Kiez oder Dorf?

Die Bergmannstraße soll Fußgängerzone werden

In der Kreuzberger Bergmannstraße soll eine von drei Berliner Begegnungszonen entstehen. Mit mehr Platz für Fußgänger, und weniger Verkehrslärm. Die Frage ist nur: Wer will das überhaupt? Text: Sascha Lübbe

Foto: Petra Konschak
Foto: Petra Konschak

Böse Zungen nennen sie die „Fressmeile Kreuzbergs“,  dicht an dicht drängen sich die Restaurants auf der Bergmannstraße: Vietnamesen, Inder, amerikanische Burger-Läden. Und es werden immer mehr. „Für jeden Traditionsladen, der zumacht“, sagt Nico Hesselmann, „kommt noch mehr Gastronomie.“ Dabei sei das ­kulinarische Überangebot nur eines der Probleme. Wer auf der Bergmannstraße keine Schwierigkeiten sehe, sagt Hesselmann, der schaue nicht richtig hin: Autofahrer würden durch die Tempo-30-Zone rasen oder in zweiter Reihe parken, die Gehwege seien zu schmal, es fehlten Fußgängerüberwege, Ampeln, Abstellmöglichkeiten für Räder.

Der 45-jährige Fotograf zog vor fünf Jahren in den Kiez südlich der Gneisenaustraße. Vorher lebte er in Prenzlauer Berg, einem Stadtteil, der ihm inzwischen zu „kommerziell“, zu „touristisch“ ist. Damit im Bergmannkiez nicht dasselbe passiert, müsse man etwas tun, sagt Hesselmann. Und er wüsste auch schon, was. ­Seine Idee: die Ausbreitung der Gastronomie begrenzen, Ruhezonen schaffen, die Bergmannstraße in eine Einbahnstraße umwandeln – mit mehr Platz für Radfahrer und Fußgänger. „Den Autos so viel Raum zuzugestehen, ist eh nicht modern“, sagt er.


Fußverkehrsstrategie

Die Begegnungszonen sind eines von zehn Modellprojekten der sogenannten Fußverkehrsstrategie, mit denen der Fußverkehr in der Stadt gefördert werden soll. Zu den weiteren Maßnahmen zählen unter anderem fußverkehrsfreundliche Ampeln, Fußverkehrsnetze und die Förderung des fußverkehrsfreundlichen Einzelhandels. Mehr Infos


Hesselmanns Pläne könnten schon bald Wirklichkeit werden: In der Bergmannstraße soll eine ­sogenannte Begegnungszone entstehen. Hinter dem schwammigen Begriff verbirgt sich das Ideal eines ­besseren Miteinanders aller Verkehrsteilnehmer. In ausgewählten, besonders verkehrsreichen Gebieten sollen Autos, Radfahrer und Fußgänger gleichberechtigter behandelt werden. Pate standen ähnliche Projekte aus den Niederlanden und der Schweiz. Drei dieser Begegnungszonen soll es in Berlin geben: Eine wurde bereits eröffnet, in der Schöneberger ­Maaßenstraße. Eine am Checkpoint Charlie soll 2019 kommen. Über die in Kreuzberg 61 – in der Bergmannstraße, zwischen Mehringdamm und ­Friesenstraße – wird gerade diskutiert.

Dabei geht es auch um die Frage, wie viel Dorf die Stadt verträgt. Gehört ein bisschen Lärm und Chaos nicht zu einer belebten Straße dazu? Oder braucht der Kiez mit all den Bio-Läden noch mehr Beschaulichkeit? Anwohner, Ladenbesitzer und die Bewohner der Seitenstraßen – jeder hat seine eigenen Vorstellungen. Was auf den ersten Blick wie ein besonders homogenes Viertel wirkt, entpuppt sich schnell als Schauplatz verschiedenster Interessenskonflikte. Und mehr noch: als ein Kiez, in dem die linksalternative Vergangenheit vieler Bewohner zum Tragen kommt. Denn nicht wenige hier sehen das Projekt als „von oben“ oktroyiert.

Bunte Poller, verwaiste Bänke: Viele Anwohner fanden ihre Maaßenstraße vor dem Umbau weit ansehnlicher als jetztFoto: Sascha Lübbe

Bunte Poller, verwaiste Bänke: Viele Anwohner fanden ihre Maaßenstraße vor dem Umbau weit ansehnlicher als jetzt
Foto: Sascha Lübbe

Einig ist man sich eigentlich nur in einem: Die Bergmannstraße soll nicht werden wie die Schöneberger Maaßenstraße. Dort wurde Anfang Oktober die erste Berliner Begegnungszone eröffnet. Seitdem herrscht Tempo 20, die Fahrbahn wurde verengt und „verschwenkt“, wie es im Fachjargon heißt. ­Autofahrer, die vom Nollendorfplatz kommen, müssen erst eine Links-, dann eine Rechtskurve fahren. Und: Sie müssen sich die Straße teilen – mit Radfahrern und Fußgängern. Letztere haben inzwischen ihren eigenen Bereich auf der Fahrbahn: ein separates Areal mit 29 Eisenbänken, von der Fahrspur abgetrennt durch kleine, blau bemalte Poller. Das Ganze ging zu Lasten von 50 Parkplätzen, die eingespart wurden.

