Sonne, Liebe,  fetter Bass

Die besten Festivals des Jahres

Die Festivalsaison beginnt – und damit die  schönste Zeit des Jahres. Denn auf den  tagelangen Draußentanzveranstaltungen  ist das Leben so intensiv wie sonst nie

Text: Julia Lorenz und Martin Schwarzbeck

Auf der Fusion
Wo die rote Fahne weht, geht es in Richtung Ferienkommunismus
CBS Fan / flickr / CC BY-NC 2.0

Wir feiern am Rand der Turm-Tanzfläche auf dem Fusion-Festival. Wir sind halbnackt und schweißüberströmt. Wir hüpfen gemeinsam zum Bass, vor einem Soundsystem, das jeden Club zum Einsturz bringen würde. Die Arme in der Luft. Und wir brüllen uns die Seele aus dem Leib, wie die Löwen. Wir sind Menschen, die sich bunt und verrückt verkleiden. Als sie selbst. Die Kriegsbemalung tragen, Schirme, Standarten und Plüschtiere am Stab, und barfuß in Pfützen tanzen. Wir schwenken Fahnen, „Eskalation“ ist auf einer von ihnen zu lesen. Wir ­lächeln fremde Menschen quer über die Tanzfläche an. Und dann tauschen wir mit ihnen Obst gegen Küsse. Wir ficken im Wald. Wir genießen das Leben. Wir leben unsere eigene Realität.

Nein, das ist kein Haschischdampf sondern Staub auf der Tanzfläche des Feel Festivals
Nein, das ist kein Haschischdampf sondern Staub auf der Tanzfläche des Feel Festivals
Foto: Susan Lüer

Der Festivalsommer steht vor der Tür und wenn wir daran denken, sind wir voller Vorfreude. Und nicht nur wir. 2016 werden rund um Berlin so viele Menschen im Freien tanzen wie noch nie zuvor. Die Zahl der Festivals – vor allem mit elektronischer Musik – steigt von Jahr zu Jahr, so wie die Zahl ihrer Fans. Allein auf der Fusion, seit 1997 Grundlage des Festivalmythos in Berlin und Umland, werden 70.000 Menschen feiern – und noch viel mehr würden gern. Das Event ist seit Ende vergangenen Jahres ausgebucht und muss sich mit einem doppelten Zaun und Patrouillen vor dem Gästeandrang schützen.

Die Besucher sind eine große Gemeinschaft mit völlig anderen, offeneren Umgangsformen. Der Satz „Entschuldigung, aber ich finde mein Zelt nicht mehr“ kann zu festivallangen Freundschaften führen. Wir alle versuchen, aufeinander aufzupassen. Wenn sich jemand am Rande der Tanzfläche schlecht zu fühlen scheint, gehen wir hin und fragen, ob wir ihm helfen können. Trotzdem sterben auf Festivals regelmäßig Menschen. Drogen spielen eine Rolle. MDMA, Speed, GHB, Ketamin, LSD, Pilze, 2CB, Mephedron. Viel davon. Dazu Hitze, Dehydrierung, Schlafmangel. Die Opfer brechen inmitten ihrer Freunde zusammen oder bleiben am Wegesrand liegen, bis das Putzteam sie findet. Festivals sind komprimiertes Leben. Ohne Scheuklappen. Auch das ist Teil der Wahrheit.

Große Bands auf großer Bühne– letztes Jahr beim Melt
Große Bands auf großer Bühne– letztes Jahr beim Melt
Foto: Stephan Flad

Wer  sich im Festival-Paralleluniversum verliert, hat die nächsten Tage keine Termine und selten Mobilfunknetz. Zeit, zu tun, was man will. Tanzen, toben, Purzelbäume schlagen. Losgelöst vom Alltag, von der Zivilisation und vielleicht sogar der Realität. Ein tagelang dauernder Moment. Mit Dauerparty im Hintergrund. Eine kleine zeitfreie Unendlichkeit. Eine Fantasiewelt. Ein dreitägiges Survivalprogramm mit eiskalten Duschen, widerlichen Dixi-Klos, waghalsigen Gaffa-Planen-Zelt-Konstruktionen und Fünf-Minuten-Terrinen zum Frühstück. Der Kopf wird frei. Die einzigen verbliebenen Fragen: Wo bekomme ich kalte Getränke her? Wo macht es gerade am meisten Spaß? Und: Darf man da raufklettern?

Es wird dunkel, die Musik auf der Tanzfläche geht vorwärts. Einer zündet eine Bengalfackel, um den Rest seiner Bande zu sich zu rufen, dann ziehen wir gemeinsam zu einer der Zeltburgen. Kuscheln, und uns vielleicht unter dem Schlafsack ein bisschen ausziehen. Wir haben uns gerade erst kennengelernt.

Auf dem Artlake-Festival
Auf dem Artlake-Festival
Foto: Susan Lueer

27.-28.5. Immergut

Entspannt eingrooven können sich gitarrenaffine Festivalgänger in Neustrelitz. Seit 16 Jahren leitet das sympathische Immergut-Festival die Open-Air-Saison mit einem feinen Indie-Line-Up ein. Auch diesmal werden alte Helden wie Tocotronic und Jochen Distelmeyer an der Seite von aktuellen Publikumslieblingen wie -Isolation Berlin spielen.

