Alternative Wohnprojekte im Berliner Umland

Die Freigeister

Hippie-Kommunen und Dorf-Startups: Wir haben mit Menschen gesprochen, die ins Berliner Umland gezogen sind – oder dort hinziehen wollen – um Utopien zu leben. Weg vom Mietenstress, hin zur Freiheit

Mirjam Bäcker macht auf dem Frühlingsfest des alternativen Projektes „Freakland“ Polaroidfotos. So wie von dieser jungen Frau, die gerade ein paar Meter vor ihr tanzt
Foto: Sarah Bergmann

Freakland

Hannes zieht sich aus. Er will sein Lieblingsspielzeug vorstellen und dazu ist er am liebsten nackt. Der 39-Jährige steigt sechs grob gezimmerte Stufen empor, hält kurz inne und schwingt sich auf eine Rutsche, die mal auf einem Spielplatz stand und jetzt per Schlauch bewässert wird. Unterwegs reißt er die Arme in die Luft, dann platscht er in einen halbierten Öltank voller Wasser.

Die Wasserrutsche ist liebevoll improvisiert. So wie fast alles auf diesem 4,5-Hektar-Gelände in Galenbeck, rund 125 Kilometer nördlich von Berlin, das Freakland heißt. Freakland? „Wir haben überlegt: Wie werden uns die Nachbarn wohl nennen?“, sagt Klemo, 34, ebenfalls einer der Gelände-Besitzer. Hannes, Klemo und 20 weitere Menschen leben in den 16 Gebäuden des Areals, wenn sie nicht gerade in der Stadt sind, um zu arbeiten. Die meisten wohnen in Berlin. Sie sind zwischen 19 und 45 Jahre alt. 

Freiheit in Freakland: die Wasserrutsche!
Foto: Sarah Bergmann

Der Anteil der Menschen, der in Großstädten lebt, wächst weltweit. Leben in der Stadt ist ein Zukunftsmodell. Doch je beliebter die Städte werden, desto weniger Raum bleibt dort für alternative Lebensformen wie Wagenburgen oder Hausprojekte; sie liefern nicht den Ertrag, den der steigende Verwertungsdruck fordert. Doch es gibt eine Gegenbewegung. Menschen, die sich aus den Städten zurückziehen, um auf dem Land Alternativen zu schaffen. Rund um Berlin finden sich einige davon – und es werden immer mehr. Sie suchen Entschleunigung, Unabhängigkeit und Gemeinschaft. Vielleicht ein Gegenmodell zum Kapitalismus. Auf jeden Fall: ein Experiment. 

Die Freaklander leben eine Art liebevolle Anarchie, eine Einstellung, die konträr zum im Berliner Umland derzeit weit verbreiteten rechten Gedankengut steht. Bei der Europawahl wurde die AfD in Brandenburg mit 19,9 Prozent stärkste politische Kraft. In Mecklenburg-Vorpommern, wo Freakland liegt, hat sie immer noch 17,7 Prozent geholt. Klemo sagt: „Beim Kartoffelfest hier im Dorf haben wir auf Wunsch vom Bürgermeister die Ordnungskräfte gestellt, damit alle sehen, dass die Punks an der Tür stehen und das Sagen haben. Beim ersten Mal hatten wir Stress mit den Nazis, aber alle anderen waren auf unserer Seite. Einige, die früher mit den Nazis mitliefen, wollen jetzt mit denen nichts mehr zu tun haben und treffen sich lieber mit uns.“ Ist das Leben in Freakland ein Rückzug aus der Welt? Geht es darum, sich von der Realität abzuschotten? Vielleicht ein bisschen. Aber da ist noch viel mehr.

Dietrich Daedelow, bis zur Kommunalwahl im Mai für die SPD Bürgermeister von Galenbeck – der Gemeinde, in der Freakland liegt – sagt: „Die multikulturellen Kulturangebote in Freakland sind das Gegenteil von dem, was die Rechten wollen. Hier können die Einheimischen Kulturen kennenlernen, mit denen sie sonst nie in Berührung gekommen wären.“

Berlin wird immer voller, während viele Dörfer im Umland, vor allem fernab von Regionalzugverbindungen, vom Aussterben bedroht sind. Wo das Land sich leert, driftet es nach rechts, während sich in den Städten linke Bastionen bilden. Warum also nicht beides ausgleichen, indem man Stadt und Land enger aneinander bindet? Die Stadtflüchtlinge sind auch eine Chance für das Dorfleben, für den ländlichen Raum. Die Vernetzung von Stadt und Land ist eine Chance für beide. 

