Interview

Die Ärzte „Sind ein großes Missverständnis“

Seit 30 Jahren sind Die Ärzte nun Die Beste Band der Welt aus Berlin. Ein Gespräch mit Farin Urlaub und Bela B. über ihr neues Album „auch“, wie sich Berlin in ihre DNA eingebrannt hat, den Glauben an die revolutionäre Kraft des Punkrock, die Occupy-Bewegung und die selbst verschuldete Einzigartigkeit

Wer ist Die Beste Band der Welt aus Berlin?
Farin Urlaub: Hallo?
Bela B. [erschüttertes Schweigen]

Die Ärzte leben nicht einmal alle in Berlin.
Farin: Ich bin, hier kann ich es ja sagen, gerade wieder nach Berlin gezogen. Aber das ist ja gar nicht wichtig: Wenn Du in New York geboren wurdest, dann bist Du auch aus New York. Und Die Ärzte wurden in Berlin geboren, also sind sie auch aus Berlin.
Bela: Ich wohne zwar noch in Hamburg, aber ich habe – das kann ich ja jetzt auch mal verraten – neuerdings auch wieder eine Mietwohnung in Berlin.

Warum treibt es Sie auf die alten Tage wieder zurück in die alte Heimat?
Farin: Was bleibt mir übrig, meine Freunde wollten alle nicht mit mir in die Karibik ziehen.
Bela: Alle drei?

Die Ärzte sind letztes Jahr als Vorgruppe von Bonaparte aufgetreten. Sind die mittlerweile Die Beste der Band der Welt aus Berlin?
Bela: Bonaparte sind eine großartige Band. Und die sind sicher ganz anders als wir. Aber wir sind natürlich besser. [Gelächter]
Farin: Ach, so groß ist unser Ehrgeiz gar nicht. Die Außenwahrnehmung interessiert mich gar nicht so sehr. Ich weiß doch, dass wir gut sind. Diesen Spruch von der besten Band der Welt aus Berlin, den haben wir uns vielleicht mal selber ausgedacht, aber verliehen haben uns den Titel ja in erster Linie die Fans. Die sollen dann auch mal in Zukunft entscheiden, wer das ist, die beste Band der Welt.

Die Stadt hat sich verändert in den 30 Jahren, die es Die Ärzte nun gibt…
Bela: Wir ja gar nicht.
Farin: Klar hat sich die Stadt verändert, aber Berlin ist zum Glück noch nicht London und auch noch nicht München, auch wenn es das manchmal versucht zu sein, am Potsdamer Platz zum Beispiel. Und wir halten der Stadt natürlich dauernd einen Spiegel vor. [Gelächter] Natürlich ist Berlin in unserer DNA drin, wir sind hier sozialisiert worden, aber wir haben diese Stadt noch nie repräsentiert, wir haben doch so gut wie nie Lieder über Berlin gemacht.
Bela: Wir standen nie stellvertretend für diese Stadt, weil wir immer unser eigenes Ding gemacht haben. Als Die Ärzte gegründet wurden, da gab es in Berlin eine Punkszene, die sich in Auflösung befand, und es gab die Genialen Dilettanten. Unsere Idole aber waren Dion and the Belmonts, textlich haben wir uns an den Comedian Harmonists orientiert. Das war, jetzt mal ganz bescheiden, ziemlich einzigartig damals. Und so ist es auch geblieben. Wir standen immer nur für uns selbst.

Aber außerhalb von Berlin…

Farin: … da war man tatsächlich die Band aus Berlin, das stimmt schon.
Bela: Da kamen dann in Herford die Leute mit den Einstürzenden-Neubauten-T-Shirts, um zu signalisieren: Guckt mal, ich weiß, wo Ihr her kommt. Aber auch: Ich habe keine Ahnung von Musik. [noch mehr Gelächter]
Farin: Als Steigerung folgende Geschichte aus Italien. Da habe ich früher gerne meine Urlaube verbracht. Und wenn man abends am Lagerfeuer mit jemandem ins Gespräch kam, hat der damals garantiert irgendwann gesagt: Du kommst aus Berlin? Da kennst Du doch bestimmt David Bowie. Wie ist der denn so privat?

Sehr Berlinerisch waren zumindest die von Erfolg gekrönten Versuche von Die Ärzte, sich mit der Bundesprüfstelle anzulegen. Ist dieser rotzige Umgang mit gewissen Themen nicht typisch für diese Stadt?
Bela: Sehe ich nicht so. Gewollt oder mit berechnender Absicht war das schon gar nicht. Das kam aus der Punkrock-Tradition. Mittlerweile glauben wir gar nicht mehr, wir müssten provozieren. Mittlerweile glauben wir, wir können uns eh alles erlauben.
Farin: Wenn das, was wir machen, so typisch für Berlin wäre, dann müsste es doch mehr Bands geben, die so etwas machen wie wir, oder? Ich kenne aber auf der ganzen Welt keine Band, die so etwas macht wie wir.

