Berlin

Die Berliner Dauer-Ärgernisse

Manche Dinge in dieser tollen Stadt machen uns rasend. Klar, wir Berliner regen uns gern auf. Aber es gibt ja auch reichlich Gründe dafür. Manche davon bleiben uns schier ewig erhalten. Jetzt reicht es uns aber mal. Die ZITTY-Top-33 der Berliner Dauer-Ärgernisse

Texte: Julia Lorenz, Clemens Niedenthal, Friedhelm Teicke, Martin Schwarzbeck, Jacek Slaski, Lina Lux, Erik Heier

1. Der Mietenwahnsinn

Das Ärgernis Nummer eins für 85 Prozent der Berliner, also alle, die kein Eigenheim besitzen: die Mietenexplosion. Bis vor gar nicht allzu langer Zeit weigerte sich Berlin noch, die Wohnungsnot offiziell anzuerkennen; es gäbe doch genug Leerstand, hieß es damals.

Jetzt wird verzweifelt jeder freie Fleck zugebaut. Allerdings meist mit Wohnungen, die sich von uns Normalverdienern sowieso niemand leisten kann. Wenn es so weitergeht, landen wir alle in Spandau und Marzahn. Könnte eng werden da.

Was dann wieder Investoren auf den Plan ruft, die … wir kennen das Spiel. Siehe auch: die nächste ZITTY.


2. Die maroden Schulen

Schultoilette
in der Anna-Freud-Schule
Foto: Josie Weinhold

Natürlich gibt es No-go-Areas in Berlin: Schultoiletten. Kein Kind tritt dort freiwillig ein und aus. Der Sanierungsstau an Berlins Schulen ist seit vielen Jahren so beständig wie Urinstein.

Mancherorts verbreiten die Klassenräume mehr Aufenthaltsqualität für Schimmelpilzkulturen als für Schüler. Oder irgendwo stürzt ein bisschen Decke runter.

Ob die milliardenschwere Berliner Schulbauoffensive, die die landeseigene Howoge jetzt stemmen soll, nicht doch ein Griff ins Klo wird, bleibt abzuwarten. Eine Initiative fürchtet jedenfalls Schattenhaushalte und künftige Schul-Privatisierungen. Kann ja heiter werden. Siehe auch: Gymnasien.

 

Der Berliner Bildungsjammer


3. Der Schwarzfahrerknast

30 Prozent der Insassen der JVA Plötzensee sitzen wegen wiederholten Schwarzfahrens ein. Wer dreimal erwischt wird, bekommt eine Anzeige; wer die folgende Strafe nicht zahlen kann, geht in den Knast. Ziemlich unfair angesichts der Tatsache, dass Falsch­parker, die sich ja ebenfalls Leistungen erschleichen, mit einem Bußgeld davonkommen. Schwarzfahren als Straftat, das könnte man ändern. Passiert nur nicht.

So gibt Berlin weiter für jeden einsitzenden Schwarzfahrer 146 Euro am Tag aus. Mit dem Geld könnten die sich täglich zweimal beim Schwarzfahren erwischen lassen – und kämen noch mit einem Plus davon. Siehe auch: Landgericht.


4. Fahrraddiebstahl

Natürlich. Ein geklautes Fahrrad ist keine Krebsdiagnose, keine Wohnungsmodernisierung, keine Faust in die Fresse. Aber es nervt trotzdem wie die Pest. Nur mentale Masochisten schließen noch ihr Lieblingsrad in der Öffentlichkeit an. Die Chance, dass jemand vorbeikommt, der gerade ein Rad braucht, ist groß.

Gut 30.000 Berliner zeigten letztes Jahr einen Fahrraddiebstahl an. Keiner weiß, wie viele Opfer sich den Gang zur Polizei sparen. Schließlich liegt die Aufklärungsquote nur knapp über der Wahrscheinlichkeit, im Lotto abzuräumen.