Einige Bewohner und Frühlingsfest-Gäste im Freakland
Foto: Sarah Bergmann

Ex-Bürgermeister Daedelow ist den Freaklandern sehr zugetan. Die Bevölkerung der 100-Quadratkilometer-Gemeinde Galenbeck hat sich seit der Wende auf 1.200 Einwohner halbiert, es gibt hier nur noch sehr wenige Jugendliche. Daedelow sagt: „Wir sind eine offene Gemeinde und tun alles, um junge Leute von außerhalb anzusiedeln.“ Doch er fürchtet, dass diese offene Haltung schwindet. „Es kann sein, dass der Wind jetzt dreht.“

Daedelows Partei, die SPD, hat bei der Kreistagswahl im Mai im Vergleich zur vorhergehenden Wahl mehr als 20 Prozent der Stimmen verloren, die AfD hat mehr als 13 Prozent dazugewonnen, sie liegt jetzt bei 15,4 Prozent. Auch auf Kommunalebene gibt es eine Verschiebung: Daedelow wird abgelöst von einem Bürgermeister der „Wählergemeinschaft Galenbeck.“ Wie die zu Freakland steht, muss sich erst noch zeigen.

Es ist Samstag, 14 Uhr, und Daniel steht gerade auf. Daniel ist wie Hannes und Klemo einer der Freak­land-Besitzer. Als erstes macht sich der 44-Jährige einen Tee aus Salbei, der vor seinem Fenster wächst. Dann schlendert er, vorbei an zwei Kindern, die manisch Löcher ins Gelände buddeln, zu einer Wiese. Dort stehen drei Hüpfburgen, ein Trampolin und ein DJ an einem Pult. Die Freaklander feiern gerade ihr Frühlingsfest. 

Das Gelände ist gespickt mit Schaum- und Seifenblasenkanonen, wilden Hüttenkonstruktionen aus Brettern, Planen und Stoff. Auf der Wiese, auf der die Rutsche steht, wurden auch zwei ausrangierte Kajütmotorboote und zwei Strandkörbe geparkt. Es gibt mehrere Baumhäuser und Schaukeln, die in Bäumen hängen, eine per Lagerfeuer beheizte Gruppenbadewanne aus der anderen Hälfte des Öltanks, einen Pizza-Lehmofen, Kräuter- und Gemüsebeete, einen Raum für Billard und Airhockey, einen Saal voller Sofas und viele weitere Details und Spielereien zum Entdecken. „Hier ist für mich ein Traum wahr geworden“, sagt Daniel.

Welcome to Freakland: Die Bar des hauseigenen Clubs
Foto: Sarah Bergmann

Es ist der Traum vom Leben mit Freunden in der Natur. Angesichts des Mietenwahnsinns merken die Berliner*innen immer stärker, welcher Luxus Platz ­eigentlich ist. Raum zur freien Entfaltung fehlt in Berlin zunehmend, aber auf dem Land ist er noch recht günstig zu haben. Die Freaklander haben ihn genutzt, um eine Art Abenteuerspielplatz für Erwachsene darauf zu bauen. „Wenn du weißt, dass der Nachbar schläft, machst du deinen Krach halt woanders“, sagt Klemo. Man kann sagen: Es ist je mehr Freiheit möglich, desto mehr Raum es gibt, um sie auszuleben. 

