Schaubühne

»Die Ära Peter Stein wird verklärt«

Jürgen Schitthelm, Mitgründer der Schaubühne, verabschiedet sich nach 50 Jahren aus der Direktion. Mit zitty sprach er über seine Theatersozialisation, die legendäre Zeit unter Peter Stein und den Neuanfang mit Thomas Ostermeier
Interview: Friedhelm Teicke und Tobias Schwartz

Herr Schitthelm, die Schaubühne ist mit Peter Stein weltberühmt geworden, Sie selbst sind, obgleich der dienstälteste Theaterdirektor Deutschlands, dem breiten Publikum kaum bekannt.
Ein Theaterdirektor wirkt eben besser im Hintergrund und hält den Regis­seuren und Schauspielern den Rücken frei.

Was ist das für ein Theater, dem Sie fast Ihr ganzes Leben gewidmet haben? Ich war 23 und Student der Theaterwissenschaften an der FU. Wir, fünf junge Menschen um Dieter Sturm und mich, waren eine typische Freie Gruppe – auch wenn es den Begriff damals noch nicht gab. Wir hatten einige Erfahrungen mit dem Studententheater gemacht und ganz klare Vorstellungen von einem Spielplan zeitgenössischer Art. ­Damals, Ende der 50er-, Anfang der 60er-Jahre, gab es im Schiller- und im Schlossparktheater zwar hervorragende Aufführungen mit ausgezeichneten Schauspielern, aber wir haben Autoren vermisst – Ödön von Horvath zum Beispiel oder Marie-Luise Fleißer. Und wir hatten das große Glück, dass niemand von uns auch nur eine blasse Ahnung davon hatte, worauf wir uns da wirtschaftlich und rechtlich eingelassen haben.

Erzählen Sie.
Wir hatten 10.000 D-Mark zur Verfügung, zinslos geliehen vom Vater ­einer Kommilitonin, heute wären das um die 100.000 Euro. Ein Riesenbetrag. Dass dieses Geld mit der ersten Premiere schon weg ist, auf die Idee sind wir nicht gekommen. Hätten wir das gewusst, wäre großer Mut vonnöten gewesen, die Schaubühne zu gründen. Es war die reine Ahnungslosigkeit. So haben wir angefangen, in Kreuzberg am Halleschen Ufer. Ich hatte vorher noch in Ost-Berlin gewohnt …

Nach dem Mauerbau? Wie konnten Sie denn so einfach zwischen West und Ost wechseln?
Kommilitonen hatten mir einen Schweizer Pass besorgt, ich studierte an der FU, wohnte aber im Ostteil. In den ers­ten Mona­ten nach dem Mauerbau gab es auch noch keinerlei Stempeleinträge. Ich erin­nere mich nur an eine kritische Situa­tion, als mich der Zöllner grammatikalisch ­kurios fragte: „Sie haben Mark der DDR?“ Der wusste nicht, dass ein Schweizer durchaus deutsch spricht. Mir war klar, dass ich kein Wort sagen durfte und habe einfach stumm mein Westgeld gezeigt. Danach bin ich in West-Berlin geblieben. Doch das Pech der Stadt war unser Glück: Der Mauerbau führte dazu, dass wir an unserer kleinen Schaubühne viele ausgezeichnete Schauspieler verpflichten konnten, die im Westen wohnten und nicht mehr am Berliner ­Ensemble oder am Deutschen Theater spielen konnten, wo sie vorher engagiert waren. Größen wie Annemarie Hase, Charlotte Brummerhoff und Harry Gillmann haben bei uns gespielt für einen Appel und ein Ei.

