Bowie in Berlin

Die David Bowie Ausstellung im Martin-Gropius-Bau

David Bowie lebte zwei Jahre in Berlin und setzte die Stadt damit erst auf die Landkarte der globalen Popkultur. Er hat Spuren hinterlassen, die bis heute zu besichtigen sind. Doch auch für den Musiker war die Berliner Zeit prägend ­– wie eine große Ausstellung nun zeigt. Weggefährten erinnern sich

Phantomschmerzen kennt diese Stadt. Es ist dieses Gefühl, wenn ein neues Album von David Bowie erscheint. Oder wenn wie jetzt eine Ausstellung über den Sänger bevorsteht. Oder wenn einer der legendären Läden, die Bowie besuchte, schließt, wieder eröffnet oder den Besitzer wechselt: Anderes Ufer, das SO36 oder das Exil.

Nicht einmal zwei Jahre hat David Bowie in der Stadt verbracht, zwischen August 1976 und Frühjahr 1978 hat er in Schöneberg gelebt. Doch kaum ein Künstler hat die Stadt so beeinflusst wie der Brite. Er hat ihr weltweit Ansehen verschafft zu einer Zeit, als kaum jemand den Westen der geteilten Stadt als Inspirationsort wahrnahm. David Bowie hat West-Berlin auf die Landkarte der Pop-Kulturproduktion gesetzt. Auf ihn folgten Depeche Mode, Nick Cave, U2, Peaches, Rufus Wain­wright, Leslie Feist, R.E.M. – Musiker, die mehr oder weniger seinen Spuren folgten.
Und es scheint, als würde auch Bowie diesen Schmerz fühlen, als würde ihm etwas ohne diese Stadt fehlen, der er drei Alben verdankt („Low“, „Heroes“, „Lodger“). „Where Are We Now?“, die Single aus dem letzten Jahr, brachte die Nostalgie auf den Punkt. Das Lied reihte Orte aneinander – Potsdamer Platz, Nürnberger Straße, Dschungel, ­Bösebrücke – und stellte die simple Frage: Wo befinden wir uns nun, mehr als 30 Jahre später: Berlin, Bowie, wir?


Aufnahme von David Bowie für das Albumcover von Aladdin Sane, 1973 Fotografie von Brian Duffy
Foto Duffy © Duffy Archive & The David Bowie Archive

Pleite und drogenvergiftet

Natürlich in der Hauptstraße 155, Schöneberg, Nähe U-Bahnhof Kleistpark. Von der Adresse hat David Bowie einmal behauptet: „Die vergesse ich niemals. Das waren sehr wichtige Jahre in Berlin. Es war in so vielerlei Hinsicht befreiend für mich, in Berlin zu leben.“

Das hätte niemand erwartet. Als Bowie im August 1976 für ein paar Monate nach Berlin kam, war er aufgrund eines Rechtsstreits mit seinem Ex-Manager beinahe pleite und stark drogenvergiftet. Er lebte bis zum Frühjahr desselben Jahres in Los Angeles, erst in Beverly Hills, dann in Bel Air, und nahm vor allem Kokain. Tobias Rüther, Journalist bei der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ und Autor des sehr gelungenen Buches „Helden – David Bowie und Berlin“, beschreibt den Sänger zu jener Zeit wie folgt: „Er sitzt bei schwarzen Kerzen im Schneidersitz da, murmelt Zaubersprüche und malt Pentagramme.“

Es ist schwer vorzustellen, dass in diesem, sagen wir mal, unscheinbaren Altbauklotz an der Hauptstraße ein Gefühl der Freiheit aufkommen kann. Der fünfgeschossige Bau ist eingeklemmt zwischen anderen Altbauten, die Fassade irgendwann abgeschlagen, vor dem Haus verläuft die laute mehrspurige Straße, und in den Hinterhof gelangt kaum einmal die Sonne. Ganz ­besonders, wenn man wie Bowie und sein zeitweiliger Mitbewohner Iggy Pop in der ersten Etage gelebt hat.

