Familie

Die digitale Kita

Bis vor Kurzem waren Kinder­gärten rein analoge Orte. Jetzt spielen schon Dreijährige mit Tablets und Smartboards. Ist das sinnvoll?

In der Kita „Weiße Taube“ in Hohenschönhausen malen die Kinder mit Stiften auf Papier. Und mit Fingern auf dem Tablet-Computer. Wenn sie wissen wollen, was Insekten können, blättern sie in einem Bilderbuch. Oder schauen im Internet nach. Es gibt einen Garten, einen Balkon und eine Werkbank, aber auch Lerncomputer und eine Multimediastation.

Bis vor einigen Jahren waren Kindergärten analoge Orte. Das hat sich geändert. Erzieherinnen und Erzieher halten per Mail den Kontakt zu den Eltern und dokumentieren mit Digitalkameras, Tablets und anderen Geräten den Alltag in der Kita. Und immer mehr Institutionen setzen die digitale Technik auch für ihre pädagogische Arbeit ein.

Alles andere als Malen nach Zahlen: Die Kinder der Kita „Weiße Taube“ werden auf dem riesigen Smartboard kreativ – mit den Fingern und unterschiedlichen digitalen Werkzeugen und Farben
Foto: F. Anthea Schaap

So wie Petra Schreiber. Die 60-jährige Erzieherin, die viel jünger aussieht, arbeitet in einer Einrichtung mit medienpädagogischem Schwerpunkt. Schon sehr kleine Kinder lernen hier, was man mit Computer, Mikrofon und Kameras alles machen kann.

Neulich hat die Wolkenschäfchengruppe das Märchen „Hänsel und Gretel“ als Stop-Motion-Trickfilm umgesetzt. Die Kinder haben dafür die selbstgebastelten Figuren vor der Digitalkamera in Szene gesetzt, die Kulisse am Smartboard erstellt, die Filmmusik selbst eingesungen. Das habe allen großen Spaß gemacht, sagt Schreiber. Welche Medien wie genutzt werden, hänge vom Alter und Entwicklungsstand der Kinder ab. „Aber man kann einem Dreijährigen durchaus zutrauen, mit einer robusten Digitalkamera Nahaufnahmen von Blumen oder Käfern zu machen.“

Ist das nun ein Fortschritt oder nicht? Darüber gehen die Meinungen auseinander. Viele halten die digitale Kita für kompletten Unsinn. Warum müssen Vorschulkinder wissen, wie eine Digitalkamera funktioniert? Hocken die Kleinen nicht ohnehin schon viel zu lange vor Bildschirmen? Sollten sie nicht erst einmal die reale Welt erkunden, bevor sie die virtuelle kennenlernen? Das fragen sich nicht nur Eltern, sondern auch Pädagogen und Ärzte.

Er halte es für „wenig sinnvoll, dass Kinder so früh den Umgang mit digitalen Medien lernen“, sagt etwa der Berliner Kinder- und Jugendmediziner Jakob Maske. „Fakt ist, dass die meisten Kinder heute zu viele Stunden vor Bildschirmen verbringen und sich zu wenig bewegen. Die Auswirkungen sehe ich jeden Tag in meiner Praxis: Kinder und Jugendliche mit Übergewicht und Haltungsschäden.“ Allerdings, räumt der Kinderarzt ein, spreche aus ärztlicher Sicht nichts gegen eine gut dosierte und begleitete Medienerziehung im Kindergartenalter. Jedoch: „Grundsätzlich ist der Umgang mit digitalen Medien keine Kompetenz, die man nicht auch noch später im Leben erwerben kann.“

Droht die digitale Demenz?

Weniger differenziert argumentiert der Neurowissenschaftler und Hirnforscher Manfred Spitzer, der zahlreiche Bücher über die Gefahren digitaler Mediennutzung verfasst hat. „Wenn Kita-Kinder am Tablet daddeln, dann ist das kein Bildungskick, das ist kriminell“, wetterte er vergangenes Jahr anlässlich eines Kongresses der Vereinigung der Waldorfkindergärten. Der Neurowissenschaftler warnt schon länger vor der „digitalen Demenz“. Die intensive Mediennutzung lasse das Gehirn verkümmern, sagt er, mache unkonzentriert und oberflächlich und richte insbesondere bei Kindern große Schäden an. Mit diesen Thesen liegt er im Clinch mit Bildungswissenschaftlern, die einen kompetenten Umgang mit digitalen Medien für ebenso wichtig erachten wie Lesen, Schreiben oder Rechnen.