Wie ist es zu erklären, dass Die Ärzte – im Gegensatz zu anderen erfolgreichen Bands – keine Welle an Epigonen nach sich gezogen haben?

Farin: Das liegt daran, dass wir kein Konzept haben. Man kann uns nicht verstehen, also kann man uns auch nicht nachmachen.
Bela: Wir leben in unserem eigenen Kosmos nach unseren eigenen Regeln. Ich glaube, Die Ärzte sind ein großes Missverständnis. Immer wieder kommt ja auch der Vorwurf, wir wären eine Band mit Humorzwang. Wir werden reduziert auf lustige Texte und Schüttelmusik, aber tatsächlich nehmen wir das, was wir machen, unsere Musik und unsere Texte, sehr ernst. Selbst unser erster Bassist …

… Hans Runge alias Sahni, den Die Ärzte 1986 rausgeschmissen haben …
Bela: Der hat mit „Erzte Sahne“ versucht, das zu machen, was er dachte, was Die Ärzte sind – und selbst der lag total falsch. Die Platte ist heute eine Rarität, aber eine ungewollte.
Farin: Diese Platte ist sehr selten, aber nichts, womit man angeben kann. [Gelächter]

Demnächst gibt es dann nicht mal mehr das Original. Die Ärzte haben eine „längere Bandpause“ ab 2013 angekündigt.

Bela: Das ist ein Kommunikationsfehler. Ehrlich gesagt haben wir keine Ahnung, was 2013 sein wird. Vielleicht ist die Welt ja eh untergegangen?

Die würde für Die-Ärzte-Fans untergehen, wenn die Band sich auflöst.
Farin: Die Gerüchte gibt es doch seit „Planet Punk“ von 1995.

Aber jetzt bekommen diese Gerüchte so viel neue Nahrung wie lange nicht durch mehrere zweideutige Textzeilen auf dem neuen Album „auch“. Da heißt es zum Beispiel: „Ich geb ja zu, unsere Karriere ist uns gut gelungen/ Doch manchmal ist es an der Zeit weiterzugehen“.
Farin: Also gut, damit Ihr das exklusiv habt: Wir werden uns auflösen – sicher irgendwann mal.
Bela: Wir sind bestimmt keine unauflösbare Band.
Farin: Aber es gibt einen bestimmten Prozentsatz unserer Fans, vielleicht fünf oder zehn Prozent, die leben in der ständigen Angst, dass wir uns auflösen könnten. Wir sind so eine schöne Konstante.
Bela: Wir waren immer da. Mittlerweile erwarten die Fans von uns, dass uns Auflösungsgerüchte umschwirren.
Farin: Ich habe Einträge auf dem Gästebuch meiner Internetseite, da schreibt jemand: Ich kann nicht auf Euch verzichten, Du musst bis zu deinem Tod Musik machen, aber mindestens noch fünfzig Jahre. Ich hatte ehrlich gesagt nicht vor, mit 98 Jahren noch auf der Bühne zu stehen.

Die Kontinuität scheint nicht alles zu sein. Die Ärzte haben erstaunlich viele junge Fans.
Bela: Für die meisten sind Die Ärzte vor allem gute alte Bekannte. Aber wo die Jungen herkommen, das weiß ich auch nicht. Vielleicht ist denen DSDS irgendwann zu blöde geworden.

Häufiger als die Anspielungen auf eine Auflösung sind auf dem neuen Album nur noch die Hinweise auf Punk. Sind Die Ärzte damit nicht ein bisschen spät dran?
Bela: Das ist nun mal die Jugendkultur, die uns entscheidend geprägt hat – und das ist nun mal lange her, aber die Mechanismen in der Subkultur funktionieren doch immer gleich und sind so übertragbar. Manche Ideen von Punk beschäftigen uns immer noch. Ich glaube immer noch an die Idee von Punk, aber ich weiß schon, dass Punk heute vor allem Nostalgie ist. Ich glaube nicht mehr an die revolutionäre Kraft des Punk. Oder richtiger: Ich habe bis letzte Woche nicht mehr daran geglaubt.

