Berlin

Die Berliner kommen!

Berlin wird ­immer dicker. Der Speck­gürtel um die Stadtgrenze herum, in den viele Berliner ­abwandern, um Mieten zu sparen oder zu bauen, ist bald voll. Jetzt kommen die „Städte der zweiten Reihe“ ins Spiel. ­Eberswalde beispielsweise, mehr als 50 ­Kilometer von der Hauptstadt entfernt, zieht immer mehr Berliner an. Bürgermeister Friedhelm Boginski (FDP) freut sich über den Trend

Herr Boginski, Eberswalde gilt als eine der „Städte der zweiten Reihe“ – aus Berliner Perspektive. Gefällt Ihnen als Bürgermeister dieser Begriff oder nervt es Sie auch manchmal, dass sich immer alles um Berlin dreht?
Mich nervt das überhaupt nicht! Ich bin auch ein absoluter Fan der Fusion von Berlin und Brandenburg, nach wie vor. Weil ich glaube, dass beide zusammengehören. Berlin ist ein unwahrscheinlicher Impulsgeber und Motor für das gesamte Land Brandenburg. Vor 20 Jahren waren es nur die Städte um die Berliner Vororte herum, die davon profitiert haben und jetzt merkt man: Berlin strahlt auch weit über 50 Kilometer hinaus.

Friedhelm Boginski
Als FDPler in Brandenburg durch­regieren? Friedhelm Boginski, 62, seit 12 Jahren im Amt, zeigt, dass es geht
Foto: Ulrich Wessollek/Stadt Eberswald

Woran liegt das?
Junge Familien mögen die Städte der kurzen Wege: Die Kinder sollen fußläufig in die Schule kommen und viel Grün um sich haben. Dieses kleinstädtische oder, in unserem Fall, mittelstädtische Flair bringt einfach eine andere Lebens­atmosphäre – und Berlin bietet den Arbeitsmarkt, das können wir nicht leisten, dass alle hier einen Job finden. Aber das ist doch eine gute Symbiose: Bei uns leben und dort arbeiten. Wenn wir Wohngebiete für Einfamilienhäuser ausweisen, sind die innerhalb weniger Wochen alle weg. Wir kommen gar nicht hinterher, so viele Wohngebiete auszuweisen, wie es Bedarf gibt, das ist eine sehr schöne Sache. Berlin ist also etwas ausgesprochen Positives für uns – man muss ja nicht immer erster sein, manchmal ist auch der zweite Platz richtig gut.

Wie hoch ist der Anteil der Berliner bei den Neuvermietungen oder Grundstücksverkäufen?
In der Regel sind ein Viertel bis ein Drittel Zuzüge. Dabei stellen wir einen Trend fest: Aus dem Umland kommen ältere Leute. Die haben sich mal ein Haus auf dem Dorf gekauft und merken im Alter: Sie brauchen den Arzt, die Apotheke, die Kultur. Die ziehen meist ins Stadtzentrum. Aus Berlin kommen hauptsächlich junge Familien. Die fahren bewusst um Berlin herum und schauen sich die Optionen an: In Bernau oder Falkensee, da gibt es die Neubauten auf der grünen Wiese. So in der Art von: 101 Familienhäuser auf einem ehemaligen Acker. Aber immer mehr Familien wollen lieber eine gewachsene In­frastruktur haben.

Der neue Landesentwicklungsplan Hauptstadtregion Berlin-Brandenburg sieht die „Städte der zweiten Reihe“ in der Pflicht, bessere Strukturen für Zuzügler zu schaffen. Was sind Ihre Ideen?
Ich begrüße den Plan. Auch daran stört mich nicht, was ja von allen kritisiert wird – dass Berlin in den Fokus rückt. Das ist vernünftig und richtig. Die „Städte der zweiten Reihe“ werden insofern in die Pflicht genommen, dass sie neuen Wohnraum schaffen. Das tun wir. Zum anderen soll das Bahnhofsumfeld aktiviert werden. Da gibt es Überlegungen, ein Parkhaus am Bahnhof zu errichten, natürlich auch für Fahrräder. Die Rolle als fahrradfreundliche Stadt ist uns ganz wichtig.

