Roman

Die fabelhafte Welt der DDR

Der Vater war ein hoher Regierungsfunktionär, die Kinder rebellierten mal laut, mal leise.
Marion Brasch hat jetzt einen Roman "Ab jetzt ist Ruhe" über ihre berühmte Familie geschrieben

Die RadioEins-Moderatorin Marion Brasch hatte etwas, das in der DDR nicht selbstverständlich war: einen eigenen Telefonanschluss. Bürger des Arbeiter- und Bauernstaates mussten darauf manchmal länger warten als auf einen Trabi. Oft vergeblich. Nur etwa jeder Zehnte kam in den Genuss dieses Privilegs. Die anderen standen sich vor Telefonzellen die Beine in den Bauch.

Dass die kleine Schwester des berühmten Schriftstellers Thomas Brasch den Anschluss erhielt, dafür hatte ihr Vater Horst Brasch gesorgt. Der war hoher SED-Parteifunktionär und stellvertretender Minister für Kultur der DDR, ein alter Duzfreund von Erich Honecker. Als solcher konnte er Unmögliches möglich machen wie zum Beispiel auch eine Westreise nach London.

Das Telefon allerdings habe er ihr aus rein egoistischen Gründen organisiert, erinnert sich die 1961 geborene Marion Brasch in einem Café am Wasserturm im Prenzlauer Berg. Es sei dabei gar nicht um sie gegangen, sondern allein darum, für ihren – Jahre nach dem Tod der Mutter – vereinsamten Vater erreichbar zu sein. Sie sagt das liebevoll.

 

Skrupellose Härte

Wenn Marion Brasch von ihrem notorisch strengen Herrn Papa redet, geschieht es frei von Bitterkeit, mit viel Wärme, sogar Verständnis. Und das, obwohl er die Partei und den Sozialismus immer und manchmal mit skrupelloser Härte über das Wohl der Familie gestellt hatte. Und obwohl er seinen Sohn Thomas nicht davor beschützt hatte, in den Knast zu kommen, als dieser 1968 gegen die sowjetische Invasion in Prag Flugblätter verteilte. Er hätte diesen Einfluss gehabt.

Eine „fabelhafte“ Familie seien die Braschs gewesen, so heißt es im Untertitel von Marion Braschs autobiografischem Roman „Ab jetzt ist Ruhe“. Dazu zählen neben Marion, ihren Eltern und Thomas – Autor von „Vor den Vätern sterben die Söhne“ und Regisseur von Filmen wie „Engel aus Eisen“ –, noch die Brüder Peter Brasch, der Kinderhörspielautor war, und der Schauspieler Klaus Brasch („Solo Sunny“). Eine Familie, in der sich die ideologische Gnadenlosigkeit des letzten Jahrhunderts zeigte, aber auch die Zerrissenheit dieser Nation.

Beide Elternteile, die als jüdisch-kommunistische Exilanten nach dem Zweiten Weltkrieg die DDR mit aufbauten, starben an Krebs – Gerda Brasch 1975, Horst Brasch im Jahr 1989, die Wiedervereinigung erlebte er nicht mehr. Die Brüder Peter und Klaus kostete ihre Alkoholsucht das Leben, Thomas, kokainabhängig, starb 2001 an Herzversagen. Alleine übrig blieb Marion Brasch, eine offenherzige, aufgeschlossene und sympathische Frau, der man nicht anmerkt, welch tragisches Familienschicksal auf ihren Schultern lastet. Auch nicht, dass sie in ihrer Jugend an Bulimie litt.

Ob der Buchuntertitel nicht eher „Roman meiner zerstörten Familie“ heißen müsse? Nein, „fabelhafte Familie“ sei doppeldeutig und auch ironisch zu lesen, antwortet die frisch gebackene Buchautorin, die im Medienbetrieb eine der wenigen Prominenten mit Ostbiografie darstellt und deren markante Stimme auf dem Sender RadioEins schon lange Markenzeichen ist. Sie selbst habe eine schöne Kindheit gehabt, sagt sie. Auch davon wollte sie in ihrem Buch erzählen.

 

Chronisch faul

Ihre Brüder waren starke Persönlichkeiten, wie man bei der Lektüre des berührenden, mitunter sehr witzigen Romans erfährt, der weniger ein Buch über Thomas Brasch als über den Vater geworden ist und in dem einige bekannte Figuren wie der Schriftsteller Heiner Müller oder Thomas’ Freundin Katharina Thalbach vorkommen. „Ich halte mich für nicht so begabt wie meine Brüder und sehe mich nach diesem Buch auch noch nicht als Schriftstellerin, da gehört mehr dazu“, sagt Marion Brasch bescheiden, ohne jeden Anflug von Koketterie. „Vielleicht werde ich das, wenn ich groß bin“, ergänzt die 50-Jährige schon koketter und lächelt.

Sie sei chronisch faul, beichtet sie beiläufig. Beim Schreiben des Romans habe sie sich häufig durch Youtube-Videos ablenken lassen – ihre Website „Tach“ zeugt von diesem Laster. Trotzdem reize es sie, weiter zu schreiben, vielleicht auch mal einen rein fiktionalen Roman.

