Berlin

Die Bahnhofs-Mission

Eine Initiative will den Anhalter Bahnhof wiederaufbauen, aber ohne Zugverkehr. Was soll das denn bloß?

Das Portal, das vom Anhalter Bahnhof als einziges Fragment übriggeblieben ist.
Foto: imago images / imagebroker

Ein paar Sportplätze, ein Bunker aus dem Dritten Reich, in dem heute die  Ausstellung „Berlin Story“ residiert, daneben das Tempodrom: Die Gegend um den Anhalter Bahnhof wirkt heute recht leer, vom Bahnhof selbst steht nur eine traurige Restfassade. Die Halle wurde im Zweiten Weltkrieg beschädigt, aber erst im Jahr 1959 gesprengt. Der Senat war der Meinung, dass der Bahnhof einsturzgefährdet sei. Als jedoch die Sprengfirmen anrückten, erwiesen sich die Backsteinmauern als so stabil, dass sich mehrere Abrissfirmen verkalkulierten und am Abriss des Gebäudes scheiterten. Eine hat es dann doch geschafft.

Eine Initiative mit mittlerweile fast 500 Mitgliedern will den Bahnhof nun wieder aufbauen. „Dieses Bauwerk hätte gut und gerne 400 oder 500 Jahre überdauert“, sagt Jörn Selbig, 53, Administrator der Facebookgruppe „Anhalter Bahnhof“. Selbig musste in der Grundschule einen Aufsatz über den Anhalter Bahnhof schreiben. Er kennt dessen Geschichte mittlerweile in- und auswendig. Dass die Restfassade überhaupt noch steht, sei Bürgerprotesten zu verdanken gewesen, sagt er.

In den 50er Jahren fuhren vom Anhalter Bahnhof die Züge in die DDR ab, nach Brandenburg und Sachsen-Anhalt. 1952 wurde der Zugverkehr vom Anhalter Bahnhof eingestellt. Der von 1874 bis 1880 errichtete Bahnhof wurde damit funktionslos. Erbaut wurde er mit Greppiner Klinker und einer Reihe unterschiedlicher, handgefertigter Terrakotta-Formsteine. 1928 bekam der Bahnhof sogar noch einen Hoteltunnel zum gegenüberliegenden Hotel Excelsior, damals „der längste Hoteltunnel der Welt“.

Auslöser für die Entstehung der Initiative Anhalter Bahnhof war der Plan für das Museum des Exils, das von einer Gruppe um die Schriftstellerin Herta Müller an just dieser Stelle angedacht ist. Das Museum war erst an der Fasanenstraße in Charlottenburg geplant, in der das Käthe-Kollwitz-Museum seinen Sitz hat. Dort sei jedoch nicht genug Platz, deshalb plädiert die private Museums-Initiative nun für einen Neubau – schließlich seien vom Anhalter Bahnhof einmal viele Menschen ins Exil gereist.

„Das geht gar nicht“, sagt Selbig; dieser historische Platz wäre der falsche für einen profanen Museumsneubau. Neubauten in der berühmt-berüchtigten Berliner Schießschartenarchitektur gäbe es nach seinem Dafürhalten momentan sowieso zu viele. Deshalb gründeten einige Mitstreiter im August 2018 die Initiative zum Wiederaufbau des Bahnhofs. Selbig findet die Idee des Wiederaufbaus faszinierend, weiß aber auch, dass sie unrealistisch ist. Den Preis beziffert er auf rund 80 Millionen Euro. Seiner Meinung nach sei das vergleichsweise wenig: „Erst recht, wenn man sieht, dass für ein Museum der Kunst des 20. Jahrhunderts am Kulturforum locker mal 450 Millionen Euro vom Bund lockergemacht werden. Für so einen Schuppen eine riesige Halle?“

„Neubauschrott verhindern“

Doch als was soll der Anhalter Bahnhof heute dienen? Eine Nutzung als Bahnhof ist ausgeschlossen, die Gleisanbindung existiert nicht mehr. „Unsere Vorschläge wären zum Beispiel eine Konzerthalle, ein großes Schwimmbad, eine Markthalle, oder eine exklusive Wohnanlage nach italienischem Vorbild mit Patio“, sagt Selbig. Um sich Ratschläge zu holen, hat er auch schon mit Wilhelm von Boddin telefoniert, der den Förderverein Berliner Schloss ins Leben rief.

Selbig schaut auf die historischen Fotos des Bahnhofs, die im heutigen S-Bahnhof Anhalter Bahnhof hängen. „Dieser Bahnhof hat einfach eine Harmonie, eine Schönheit, die jeden anspricht“, schwärmt er. Allerdings sehe man an den Schwierigkeiten, die der Projektentwickler beim Wiederaufbau des historischen Karstadt-Hauses am Hermannplatz habe, dass solche waghalsigen Projekte in Berlin in zähe politische Kämpfe ausarten können. Was der Initiative noch fehle, sei ein stiller Mäzen. Der sollte bereit sein, Überzeugungsarbeit zu finanzieren.

Und auch politische Verbündete wären nicht schlecht. So hätten die Gründer des Exilmuseums Personen wie Eberhard Diepgen, Otto Schily, Herta Müller und Angela Merkel hinter sich.

Da in den kommenden Jahren der Bebauungsdruck des Geländes am Anhalter Bahnhof mit Sicherheit zunehmen werde, sei es Zeit für die Initiative, sich auf breitere Füße zu stellen. „Auf jeden Fall Neubauschrott verhindern“, ruft Selbig. Er arbeitet in Berlin als Paketbote und sieht deswegen besonders viel von der Stadt mit ihren uniformen Neubauten, die seiner Meinung nach dem Stadtbild Berlins oft nicht zuträglich sind.

Die Senatsverwaltung für Stadtentwicklung und Wohnen zeigt sich auf Anfrage irritiert über das Wiederaufbau-Vorhaben und möchte keine Stellungnahme abgeben. Und die Bahn? „Zu diesem Thema können wir nichts beitragen. Sollte es um die Ruine gehen, so gehört diese nicht mehr der Deutschen Bahn“, sagt Gisbert Gahler von der Deutschen Bahn AG am Potsdamer Platz.

Ein Mitarbeiter des Landesdenkmalamtes, der ungenannt bleiben will, sagt, die denkmalgeschützte Portalruine werde auf jeden Fall bestehen bleiben. Daneben sei Platz für einen Neubau des Exilmuseums, für den es in Kürze einen Architekturwettbewerb geben wird. Von einer Initiative zum Wiederaufbau des alten Anhalter Bahnhofes habe er noch nicht gehört. „Warum sollte der auch wiederaufgebaut werden“, fragt der Mann. Er klingt etwas ratlos dabei.