Wenn gut gemeinte Initiativen scheitern

Ayo Gnädig wuchs in der Maaßenstraße auf und ist von der Begegnungszone alles andere als begeistert. „Die ­haben den Charme der Straße einfach weggefegt“, sagt die Unternehmensberaterin. Der Umbau sei weder „schön, noch wirtschaftlich, noch sozial“. Und mehr noch: Er funktioniere nicht. Früher sei die Maaßenstraße eine gewachsene Begegnungsstätte gewesen. Man traf sich auf dem Markt am Winterfeldplatz, in den ­Cafés und Falafel-Läden. Die Leute seien aus der Umgebung ­gekommen, um hier zu essen. Dann wurde das ­Areal „totplaniert“, wie sie es nennt. „Jetzt sieht es hier aus wie auf dem Spielplatz in einem sozialen Brennpunkt.“

Die Maaßenstraße zeigt, wie gut gemeinte Initiativen gehörig nach hinten losgehen können. Der immense Lärmpegel hatte zu den Umbaumaßnahmen geführt. Ständig waren Jugendliche mit ihren Autos durch die Straße gebrettert, die Motoren voll aufgedreht. Inzwischen können sie zwar nicht mehr durch die Straße rasen, stehen aber aufgrund der engeren Fahrbahn häufig im Stau – und hupen, auch abends. Ein anderes Beispiel sind die Bänke: Eigentlich waren sie für Familien gedacht. Tatsächlich, erzählt Gnädig, ziehen sie vor allem Trinker an, die sich in den umliegenden 24-Stundenläden mit Alkohol versorgen. Die 41-Jährige hat inzwischen eine Unterschriftenaktion gestartet, die sie zur nächsten Bezirksversammlung präsentieren will. Für Ayo Gnädig steht fest: „Wir brauchen eine Korrektur.“ Sie nennt ihr Papier „Rolle rückwärts“.


Bürgerbeteiligung Bergmannstraße

Im September und Oktober 2015 konnten Interessierte online kommentieren, was ihnen an der Bergmann­straße gefällt – und was verbessert werden sollte. Ein PDF mit den Ergebnissen der Erhebung kann man auf der Website herunterladen. Ganz oben auf der Beschwerde­liste: das Thema Parken. www.begegnungszonen.de


Doch es sind nicht nur die Anwohner, die wenig mit der organisierten Begegnung anfangen können. Auch die Gewerbetreibenden in der Maaßenstraße leiden. „Meine Kunden kommen vor allem mit dem Auto“, erzählt der Inhaber eines Restaurants, der seinen Namen nicht in der Zeitung lesen will. „Jetzt, wo es keine Parkplätze mehr gibt, bleiben viele weg.“ Bis zu 40 Prozent Umsatzverlust habe er gemacht, erzählt der Mann. Für die knapp 800.000 Euro, die der Umbau der Straße gekostet hat, hätte man „auch etwas Schöneres machen können“. Zumindest das Ziel, die Geschwindigkeit durchfahrender Autos zu senken, wäre auch leichter umsetzbar gewesen: „Ein Blitzer hätte es auch getan.“

Ähnlich klingen die Skeptiker in der Bergmannstraße. Und auch die Sorgen vor sinkendem Umsatz kennt man dort. Zum Beispiel im Postkarten- und Geschenkeladen Ararat. „Wir haben Angst, weil wir nicht wissen, was kommt“, sagt Margit Jankowski, Inhaberin des Geschäfts, Anfang 60, ganz in Schwarz gekleidet, mit elegantem Kurzhaarschnitt. Sie und die Kollegen aus den angrenzenden Geschäften fürchten vor allem Umsatzeinbußen aufgrund der Umbauarbeiten, sagt sie. „Für einige könnte es das finanzielle Ende bedeuten.“

Margit Jankowski, Inhaberin des Postkarten- und Geschenkeladens Ararat (re.), und ihr ­Lebensgefährte Michael Spenner fragen sich: „Was ist überhaupt eine Begegnungszone?‟Foto: Sascha Lbbe

Margit Jankowski, Inhaberin des Postkarten- und Geschenkeladens Ararat (re.), und ihr ­Lebensgefährte Michael Spenner fragen sich: „Was ist überhaupt eine Begegnungszone?‟
Foto: Sascha Lbbe