Manch ein Generationsgenosse ostdeutscher Sozialisation sieht ihr Buch kritisch, die DDR darin durch eine rosa Brille geschildert. Auf diesen Vorwurf reagiert Marion Brasch gelassen. Sie habe nicht die DDR beschreiben wollen, sondern lediglich ihre subjektive Perspektive. Abgesehen davon räumt sie ein, dass die DDR in Pankow freilich eine andere war als in Prenzlauer Berg, in Prenzlauer Berg wiederum eine andere als etwa in Karl-Marx-Stadt, wohin ihr Vater samt Familie strafversetzt wurde. „Natürlich gibt es Leute, die übel geschunden wurden. Ich würde auch nie sagen, es war so, sondern das war es, was ich erlebt habe.“ Dass sie als „Bonzenkind“ privilegiert gewesen wäre, habe sie als Kind nicht mitbekommen. „Mein Vater fand es verwerflich, Privilegien in Anspruch zu nehmen, auch wenn er diesen Anspruch mit unserer Londonreise oder dem Telefonanschluss selbst untergraben hat.“

Hauptadressat von „Ab jetzt ist Ruhe“ – ein Satz, den die Brasch-Kinder vor dem Einschlafen abwechselnd aufsagen mussten – sei Marion Braschs 19-jährige Tochter, deren Vater, der Radiomoderator und Theatermacher Jürgen Kuttner, im Roman auch erkennbar ist. Aber so war es eben im kleinen Ost-Berlin: Jeder kannte jeden. Der ARD-Bericht über Braschs Buch auf ihrer Homepage ist von Lutz Pehnert, ebenfalls Sohn eines stellvertretenden DDR-Kulturministers. Außerdem sei das Buch für sie eine Art Familienaufstellung mit therapeutischer Funktion geworden, sagt sie lachend.

Mit ernster Miene ergänzt sie dann auch, dass sie erst durchs Schreiben wirklich verstanden habe, worum es sich bei dem Konflikt der Brüder mit dem Vater handelte – einen tiefsitzenden historischen Generationenkonflikt, der nicht nur ihre Familie betreffe und nicht allein die DDR-Geschichte. 1968 wurde er auch im Westen ausgefochten. Eines ist für Marion Brasch klar: „Ich kann meinem Vater nicht die Schuld geben am Tod meiner Brüder, dafür ist er nicht verantwortlich.“

Liest man den im vergangenen Jahr erschienenen Roman „Die Kinder der preußischen Wüste“, den der Schauspieler und Dramatiker Klaus Pohl über das Umfeld seines Weggefährten Thomas Brasch geschrieben hat, erhält man ein stark variierendes, kühleres Bild der Geschehnisse, die Marion Brasch mit großer Empathie schreibend zu verstehen versucht. „Mit Klaus Pohls Buch hatte ich Schwierigkeiten, trotzdem finde ich gut, dass es das Buch gibt, weil es meinen Bruder Thomas am Leben erhält“, sagt sie. Erschütternde Szenen schildert sie in ihrem Buch selbst schonungslos. Die Szene beispielsweise, in der Thomas Brasch seinen Vater – in Anwesenheit der 16 Jahre jüngeren Schwester – mit dem konfrontiert, was er ihm angetan hat und nur auf kaltes Schweigen stößt. Ihr eigenes Verhältnis zum Vater sei ganz anders gewesen: „Ich war das Nesthäkchen, da ist es fast vorbestimmt, weniger wichtig zu sein, eher niedlich, klein und lieb. Ich war nicht die Person, an der man sich gerieben hat.“

 

Westmusik im Giftschrank

Auf ihre eigene SED-Mitgliedschaft angesprochen, winkt Marion Brasch ab und nennt das „vorauseilenden Gehorsam dem Vater gegenüber“. Sonderlich politisch sei sie im Gegensatz zum Rest der Familie nicht, auch wenn sie zu Wendezeiten bei einer kleinen Revolution im Jugendradiosender DT64 mitgewirkt hatte, als der „Giftschrank“ geöffnet und plötzlich „Westmusik“ ausgestrahlt wurde. Der Wiedervereinigung begegnete sie zunächst mit Skepsis, lieber wäre es ihr gewesen, die DDR hätte sich in ein anderes Land verwandelt. „Ich hatte immer eine sehr verklärte Vorstellung vom Kommunismus. Ich trauere der DDR nicht nach. Den Sozialismus aber halte ich nach wie vor für eine schöne Idee – im Sinne sozialer Gerechtigkeit und Fürsorge.“

Dem Prenzlauer Berg als Wohnsitz ist Marion Brasch treu geblieben, auch wenn sie den Bezirk als immer langweiliger, glatter und weniger heterogen empfindet. „Leider wird hier alles zugetüncht und man trifft kaum noch ältere Menschen im Kiez. Die wenigen Blicke auf eine nicht sanierte Fassade sind da ein Rest von Zuhause“. Auf die indiskrete Frage, ob sie liiert sei, reagiert sie nach längerem Überlegen mit einem abwägenden „Jein“. Sie sei zufrieden mit ihrem Leben, sagt sie und erzählt nicht ohne Stolz von ihrer Tochter, die gerade Abitur gemacht hat und gerne als Regisseurin ans Theater gehen würde. Marion Brasch lächelt. Sie strahlt Ruhe aus. „Ich habe viel Glück gehabt und bin ein glücklicher Mensch.“

 

Marion Brasch: „Ab jetzt ist Ruhe“, Fischer, Frankfurt 2012. 400 S., 19,99 Euro

Lesung mit Marion Brasch am 14.3. um 20 Uhr im Georg Büchner Buchladen (Moderation Julia Franck) und auf der Leipziger Messe unter anderem am 15.3., 11.30 Uhr auf dem Blauen Sofa in der Glashalle