Was war letzte Woche?
Bela: Da habe ich eine Dokumentation über Punk in Myanmar synchron gesprochen. Die haben zwei junge Männer mit versteckter Kamera in dieser Militärdiktatur gedreht, und da sieht man Leute, die sich verkleiden wie Menschen vor 35 Jahren auf der anderen Seite des Erdballs …
Farin: … und damit ihr Leben riskieren.
Bela: Das vielleicht nicht, aber es gehört schon großer Mut dazu, Punk in Myanmar zu sein. Als ich das gesehen habe, habe ich gedacht: Vielleicht gibt es die Kraft des Punk doch noch.
Farin: Als wir Punks geworden sind, war das was anderes. Damals gab es keine zerrissenen Klamotten bei C&A. Heute haben sogar die Omas grüne oder rote Haare. Damals wurde ich für gefärbte Haare und eine zerrissene Jacke noch mit schöner Regelmäßigkeit in die Gaskammer gewünscht.

Ist „auch“ eine Punk-Platte?

Farin: Es ist vor allem eine Die Ärzte-Platte. Wie immer übrigens. Ich zitiere Bela B. vom Album „Das ist nicht die ganze Wahrheit“ und das ist schon von 1988: „Seid doch nicht so pingelig, ist doch nur ‘ne scheiß Die-Ärzte-Platte.“

Ziemlich punkig ist auch der Song „Das darfst Du“. In dem äußert sich die Band erstmals seit langer Zeit wieder mal dezidiert politisch.
Bela: Wir haben uns eigentlich vorgenommen, Texte nicht zu erklären, aber ja, das ist mein Song und das ist ein Song mit einem klassischen Punk-Thema, dem Thema Ungehorsam.

Früher kamen die politischen Songs eher von Farin Urlaub.
Farin: Ja, deshalb will ich solche Songs nicht mehr schreiben, war aber auch ganz froh, dass Bela mit einem ankam.

Diesmal hat Bela B. die Drecksarbeit übernommen.
Bela: Genau. Obwohl, so trennen kann man das rückblickend nicht.

Was kann so ein Song erreichen, in dem es heißt: „Komm, setz Dich zur Wehr, stell Dich einmal quer“?
Bela: Ja, was kann so ein Song erreichen? Musik ist in erster Linie Soundtrack zu deinem Leben. Musik ist ein Vehikel für Emotionen, und so ein Song verschafft einem ja womöglich die Kraft zu kämpfen.
Farin: Ui.
Bela: Vielleicht ja doch. Ich finde Occupy jedenfalls eine positive Bewegung.

Noch fehlt dieser weltumspannenden Bewegung aber ein gemeinsamer Soundtrack.
Farin: Noch … Kommt jetzt aber raus. Heißt „auch“. [lacht]

Da muss man natürlich fragen: Was soll dieser Titel?
Bela: Das ist doch ein tolles, vor allem universell einsetzbares Wort. Das sich übrigens gegen die harte Konkurrenz anderer Titelvorschläge durchgesetzt hat, weil es so anschlussfähig ist.
Farin: Das war der Konsenstitel.
Bela: Der Philipp Rösler unter den Slogans.

Nicht nur Die Ärzte werden 30 Jahre alt, auch eine andere, nicht ganz unbekannte deutsche Punkrock-Band. Wie ist das Verhältnis zu den Toten Hosen?
Farin: Nicht mehr so eng, wie es schon mal war. Wir haben uns auseinander gelebt.
[Gelächter]
Bela: Wir sehen uns nicht als Konkurrenz. Der Unterschied zwischen den Toten Hosen und uns ist viel zu groß. Was verbindet uns denn, außer dass wir beide deutsche Texte machen? Die „Opel-Gang“…

… das Debütalbum der Toten Hosen.
Bela: Das war damals auch eine wichtige Platte für uns. Das ist heute immer noch eine große Platte, ein Meilenstein, neben Slime die erste wirklich kraftvolle deutschsprachige Punk-Platte.

Was sagt uns das über Deutschland, dass Die Ärzte schon so lange so erfolgreich sind?
Farin: Sagt uns das was über Deutschland? Sagt das nicht eher was über uns?
Bela: Ich finde das ein gutes Zeichen für dieses Land.
Farin: Vielleicht zeigt es, dass dieses Land Geschmack hat. Aber wahrscheinlich zeigt es viel mehr, dass die Leute mit der Fülle neuer Sachen überfordert sind. Wir bringen nur alle drei, vier Jahre was raus und gehen auf Tour, und das können die Leute gerade so verkraften.

Bedeutet der Massenerfolg der Die Ärzte vielleicht, dass die Deutschen doch mehr Humor haben, als man Ihnen gemeinhin nachsagt?
Farin: Die Frage ist dann aber: Verstehen die Leute unsere Witze auch so, wie wir sie meinen?
Bela: Angeblich sollen die Engländer ja den tollsten Humor haben, aber bei denen war Scooter schon mal Nummer Eins in den Charts. Was sagt uns das über England?
Farin: Nichts Gutes. Oder dass die Engländer einen Humor haben, den wir nicht mehr verstehen.

Foto: Olaf Heine