 

Immer der Reihe nach: Die Kinder wechseln sich beim digitalen Malen ab
Foto: F. Anthea Schaap

In den Walddorfpädagogen hat Spitzer Mitstreiter gefunden. Sie haben 2016 die bundesweite Online-Petition „Digital-Kita! – NEIN // Ja zu konstruktiven Bildungsinvestitionen“ gestartet. „Wir sind nicht grundsätzlich technologiefeindlich“, sagt Michael Wetenkamp, Architekt und Sprecher der Vereinigung der Waldorfkindergärten. „Aber unserer Ansicht nach ist es der Entwicklung von Kindern unter zwölf Jahren nicht förderlich, wenn sie Erfahrung mit digitalen Medien machen.“

Mit der Petition wollen die Pädagogen präventiv tätig werden. Denn vergangenes Jahr haben die Kultusminister der Länder beschlossen, den Umgang mit digitalen Medien in Schulen zum Standard zu machen. Bis zum Jahr 2021 soll jeder Schüler Zugang zu einer digitalen Lernumgebung – also etwa WLAN im Klassenzimmer und offene Lernunterlagen im Netz – haben. Außerdem sollen sie lernen, die neuen Techniken kompetent zu nutzen.

…und wählen die Farben aus einer digitalen Palette (unten). Antippen genügt
Foto: F. Anthea Schaap

Dem Pressesprecher der Kultusministerkonferenz zufolge war zwar angedacht, die Frühpädagogik miteinzubeziehen. Aber dann hat man das doch gelassen. Einmal, weil die Zuständigkeiten für Kitas und Krippen in den einzelnen Bundesländern teilweise gar nicht im Bildungsressort angesiedelt sind. Ein anderer Grund dürfte sein, dass Digitalisierung und Frühpädagogik heiße Eisen sind, an denen sich Politiker leicht die Finger verbrennen können.

In den Ausbau der digitalen Schule werden fünf Milliarden Euro investiert, das wecke doch sicher Begehrlichkeiten bei Technologiekonzernen, befürchtet Wetenkamp. Wenn das so weitergeht, sind dann nicht Google und Co. bald auch im Kindergarten präsent? Geht es nach den Waldorfpädagogen, soll der Kindergarten in Zukunft ein vor digitalen Endgeräten geschützter Raum bleiben. Freies Spielen, sich bewegen, Dinge anfassen, riechen, fühlen, schmecken. So sollen Kinder die Welt kennenlernen, nicht beim Über-den-Bildschirm-wischen.

Es mag überraschen, aber mit dieser Haltung sind die Kritiker gar nicht so weit weg von den Befürwortern. Denn auch Medienpädagogen sind der Auffassung, dass es im Leben von Kleinkindern insbesondere nicht-medial vermittelte Inhalte geben sollte. „Digitale Welten dürfen reale Erfahrungen in der Frühpädagogik nicht verdrängen“, sagt die Erziehungswissenschaftlerin und Professorin für empirische Medienforschung, Dorothee M. Meister von der Universität Paderborn. „ Aber wenn man sie in den Bildungsprozess integriert und kreativ einsetzt, haben sie enorme Potenziale.“

Übersetzt in die Berliner Kita-Wirklichkeit könnte das bedeuten: Kein Film über Fische kann die sinnliche Erfahrung ersetzen, die Kinder beim Koi-Streicheln im Aquarium machen. Aber mit einem Multimediaquiz im Anschluss an den Zoobesuch können sie ihre Erfahrungen reflektieren und zusätzlich noch etwas über Tierhaltung mitnehmen. „Es geht nicht darum, Medien passiv zu konsumieren, sondern darum, sie aktiv als Werkzeug zu benutzen“, sagt Meister. Voraussetzung dafür sei allerdings, dass die Erzieher wissen, wie man sie didaktisch-­pädagogisch sinnvoll einsetzt.