Zu DDR-Zeiten war das Gelände ein FDJ-Lager. Die Freaklander haben es 2014 für 42.000 Euro gekauft. Klemo sagt: „Eine solch enge Gemeinschaft gibt es in der Stadt kaum mehr. Es gibt noch ein paar Wagenplätze und ehemals besetzte Häuser, die als Hausgemeinschaft zusammenleben, aber die werden immer weniger. Mittlerweile kann man sowas in Berlin nicht mehr neu gründen.“  Und auch im Umland sei es nicht mehr so leicht. Nach der Wende war der Osten ein fantastisches Jagdrevier für Menschen, die große Gelände suchten – mit dem Ende der DDR wurden einst staatliche Grundstücke oft zu Spottpreisen verhökert. Doch das ist lange her. „Grundstücke in der Größe zu kriegen, ist schwierig inzwischen“, sagt Klemo. „So viele gibt es nicht mehr.“

So lange es noch keine Genehmigung für die hauseigene Disco gibt, dürfen in Freakland nur Privatpartys veranstaltet werden
Foto: Sarah Bergmann

Als Freakland gerade erst gegründet worden war, begegneten die Anwohner den Neuankömmlingen zunächst mit Skepsis. Klemo sagt: „Die erste Frage, die mir hier gestellt wurde: ,Du kommst aus Berlin: Ost oder West?’ Und als ich dann ,Ost’ gesagt habe, antworteten sie: ,Oh gut, wir hatten schon Angst, ein reicher Wessi kauft das hier.’ Dann habe ich denen gesagt, dass ich aus der Hausbesetzerszene komme und dann konnten die schon was damit anfangen und waren interessiert.“ Heute kommen Menschen aus den umliegenden Dörfern regelmäßig zu den Freakland-Festen und auch einfach mal so auf ein Bier vorbei.

Zegg: Experimente mit der Liebe

Freakland ist auf einem Weg, den ein anderes Projekt, auf der anderen Seite der Stadt, bereits vor knapp 30 Jahren eingeschlagen hat. 

Evi (ganz links) mit Zegg-Bewohnern und -Gästen vor der Dorfkneipe, dem Herz des Projekts.
Foto: Sarah Bergmann

70 Kilometer südwestlich von Berlin: Evi sitzt mit einer Gruppe von Kommunarden auf einer Bierbank an einer Lichtung, vor einem Häuschen auf dem „Dorf­kneipe“ steht. Der Platz ist das Herzstück des Zegg, des Zentrums für Experimentelle Gesellschaftsgestaltung. Evi, 27, macht hier eine Ausbildung in Bio-Gartenbau. Sie sagt: „Ich mag das hier, weil hier sehr verschiedene Menschen mit sehr individuellen Lebensstilen leben und trotz ihrer Unterschiede zusammen etwas kreieren. Und ich mag, dass viel an der Liebe geforscht wird, denn um die geht es für mich immer in letzter Instanz.“ Dabei lächelt sie und streichelt den Oberschenkel des jungen Mannes, der neben ihr sitzt. „Hier gibt es ein unglaubliches Ja zu verschiedenen Dingen. Zu verschiedenen Beziehungsformen. Zu freier Liebe.“ 

Das Zegg beherbergt eine rund 100-köpfige Gemeinschaft. Auf dem 15-Hektar-Gelände in Bad Belzig verteilen sich mehr als ein Dutzend Gebäude. Wie in Freakland lebt man auch hier den Versuch einer Utopie. 

Der Weg zu den Duschen auf den Zegg-Gelände
Foto: Sarah Bergmann

Die beiden Projekte stehen für zwei unterschiedliche Stadien in der Entwicklung einer alternativen Gemeinschaft: Freakland für den frischen rebellischen Aufbruch, bei dem sich ganz viel erst noch entwickeln muss. Und das Zegg für die etablierte Kommune, in der die Menschen dauerhaft leben und die sich bereits eine sehr klare Organisation gegeben hat.

Im Zegg werden die meisten Entscheidungen in sogenannten Kreisen getroffen: Gruppen, die aus den Menschen bestehen, die im jeweiligen Gebiet tätig sind. Versorgung, Bildung, Geländepflege, Finanzen, Soziales. Sie treffen sich einmal die Woche, vor jeder Sitzung gibt es eine Runde, in der jeder sagt, wie es ihm gerade geht. Beschlüsse gelten nur, wenn alle dafür sind. Für das Gesamt-Plenum bleiben so nur noch wenige zen­trale Fragen übrig. So wie zum Beispiel die Lohnstruktur oder auch größere Anschaffungen.

