Berlin

»Die CD ist tot, lang lebe das Vinyl!«

So ganz stimmt das natürlich nicht, aber die Schallplatte ist wieder ein großes Ding. Die Umsätze steigen, doch die Presswerke sind überlastet. Für kleine Labels ist kaum Platz. Dezi Belle Records schneiden ihre Platten deswegen in einer Weddinger Wohnung einfach selbst

Dass Platten schwarz sind, ist kein Muss. Florian Ruck experimentiert gerne
Foto: F. Anthea Schaap

»Platten Pressen“, das klingt nach Kraft und unter Druck zerberstendem Material. Ein dystopische Pfeifen und Rattern von Maschinen in riesigen Hallen ist zu hören. Zumindest in der Fantasie. Doch diese Geräusche verpuffen schnell, wenn einem Florian Ruck die Tür öffnet und in die Gemächer des selbst betitelten „Under­ground“-Labels Dezi Belle einlädt. Die Gemächer sind eigentlich nur ein kleiner Raum in seiner Berlin-Weddinger Altbauwohnung. Aber dort entstehen Schallplatten. Gepresst werden sie nicht, sondern in Feinarbeit selbst geschnitten.

Florian Ruck ist 32 Jahre alt, wirkt aber jünger. Volle Haare, tiefe Stimme, Strickpulli – schlurfender Gang in Richtung eines Raumes am Ende des Flurs. Es riecht nach Zigarettenrauch. An den Wänden hängen Platten­cover, in Holzregalen stehen Schallplatten eng aneinandergereiht. Auf einem Tisch an der Wand befindet sich neben einem Mischpult eine Schnittmaschine, unter der ein Plattenspieler steht. Das ist sie, die Schaltzen­trale, die als Büro und Produktionsraum von Dezi Belle fungiert.

Eigentlich ist Ruck ausgebildeter Offsett-Drucker, studierte später Druck- und Medientechnik in Berlin. Dass er mal ein Musiklabel führen würde, hätte er vor einigen Jahren selbst nicht geglaubt. Doch er lief dem Label regelrecht in die Arme. „Ich habe den Gründer von Dezi Belle zufällig getroffen und dann recht schnell damit begonnen Merchandise im Siebdruckverfahren für ihn zu produzieren. Mittlerweile leite ich das ­Label“, sagt er. Von Platten war damals noch keine Rede.

Dezi Belle veröffentlicht seit 2012 Musik, die sich in einer Nische bewegt. Instrumental-Alben von Künstlern die B-Side oder Plusma heißen, erscheinen da in Kleinstauflagen. LoFi-Beats mit Jazz und Soul-Versatzstücken. Mal klingt das loungig, mal beinhart, aber nicht nach dem Geschmack der Massen.

„Anfangs haben wir nur digitale Releases veröffentlicht“, sagt Ruck. „2015 wurde die erste Vinyl-Auflage in einem externen Presswerk produziert. 300 Stück kosten knapp 1600 Euro.“ Stressig wäre das gewesen, wegen der langen Wartezeit. Seit dem erneuten ­Vinyl-Boom sind die wenigen noch existierenden Presswerke ausgelastet. Indie-Labels, die sie jahrelang am Leben hielten, werden ausgeladen, weil die Big-Player im Musikbusiness wieder hohe Auflagen produzieren lassen. „In Berlin hat zwar ein neues Presswerk eröffnet, wir stehen auch in gutem Kontakt und tauschen uns aus, aber die sind auch schon wieder voll ausgelastet“, sagt Florian. „Es müssten mindestens noch drei Werke entstehen.“ Florian ist ein Nerd. 1200 Platten stehen derzeit in seiner Wohnung, früher waren es mal 8000. „Aber dann ist meine Mutter umgezogen, in deren Keller die gelagert haben. Ich hatte keinen Platz und musste fast alles verkaufen. Ein Typ kam mit einem Lieferwagen und hat sie einfach in den Kofferraum geschmissen – mein Vinyl-Herz hat geblutet.“ Angefangen habe alles mit zwölf Jahren, mit Skateboardfahren und Hip­Hop-Musik von Bands wie Freundeskreis.

Vor zwei Jahren fuhr Ruck zu einem, wie er sagt, kauzigen Typen nahe Stuttgart. Der hat eine Maschine zum Schneiden von Platten entwickelt, von denen es nach Florians Schätzung nur 30 Stück weltweit gibt. „Ich habe von früh bis spät abends eine Einführung bekommen, dann konnte ich Platten schneiden“, sagt er. Doch nicht jeder kommt in den Genuss. „Es kam wohl mal einer ex­tra aus Kanada, um eine Maschine zu kaufen. Der musste nach drei Stunden wieder gehen. Der Mann verkauft nur an Leute, deren Können er vertraut.“
Florian grinst, zieht die Folie von einem der Vinylrohlinge, die er von einem externen Anbieter kauft, und legt sie auf den Plattenteller. Es geht los: Ein Album des Freundeskreis-Musikers Don Philippe wird geschnitten. Der Motor einer Vakuumpumpe dröhnt, während der Plattenteller sich zu drehen beginnt. Ein Diamant wird auf den Rohling gelassen und beginnt eine feine Rille zu schneiden. Durch die Feinheiten innerhalb der Rille ist später der Song zu hören, wenn man den Tonabnehmer aufsetzt. Ein Schlauch saugt währenddessen feine Fäden ab, die durch den Schnitt entstehen. Irgendwann ist die Seite voll: Knapp 20 Minuten Spielzeit.

Die Platte zu schneiden dauert exakt so lange, wie sie spielt
Foto: F. Anthea Schaap

Platten selbst zu schneiden, das heißt auch, bei jedem Exemplar die gesamte Spielzeit danebenzusitzen, den Diamanten nach jedem Track neu aufzulegen und nebenbei noch Frequenzen anzupassen, um den Sound zu verbessern. Ein enormer Aufwand. Zusätzlich werden die Cover selbst ausgeschnitten und geklebt. Eine Platte kostet in der Produktion schließlich knapp zehn Euro. „Natürlich ist das ein Liebhaberding“, sagt Florian. „Aber da wir vieles selber online verkaufen, könnte ich mittlerweile gerade so davon leben.“ Stattdessen hat er zwei Mitarbeiter eingestellt, die ihm unter die Arme greifen, und sich einen neuen Job gesucht.

So klein es auch ist, die Arbeit des Labels wird geschätzt, denn die Qualität der Platten ist gut. Sogar externe Aufträge kämen mittlerweile rein. „Unsere Platten werden auch von Leuten aus Japan oder Mexiko gekauft“, sagt Florian. Dann kramt er eine Platte hervor in deren Mitte farbige Flüssigkeiten ineinander laufen. Er experimentiere eben gerne. „Als nächstes möchte ich versuchen, Musik auf einen CD-Rohling zu schneiden“, sagt er. Lang lebe die CD.

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