Der Fotograf Jim Rakete hat vergangenes Jahr im „Guardian“ erklärt, jeder West-Berliner aus jener Zeit kenne eine Bowie-Anekdote, auf deren Wahrheitsgehalt er bestehe. So soll er mal in einer Wohnung in Neukölln gelebt haben, obwohl das nie belegt ist. Nur ein Song mit dem falsch geschriebenen „Neuköln“ ist bekannt.

Vielleicht liegt das daran, dass niemand genau hinguckte, wenn Bowie und Iggy Pop durch die Stadt zogen. Die West-Berliner waren zu cool für Starkult. Peter Rads­zuhn, Ende 50, heute Chef von Radio Eins, damals ein junger Musiker, erinnert sich, wie man sich betont abwandte von den beiden Künstlern, wenn sie in Clubs auftauchten. „Wir haben selber eine Band“, dachten sich die Berliner Jungs damals und würdigten die beiden Paradiesvögel höchstens mit heimlichen Blicken.


“Heroes“ Contact Print (Piece No. 32), 1977
Foto © Masayoshi Sukita / The David Bowie Archive

Abenteuerspielplatz Berlin

Dass keiner so richtig hingeguckt hat, das hat David Bowie auch im Anderen Ufer gefallen. Die Kneipe wurde 1975 von fünf schwulen Männern gegründet, zwei Häuser von seiner Wohnung entfernt, es war die erste schwule Bar mit Fensterscheiben zur Straße hinaus. Plötzlich versteckten sich die Homosexuellen nicht mehr, sie tranken ihr Bier an der Hauptstraße 157, rauchten, quatschten, diskutierten und flirteten vor den Augen der Passanten. Einer der Gründer war Gerhard Hoffmann.

Er lebt nach wie vor nahe der Hauptstraße, wo das Andere Ufer – heute heißt das Lokal nach einem Besitzerwechsel Neues Ufer – und Bowie Nachbarn waren. Der gebürtige Bayer kam 1973 nach West-Berlin, studierte Politikwissenschaften, rief den Albino-Verlag ins Leben und verlegte Christopher ­Isherwood oder Jean Cocteau. „Ich bin ein Schöneberger“, sagt der 67-Jährige von sich. Heute organisiert er das Schwul-Lesbische Straßenfest mit, sein Lachen wirkt jungenhaft, seine Koketterie ist ungebrochen.

Er weiß noch, wie das war, als er Bowie zum ersten Mal in der Kneipe wahrnahm. Nämlich so wie immer, niemand scherte sich darum, ob da einer gerade einen Kurzvortrag in einem Proseminar gehalten oder Millionen Platten verkauft hatte. Als ihn aufgeregt ein junger Mann fragte: „Ich habe gehört, der Bowie ist immer bei euch?“, da zapfte der Gastwirt sein Bier weiter, schüttelte den Kopf, davon habe er noch nichts gehört, und als der Bowie-Fan enttäuscht hinausstapfte, erst da sah Hoffmann den Sänger an einem Tisch in der Bar sitzen. „Ich hatte den vorher einfach nicht bemerkt.“

Keine Extrawurst für Promis! Das galt in West-Berlin so sehr, dass der Freund von Gerhard Hoffmann sich einmal weigerte, Bowie ein Bier nach Schankschluss zu verkaufen. „Das war etwas peinlich“, erzählt der Mitbegründer heute.