Auf den Spuren der Fahrraddiebe


5. Die Hundescheiße

Foto: Wikipedia/Kulmalukko

Das Problem ist so alt wie die Stadt selbst. Man muss zwar den Berliner Hundehaltern zugestehen, dass sie in den letzten Jahren durchaus Fortschritte gemacht haben und immer öfter die Notdurft ihrer Lieblinge brav, in Plastiktüten verpackt, zum Mülleimer bringen. Aber es sind lange noch nicht alle, wenn man sich so auf den Bürgersteigen umschaut. In anderen Städten geht es doch auch! Jeder nicht beseitigte Kackhaufen ist ein Kackhaufen zu viel.

Gutes Zureden hilft nur bedingt, strenge Erziehungsmaßnahmen müssen her. Also liebe Hundefans: Häufchen ins Eimerchen!


6. Die AfD im Parlament

Weil der Bildungsausschuss eine Reise nach Paris plant, twitterte die Berliner AfD-Fraktion: „Nein zum Sightseeing-Trip nach Paris“. Dafür gab es eine Rüge wegen unparlamentarischen Verhaltens. Und weil eine als „Frauenmarsch“ getarnte rechte Demo von einer Blockade gestoppt wurde, empörte sich die AfD, dies sei eine „Schande für Berlin“.

Und das Mobilitätsgesetz, mit dem der Senat vor allem den Radverkehr stärken will, nannte AfD-Politiker Frank Scholtysek ein „Ideologisches Versatzstück“. Man muss sich schon fragen, ob die AfD zu Berlin gehört. So wie es aussieht, leider ja. Ärgerlich ist es trotzdem.


7. Standesamt-Terminnot

Wer sich partout nicht davon abbringen lässt, in Berlin zu heiraten, braucht schon mal einige Monate Geduld, bis er einen Standesamt-Termin kriegt. Vor allem in Mitte und Pankow. Auch eine Geburtsurkunde sollte besser zeitnah nach der Zeugung beantragt werden.

Wir wollen hier jetzt aber nicht in wahlloses, billiges, populistisches Behördenbashing verfallen, die haben es ja wirklich nicht leicht gehabt, deshalb: Nirgendwo in Deutschland werden Steuererklärungen schneller bearbeitet als in Berlin. Muss ja auch mal gesagt werden. Siehe auch: Hebammen.


8. Der Hebammenmangel

Zu seltene Spezies: Hebammen in Berlin
Foto: imago/epd

Manche Fast-Mütter weist man in Kliniken ab, obwohl die Wehen längst eingesetzt haben. Andere müssen trotz schlecht heilender Kaiserschnittnarbe schon früh nach Hause entlassen werden. Einer der Gründe: Die Anzahl der aktiven Hebammen in Berlin steigt nicht im gleichen Maße wie die Geburtenrate.

Immerhin ist nun offenbar auch aus Sicht des Senats der Leidensdruck groß genug, um den Personalmangel mit einem Aktionsprogramm zu beheben. Unsere Urenkel werden es uns danken. Vielleicht. Siehe auch: Standesamt-Termine.


9. Überlastete Gerichte

Bisschen was auf dem Kerbholz? Bandenmäßiger Drogenhandel? Oder Schrottimmobilien verscherbelt? Und jetzt stehen Polizisten vor der Tür? Halb so wild. Da gibt es ja noch das Berliner Landgericht.

Das zu wenige Gerichtssäle hat. Zu wenige Richter auch. Justizsenator Dirk Behrendt (Grüne) richtet jetzt fünf neue Kammern ein, lässt Säle bauen.

Noch aber ziehen sich Verfahren gegen Schwerkriminelle ewig hin. Manchmal, bis sie platzen. Dafür werden Schwarzfahrer eingelocht. Siehe auch: Schwarzfahrerknast.

Berlins Justiz-Burnout


10. Die Alex-Hochhäuser

25 Jahre alter Wolkenkratzer-Plan für den Alex, geplanter Hines-Turm: Der ist doch noch gut
Foto: O&O Baukunst / finest images

25 Jahre alt ist der Plan von Hans Kollhoff für zehn 150-Meter-Wolkenkratzer am Alexanderplatz. Jetzt sieht es aus, als könnten wir bei zwei Türmen den Bau tatsächlich noch erleben. US-Investor Hines will einen Wohnturm hochziehen, streitet aber mit der BVG, die sich um den U5-Tunnel sorgt.