Wie sind Sie zum Theater gekommen, gab es eine Art Initialerlebnis?
Ja, im Theater an der Parkaue, das zu DDR-Zeiten Theater der Freundschaft hieß, haben wir mit der Schule ein Stück namens „Schneeball“ geguckt. Es ging um die Unterdrückung der schwarzen Bevölkerung in den Südstaaten der USA, erzählt anhand eines Jungen. Das hat mich emotional derartig umgehauen und betroffen. Ich habe als kleines Kind in Polen das Kriegsende erlebt und viel Schlimmes gesehen, auch Gräueltaten aus der Nähe mitbekommen. Dass aber menschliches Leid auch ohne Krieg möglich war, wurde für mich als zwölfjähriges Kind plötzlich durch das Theater zu einer völlig neuen Erfahrung.

Und Sie haben dann noch als Schüler an Brechts Berliner Ensemble gearbeitet?
Ich bin noch zu Brechts Lebzeiten in den Proben des BE gesessen, das damals eines der wichtigsten Häuser im deutschsprachigen Raum war, und habe dort auch als Statist gearbeitet in „Arturo Ui“, in „Galileo Galilei“, in sehr vielen Vorstellungen. Ich stand in der Schule kurz vor dem Rauswurf, weil ich wegen der Proben so oft gefehlt habe.

Statt am BE haben Sie dann aber mit der Schaubühne Theatergeschichte geschrieben.
In den ersten entbehrungsreichen Jahren waren wir hochverschuldet, überstanden es dank Inszenierungsbeihilfen der Stadt.

Sie galten als „linke Truppe“.
Weil bei uns Regisseure aus dem Ostblock inszenierten und wir uns zu Zeiten der außerparlamentarischen Opposition auch über das Thea­ter hinaus politisch geäußert haben. Als wir mit der IG Metall ein Gastspiel des BE im damaligen Hebbeltheater organisierten, gab es die ersten Vorwürfe kommunistischer Umtriebe. Das eskalierte 1971 mit einer zeitweiligen Sperre der Zuwendungen. Darüber wurde in jeder Zeitung der Bundesrepublik berichtet und wir standen schlagartig im Rampenlicht. Eine vergleichbare PR-Aktion hätte man nie selbst auf die Beine stellen können. Ein weiterer Vorteil war, dass es das noch junge Ensemble unheimlich zusammengeschweißt hat.

Weltberühmt wurde die Schaubühne dann mit Peter Stein
… Ja, obwohl Friedrich Luft …

Die berühmte „Stimme der Kritik“ des RIAS Berlin.
… uns schon vorher sehr gewogen war, er hatte große Sympathien für „die jungen Leute vom Halleschen Ufer“. „Wer Sternheim sehen will, muss in die Schaubühne gehen“, hatte er schon in der ersten Spielzeit in einer Premierenkritik geäußert, und wenn er etwas lobte, kamen die Leute auch. Kreuzberg war damals Kulturwüste, da gab es fast nichts. Ende der 60er-Jahre konnten wir dann dank des damaligen Kultursenators Werner Stein ein Ensemble aufbauen, mit Peter Stein als Regisseur, begrenzt auf zwei Jahre, als einen Versuch.

Können Sie erklären, was das Besondere an der Ära Peter Stein war?
Stein gehört nach 1945 zu den ganz wichtigen, herausragenden Regisseuren deutscher Sprache. Stein steht auf einem Level mit Fritz Kort­ner, mit Max Reinhardt, mit den Größten des Theaters. Wir standen künstlerisch sehr gut da und hatten uns ein Renommée im europäischen Theater erworben, was uns selbst gar nicht so bewusst war. Bei Gastspielen in Göte­borg und Oslo wurde uns in der Begegnung mit den skandinavischen Theaterleuten bewusst, dass wir dem BE den Rang abgelaufen hatten. Es ist aber nicht so gewesen, dass die Inszenierungen von Peter Stein von der Kritik immer bejubelt worden wären.

Welche legendäre Aufführung wurde denn beispielsweise verrissen?
Eine große Inszenierung wie „Drei Schwestern“ mit Edith Clever, Jutta Lampe und Corinna Kirchhoff. Es ist interessant, wie sich Kritiker in Rückblicken an die legendären Insze­nierungen erinnern und ich denke, Moment mal, hattest Du das nicht damals in Grund und Boden verdammt? Ein Blick ins Archiv bestätigt, das war wirklich so. Aber heute wollen sie natürlich alle immer Fan gewesen sein.