Rote Plateauschuhe für die Aladdin Sane Tour,1973 Courtesy: The David Bowie Archive
Foto © Victoria and Albert Museum

Abgeranzt, trist, depressiv

Danach sah er ihn öfter. Mit der Schauspielerin Sydne Rome saß er da, mit WG-Bewohner Iggy Pop („Der sieht ja heute noch so aus wie damals“), einmal auch mit seiner Frau und dem Sohn. Berühmt ist die Episode, als nachts ein Stein durch das Fens­ter der Kneipe flog, irgendein Betrunkener hatte ihn geworfen, es klopfte an der Tür, und als Hoffmann vorsichtig aufmachte, stand da David Bowie. Er drückte Hoffmann Geld für die Scheibe in die Hand, gemeinsam warteten sie auf den Glaser.

Was die beiden verbunden hat, war eine Leidenschaft für Kunst. Bowie liebte das Brücke-Museum, die expressionistischen Gemälde von Egon Schiele, er malte in seiner Wohnung und brachte einmal seine eigenen Gemälde hinü­ber in die Bar. „Das geschah alles so nebenbei“, erinnert sich Hoffmann, der heute auch Ausstellungen organisiert – gerade eine mit eigenen Textcollagen im Rathaus Tiergarten. Das Berlin Ende der 70er-Jahre, so Hoffmann, war „abgeranzt, trist, depressiv“. Und wie er das sagt, klingt es irgendwie spannend.

„Es war ein Abenteuerspielplatz“, sagt Thilo Schmied, der die Berlin Musictours organisiert, die an Orte der hiesigen Popgeschichte fahren, unter anderem Besucher auch durch die Hauptstraße kutschieren und in die Hansa Studios. An diesem Morgen ist Peter Radszuhn mit dabei. Als beide Männer in der Lobby stehen, erzählt Thilo Schmied davon, wie Bowie damals an der Rezeption stand und von hier aus ins Ausland telefonierte. Das war der einzige Apparat im Haus, von dem aus das möglich war. Dabei haben Iggy Pop und David Bowie wohl gern übertrieben, wie schlimm das Leben in West-Berlin sei, und anschließend beraten, wo sie abends zum Feiern hingehen könnten.

Trotz aller Distanz zum Starkult: Es war ungewöhnlich, dass zwei so große Namen in Berlin lebten. „David Bowie und Iggy Pop waren die ersten Stars, die keinen großen Bogen um diese kleine Insel machten“, erinnert sich Christiane F. im Gespräch mit zitty, „vorher kamen viele Verlierer nach West-Berlin, Leute, die nicht zum Bund wollten, ,Arbeitsscheue‘ nannte man sie.“ Die Lieder von Bowie haben Christiane F., die Symbolfigur der damals drogengeprägten Berliner Jugendkultur, wie so viele Zeitgenossen geprägt.


David Bowie während der Filmarbeiten zum Musikvideo Ashes to Ashes, 1980 Fotografie von Brian Duffy
Foto Duffy © Duffy Archive & The David Bowie Archive

„Schafft den Junkie hier raus!“

Für Bowie selber galt: Drogen waren im Studio verboten. Ein Kasten Schultheiss, der war erlaubt, ansonsten arbeitete Bowie relativ abstinent. Vielleicht war ihm noch die Ablehnung gegenwärtig, die er im Hause von Conny Plank erlebte. Eigentlich wollte David Bowie in den Studios des legendären Krautrock-Produzenten aufnehmen. Als er 1976 Plank südlich von Köln besuchte, wohl noch unter dem Einfluss der L.A.-Eskapaden, soll Planks Frau gesagt haben: „Schafft den Junkie hier raus!“

Nun also ohne regelmäßige Drogen in West-Berlin, aber mit gelegentlichen Ausflügen ins Nachtleben. Ins Andere Ufer, ins Restaurant Exil am Paul-Lincke-Ufer, in dem sich heute das Horvath befindet, in den Club Dschungel oder in das Kabarett von Romy Haag – wo heute der Schwulenclub Connection vögelfreudige Touristen im Kellerlabyrinth begrüßt.