Und am Alexa baut der russische Monarch-Konzern 475 Eigentumswohnungen mit Quadratmeterpreisen ab 5.000 Euro. Genau, was die Stadt braucht. Siehe auch: Wohnungsmarkt, Alex-Sicherheit.


11. Radweg-Parktrottel

Radweg am Hermannplatz
Foto: Lena Gannsmann

Nur eben schnell zum Bäcker. Nur eben schnell zur Post. Nur eben schnell zur Fußpflege. Nur eben am Arsch. Natürlich gibt es Gründe, sein Auto mal kurz auf dem Radweg zu parken. Nur eben keine guten.

Für Radfahrer ist es die Cholera. Man könnte kotzen. Auf jede einzelne Windschutzscheibe.

Berlins gefährlichste Radwege


12. Karl-Marx-Baustraße

Seit acht Jahren werden zwei Kilometer Neuköllner Hauptverkehrsader erneuert. Weil nebenher auch Wasser-, Gas- und Stromleitungen ausgetauscht werden, während sich Autos mit Tempo 30 stadteinwärts quälen, freuen sich die Fußgänger auf der anderen Fahrbahn über die Bewegungsfreiheit.

Wenn nichts dazwischenkommt (wegen des Winters lagen die Arbeiten zuletzt brach), wird das Wunderwerk 2021 fertig – und mündet dann in ein neues Bauprojekt am Hermannplatz. Geht sicher ähnlich schnell.


13. Der Schulplatzmangel

Wenn in der Straßenbahn hypernervöse Helikoptereltern auf blassgesichtige Viert- oder Sechtsklässler einreden, sind sie entweder auf dem Weg zum Scheidungsvater – oder zum Eignungstest im Gymnasium. Denn bei den begehrten Gymnasien herrscht schon beim Aufnahmeverfahren ein Leistungsdruck, als wäre Heidi Klum die Schuldirektorin. Ein 1,7er-Schnitt ist längst keine Garantie auf einen der begehrten Plätze.

Aber schon an den Grundschulen reagiert auch beispielsweise in Pankow das Prinzip Pechsache. Und wo selbst Geschwisterkinder abgewiesen werden, sitzt der Anwalt besonders locker. Siehe auch: Marode Schulen.

Schule anders denken


14. Die Partytouristen

Sie gröhlen, saufen und pissen an die Wände, finden alles „crazy“, hocken in Bars herum, die man gar nicht mehr betreten mag, und stürzen im Berghain ab, wenn sie da überhaupt reinkommen. Partytouristen behandeln Berlin als lustige Kulisse für ein exzessives Partywochenende, dann fliegen sie nach Hause und sind vermutlich brav und gesittet. Wir freuen uns ja über alle Besucher.

Und klar, viele Clubs würden ohne die Partytouristen nicht existieren können. Aber es gibt Gegenden in Kreuzberg, Friedrichshain oder Neukölln, wo es sich kaum noch als Bewohner aushalten lässt. Da kann man noch so weltoffen sein: Es nervt.

Touristen lieben lernen


15. Der Bierpinsel

Coworkingspace? Hotel? Die Zukunft des exzentrischen Steglitzer Bierpinsels ist ungewiss
Foto: imago/Schöning

47 Meter ragt das einstige „Turmrestaurant Steglitz“ an der Stadtautobahn hoch, entworfen von den ICC-Architekten Ralf Schüler und Ursulina Schüler-Witte. Noch bevor der Bierpinsel 1976 überhaupt eingeweiht wurde, galt er schon als Bauruine, weil eine Abschreibungs-GmbH Pleite ging. Seit über zehn Jahren steht das bizarre Bauwerk nun leer. Von der Idee eines „Turms der ­Künste“ vor acht Jahren blieb nur die grellbunte Grafitti-Bemalung übrig, die nicht aussieht, als könne irgendjemand sowas drogenfrei entwerfen.