Links: Im Zegg leben auch Tiere, an der freien Liebe sind sie allerdings nicht beteiligt
Foto: Sarah Bergmann

1991 kaufte eine Landkommune, die ursprünglich in den 80ern am Bodensee entstanden war, das Areal für 2,1 Millionen D-Mark. Die Bevölkerung von Bad Belzig hat die Neuen nicht sofort freudig begrüßt. Markus Euler, 51, der Besucher über das Gelände führt, sagt: „Das waren 80 Wessis, die Umgebung hat sich anfangs mit denen schwergetan.“ Inzwischen bestehe ein guter Kontakt zu Bürgermeister, Polizeichef und Gemeinde. Das Zegg ist der zweitgrößte Kurtaxezahler am Ort. Mittlerweile gehört es der gemeinnützigen Zegg-GmbH, die Kredite sind fast abbezahlt. 

Die Kommunarden veranstalten im Jahr fünf Festivals und fast 100 Seminare. Ihr Hauptthema dabei: die Liebe. Sie verstehen ihr Projekt als Kritik am herrschenden System. Den Menschen im Zegg geht um die Wiederentdeckung von Gemeinschaft in der individualisierten Gesellschaft. Hier muss sich daher jeder einbringen. Im Gemeinschafts-Restaurant werden Mitbewohner und Gäste täglich bekocht, jedes Zegg-Mitglied hat einmal die Woche Küchendienst, den Rest erledigen bezahlte Kräfte. Heute gibt es Nudeln mit Tomatensauce oder Tofu-Carbonara und Salat. 

Eine Liebeshütte in der Menschen Sex haben können. Oft wird hier aber auch nur gekuschelt
Foto: Sarah Bergmann

In der „Universität“, einem größeren Gebäude, läuft gerade ein schamanisches Seminar, bei dem Wissen um Sexualität vermittelt wird. Hinter der Eingangstür der „Universität“ sieht man einen Aufsteller mit einem Plakat, das für das Seminar wirbt: „Sexualität ist natürlich, heilig und wunderschön“, steht darauf. Ein paar Schritte weiter geht es in die hauseigene Bibliothek. Direkt am Eingang steht ein Regal namens „Kraftbücher“, darunter Titel wie: „Das geheime Wissen der Frauen“, „Religion und Eros“, „Quellen der Liebe und des Friedens“. Im Hof des Hauses liegt ein Zen-Garten. Vor dem Haus gibt es einen gepflasterten Platz, am Rand wachsen Feigenbäume.

Ein gutes Stück weiter, kurz vor dem „Pool“, einem gefliesten Löschwasserbecken, in dem Karpfen schwimmen und Zegg-Mitglieder baden, stehen in einer waldigen Ecke des Geländes zwei kleine Holzhäuschen. „Hier können sich Menschen begegnen“, sagt Markus Euler, der auch Projektsprecher ist – und meint damit: Sie können hier auch Sex haben. „Unser Liebesleben hat Einfluss auf die Gemeinschaft und damit auch auf die Gesellschaft und die Politik“, erklärt er. Es sei normal, dass hier manche Menschen einen Partner haben und andere mehrere. Er selbst habe mehrere Freundinnen, mit denen er auch schlafe. „Jede meiner Partnerinnen hat auch noch Beziehungen mit anderen. Und das ist auch gut so.“ Wenn eine seiner Freundinnen mit einem anderen Mann Sex habe, „freue ich mich für sie“. Es ist ein „Liebesnetzwerk“, sagt Euler. Im Zegg wird menschliche Nähe intensiv gelebt. „Allein, wie oft man hier am Tag umarmt wird, ist schon revolutionär“, sagt er.