„Wir müssen auch die benachteiligten Kinder abholen“

Da gibt es noch Nachholbedarf. Viele Bundesländer, auch Berlin, haben zwar die Vermittlung von Medienkompetenz – und damit auch den Umgang mit digitalen Medien – in ihre Bildungspläne aufgenommen, also in ihre Leitlinien für die Kindertagesstätten. Aber nur eine kleine Minderheit der 2.400 Berliner Einrichtungen hat wie die Kita „Weiße Taube“ ein medienpädagogisches Konzept. In der Ausbildung von Erzieherinnen und Erziehern spiele Medienbildung immer noch eine eher randständige Rolle, sagt Sarah Lange vom BITS 21, der Fortbildungseinrichtung des Jugendhilfeträgers fjs. Lange und ihr Team schulen dort seit dem Jahr 2000 pädagogische Fachkräfte darin, in ihrem Berufsalltag kompetent mit Medien umzugehen. Auch Petra Schreiber hat sich hier weitergebildet.

Die Nachfrage ist groß. „Selbst die Jüngeren, die so genannten ‚digital natives‘, die mit technischen Geräten, Internet und Apps aufgewachsen sind, wissen oft nicht, wie man das didaktisch nutzen kann“, sagt Lange. Dabei sei diese Kompetenz gerade für Erzieher in der Kita wichtig: „Die Auseinandersetzung mit Medien beginnt heute deutlich früher als noch vor wenigen Jahren. Das ist eine Realität, die wir nicht ausblenden können.“ Schon Babys erleben tagtäglich in ihren Familien, wie Mama, Papa oder Geschwister Smartphones, PCs, Laptops oder Tablets bedienen. „Die Kinder kommen frühmorgens mit den Medienerlebnissen in die Kita. Das müssen wir auffangen“, sagt auch Erzieherin Petra Schreiber. So wie die Ängste eines vierjährigen Jungen, der eben viele schwarze und rote Striche auf ein weißes Blatt Papier gekitzelt hat. Das ist ein Zombie, sagt er. Ob er zu Hause ein Computerspiel gespielt hat? Schreiber weiß es nicht. Sie wird mit dem Jungen darüber reden und eventuell auch mit den Eltern.

Illustration: Kati Szilagy

„Viele Eltern sind sehr reflektiert und besorgt, wenn es um den Umgang mit Medien geht. Die wissen um die Risiken von Mediennutzung und stellen zu Hause Regeln auf“, sagt sie. Aber genauso viele seien viel zu sorglos. Die lassen ihre Kinder Filme sehen, die für Erwachsene gedacht sind oder posten planschende Nackedei-Fotos im offenen Facebook-Profil. Manche Eltern haben nicht die Zeit und die Kraft, die Mediennutzung ihrer Kleinen so zu kontrollieren, wie es nötig wäre.

Von Kindergärten, die das Thema digitale Medien komplett verbannen, hält Schreiber daher wenig.„Wir müssen alle Kinder abholen, auch die benachteiligten.“ Gerade Jungs und Mädchen, deren Eltern unbedarft sind, was die Mediennutzung anbelangt, brauchen bei dem Thema Erzieher als Vorbild und Rollenmodell. In der „Weißen Taube“ ist die Spielzeit am Lerncomputer, der im Gang neben der Werkbank steht, auf fünf Minuten begrenzt. Tablets und Kamera nutzen die Kinder nicht täglich, sondern immer projektbezogen. Schreiber spricht mit den Kindern darüber, warum nach der Computerzeit das Toben im Garten so wichtig ist. Oder wie sie merken, dass der Körper keine Lust mehr auf Bildschirm hat und sich entspannen muss. Es brauche oft viele Morgenkreise, bis die Kinder das verstehen, erzählt sie.

„Jede Bildungseinrichtung hat den Auftrag, alters­angemessen dafür zu sorgen, dass Kinder zu kompetenten, sozial verantwortlichen und selbstständigen Menschen heranwachsen – und zwar in einer Welt, die von Medien durchdrungen ist“, sagt auch Sarah Lange von BITS 21. Den Wunsch einiger Eltern und Pädagogen, die Kindheit so zu belassen, wie sie einmal war, als medienfreien Schutzraum, kann sie gut nachvollziehen. Aber das entspräche nun mal nicht der Realität. „Social Media, Smartphone, Internet – diese Entwicklungen haben wir als Gesellschaft doch zugelassen. Jetzt müssen wir dafür die Verantwortung übernehmen und unseren Kindern zeigen, wie sie gut damit umgehen können.