Bei Sotheby’s mochte im vergangenen August niemand 3,2 Millionen Euro für den Bau locker machen. Zuletzt war zu lesen, aus dem Bierpinsel könne ein Hotel oder ein Coworking­space werden. Wie wäre es mit: einer Kneipe? Siehe auch: ICC


16. Das Arzttermin-Elend

Sechs verdammte Monate? Das hat sie gerade nicht wirklich gesagt am Telefon, oder? Doch. Sechs Monate Wartezeit für einen Kardiologentermin. Unfassbar. Aber die Regel. Und schlimmer. Irgendwie kommt es uns wie eine vage Erinnerung an früher vor, dass man einfach so zum Kardiologen, Orthopäden oder Dermatologen ging.

Jetzt sitzen wir selbst bei unserem Hausarzt Stunden ab. Und dann spaziert der Privatversicherte kalt grinsend an uns vorbei, und wir denken, wenn auch mit schlechtem Gewissen: Hoffentlich ist es wenigstens was Ernsteres.


17. Die Volksbühne

Die umstrittene Entscheidung des damaligen Kulturstaatssekretärs Tim Renner, den belgischen Museumsmann Chris Dercon zum Nachfolger von Frank Castorf an der Volksbühne zu machen, erregt manche schon seit zwei Jahren. Doch auch wer Dercon die erbetene Chance für den Neustart fair zugestanden hat, ist nun vom dünnen Spielplan mit wenigen wirklichen Premieren und Uraufführungen und dafür vielen Schließtagen enttäuscht.

Während es unter Castorf mit den Hausregisseuren Marthaler, Fritsch und Pollesch ein ästhetisch breites Angebot gab, zeigt Dercon neben Tanztheater bislang nur eine Farbe: ein sehr starres, installatives, fast meditatives Theater. Zu wenig für Berlins größte Sprechtheaterbühne.


18. Die Gehwegschäden

Kaputte Gehwege könnte man reparieren, damit alte Leute oder junge betrunkene Leute nicht hinfallen und sich ernsthaft wehtun. Oder aber man hängt ein „Gehwegschäden“-Schild auf, damit, wenn alte Leute oder junge betrunkene Leute hinfallen und sich wehtun, diese hinterher nicht den Bezirk verklagen. Wie sieht wohl die Berliner Lösung aus?

Genau. In Neukölln hat es ein Schilderdreiklang vor zwei Jahren gar zu medialer Berühmtheit gebracht: „Straßenschäden/Radwegschäden/Gehwegschäden“. Drei Schilder auf einmal. Die hängen da natürlich noch. Jetzt seit acht Jahren.


19. Das Digitaldesaster

Seine Bankgeschäfte und selbst die Steuererklärung kann man online erledigen. Die ­allermeisten Behördengänge sind aber noch analog. Das heißt: Termine besorgen, lange Wartezeiten, Papierformulare ausfüllen, abgeben, wieder warten, sich mit Beamten herumplagen.

Selbst die neue Digital-Ministerin Dorothee Bär (von der CSU!) stellte kürzlich fest, dass deutsche Behörden bei der Digitalisierung hinterherhinken. Irgendwann werden wir den ganzen Kram mit einer Smartphone-App steuern, die Frage ist nur: wann?


20. Das Dragoner-Areal

Nach jahrelangem Streit mit Berlin rückte die bundeseigene Bima vom schon besiegelten Verkauf von Kreuzbergs letztem großen Baugrundstück zum Höchstpreis ab, weshalb der am 36-Millionen-Euro-Deal beteiligte Berliner Entwickler Arne Piepgras den Regierenden Bürgermeister und den Finanzsenator auf einige Millionen Euro Schadensersatz verklagte. Im April ist ein Notartermin angesetzt, um die Fläche ans Land zu übertragen.

Bis zu 800 Wohnungen sollen die landeseigenen WBM und Degewo dort bauen, nicht alle vor Ort sind darüber begeistert. Und Piepgras will weiter gegen die Rück­gabe des Grundstücks klagen: in Brüssel.


21. Die Alex-Sicherheit

Massenschlägereien, Diebstähle, Drogenhandel: Der Alex ist verrufen wie sonst kaum ein Ort in Berlin, das Kottbusser Tor mal ausgenommen. Eine Polizeiwache direkt auf dem Platz soll den Menschen ihr Sicherheitsgefühl zurückgeben, doch das besonders kriminalitätsbelastete Areal rund um den Fernsehturm hat auch die nicht im Blick.