Kodorf: Das Dorf-Startup

Aufs Land ziehen will auch der derzeitige Berliner Frederik Fischer. Der 37-Jährige hat vor, mit rund 50 weiteren Digitalarbeitern in Wiesenburg, 80 Kilometer südwestlich von Berlin, ein ganzes Dorf zu gründen. KoDorf nennt er das Projekt. Mehr als 300 Interessenten gibt es bereits. Ein ganz gewöhnliches Dorf, das schon besteht, wäre Fischer zu eng. „Es gibt eine unglaubliche Bereitschaft und sogar Sehnsucht, aufs Land zu ziehen, aber wir alle fremdeln halt mit der Vorstellung, dort bei Null anzufangen, was das soziale Netzwerk betrifft“, sagt er. „Es wäre ja auch naiv zu glauben, dass jemand wie ich, der sein Leben in Großstädten verbracht hat, aufs Land zieht, da sofort Anschluss findet.“

Fischer hofft, im KoDorf mehr menschliche Nähe zu erleben als in der Stadt. „Ich wohne im Wedding und wenn ich Freunde in Neukölln besuchen will, vergehen gut mal 45 Minuten. Aber wenn ich mir vorstelle, im Ko-Dorf einen Freundeskreis zu haben, dann gehe ich zwei Minuten und habe mehr Freunde um mich. Ich erwarte, dass man da Gemeinschaft ganz anders leben kann.“ So eng wie im Zegg mag er es dann aber doch lieber nicht haben. „Wir finden Privatsphäre total wichtig. Wir glauben nicht an diese alten Ideen im Sinne einer Kommune, wo man gar keinen Rückzugsraum hat, aber wir wollen auch keine Vereinzelung, dass die Menschen nur in ihren Häusern sitzen“, sagt er.

Das KoDorf in Wiesenburg ist als ein Pilotprojekt gedacht, weitere solcher Dörfer sollen folgen. Dabei sei immer auch ein Coworkingspace eingeplant, sagt Fischer. „Am Anfang stand die Frage: Warum leben wir in der Stadt, obwohl wir – oder viele von uns – ortsunabhängig arbeiten können? Und warum geht man nicht aufs Land, wo es supergünstig ist?“ Die Wohnhäuser im KoDorf sind sehr klein – zwischen 24 und 75 Quadratmeter. „Die Überlegung dahinter ist, viele Nutzungsarten auszulagern, die momentan noch jeder für sich in seinem Haus abbildet und die permanent Quadratmeter fressen, zum Beispiel ein Arbeitszimmer oder ein großes Esszimmer. Im Haus ist nur das, was man jeden Tag braucht“, sagt er. 

So ganz supergünstig ist das Leben auf dem Land in Fischers Modell dann allerdings doch nicht, hat er gemerkt: „Ich bin ehrlicherweise ein bisschen schockiert, wie teuer es dann doch ist, neu zu bauen. Uns ist es wichtig, lokale Handwerker fair zu bezahlen und ökologische Standards einzuhalten. Das hat seinen Preis: Bei rund 100.000 Euro pro Haus geht es los.“ 

Feriendorf Luhme: Vom Hausbesetzer zum Verbrecherjäger

Die Sache mit der Gemeinschaft klappt aber auch nicht immer so, wie man es sich wünscht. Wie auch sonst manche Ideale auf der Strecke bleiben können. So wie bei Freke Over. Der 51-jährige Ex-Berliner ist auch Besitzer eines großen Geländes mit vielen Gebäuden darauf, in Luhme, rund 110 Kilometer nordwestlich von Berlin. Er hat auf den 1,5 Hektar und in den 17 Gebäuden ein Feriendorf errichtet, das er gemeinsam mit seiner Freundin Nele, 46, betreibt. Die Gäste kommen zum größten Teil aus Berlin. Wie Freke Over selbst.

Freke Over, ehemaliges Mitglied des Abgeordnetenhauses, führt jetzt ein Ferienland
Foto: Sarah Bergmann

Over lebte einst in besetzten Häusern in der Mainzer Straße, in der Kinzigstraße, in der Liebigstraße, in Alt-Stralau. 1995 zog er für die PDS ins Abgeordnetenhaus ein, direkt gewählt in Friedrichshain-Kreuzberg. Im selben Jahr erfand er die Gemüseschlacht, die später des Öfteren auf der Oberbaumbrücke ausgetragen wurde: Kreuzberg gegen Friedrichshain.

