Berlin

Die Flaschenpfand-Alternative

Von der Öffentlichkeit weitgehend unbemerkt,  sorgen private Laubsacksammler in Berlin dafür, dass Straßenränder sauber bleiben

Es ist ein wankendes Gefährt, das in Schöneberg an einer Kleingartenkolonie entlangrumpelt: Vorne, auf einem Herrenrad, strampelt ein Mann mittleren Alters. Hintendran ist ein Lastentransporter aus Metallrohren mit einem halben Quadratmeter Ladefläche – überladen mit sieben prall gefüllten BSR-Laubsäcken. Das Gespann ist unterwegs zum nächsten Recyclinghof der Berliner Stadtreinigung (BSR). Dort wird der Laubsacksammler seine am Straßenrand aufgelesene „Beute“ abliefern und pro Sack einen Euro erhalten. Mit dem Verkauf von leeren Laubsäcken für vier Euro pro Stück, etwa an Gartenbesitzer, garantiert die BSR sowohl die spätere Abholung vom Straßenrand als auch die Kompostierung des Inhalts.

Laubentsorger bei der Arbeit

Ein semiprofessioneller Laubentsorger bei der Arbeit
Foto: Eva Apraku

 Berlin ist die Stadt der Gegensätze, die Hartz-IV-Hauptstadt voll Luxuswohnungen. Viele Arme leben vom Müll der ­Reichen. Wer es sich leisten kann, bringt weder die Pfandflasche für acht Cent, noch den Laubsack für einen Euro zurück. Diese Dekadenz machen sich verhäuft jene zunutze, die auf Centbeträge angewiesen sind.

Anders als die Pfandflaschensammler sind Berlins Laubsacksammler ein eher unbekanntes Phänomen, weil sie vornehmlich in ruhigeren Gegenden aktiv sind, wo es viele Ein- und Zweifamilienhäuser mit Garten oder Laubenkolonien gibt. Doch sie sind hochaktiv: Von den knapp 474.000 gefüllten Laubsäcken, die 2015 auf den Berliner Recyclinghöfen ankamen, wurden 467.000 Säcke von Privatleuten angeliefert, darunter viele Laubsacksammler.

Bruno*, 63, hagerer Frührentner, bessert mit dem Sammeln seine schmale Rente auf: „Ich bin vielleicht viermal in der Woche mit meinem Fahrrad und dem Anhänger unterwegs“, sagt er. Nur mit diesem spärlichen Zuverdienst käme er über die Runden.  „Aber lange kann ich das nicht mehr machen, die Säcke sind oft sehr schwer.“ 90 ­Liter passen in die transparenten Plastik­tüten, die offiziell mit bis zu 25 Kilo beladen werden dürfen, die aber, wenn Fallobst darin landet, oft deutlich schwerer wiegen.

Auch Manuel*, 35, freischaffender Künstler, finanziert sich mit dem Laubsacksammeln Wesentliches: die Farben für seine Bilder, aber auch so manche Mahlzeit. Das Geschäft sei allerdings schwerer geworden, sagt er. Kleinere Recyclinghöfe wie der am Tempelhofer Weg nähmen pro Person und Tag nur noch vier Fuhren mit je fünf Säcken an. Außerdem seien immer mehr Kleinlastwagenfahrer unterwegs, die die Säcke im großen Stil einsammeln und sie zu den beiden BSR-Großabnahmestellen in der Reinickendorfer Lengeder Straße oder der Neuköllner Gradestraße fahren. Dort ist man für den Großansturm gewappnet: „Wenn se woll’n, könn’se hier mit tausend Säcken auflaufen“, sagt ein Mitarbeiter. Neben vereinzelten Fahrradfahrern würden hier vor allem Rumänen mit ihren Kleintransportern die Säcke anliefern. Rund 2.500 landen auf diese Art täglich in den Containern an der Gradestraße, bevor sie in die Kompostierungsanlagen brandenburgischer Spezial­firmen weiter transportiert werden.

Doch seit Hochbeete unter urbanen Gärtnern immer beliebter werden, steigt auch der Bedarf an Gartenabfällen, dem nährstoffreichen Füllmaterial dafür. Ein Laubsack, der von dem einen Kleingartenpächter soeben am Straßenrand abgestellt wurde, wird von dem nächsten womöglich kurze Zeit später wieder aufgelesen – und sein Inhalt ins Hochbeet verfrachtet. Übrig bleibt ein leerer Laubsack mit ­Second-Hand-Verkaufswert: Regelmäßig finden sich gebrauchte BSR-Laubsäcke in den Kleinanzeigen-Portalen. Eva Apraku

* Namen von der Redaktion geändert

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