Deshalb gibt es immer wieder Initiativen, den Alex von Kameras überwachen zu lassen. Das aktuelle Volksbegehren für mehr Videoüberwachung will dort sogar Mikrofone installieren. Das wäre dann noch angsteinflößender als die Kriminalität. Siehe auch: Alex-Wolkenkratzer.


22. Das ICC

ICC
Foto: Von Wolfgang Pehlemann Wiesbaden Germany – Selbst fotografiert, CC BY-SA 3.0 de, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=10632821

Der Zombie unter Berlins Betonklötzen. Befand sich jahrelang wegen Unrentabilität, Altersschwäche und Asbest auf der Abrissliste, ehe der Senat 2008 seine Sanierung beschloss. Die selbstverständlich nicht wie geplant zwei Jahre später begann.

Seit nunmehr vier Jahren steht der 1979 eröffnete Bau unnütz herum, zuletzt holte sich dort vor vier Jahren Daimlers Aktionärsversammlung das Karma für die Diesel-Krise ab. Nur für Flüchtlinge war der Asbestgehalt wohl okay, die wurden dort notuntergebracht.

Jetzt sind 200 Sanierungs-Millionen Euro im Haushalt bereitgestellt. 2019 soll es losgehen. Neulich schlug der ICC-Fanclub CDU vor, das „International Congress Center“ in „Innovations- und Congress Center“ umzutaufen. „Irrsinns-“ fängt übrigens auch mit „I“ an. Siehe auch: Bierpinsel.


23. Der Straßenmüll

Berliner Müll und Container: Dicht daneben ist auch vorbei
Foto: imago/Jürgen Ritter

Wir wollten schon immer mal losziehen, um uns rund um die ZITTY-Redaktion eine Wohnungseinrichtung zusammenzustellen. Aber Wohnungen für all diesen Plunder gibt’s in der Stadt für Normalzahler kaum. Weil so ein Sofa halt nicht in den Mülleimer passt, stellt der gemeine Berliner es eben raus auf die Straße.

Wie alles andere, was auf den BSR-Hof gehört. Berlin ist, wo „Müllsheriff“ eine ernsthafte Berufsperspektive ist.


24. S-Bahn & BVG

Zurückbleiben ist keine Option, die nächste Bahn ist ja auch nicht eerer
Foto: imago/PEMAX

Die Ringbahn ist unterbrochen, der Bus M41 kommt nicht, und auf der Linie U8 ist der Zugverkehr mal wieder „unregelmäßig“: Im Ernst, was wäre Berlin ohne sein stetiges BVG- und S-Bahn-Chaos? So tief eingeschrieben in die DNA der Stadt ist der Frust über die „Öffis“, dass es den Berliner Verkehrsbetrieben mit der Kampagne „Weil wir dich lieben“ gar gelungen ist, aus der notorischen Unbeliebtheit einen Kult zu machen.

Das ist sehr Berlin. Aber auch: sehr clever.


25. Rolltreppen, Fahrstühle

ZITTY-Cover November 89 mit Rolltreppe

Wer sich über den Berliner Nahverkehr ärgert, sollte bedenken: Manchen macht es nicht nur zu schaffen, pünktlich von A nach B zu kommen – sondern auch von unten nach oben. Denn nur 110 der 173 Berliner Bahnhöfe verfügen über einen Fahrstuhl; acht oberirdische Stationen sind mittels Rampen barrierefrei.

Unter den vorhandenen Aufzügen wiederum sind Ausfälle an der Tagesordnung, von der Störanfälligkeit der Rolltreppen ganz zu schweigen. Für Eltern mit Kinderwagen, ältere Menschen, Rollstuhlfahrer ist das übel. Immerhin: Bis 2023 soll das Berliner Bahnnetz barrierefrei sein. Ob die Fahrstühle dann funktionieren, steht auf einem anderen Blatt.