Es heißt, dass Sie keine Premiere im Zuschauer­raum verfolgen können. Stimmt das?
Ja, das kann ich nicht, da sterbe ich vor Nervosität. Nur ein einziges Mal in fünf Jahrzehnten saß ich im Parkett, das war bei Luc Bondys Premiere von Handkes „Die Stunde da wir nicht voneinander wussten“, weil mich der damalige Bundespräsident Richard von Weizsäcker gebeten hatte, ihn und seine Frau in die Premiere zu begleiten. Ich war hinterher klitschnass – und nicht etwa weil es im Saal zu warm gewesen wäre.

Hat sich Peter Stein 1985 von der Schaubühne verabschiedet als es am Schönsten war?
Nein. Das war ein großes Drama. Er hat in einer Rundfunkdiskussion mitgeteilt, dass er hinschmeißt – wir waren wie vor den Kopf gestoßen. Es hatte vorher überhaupt keine Anzeichen gegeben. Lähmendes Entsetzen herrschte hier, auch und vor allem im Ensemble. Man fühlte sich verraten. Viel später wollten wir dann den jahrelang diskutierten „Faust“ zusammen machen, was sich aus vielen Gründen als nicht realisierbar herausstellte. Damit war das Band dann endgültig zerschnitten. Aber zu dem Zeitpunkt, in der Saison 1999/2000, war eh schon klar, dass wir einen ganz ­neuen Anfang machen würden.

Der kam mit der Übertragung der Leitung an Thomas Ostermeier. War das damals nicht durchaus ein Wagnis von Ihnen, dem vordem nur an der kleinen DT-Studiobühne Baracke aufgefallenen Regisseur die große Schaubühne anzuvertrauen?
Nein, das hat mit Mut nichts zu tun und riskiert habe ich auch nichts. Mir war absolut klar, dass, wenn wir einfach weiter machen wie ­immer, sich das Thea­ter von selbst erle­digt. Die ­Arbeit am Haus stag­nierte, das legendäre Ensemble existierte ja schon längst nicht mehr. Die meisten waren nur noch Gäste. Es musste ein Neuanfang, ein Generationswechsel her und ein völlig neues Ensemble aufgebaut werden.

Ostermeiers Schaubühne ist inzwischen welt­weit gefragt. Kann er mit der Stein-Ära mithalten?
Das kann er. Die Stein-Zeit, da spielt auch viel Verklärung mit. Nicht jede Inszenierung ist großartig gewesen. Für mich ist die künstlerisch her­ausragendste Arbeit von Peter Stein vor, während und nach der Schaubühne Maxim Gorkis „Sommer­gäste“ gewesen. Friedrich Luft hat damals, 1975, von einer „Jahrhundert-Inszenierung“ gesprochen und das war in der Tat nicht übertrieben.

Später spielte die Schaubühne Hölderlin im Olympiastadion oder die „Orestie des Aischy­los“ als achtstündiges Marathontheater. ­Be­gann damit nicht die heutige Eventisierung des Theaters?
Wir haben im Winter bei ­Minus zwölf Grad die „Winterreise“ im Olympiastadion gemacht. Klaus Michael Grüber war Regisseur, das ganze Stadion Bühnenbild, es wurde auf dem Spielfeld gespielt, natürlich alles mit Elektroakustik. Das war Wahnsinn. Das kann man kritisch sehen, bitte, aber es war eine her­ausragende Aufführung, die – wie auch die „Orestie“ – weder wir noch das Publikum damals als Eventisierung gesehen haben. Dieses kulturfeindliche Phänomen setzte später ein. Das erinnert an die 1981 entstandene Prophezeiung, jetzt zieht die Schaubühne von Kreuzberg an den Ku’damm und wird zum Boulevardthea­ter. Da kann man nur sagen: Welch ein Schwachsinn!