Eberswalde pflegt sein Image als grüne Stadt.
Eine der genialsten Entscheidungen nach der Wende war für mich die Errichtung der damaligen Fachhochschule und heutigen Hochschule für nachhaltige Entwicklung. Die rund 2.500 Studenten, die sehr bunt und ökologisch angehaucht sind, bringen einen enormen Drive in die Stadt. Auch der Lehrkörper mit seinen über 80 Professorinnen und Professoren, die teilweise in der Stadt leben, sich hier engagieren und ihr Wissen einbringen.

2008 prognostizierte das Amt für Statistik Berlin-Brandenburg für Eberswalde noch einen Bevölkerungsrückgang: von 2006 bis 2030 um 20,6 Prozent.
2006 wurde ich Bürgermeister, zu der Zeit hatte Eberswalde mit jedem Jahr 500 bis 1.000 Leute weniger. Wir waren mal bei 52.000 und sind dann runter auf unter 39.000. Natürlich haben Städte, die wachsen, Wachstumsschmerzen. Aber Schrumpfungsschmerzen sind schlimmer. Das merkt man ja im Alter: Da tut mehr weh, als im Wachstum in der Pubertät. Ungefähr 2009/10 hatten wir einen Ausgleich zwischen Wegzug und Zuzug, konnten aber die Sterberate nicht kompensieren. In den letzten sieben Jahren haben wir jährlich – auch bedingt durch die Flüchtlingskrise, aber nicht nur – um die 200 bis 400 Menschen Bevölkerungsgewinn, das ist eine beachtliche Zahl. Stabilisierung und dann leichtes Wachstum, das ist für die „Städte der zweiten Reihe“ ideal. Auch für die Identität. Wenn tausende Menschen auf einmal in Umlandsstädte ziehen: Die sind ja nicht auf einmal Bernauer oder Falkenseer, sie bleiben im Herzen logischerweise noch Berliner. Mit langsamem Wachstum sichern wir, dass man auch Eberswalder werden kann.

Gibt es denn auch mal Konflikte zwischen Berliner Zuzüglern und Eberswaldern?
Nein, sowas gibt es nicht. Wir leben ja hier mit Berlin! Wenn ich denke, wie oft ich da ins Theater oder in die Oper gehe. Meine Frau und ich sagen immer wieder, wir haben’s so gut getroffen: zwei Stunden bis zur Ostsee, eine Stunde bis Berlin. Perfekt!

Die FDP ist keine ostdeutsche Winner-Partei. Sie sind aber schon seit zwölf Jahren Bürgermeister, fast Merkelsche Dimensionen. Wie machen Sie das?
Das ist eher eine Personenwahl. Viele haben mir gesagt, sie mussten beim Wählen den Daumen über das „FDP“ halten, weil sie sich so geekelt haben, aber mich trotzdem wählen wollten. An der Hochschule haben mir auch einige gesagt: „Mensch, tritt doch aus! Wir können nicht FDP wählen, wir müssen Grün wählen. Wenn du wenigstens parteilos wärst!“ Wahrscheinlich haben sie mich trotzdem gewählt.

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Die Wartelisten der Kitas sind lang. Ist der schnelle Zuwachs nicht nur Segen, sondern auch Fluch? Wo gibt es noch Handlungsbedarf?
Wir werden die Kita-Problematik jetzt nochmal verstärkt angehen. Über Neubauten – und wir sind auch mit freien Trägern im Gespräch. Ich habe meinen Leuten gesagt: Jeder, der arbeitet, muss in dieser Stadt einen Kita-Platz für sein Kind bekommen. Das ist oberste Prämisse. Und die haben mir versprochen, sie kriegen das hin.

Nehmen wir an, der Boom wird stärker als erwartet. Fällt bei Ihnen gedanklich auch mal das Wort, das Politiker ungern in den Mund nehmen: „Obergrenze“?
Ich glaube, da kann ich für alle Städte der zweiten Reihe sprechen: Eine Obergrenze gibt es bei uns nicht. Arbeitsplatz und Wohnung muss sich natürlich jeder selber suchen – aber wenn die Menschen hier sind, dann sorgen wir auch für die entsprechenden Rahmenbedingen. Wir machen viel in der Altbausanierung, gerade bei Gründerzeitbauten. Das ist das hohe Gut der Kommunen, dass wir selbst entscheiden, wo wir Bauland ausweisen. Wir gehen maßvoll ran. Wir müssen überlegen: Wo stellen wir was hin? Und da sind wir dran.