Jetzt sind seine Kämpfe anderer Natur. Da wären zum Beispiel die Verbrecher. Freke Over hat ständig Ärger mit ihnen. „Ihr Verbrecher, sofort raus da!“, ruft er. „Lasst die Schildkröten in Ruhe.“ Die Verbrecher lassen sich aber nicht stören. Es sind Ziegen. Erst nachdem Over laut rufend auf sie zugeht, verlassen sie den eingezäunten Bereich. Kurz darauf kreist ein Bussard hoch über seinem Kopf. Und Over brüllt: „Hühnerdieb, verpiss dich!“ Man kann nicht sagen, dass es die reine Liebe wäre zwischen Freke Over und der Natur. 

Schafe!!!
Foto: Sarah Bergmann

Neben Ziegen, Schildkröten und Hühnern leben auf dem Gelände auch Schafe, Schweine, Kaninchen und Katzen. Die meisten Tiere haben Gehege aus knotigen Ästen und Zaungeflecht. Auf der Pflanzenkläran­lage steht Schilf, daneben gibt es eine „Kindertobescheune“ und einen toten Baum als Klettergerüst. Ein Stück hangaufwärts liegt eine Open-air-Bühne, auf der Kinder Theater spielen. Noch ein paar Schritte höher sieht man ein Kajak, das zum Sandkasten umfunktioniert ist.

Luhme war zu DDR-Zeiten ein Feriendorf der staatlichen Handelsorganisation Konsum. 2003 hat Over das Gelände „günstig erworben“, wie er sagt. „Berlin war irgendwann einfach durch, auch weil sich die Stadt verändert hat.“ 2006 beendete er seine Politikerkarriere in der Hauptstadt. Elf Jahre im Abgeordnetenhaus waren ihm genug. „Ich begann abzustumpfen“, sagt er. 

Im Ferienland Luhme hängen auf dem Klo im Haupthaus Sticker: „Sexismus bekämpfen“ steht auf einem. „Bundeswehr: Heiße Sache“ auf einem anderen. Zu sehen sind brennende Panzer. Freke Over ist ein Mann des Kampfes, er hat nach wie vor eine Mission: die Weltrevolution. Doch bei ihm im Feriendorf will sie nicht so recht beginnen. 

Freke Overs Vision war, einen Ort zu schaffen, an dem Menschen zusammenkommen, um politische Aktionen zu planen – so wie in der Landkommune, in der er mal lebte, oder im Hüttendorf in Wackersdorf, wo er gegen die Wiederaufarbeitungsanlage für Atommüll demonstrierte. „Aber das ist nur sehr begrenzt so ­geworden“, sagt er. „Klar haben wir Jugendseminare, wo ich Opa auch mal vom Krieg erzähle, über die Hausbesetzer aus der Mainzer Straße. Aber ich hatte mir mehr erhofft.“

Kindertobescheune Freiendorf Luhme
So sieht die Kindertobescheune von innen aus…
Foto: Sarah Bergmann

Over erzählt von den zehn bis 15 Mitarbeitern aus umliegenden Dörfern, die keinen gemeinschaftlich geführten Betrieb wollten, und vor allem: keine Verantwortung für das Projekt tragen. Und seine politisch aktiven Freunde kämen auch nicht regelmäßig zur Revolutionsplanung zu ihm, sondern nur zweimal im Jahr, um ihm bei verschiedenen Arbeiten zu helfen. Zwei haben immerhin ihren Bauwagen, beziehungsweise Wohnbus, dauerhaft auf seinem Gelände stehen. 

Auch würde Over gerne Bio-Essen anbieten, doch die nächsten Produzenten seien zu weit weg. „Da hast du einen Hof, der macht Rindfleisch. Da einen, der macht Kartoffeln und Schafe. Und 70 Kilometer entfernt gibt es einen Gemüsebaubetrieb. Da kann ich nicht überall regelmäßig hinfahren.“

Rund um Luhme gibt es, so wie rund um Freakland und das Zegg, rechte Umtriebe. Doch Freke Over fühlt sich sicher, schon durch die hohe Zahl von alternativen Projekten in der Gegend. Er sagt: „Wir hatten nie Stress mit Nazis. Das können die sich nicht leisten. Wir sind hier ja nicht die einzigen Linken. Hier ist gleich um die Ecke in Lärz die Fusion, es gibt die Coolmühle, die Bioranch in Zempow und ein paar andere Betriebe.“