Die gebürtige Stuttgarterin führt den Laden seit über 30 Jahren. Für sie ist es gerade „die Wuseligkeit“, die den Charme der Bergmannstraße ausmacht: das Gedränge auf den Bürgersteigen, die vielen Radfahrer, die chaotische Parksituation. „Am Ku’damm wird doch auch schnell gefahren und in zweiter Reihe geparkt“, sagt sie. „Das stört doch auch niemanden.“

Ein Umbau für rund 1,5 Millionen Euro

Wenn man mit Jankowsi spricht, hat man das Gefühl, der Bergmannkiez sei ein eigener Kosmos, die Bewohner eine große Familie. Es sei hier zwar etwas feiner geworden, erzählt sie, dennoch sei der Kiez so lebendig wie eh und je. Nach der Wende seien einige Anwohnern abgewandert, etwa nach Prenzlauer Berg. Nicht wenige aber seien reumütig wieder zurückgekehrt.

Das Projekt Begegnungszone klingt bei ihr wie ein Fremdkörper – ein Konzept, das nicht in die Stadt, vor allem nicht nach Kreuzberg passt. Eine „unangenehmen Einmischung von oben in unseren Bereich“, nennt sie die Idee. „Die sollen das einfach lassen. Die Bergmannstraße sollte bleiben, wie sie ist!“

»Die sollen das einfach lassen. Die Bergmann­straße sollte bleiben, wie sie ist!«

Margit Jankowski, Gewerbetreibende

Aber wer ist das eigentlich, „die“? Die Idee stammt von der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung und Umwelt. Sie hatte das Projekt Begegnungszone im Rahmen der sogenannten Fußverkehrsstrategie 2011 ausgeschrieben – mit jährlich wechselndem Budget. Die genauen Kosten für die Umgestaltung der Bergmannstraße stünden zwar noch nicht fest, erklärt der zuständige ­Referatsleiter des Senats Horst Wohlfarth von Alm. Da die Straße aber doppelt so lang wie die Maaßenstraße ist, gehe man auch etwa von doppelten Kosten aus. Das wären 1,5 bis 1,6 Millionen Euro.

Vorrangiges Ziel des Projekts sei nicht die Reduzierung des Verkehrs in der Straße, sondern die Reduzierung der Fahrgeschwindigkeit auf ein „fußgängerfreundliches Niveau“. Den Umbaumöglichkeiten seien dabei allerdings Grenzen gesetzt: Sie sollten schnell umsetzbar und nicht zu aufwendig sein. Es müsse eine hohe Bürgerbeteiligung geben. Vor allem aber müsse auf die Ausgewogenheit zwischen den Verkehrsteilnehmern geachtet werden. Konzepte, die eine Gruppe bevorteilen – etwa eine reine Fußgängerzone – fielen damit aus.

Insgesamt 33 Straßenabschnitte wurden dem Senat vorgeschlagen, eine Kommission traf die Auswahl. Der Bezirk Friedrichshain-Kreuzberg bewarb sich mit der Bergmannstraße, weil es „dort viele Probleme zwischen den Verkehrsteilnehmern gibt und der Wunsch nach Veränderung seitens der Anwohner ausgeprägt ist“, wie Ursula Meyer, Referentin des erkrankten Baustadtrats Hans Panhoff, sagt.

Dass es auch kritische Stimmen gibt, sei dem Bezirk bewusst. Diese würden gehört, gesammelt und abgewogen, sagt Meyer. Und überhaupt: Die Begegnungszone werde nur kommen, wenn sich die Bürger dafür aussprechen. Es sei die Bezirksverordnetenversammlung, die abschließend darüber entscheidet. „Gegen den Willen der Bürger passiert nichts.“

Und dennoch: Kritikpunkte bleiben. Etwa bei ­Michael Spenner, dem Lebensgefährten von Ararat-­Inhaberin Margit Jankowski. Er sei zwar nicht grundsätzlich gegen eine Begegnungszone, sagt der 71-jährige freiberufliche Architekt. Was er aber bemängle, sei die Kommunikationspolitik des Senats und Bezirksamtes. „Es ist noch immer nicht klar, was eine Berliner Begegnungszone eigentlich sein soll“, sagt er. Er hat nicht ganz Unrecht: In der Schweiz, wo das Konzept entwickelt wurde, haben Fußgänger in diesen Zonen Vorrang. In den Niederlanden sind sie zumindest gleichberechtigt. In Deutschland aber scheitert das an der Straßenverkehrsordnung: Abgesehen von Spielstraßen mit Schrittgeschwindigkeit haben Autos hier immer Vorfahrt. Ist die „Begegnungszone“ also gar keine echte Begegnungszone, sondern nur ein verkehrsberuhigter Bereich?

