Vom Berghain in die Psychotherapie

Die Charité erforscht Ketamin

In der Partyszene ist Ketamin als Droge beliebt und gefürchtet. An der Charité wird es jetzt als Wundermittel gegen Depressionen erforscht
Text: Johann Voigt

Freitagabend. Fünf Mittzwanziger sitzen in der WG-Küche eines Altbaus in Prenzlauer Berg. Später werden sie gemeinsam durch die Berliner Nacht taumeln, bis zur Bewegungsunfähigkeit. Eine von ihnen, Mara*, Studentin, sportlicher Typ, legt mit einem dicken Grinsen auf den Lippen feine Linien aus weißem Pulver auf einen Spiegel. Der Start in den Abend: mit Ketamin. Mara zieht eine der Lines durch die Nase.

Mit 17 hat Mara das erste Mal Ketamin konsumiert. Plötzlich kribbelte es überall. Ein Lach­anfall war die Folge. Für diesen Zustand reichte eine Messerspitze des Pulvers. Heute braucht sie mehr. „Es gibt Phasen, da nehme ich Keta jedes Wochen­ende, weil es eine richtige Herausforderung ist. Der Körper wird beim Tanzen nach hinten gezogen und man muss dagegen ankämpfen“, sagt sie. Mittlerweile nimmt Mara ein halbes Gramm pro Wochen­ende. Der Körper entwickelt schnell Toleranz gegen die Substanz. Die Trips halten oft nicht mal eine Stunde an, dann muss Mara nachlegen. Immerhin ist das Ab­ebben des Rausches angenehmer als bei anderen Partydrogen.

Das 1962 erstmals synthetisierte Narkosemittel, das sowohl Tiere als auch Menschen in eine Art komatösen Schlaf versetzen kann, ist fest im Berliner Nachtleben verankert. Viele nehmen es in geringen Dosen nach dem Feiern, um die aufputschende Wirkung anderer Drogen aufzuheben. Andere suchen vor allem die dissoziative Wirkung des Stoffes. Denn der trennt Körper von Geist, die Welt scheint unwirklich, außerkörperliche Erfahrungen sind möglich. K-Hole nennt sich der Zustand kurz vor der Ohnmacht: einer Nah­tod­erfahrung ähnlich. Nun soll die Droge in Deutschland eine neue Bestimmung bekommen: als Wundermittel gegen Depression.

In der Medizin wird Ketamin flüssig verwendet. Freizeit-User trocknen es auf glatten Flächen. Dann sieht es so aus wie hier Foto: Coaster420 - India / Licensed under Public Domain
In der Medizin wird Ketamin flüssig verwendet. Freizeit-User trocknen es auf glatten Flächen. Dann sieht es so aus wie hier Foto: Coaster420 – India / Licensed under Public Domain

30 Berliner bekommen Ketamin legal

Bereits 2006 wurde im Institute of Mental Health in den USA, dem weltweit größten Forschungs­zentrum für psychische Störungen, 18 schwer Depressiven Ketamin injiziert. Nach kurzer Zeit nahmen die Symptome ab. Ketamin blockt die NMDA-Rezeptoren im zentralen Nervensystem, die eine Bindungsstelle für Glutamat sein könnten. Dysregulierungen von Glutamat spielt bei Depressionen eine Rolle, so viel ist bekannt. Die genauen Gründe für die Potenz des Medikaments bei Depressiven sind noch nicht geklärt.

Malek Bajbouj vom Zentrum für Neurologie, Neurochirurgie und Psychiatrie der Berliner Charité will das ändern. Seit mehreren Jahren arbeitet er mit Ketamin. Derzeit befinden sich 30 Probanden in Behandlung. Wie oft und wie hoch dosiert die Droge ihnen verabreicht wird, bleibt geheim. „Bei einem Drittel der Patienten setzt die Wirkung sofort ein, bei einem Drittel verzögert, und die restlichen Patienten spüren gar nichts“, schildert er seine Beobachtungen. Keine schlechte Quote für ein Antidepressivum.

Lebenslust für potenzielle Selbstmörder

Die Studie läuft Ende dieses Jahres aus, schon im September startet die nächste. Bisher ist Baibouj optimistisch: „Wenn man es in geeignetem Setting verabreicht, hat es durchaus eine Zukunft in der Behandlung von Depressionen.“ In den USA gibt es schon etwa 20 Zentren, in denen psychische Erkrankungen mit Ketamin behandelt werden.