26. Die Bierbikes

Bierbike: das Gefährt gewordene Wegbier
Foto: imago/Xinhua

Im Schneckentempo abstrampeln, Bier trinken, Autoabgase einatmen und sich zur guten Laune zwingen, das in etwa ist der Vergnügungsfaktor einer Bierbike-Tour. Da diese Thekenfahrräder, so heißen die Dinger wirklich, den Verkehr stören, wird die Angelegenheit auch zum Problem vernunftbegabter Menschen, die die Gleichzeitigkeit von Alkoholgenuss und körperlicher Betätigung nicht mit einem Freizeitspaß verwechseln.

Deshalb: Bierbikes nur noch in dafür vorgesehenen, abgezäunten und von außen nicht einsehbaren Bereichen genehmigen!


27. Das Einheitsdenkmal

Nationales Freiheits- und Einheitsdenkmal   Von Milla&Partner – Eigenes Werk, CC BY-SA 3.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=50634610

Berlins bekloppteste Denkmal-Debatte. Mehr als ein Jahrzehnt dauert jetzt die Farce, die „Einheitswippe“ zu wuppen. Wobei das Büro Milla & Partner, das mit Sasha Waltz den Siegerentwurf einer 50-Meter-Schwankschale für eineinhalbtausend Menschen einreichte, lieber von „Waage“ spricht. 2007 wurde das Denkmal der Freiheit und Einheit Deutschlands beschlossen, da träumte man noch von einer Eröffnung zum 20. Mauerfall-Jahrestag. Zwischenzeitlich fanden sich im Sockel des einstigen Kaiser-Wilhelm-Denkmals Fledermäuse.

Mitte 2016 beerdigte der Bundestags-Haushaltsausschuss die Waage, weil die Kosten aus dem Lot waren, ein Jahr darauf grub man sie wieder aus.

Neuer Eröffnungstermin: 30. Mauer­fall-Jahrestag. „Wenn es jetzt von Seiten des Akten- und Freigabeweges flott geht und alle zuständigen Behörden mitziehen, kann die Einweihung am 9.11.2019 stattfinden“, teilt Milla & Partner ZITTY mit. ­Akten. Alle Behörden. Flott. Wir lachen immer noch.


28. Die Staatsoper

Nein, der Skandal um die Sanierung der Staatsoper ist nicht vergessen. Auch wenn das Haus Unter den Linden im Gegensatz zum BER immerhin dann doch endlich den Besuchern offen steht. Aber mit vierjähriger Verspätung und einer Beinahe-Kosten-Verdopplung auf 400 Millionen Euro.

Hinterher will es nach guter Berliner Art niemand gewesen sein, es ist halt so passiert. Und noch sind Rechnungen offen, die Bausenatorin Katrin Lompscher musste gerade knapp 40 Millionen Euro Mehrkosten vermelden. Die Endabrechnungen der Baufirmen könnten bei Großprojekten schon mal mehrere Jahre dauern, hörte man gerade. Klingt nicht gut. Siehe auch: BER.

Der Bauskandal um die Staatsoper


29. Das Humboldt Forum

Die Humboldts waren Universalgelehrte. Das soll man auch mal über das Humboldt Forum sagen. Nicht im Sinne einer Mehrzweckhalle. Sondern im Sinne einer diskursiven, indes dem Publikum zugewandten Art, wie hier Wissensgeschichte und ihre Exponate präsentiert werden sollen. Gut, die Ausgangsbedingungen waren mies. Da sind etwa die völkerkundlichen Sammlungen aus Dahlem, die viele zu Recht nicht in dieser Attrappe des Kolonialzeitalters sehen wollen.

Besser wurde es nicht, Gründungsintendant Neil MacGregor, mit viel Elan, ähm, Etat vom British Museum geholt, hat seinen Abschied bereits verkündet und die bereits ernannte Sammlungsleiterin Inés de Castro ist gar nicht erst nach Berlin gekommen. Es muss sich also noch etwas sammeln, dieses Humboldt Forum.