Besucher: 5.000
Ort: Bürgerseeweg, 17235 Neustrelitz
Tickets: 68 Euro

www.immergutrocken.de


9.-12.6. Zurück zu den Wurzeln

Das Team von Zurück zu den Wurzeln hat sich ein Gelände gekauft, es „Secret Forest“ getauft und plante, diesen Ort mit einem Festival einzuweihen. Doch daraus wird nun nichts, Umweltauflagen vor Ort verhinderten die Fertigstellung. Stattfinden wird das Ganze trotzdem – nur wenige Minuten vom Ostseestrand entfernt.

Besucher: circa 1.000
Ort: Flughafen Pütznitz, Flugplatzallee, 18311 Ribnitz-Damgarten
Tickets: 85 Euro

www.wurzelfestival.de


17.-19.6. Meeresrausch

Als verschlafenes Nest dürften die meisten Ostseeurlauber Peenemünde kennen. Doch wenn die Veranstalter des Meeresrausch-Festivals ihre Sonnensegel setzen, verwandelt sich die 339-Seelen-Gemeinde in ein kleines, fluoreszierendes Partymekka, gelegen direkt an der Küste. Obwohl die Musikanten geheim sind, muss man keine bösen Überraschungen befürchten: In den letzten Jahren wartete das Festival mit einem feinen Techno-Line-Up auf.

Besucher: 2.000
Ort: Fährstraße, 17449 Peenemünde
Tickets: Ende Mai/Anfang Juni werden Resttickets für 75,50 Euro freigeschaltet

www.meeresrausch-festival.de


29.6.-3.7. Fusion

Der Urahn, die Ikone, an der sich viele Nachwuchsfestivals orientieren. So beliebt, dass sich der „Ferienkommunismus“ genannte Partyspaß inzwischen mit einem doppelreihigen Riesenzaun vom durch-kapitalisierten Restdeutschland abschottet. Kommt uns irgendwie bekannt vor.

Besucher: 70.000
Ort: Flugplatz Rechlin-Lärz, 17248 Lärz
Tickets: ausverkauft. Interessierten bleibt nur die Hoffnung auf Spontanabsagen im Bekanntenkreis

www.fusion-festival.de


7.-11.7. Feel Festival

Tagsüber ist die Selfiestangen-Dichte auf dem ehemaligen Tagebaugelände am Berg-heider See bisweilen hoch, nachts und beim Sonnenaufgang am Strand tanzt man in herrlich familiärer, entspannter Atmosphäre. Neu in diesem Jahr: Auf dem Festival gibt es nun eine Westernstadt!

Besucher: 15.000
Ort: Bergheider See, 03238 Lichterfeld-Schacksdorf
Tickets: 90,45 Euro

www.feel-festival.de


7.-12.7. Freqs of Nature

Klar, fantasievolle Bühnendekorationen sind Festival-Ehrensache – erst recht in der Goa- und Psytranceszene. Doch die Macher der Freqs of Nature gehen einen Schritt weiter: Hier begegnet einem Kunst in diversen Ausführungen, etwa in Form von Objekten und (Licht-)Installationen.

Besucher: k.A.
Ort: 14913 Niedergörsdorf
Tickets: Für 120 Euro sind die Tickets auf der Website verfügbar, für 140 Euro an der Kasse vor Ort

www.freqsofnature.de


15.-17.7. Melt!

Ein Spektakel, das Trendjägern ein Spex-Jahresabo spart. Das Melt!-Festival versöhnt Raver und Indiekids vor der brachialen Industriekulisse der einstigen -Tagebaustätte Ferropolis. Bevor man hier die alten Boots aufträgt, sollte man bedenken: Unverschämt stylische Menschen tanzen auf dem Melt nicht nur auf, sondern auch vor den Bühnen. Wer aufs Sehen-und-Gesehen-Werden keine Lust hat, kriegt immerhin viel zu hören – in diesem Jahr unter anderem Oliver -Koletzki, Drangsal, Tame Impala, Skepta, DJ Koze und Helena Hauff.

Besucher: 20.000
Ort: Ferropolisstraße, 06773 Gräfenhainichen
Tickets: Drei-Tage-Festivalticket für 136 Euro, Tagestickets für 59 Euro

www.meltfestival.de


15.-18.7. Greenwood

Ein lauschiger Tümpel in einem Wäldchen nahe Berlin bietet die Kulisse für dieses Techno-Festival. Die Greenwood-Macher sind weder die ersten noch die einzigen, die an diesem Ort feiern. Aber dafür wollen sie sich offenbar viel Mühe geben, ihn ungewöhnlich zu bespielen. Das Line-Up ist hochwertig (u.a. M.A.N.D.Y., Extrawelt), die Workshops sind zahlreich und die Partygaranten von den „Lustigen Glückshasen“ bieten Instant-Hochzeiten an.

