Musik

Die besten Platten von 2020, für die wir dank der Corona-Krise Zeit haben

Checker am Plattenteller: Dank Corona gibt es viel Zeit, die besten und wichtigsten Scheiben des jungen Jahres 2020 durchzuhören

Dank Corona gibt es viel Zeit, die besten und wichtigsten Scheiben des jungen Jahres 2020 durchzuhören. Foto: imago images/snapshot
Nach fünf Jahren Pause gibt es ein neues Album von Cocorosie. Foto: imago images/snapshot.

Prince: 1999 Super Deluxe Edition Kaum eine andere Platte fängt den widersprüchlichen Zeitgeist der frühen Eighties so ein wie „1999“ von Prince. Die Mischung aus Endzeiterwartung und ungehemmtem Hedonismus hat das Multitalent aus Minneapolis im Titelstück seines 1982 erschienenen, fünften Albums mit einem kategorischen Tanz-auf-dem-Vulkan-Imperativ auf den Punkt gebracht: „So tonight I’m gonna party like it’s nineteen ninety-nine“. Auch wenn der exzessive Einsatz des Linn-Drumcomputers mit seinem Tischtennisball-Sound gewöhnungsbedürftig ist, klingt der irrwitzige Stilmix aus Funk, New Wave, Rockabilly, Disco und Gospel bis heute in sich völlig schlüssig. Ein Meisterwerk, das in jede Plattensammlung gehört. (Warner) JW

Mura Masa: R.Y.C Raw Youth Collage Wenn man jung und ungehobelt ist und in Britannien lebt – dann spricht viel dafür, dass man aufbegehren muss gegen die vorgestrig Alten, die den jungen Weltgewandten einen Burggraben voller Pech und Schwefel zwischen die britische Insel und das euro-asiatische Festland gezogen haben. Die neueste und zudem musikalisch überzeugendste Collage einer rauen (britischen) Jugend zeichnet Alex Crossan, 23, alias Mura Masa auf seinem neuen, zweiten Album „R.Y.C Raw Youth Collage“. War das Debüt-Album „Mura Masa“ von 2017 mit viel cremigem R&B noch verdammt gut gemachtes Matcha-Tiramisu, so lässt Mura Masa auf dem Nachfolger nun gehörig die Samurai-Säbel rasseln mit seinen stärker vom House her gedachten Tracks. (Polydor/Universal) SH

CARIBOU: Suddenly Sechs Jahre nach dem Album „Our Love“ ist Caribou zurück. „Suddenly“ ist wieder so ein Zwitterding, bei dem man anfangs denkt, begriffen zu haben, worum es geht – ah, sowas wie Balladen –, doch spätestens ab dem dritten Song „Sunny’s Time“, fällt die Sache in sich zusammen. Ist das R&B mit angeglitchtem Klavier? Bei Caribou kommen oft Dinge zusammen, die man nicht zwangsläufig erwartet hätte und bei denen man sich hinterher fragt, was das denn wohl war, das da so anders klang, ohne dass es sich einem gewaltsam aufgedrängt hätte. R&B und HipHop ist die Folie, die für viele Songs passt, aber die Stücke können unterwegs komplett die Richtung wechseln. Ein klingendes Spiegelkabinett. (City Slang/Rough Trade) TCB

CocoRosie: Put The Shine On Die Schwestern Casady gehörten Mitte der Nullerjahre zu jener fein verwobenen Szene, die beinahe religiös versponnene Musik entwarf, Naivität und Avantgarde zusammenbrachte: New Weird America, Freak Folk. Nach einigen weniger beachteten Alben und fünf Jahren Pause will das Duo nun anknüpfen an das Rauschen ihrer ersten Entwürfe. „Put the Shine On“ ist aber wesentlich aufgeräumter: Der Hit „Restless“ erlaubt sich neben einer euphorischen Klavier-Hook und einer Rap-Bridge gerade mal ein „Kikeriki“-Sample als Weirdness-Signal. Die Beats kommen vom HipHop, die Melodien aus der alten Schule. 90ies-Straightness im Sound, 20ies-Queerness im Auftreten, das passt gerade alles sehr gut zusammen. (Marathon Artists/Rough Trade) SG

Jeff Parker: Suite for Max Brown Der It’s a family affair!-Gitarrist Jeff Parker widmet sich nach „The New Breed“, welches seinem Vater gewidmet war, nun seiner Mutter Max(ine) Brown und holt für einen Song seine Tochter ins Boot. Die eröffnet mit mehrstimmigem Jazz-Gesang ein Album, das man haben muss. Samples, repetitive Basslinien und wohldosierte Jazz-Soli fügen sich zu HipHop-Beats, ruhigen Jazz-Nummern und träumerischen Klangexperimenten. Ein Album, das man durchhören sollte. (International Anthem/Indigo) LR

Agnes Obel: Myopia Die dänische Berlinerin ist die Großmeisterin des Unheimlichen. Das hat auch Horror-Regisseur David Lynch erkannt, als er 2013 ihr „Fuel to Fire“ remixte. Diesmal pitcht Agnes Obel ihre Stimme äthertief, lagunentief, wenn sie von der „Island of Doom“ singt. Violinen müssen dran glauben, drei Oktaven tiefergeschraubt zu werden. Mutig! An Klavieren spielt Obel seltenere Bauarten: Celesta, Trautonium, Luthéal. Diese Stimme! Schon jetzt Highlight der neuen Dekade. (Deutsche Grammophon/Universal) SH

Balbina: Punkt. Wer hätte eine Coverversion von Rammsteins „Sonne“ für möglich gehalten, die noch unheimlicher klingt als das Original? Die Berliner Sängerin Balbina hat sich mit ihrer tiefen Stimme an den Klassiker gewagt und ihn als Energiequelle für sich selbst genutzt. Mit ihrem vierten Album emanzipiert sie sich von Major-Label und Fremdbestimmung. Weniger Alltagslyrik, dafür mehr Emotion und rollendes R: Balbina hat die Sonne in sich gefunden. (Polkadot/BMG) TG