Von manchen Nachttouren seien David Bowie und Iggy Pop mit dem Rad bis zum Wannsee gefahren. Peter Radszuhn erinnert sich, wie er einmal frühmorgens an einer Kreuzung stand und die beiden Musiker an ihm vorbeigeradelt seien. Frühstück im Loretta, ausruhen am See, mit dem Rad zurück. „Jeder Berliner weiß, wie weit das mit dem Fahrrad ist“, sagt Rads­zuhn mit einer gewissen Bewunderung. Bei einem dieser Ausflüge klingelten Bowie und Pop auch den damaligen Tontechniker Eduard Meyer aus dem Bett. Sie besuchten ihn in seiner Wohnung nahe dem KaDeWe, frühstückten und trugen sich in das Gästebuch ein, wie man das früher tat. Bowie schrieb einen der wenigen Sätze, die er auf Deutsch konnte: „Kann ich Ihnen einen Staubsauger verkaufen?“
Solche Anekdoten erzählt Thilo Schmied, während er im Meistersaal der Hansa-Studios steht, diesem sagenhaften Ort, wo viele von Bowies Liedern entstanden. Ein Saal aus den 20er-Jahren, der heute so gar nichts mit dem Ambiente zu Bowie-Zeiten gemeinsam hat. Damals hingen Netze unter den Decken, um den bröckelnden Putz aufzufangen. Das war Niemandsland an der Grenze, von einem der Fenster im Studio sahen die Musiker auf die Wachtürme an der Mauer hinüber. Und in den Hof des Studios hinein, wo einmal ein Paar stand, das David Bowie zu einem seiner berühmtesten Lieder inspiriert hat: „Heroes“.

Ein Lied, das viele berührt hat. Auch Christiane F. erinnert sich, dass sie „Heroes“ auf Anhieb verstanden hat. „Bei anderen Songs hat es manchmal ein Jahr gedauert, bis wir den Text auswendig konnten. Bei ,Heroes‘ war das anders“, sagt sie. Doch sie betont auch: „Bis zu meinem Buch war ,Heroes‘ noch ein normales Lied, das in Discos gespielt wurde. Erst danach ging das mit ­Bowie in Deutschland erst richtig los.“
Wie auch immer es begann: Bis heute löst dieses Lied Gänsehaut aus. Es ist der kreative Höhepunkt der Berliner Jahre, obwohl die Single damals ein kommerzieller Flop war. Doch gerade dieses Lied heizt die Euphorie um den Sänger nach wie vor an.


Bühnenmodell für die Diamond Dogs Tour, 1974 Entworfen von Jules Fisher und Mark Ravitz Courtesy: The David Bowie Archive
Foto © Victoria and Albert Museum

Briefe an Marlene Dietrich

Nun kommt diese Bowie-Begeisterung zu einem vorläufigen Höhepunkt. Am 20. Mai eröffnet die große Ausstellung über den Künstler im Martin-Gropius-Bau. Erstmals gezeigt wurde sie bereits vergangenes Jahr mit großem Erfolg im Victoria & Albert Museum in London, für die deutsche Hauptstadt wurde sie erweitert.

Ein bisher unveröffentlichter Briefwechsel mit Marlene Dietrich ist unter den Exponaten. Das West-Berlin der 70er-Jahre wird unter die Lupe genommen, Orte wie das SO36, der Dschungel, natürlich die Hansa­ Studios. Denn mal ehrlich: Ohne ­Bowie wäre das Studio nur für die Arbeit mit anderen Künstlern in die Annalen eingegangen, für Roland Kaiser, Mireille Matthieu und Engelbert. Auch dafür können wir ­David Bowie gar nicht genug danken.

Mehr zu Bowie
Tobias Rüther: Helden – David Bowie und Berlin, Rogner & Bernhard, 222 Seiten, 19,90 Euro
Christiane F: Mein zweites Leben, Deutscher Levante Verlag, 336 Seiten, 17,90 Euro
Bowie als Schauspieler: „David Bowie: I’m back“ – Filmreihe im Babylon, 21.5.-7.6.