in der Titelrolle) oder dem Historiendrama Lach oder Stirb über einige am Ende des Ersten Weltkriegs inhaftierte Schauspieler in einem finnischen Gefangenenlager überragten vor allem zwei Filme den diesjährigen Wettbewerb, Filme die in diesem eher durchwachsenen Jahrgang vor allem mit der scharfen Waffe des Humors überzeugen.

Ditte & Louise
Foto: Christian Geisnës

Da ist zum einen Ditte & Louise von Niclas Bendixen. Ditte Hansen und Louise Mieritz sind in ihrer Heimat Dänemark bekannte Komödiantinnen. Basierend auf ihrer gleichnamigen TV-Comedy-Serie erzählen sie von einem Künstlerinnenduo, von der sich eine zu einem Casting als Mann verkleidet und prompt eine Hauptrolle in einen Wikingerfilm erhält. Ein kluger und vor allem sehr komischer Kommentar zur #MeToo-Debatte, der vollkommen unverkrampft mit der weiblichen Sexualität umgeht. Schade, dass es bei den Nordischen Filmtagen keinen Darsteller*innen-Preis gibt, die beiden Däninnen hätten ihn verdient gehabt.

Gegen Den Strom
Foto: Slot Machine/Gulldrengurinn

Und da ist zum anderen die das Festival weit überragende Öko-Tragikomödie Gegen den Strom. Schon mit dem Vorgängerfilm „Von Pferden und Menschen“ lieferte der isländische Regisseur Benedikt Erlingsson 2013 ein Meisterwerk ab. Nun erzählt er von der eigentlich eher bieder wirkenden Chorleiterin Halla. Doch die ist insgeheim eine schwer engagierte Umweltaktivistin, die auch vor Sabotage nicht zurückschreckt und es auf die internationale Aluminiumverarbeitung in Island abgesehen hat, denn Energie ist im Land der Geysire billig. Der besondere Kniff in der sowieso schon packend und humorvoll erzählten Geschichte: Erlingsson integriert drei ukrainische Sängerinnen sowie drei das Geschehen auf ihren Instrumenten begleitende Musiker sozusagen als griechischen Chor immer wieder in die Szenerie; eine hübsche Idee, die aber auch die Gefahr birgt, dass man als Zuschauer immer wieder aus der Fiktion gerissen wird. Doch hier funktioniert das fabelhaft. Der Film, der am 13. Dezember in den deutschen Kinos startet, war mit vier Trophäen, darunter den Publikumspreis und den Hauptpreis, den NDR-Filmpreis, der große Gewinner der 60. Nordischen Filmtage Lübeck 2018. Da hat die filmische Buttermaschine mal ein prachtvolles Stück ausgespuckt. Martin Schwarz

 

www.nordische-filmtage.de

 

Die Preisträger

NDR Filmpreis: 
GEGEN DEN STROM (Kona fer í stríd), Regie: Benedikt Erlingsson, Island/Frankreich/Ukraine
Preis des Freundeskreises für das Beste Spielfilmdebüt:
 DIE KLEINE GENOSSIN (Seltsimees laps), Regie: Moonika Siimets, Estland
Publikumspreis der „Lübecker Nachrichten“:
 GEGEN DEN STROM (Kona fer í stríd), Regie: Benedikt Erlingsson, Island/Frankreich/Ukraine
Kirchlicher Filmpreis INTERFILM:
 GEGEN DEN STROM (Kona fer í stríd), Regie: Benedikt Erlingsson, Island/Frankreich/Ukraine
Baltischer Filmpreis: 
GEGEN DEN STROM (Kona fer í stríd), Regie: Benedikt Erlingsson, Island/Frankreich/Ukraine
Dokumentarfilmpreis der Lübecker Gewerkschaften:
 DIE DAS LICHT BRACHTEN (Valontuoja), Regie: Antti Haase, Finnland
CineStar-Preis:
TRACING ADDAI, Regie: Esther Niemeier, Deutschland
Kinder- und Jugendfilmpreis:
 SOMMERKINDER (Sumarbörn), Regie: Gudrun Ragnarsdóttir, Island/Norwegen
Preis der Kinderjury: 
ALLEIN IM ALL (Ensamma i rymden), Regie: Ted Kjellsson, Schweden