In Deutschland öffnete vor einem Jahr die erste Ketamin-Praxis. Frank Mathers heißt der Arzt, der in Köln als erster in Deutschland begann, schwer Depressive mit Ketamin zu behandeln. Heute spricht er in einem Wilmersdorfer Konferenzraum. Der stämmige Mann mit amerikanischem Akzent ist Narkose­arzt und bringt Zahnärzten den Umgang mit Lachgas bei. Inzwischen hat er etwa 50 Patienten zwischen 24 und 80 Jahren Ketamin als Antidepressivum verabreicht. „Zu mir kommen Menschen, die schon stationär behandelt wurden, Selbstmordversuche hinter sich haben und bei denen herkömmliche Antidepressiva nicht anschlagen“, erklärt er. „Nach Absprache mit dem behandelnden Psychiater und einer ausführlichen Anamnese beginnt die Therapie.“ Doch nicht jeder ist geeignet für eine Behandlung mit Ketamin: Bei Menschen mit Angststörungen, Psychosen oder Schizophrenie kann das Medikament vorhandene Symptome verstärken.

Mehr Drogen, die Medikamente sind

Marihuana:
In Deutsch-land gibt es etwa 270 Kranke, die Gras mit einer Sondergenehmigung aus der Apotheke bekommen. Es hilft gegen Schmerzen, bei Epilepsie, Asthma, Tourette und einigen weiteren Erkrankungen.

Lachgas:
Lachgas wird wie Ketamin als Anästhetikum eingesetzt. Die Inhalation des Gases führt zu einem kurzen, euphorischen Rausch, der bis zu zwei Minuten anhält.

Codein:
Der Hustenstiller, ein Opiat wie Heroin, wird in der US-amerikanischen Rap-Szene und Gang-Kultur wegen seiner lockernden Wirkung seit Jahren als Droge missbraucht. Mittlerweile ist die Welle auch nach Deutschland geschwappt.

Ritalin:
Kinder mit AD(H)S-Erkrankung werden häufig mit Ritalin behandelt. Doch auch Studenten und Feiernde nutzen das Medikament, um wach oder konzentriert zu bleiben. In hohen Dosen wirkt Ritalin psychedelisch, kann aber gleichzeitig zu Kreislaufkollaps und Atemlähmung führe
n.

Mara hatte noch keine negativen Erfahrungen, kennt aber einige Menschen, denen Ketamin zum Verhängnis wurde. Die hatten Psychosen, wurden paranoid, kapselten sich von der Gesellschaft ab und endeten nicht selten im Entzug. „Ich denke, Keta sollten nur Leute mit einem gefestigten Charakter nehmen“, empfiehlt Mara. Dann verfinstert sich ihr Gesicht: „Am schlimmsten finde ich es, wenn Typen kleinen Mädchen ohne Drogen­erfahrung zu viel Ketamin geben. Die kommen dann gar nicht mehr klar.“ Im schlimmsten Fall enden sie im Krankenhaus.

Trotz ihrer jahrelangen Erfahrung mit Ketamin bewegen sich Pioniere wie Mathers auf neuem Terrain. Er injiziert den Patienten etwa 0,5 Milligramm des Wirkstoffes pro Kilogramm Körpergewicht. Wenn das Medikament nach der zweiten Sitzung nicht anschlägt, wird von einer Weiterführung der Therapie abgeraten. Ansonsten wird sie je nach Bedarf fortgesetzt. Abstände und genaue Dosierung variieren von Typ zu Typ – nach Bauchgefühl. Doch was genau verändert sich mit der Ketamin-Therapie? „Es kam mal ein erfolgreicher Geschäftsmann zu mir, lange depressiv, festgefahren im Alltag. Nach einer Sitzung kam ihm plötzlich der Gedanke, sich mal wieder mit seinem Sohn zu treffen. Später wollte er auch noch die Freundin seines Sohnes sehen. So entwickelte sich das immer weiter. Ketamin reißt Depressive aus ihrem Trott und bringt sie auf neue Ideen, vielleicht sogar auf Lösungsansätze.“

180 Euro pro Rausch

150 bis 180 Euro lassen sich Patienten diese Lösungs­ansätze pro Sitzung kosten. Die Kassen zahlen nicht. Deswegen sieht Mathers Ketamin auch nicht als Alternative zu herkömmlichen Antidepressiva: „Wichtig wäre eher, eine Pille zu entwickeln, die wie Ketamin die NDMA-Rezeptoren blockt, den Patient aber nicht halb ins Koma fallen lässt.“ Viele Psychotherapeuten hätten Angst, mit dem Medikament zu arbeiten, „weil sie sich damit nicht auskennen und Atemdepression oder Ohnmacht fürchten. Man sollte im Zweifelsfalle immer einen Anästhesisten mit Erfahrung einbeziehen, der alle nötigen Geräte parat hat.“

Laut Mathers wird Ketamin nicht der neue Heilsbringer für Depressive werden. Die Forschung mit dem Medikament könnte aber ein Weg zu wirkungs­vollen Alternativen sein. Die Freizeitkonsumenten werden trotzdem weiter das Original verwenden. Wie bedenklich ist es eigentlich, Ketamin als Droge zu nutzen? Mathers grinst. „Dazu sage ich lieber nichts.“

*Name geändert