Neil MacGregor, Gründungsintendant des Humboldt-Forums


30. Die Silvesterböllerei

Foto: Wikipedia/Challiyan at ml.wikipedia

Im ewigen Wettstreit von Eros und Thanatos scheint Berlin am 31. Dezember kollektiv dem Todestrieb zu verfallen. Als gelte es, die verdammte Stadt in die Luft zu jagen, zünden Berlins Teilzeit-Pyromanen schon mal Geschosse mit der Sprengkraft einer kleinen Bombe oder ballern mit Signal­pistolen aus Fenstern – ohne Rücksicht auf Verluste.

Die Bilanz des letzten Silvesterfests: über tausend Polizeieinsätze, hunderte Brände, dutzende Schwerverletzte. Liebe Kids, Teens und Erwachsene, wenn es euch aus irgendwelchen Gründen nicht zu blöd ist, euch zum Jahreswechsel wie Sprengmeister auf Koks zu benehmen: Menschen flüchten aus Städten im Mittleren Osten, in denen es zugeht wie in Berlin an Silvester.


31. Der Spreepark

Seit 2003 gammelt der Dino-Friedhof im Plänterwald, einst Sehnsuchtsort aller Kinder auf der realsozialistischen Seite der Mauer, nun schon vor sich hin. Lange war der frühere Vergnügungspark ein Fanal des plan- und lieblosen Berliner Umgangs mit einzigartigen Freiräumen. Vor zwei Jahren kaufte schließlich die landeseigene Firma Grün Berlin das Treptower Kleinod, um es zum „Kultur- und Freizeitpark“ hochzurüsten.

Wie Kultursenator Klaus Lederer (Linke) kürzlich verkündete, soll im Mai ein Nutzungskonzept vorgestellt werden, das den Park nicht nur zum Touristenmagneten, sondern auch zum Refugium für Künstler qualifiziert. Neun Jahre, sagt Grün Berlin, könne es aber bis zur Eröffnung dauern.


32. Die Clubtürsteher

„Sorry, heute nicht“: ein Satz, der Pläne durchkreuzt, Egos zerrüttet, Existenzen in Frage stellt. An den Clubtüren der Stadt zeigt die Arroganz der Szenegänger ihr knallhartes Gesicht. Jaja, Berlin ist ein Techno-Arkadien, ein buntes Paradies für Freigeister – wenn sie denn nur die richtigen Klamotten tragen. Und nicht zufällig Ali heißen und mit ihren Kumpels Ahmed, Nuri und Omar aufkreuzen. Türsteher in Berlin können sich in ihrer Allmacht nicht nur nahezu alles erlauben; sie dürfen sich für ihr diktatorisches Gebaren gar als Stadtlegenden feiern lassen.

So wie Sven Marquardt, die sinistre Sphinx des Berghains, oder die verballerten Pseudohippies an den Pforten des Holzmarkts. Allein, hat man die Nemesis am Clubeingang ohne Sinnkrise passiert, erschließen sich einem immerhin die Vorteile des sadistischen Selektionsprozesses. Denn eins ist (relativ) sicher: Von der Bierbike-Fraktion muss sich im Kater Blau niemand anlallen lassen. Siehe auch: Bierbike.

Der große Tür-Report


33. Der BER

Schon verblüffend, wie achselzuckend mittlerweile jede zusätzliche Steuer-Milliarde hingenommen wird, die Berlin, Brandenburg und der Bund im märkischen Sand verbuddeln. Derzeit sind wir nach der Kostenprognose von ursprünglich 2,5 Milliarden Euro bei unfassbaren 7,3 Milliarden Euro gelandet. Und das Jahrhundert ist ja noch jung. Die Entrauchungsanlage nennen sie in Schönefeld auch nicht umsonst „Monster“. Wenn jetzt ein Lufthansa-Manager orakelt, der Bau-GAU werde abgerissen und dann neu wieder gebaut, haut das auch niemanden mehr vom Stuhl.

Nie wieder wird das Wort „Eröffnungstermin“ den gleichen freudigen, verheißungsvollen, korkenknallenden Klang haben. Derzeitig ist er übrigens für den Oktober 2020 angesetzt. Nein, Namensgeber Willy Brandt hat diesen Flughafen nicht verdient. Oder wie wir ihn nennen: der Unbaubare. Siehe auch: Mietenwahnsinn, Gehwegschäden.

Der BER ist immer noch nicht geöffnet