Freke Over fühlte sich in Luhme von Anfang an willkommen. „Ich kam ja von der Staatspartei. PDS in Brandenburg, das ist ja, wie wenn ein CSU-Mann in Bayern umzieht.“ Probleme gab es erst später. „Hier wohnt in der Nähe ein Spekulant aus Kreuzberg, der hat sich mit dem Rosa Rose-Garten in der Kinzigstraße angelegt, hat den geräumt und dann gab es hier Demos. Von Friedrichshainern“, erzählt Over. „Die haben sich vorher bei mir getroffen, man kennt sich ja. Aber im Dorf kriegten viele Leute Angst. Und das wurde mir dann vorgeworfen.“

Ist Luhme für den Ex-Revolutionär schon der Alterssitz? Over lässt sich auf einer Hollywoodschaukel nieder, die er an den Rand eines Feldes gestellt hat, so dass man von dort aus gut den Sonnenuntergang beobachten kann, und sagt: „Die Republik verändern, das werde ich dann wohl doch in Berlin machen müssen.“

Das Leben auf dem Land ist auch eine Herausforderung. Der Weg zum Supermarkt ist weit, der öffentliche Nahverkehr schwach ausgeprägt, es gibt nicht viele Ablenkungen, nicht viel Kultur, weit weniger Menschen als in der Stadt. „Es nervt, dass man hier relativ wenig soziale Kontakte hat“, sagt Overs Freundin Nele. 

Markus Euler vom Zegg hat gelegentlich das entgegengesetzte Problem: „Mir fehlt hier nichts. Anonymität vielleicht. Ich fahre nach Berlin, wenn ich meine Ruhe will“, sagt er.

Die drei bereits existierenden Projekte – Freakland, Zegg, das Ferienland Luhme – haben neben dem alternativen Ansatz noch etwas gemeinsam: Eine Geschichte, die sehr wechselhaft ist. Und sehr deutsch.

Das Zegg-Areal in Bad Belzig beispielsweise war in der DDR ein Stasi-Ausbildungsgelände für Romeo-­Spione, also Agenten, die eine Liebesbeziehung zum Ziel­objekt aufbauen, um an Informationen zu kommen. „Das ist ganz witzig, weil wir uns ja auch viel mit Liebe beschäftigen“, sagt Markus Euler vom Zegg. Vorher, im Dritten Reich, lag dort ein Kraft-durch-Freude-Heim der NSDAP und eine SA-Schulungsstätte, in den letzten Kriegsjahren wurde das Gelände als Lazarett genutzt. 

Ähnlich weit zurück reicht die Geschichte des Freak­land-Areals in Galenbeck. Zu DDR-Zeiten ein FDJ-Lager, diente es vorher den Nazis als Reichsarbeitslager, in dem Menschen untergebracht wurden, die das umliegende Moor trockenlegten, darunter auch Zwangsarbeiter. Und auch Luhme, Freke Overs Feriendorf, war früher mal eine Nazi-Unternehmung. Ab 1910 entstand hier eine völkische Siedlung, in der reinrassige Arier gezüchtet werden sollten. Anfang der 20er-Jahre ging die Siedlung ein. 

So wurden diese drei Projekte aus Ruinen erschaffen: aus Ruinen der deutschen Geschichte. Und aus Ruinen der Bausubstanz. Undichte Dächer, fehlender Strom- und Wasseranschluss: Es musste einiges getan werden, bevor jemand einziehen konnte. Die drei Projekte sind auch heute noch nicht fertig, ewige Baustellen. Und doch zeigen sie schon weit in die Zukunft. Sie haben die Schatten der Vergangenheit verdrängt, indem sie ihre Gelände mit positiven Visionen besetzten. 

Wegweiser in die Zukunft

Auf dem Land rund um Berlin ist ein Leben möglich, das als Modell einer nachhaltigeren Welt gelten könnte. Alle drei Orte klären ihr Abwasser selbst in Bio-Kläranlagen, die mit Pflanzen und Mikroorganismen arbeiten.