Reisebusse brettern durch das Viertel

Michael Spenner hat inzwischen einen Blog ins Leben gerufen, auf dem er Informationen zum Thema und seine Korrespondenz mit den verschiedensten offiziellen Stellen sammelt. Der Blog richtet sich vor allem an die Gewerbetreibenden der Straße, die Ladenbesitzer, Gastronomen, Anwälte und Ärzte. Spenner versucht, sie in einer Interessengemeinschaft zusammenzubringen. Sein Nachbar Stefan Neitzel, Inhaber des Radladens Fahrradstation, organisiert inzwischen auch Treffen.

Doch nicht die Gewerbetreibenden sind umtriebig. Die Begegnungszone wird auch in den Nebenstraßen emsig diskutiert. Etwa bei den Mitgliedern des Vereins „Leiser Bergmannkiez“, der sich seit 2012 in einer Erdgeschosswohnung in der Friesenstraße trifft. „Einige Anwohner denken, wir hätten die Begegnungszone ins Leben gerufen“, sagt der  Vereinsvorsitzende Hans-Peter Hubert. „Aber das stimmt nicht. Wir haben auch nur davon erfahren – und uns gefragt, was das für uns bedeutet.“

Der 56-jährige Sozialarbeiter ist ein gemütlicher Typ: kräftig gebaut, Khakihose, Karohemd, Bartstoppeln. Seine Initiative kämpft für eine Verringerung des Lärms im Kiez. Hubert und seine Mitstreiter setzen sich vor allem dafür ein, dass der Bereich der Marheineke­hallen-Kreuzung zwischen Friesenstaße und Zossener Straße in die Planung einbezogen wird. Ihre Forderung: Die Zossener Straße soll auf Höhe der Halle für den Durchgangsverkehr gesperrt werden. Derzeit brettern täglich Reisebusse durch das Viertel – eine Ausweichroute zum häufig verstopften Mehringdamm.

Bessere Bürgerbeteiligung

Hubert und seine Mitstreiter begleiten das Projekt von Anbeginn – nicht zuletzt, um negativen Erfahrungen wie aus der Maaßenstraße vorzubeugen. Dort hatte es, wie bei der Bergmannstraße, ebenfalls eine Bürgerbeteiligung gegeben. Diese aber war allein von Senat und Bezirk organisiert worden, war „unübersichtlich und verwirrend“, wie Hubert sagt. „Da haben wir beschlossen: Das muss besser werden.“ Sein Verein regte daraufhin die Gründung einer Steuerungsgruppe an, bestehend aus Mitgliedern von Senat, Bezirk und der Zivilgesellschaft, die den Ablauf der Bürgerbeteiligung in der Bergmannstraße mitgestaltet.

»Jetzt sieht es hier aus wie auf einem Spielplatz in einem sozialen Brennpunkt«

Ayo Gnädig, Anwohner in der Maaßenstraße

Im Gegensatz zur Maaßenstraße, wo die Anwohner ­direkt mit den Plänen konfrontiert wurden, wird es in der Bergmannstraße nun zwei Dialogphasen geben: In einer ersten Phase im September und Oktober 2015 konnten Interessierte online kommentieren, was sie an der Bergmannstraße mögen und was sie für verbesserungswürdig halten. Auf Grundlage der über 400 eingegangenen Beiträge und Kommentare entwirft das Planungsbüro LK Argus derzeit erste Skizzen für einen möglichen Umbau.

Diese werden ab dem 9. Februar der Öffentlichkeit vorgestellt und können in einer zweiten Dialogphase online kommentiert werden. Zudem wird es Bürgerwerkstätten und weitere Treffen von Gewerbetreibenden geben. Die Ergebnisse aus den Veranstaltungen und die endgültigen Entwürfe werden bei einer Abschlussveranstaltung präsentiert.

Spätestens dann wird sich auch zeigen, ob Nico Hesselmanns Idee der Einbahnstraße weitere Anhänger findet. Doch selbst wenn nicht – der Fotograf empfindet die Begegnungszonen, anders als viele seine Mitbürger, eher als Chance, denn als Bedrohung. „Wenn der Senat etwas macht und die Bürger einbezieht“, sagt er, „kann man sich doch erst einmal freuen.“ Auch die häufig geäußerte Befürchtung, dass es in der Bergmannstraße mit einer Begegnungszone zu ruhig und provinziell wird, teilt er nicht. „Berlin ist eine Großstadt. Da muss es auch Orte geben, an denen man sich zurückziehen kann.“ Viele Anwohner der Bergmannstraße sehen das sicher anders. Aber vielleicht ist das ja auch das Gute an dem Projekt: Es wird zumindest diskutiert.

Kommentiere diesen beitrag