Besucher: k.A.
Ort: Kiekebuschsee, 12529 Schönefeld
Tickets: 69,90 Euro

www.greenwoodfestival.de


13.-24.7. Nation of Gondwana

Zweieinhalb Floors, die auch nur zwei Tage und eine Nacht bespielt werden – trotzdem ist die Nation eines der spannendsten Techno-Festivals. Ein Familientreffen all jener, die die Party abseits von Berlin früher noch zum eigentlichen Zweck nutzten: um den Technotouristen zu entgehen, die die Loveparade in die Stadt schwemmte. Die Loveparade gibt es nicht mehr, aber die Nation ist im Festivalkalender geblieben. Highlights: Der Frauenchor aus dem Nachbarort, die Feuerwehr von ebendort, die bei Hitze ihren Riesen-Rasensprenger auspackt, und der Badetümpel am Rand der Tanzfläche.

Besucher: 8.000
Ort: Waldsee, 14621 Grünefeld
Tickets: Restkarten für 89,90 Euro gibt es, so kurz der Vorrat reicht, tgl. ab 20 Uhr in der Bar 23, Lychener Str. 23, Prenzlauer Berg, und tgl. ab 17 Uhr im Zum Böhmischen Dorf, Sanderstr. 11, Neukölln

www.pyonen.de


28.-31.7. Helene Beach

Der Helenesee nahe Frankfurt an der Oder wird auch als „kleine Ostsee“ bezeichnet. Ob das Helene Beach seinem Titel als „Urlaubsfestival“ jedoch gerecht wird, darf man anzweifeln – denn Naherholung klingt anders: Auf sieben Bühnen treten an drei Tagen über 100 Acts auf. Techno-Göttin Monika Kruse gibt sich die Ehre, Rock- und Hip-Hop-Fans dürften Künstler wie Romano und Chefket locken.

Besucher: 25.000
Ort: Helenesee, 15236 Frankfurt (Oder)
Tickets: 97,90 Euro

www.helene-beach-festival.de


29.-31.7. Simsalaboom

Der Geheimtipp unter den Psychedelic- und Drum’n’Bass-Festivals. Mit schönen Installationen, idyllischer Flusslage und entspannter Atmosphäre hat sich das Simsalaboom als Alternative zu den großen Goafestivals etablieren können.

Besucher: 6.000
Ort: Leussower Str., 19294 Menkendorf
Tickets: 55 Euro

www.simsalaboom.de


24.-7.8. Garbicz

Das mit Abstand teuerste der hier erwähnten Festivals. Aber dafür sind Bustransfer, Essen und Trinken inklusive. Und auch sonst wird einiges auf die Beine gestellt. Organisiert von der traditionsreichen Technocrew Bachstelzen entsteht hier eine Zauberwelt, einer der Dancefloors ist auf einem Floß im See zu finden.

Besucher: 600
Ort: Gądków Wielki, Polen
Tickets: 250 Euro

www.hainweh.de


12.-14.8. 3000 Grad

Mollono Bass, Seth Schwarz, Kombinat100, Sven Dohse: Schon einer dieser Namen wertet die meisten Festival-Line-Ups auf. Das 3000 Grad, Haus- und Hoffestival des Labels 3000 Grad Records, hat sie alle. Zusätzlich: Theater, Performances, schöne Installationen.

Besucher: 4.500
Ort: Küstersteig, 17258 Feldberger Seenlandschaft
Tickets: 75 Euro

www.3000-festival.de


12.-14.8. Wilde Möhre

2014 gestartet, hat sich das liebevoll gestaltete Wilde-Möhre-Festival schnell als feste Größe in der Open-Air-Saison etabliert. Neben einem tollen Line-Up auf sieben Bühnen gibt es auch Workshops zu Themen wie Wildkräuter oder Bondage. Unschlagbar: der Campingplatz am See.

Besucher: 5.000
Ort: Calauer Straße 1, 03116 Drebkau
Tickets: 110 Euro

www.wildemoehrefestival.de


19.-21.8. Artlake

Wem die Location am Ende des Festivalsommers bekannt vorkommt, der hat nicht zu energisch am Joint gezogen: Nach dem Feel wird auch das Artlake-Festival am Bergheider See veranstaltet. Neben Musikbeschallung zwischen Techno und Indie bietet Letzteres Installationen, Workshops und vor allem: tolles Essen!

Besucher: 5.000
Ort: Bergheider See, 03238 Lichterfeld-Schacksdorf
Tickets: 59 Euro

www.artlake-festival.de


19.-21.8. Plötzlich am Meer

Drei Tage lang am Meer tanzen oder sogar mit den Füßen in der Brandung, das bietet sonst kein Festival in Berlins weiterer Umgebung. Dafür nimmt man sogar in Kauf, dass der Weg zur Tanzfläche am Meer (außerhalb des eigentlichen Festivalgeländes) gelegentlich durch ein Spalier kampfuniformierter polnischer Polizisten führt, und dass illegale Nacktbader sogar nackt festgenommen werden.

Besucher: Über 10.000
Ort: Mrzeżyno, Polen
Tickets: 101,52 Euro

www.ploetzlich.net


Kommentiere diesen beitrag