Klemo, 34, hat das Freakland-Gelände in einem Versteigerungskatalog gefunden. 42.000 Euro hat die Gruppe 2014 dafür gezahlt Foto: Sarah Bergmann

Das Zegg ist besonders vorbildlich, was das Ökologische angeht. Der Strom kommt zu 100 Prozent aus der Sonne, die Wärme wird durch Verbrennung von Holzhackschnitzeln aus der Region erzeugt. Die rund 100 Bewohner teilen sich 15 Autos und einige Elektroräder. 60 Prozent des rein vegetarischen Essens, 28.500 Kilogramm Gemüse waren es 2018, werden auf dem Gelände angebaut. 

Unter anderem von Evi, der jungen Frau, die eine Ausbildung im Bio-Gartenbau macht. Sie erklärt die Besonderheiten des angeschlossenen Bauerhofs: „Hier haben wir ein Budget und man vertraut uns, dass wir gut damit umgehen. Wir müssen das Zeug nirgendwo hinkarren, es wird alles verwertet und gibt keinen Ausschuss, wir müssen nicht auf gerade Gurken achten. Ich kann mir die Arbeitszeit frei einteilen, und arbeite maximal acht Stunden am Tag.“ 

Kürzlich hat das Zegg ein paar anliegende Schrebergärten dazugekauft. Und auch auf dem übrigen Gelände wächst überall Essbares. „Da darf sich dann auch jeder dran bedienen“, sagt Sprecher Markus Euler.

Party!
Foto: Sarah Bergmann

Die gemeinnützige GmbH verdient an den Seminaren, Festen und Besuchern und hat 45 Angestellte, meist Teilzeitkräfte, dazu kommen Honorarkräfte. Der Rest der Bewohner geht auswärts arbeiten.

So kritisch Zegg und Freakland dem Kapitalismus gegenüberstehen, sie existieren doch mittendrin. Klemo von Freakland sagt: „Wir müssen Grundsteuern zahlen, Strom und noch so einiges. Die Sanierung ist sehr teuer, wir müssen alle gucken, dass wir irgendwo Geld verdienen. Aber was ich reinstecke, stecke ich nicht rein, weil ich drauf hoffe, dass ich irgendwann was rauskriege. Hier gibt es keine Rendite, nur Spaß dafür.“

Jedes Jahr kommen etwa vier Freakland-Bewohner dazu. Das Ziel ist, dass ein paar der Menschen auch über den Winter bleiben. Doch um dauerhaft hier zu residieren, müssen sie sich Erwerbsquellen schaffen, denn Jobs sind in der Region rar. Die Freaklander kämpfen gerade dafür, dass sie ihre hauseigene Disco als offizielle Veranstaltungsstätte genehmigt bekommen. Dann könnten sie sie vermieten. Es ist ein schwieriger Prozess, der Fluchtpläne, statische Abnahmen und vieles mehr benötigt. 

Die Disco lässt sich beim Frühlingsfest ab 22 Uhr bewundern. Bis dahin läuft die Party auf dem Open-air-Floor. Dann geht dort die Musik aus, die Gäste ziehen um in das ehemalige Heizhaus. Darin: eine Bar aus grob gezimmertem Holz, die ein bisschen wirkt, als wäre sie aus dem Sisyphos geklaut worden. Kein Zufall: Klemo ist einer der vier Besitzer des Berliner Clubs. 

Bilder

Von der Bar aus führt eine Treppe nach unten auf eine Tanzfläche in einem schwarz gestrichenen Raum. Über dem DJ hängt ein geflügelter Gremlin auf einer Rauchkanone, von der Decke rieselt auf Knopfdruck Glitzerkonfetti. Nach einigen Stunden liegt ein dicker Haufen davon auf der Tanzfläche. Die Freaklander feiern die Nacht von diesem Samstag bis zum Sonntag durch. 

Am nächsten Morgen hängen sie einen Anhänger an einen Traktor und fahren diesen – voller johlender Menschen – wieder zum Open-air-Floor. Klemo sitzt am Steuer, Daniel auf dem Anhänger. Er singt: „Join the Caravan of Love!“

Mehr Infos: 

freakland.berlin

zegg.de

kodorf.de

ferienland-luhme.de

Mehr Landprojekte: 

kreativorte-brandenburg.de

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