Kunst_Bericht

Die ganz große Sause

Der Rekordsommer der Kunst beginnt: Eine Reise zu "documenta" und Venedig-Biennale, der Kunstmesse in Basel und "Skulpturen Projekte Münster" bringt neue Einsichten - in Kunst, Markt und die Nöte der Ausstellungsmacher

Jetzt ist es also wirklich so weit. Seit Monaten trommeln Ausstellungsmacher und Tourismusmanager, Galeristen, Politiker, Journalisten und Sponsoren für den spektakulärsten Kunstreigen in Europa seit 1997: Ab 9. Juni eröffnen hintereinanderweg vier Ausstellungen von Weltrang. Zuerst die „52. Biennale von Venedig“ mit Kunst aus 77 Ländern, die in den Pavillons der „Volksgärten“ und der ganzen Stadt um den „Goldenen Löwen“, den Preis der Mutter aller Biennalen konkurrieren. Dann die „Art Basel“, die wichtigste Messe für Kunst, auf der über 300 Spitzengalerien hochwertige Ware anbieten. Am 16. Juni folgt in Kassel nach fünf Jahren wieder eine „documenta“: Die zwölfte, kuratiert von „documenta“-Leiter Roger M. Buergel und der Kunsthistorikerin Ruth Noack, führt mit 480 Arbeiten von 100 Künstlern durch Gegenwart und Vergangenheit internationaler Kunst. Und am selben Tag fällt der Startschuss für „Skulpturen Projekte Münster“, die renommierte Schau für Kunst im Stadtraum, die nur alle zehn Jahre statt findet. Welch einen Auftrieb das geben wird. „Skulpturen Projekte Münster“ erwartet 500.000 Besucher. Die „documenta“ 650.000. Venedig eine Million.

Und obwohl die Termine seit Jahr und Tag bekannt sind, geistern die gleichen Fragen wie vor jeder normalen Venedig-Biennale von Handy zu Handy: Wann fährst du? Nimmt du den Zug oder fliegst du? Weißt du in Venedig ein gutes, günstiges Hotel und das im Zentrum? Weiß man zwar, aber wer würde eine kühle, bezahlbare Bleibe direkt hinter dem San Marco-Platz verraten, auch wenn beim letzten Mal unter der Dusche ein Skorpion hockte? Doch es gibt ja die Homepage www.grandtour2007.com, die helfen soll, die Rundreise zu planen. In Münster zum Beispiel gab es drei Wochen vor Eröffnung noch Betten satt, etwa für 95 Euro nahe des Hauptbahnhofs, wenn auch nicht fürs Eröffnungswochenende. Wer es richtig preiswert will, muss etwas tiefer im Netz wühlen. Bei Kassel bietet ein Hotel Zelte mit Strohlager für 15 Euro pro Person inklusive Shuttleservice zur „documenta“ an. Ein Busunternehmen fährt nachts von Kassel nach Berlin, die Karte kostet zehn Euro. Die Möglichkeiten, die Reise zu gestalten, sind nahezu unendlich. Es ist für jeden etwas dabei. Kunst ist der Pop der Gegenwart. Wer mitpfeifen will, fährt zum Live-Auftritt. Und in diesem Sommer könnte sich das besonders lohnen.

Denn es sieht ganz danach aus, als wollten die Ausstellungsmacher einmal zwei entscheidende Punkte klären. Da ist zum einen die Frage, wieviel Kunst das Publikum überhaupt goutieren kann. Nicht nur Venedig, Basel, Kassel und Münster konkurrieren 2007 um Besucher. In Paris beginnt die Ausstellungsreihe „Monumenta“: mit Betonhäusern, die der Künstler Anselm Kiefer ins Grand Palais bauen will. Prag, Athen, Istanbul und Lyon haben ihre eigenen Biennalen. Hannover versucht mit „Made in Germany“ einen Überblick über die Kunstproduktion in Deutschland. Berlin lockt mit einer großen Impressionisten-Schau aus New York. Im Kampf um die Aufmerksamkeit von Medien und Publikum veröffentlichen die Veranstalter immer mehr Infohäppchen vorab, bis sich aus den Vorberichten in Internet und Feuilletons ein guter Teil der Ausstellungsrundgänge schon lange vor den Eröffnungen zusammenpuzzeln lässt und die Neugier zu dämpfen droht.

Um nur ganz wenige Beispiele zu nennen: In Münster wird der Düsseldorfer Künstler Hans-Peter Feldmann die öffentlichen Toiletten am Domplatz renoviert haben, mit leuchtend grünen Kabinen und Blumenbild an der Wand. Guillaume Bijl aus Belgien legt eine archäologische Ausgrabungsstätte an, aus der die Spitze eines Kirchturms ragt. Isa Genzken, die auch in Venedig im Deutschen Pavillon dabei ist, stellt in Münster Puppenskulpturen in die Fußgängerzone. In Venedig zeigt Tracey Emin im britischen Pavillon eine Art Summery ihrer jüngsten Einzelausstellungen und neue Monotypien. Auf der Kasseler Wilhelmshöhe baut Ai Wie Wei Reis für seine 1.001 Landsleute aus China an, die er auf Kosten von Sponsoren einfliegen lassen will. Sanja Ivekovic wiederum will vor dem Museum Fridericianum ein Mohnfeld zum Blühen bringen. Die Liste der Vorabinformationen ließe noch einige Textspalten fortsetzen, auch mit Namen von Berliner „documenta“-Teilnehmern wie Alice Creischer, Andreas Siekmann, Christian von Borries und Hito Steyerl. Die „Art Basel“, weniger auf Besucher- als auf Verkaufszahlen angewiesen, geht noch einen Schritt weiter. Sie will nach Messeschluss Bilder von den Exponaten mit Informationen zu Ausstellern und möglichst auch Preisen online stellen. Wer nicht persönlich in Basel Geschäfte abschließen muss, kann die Reise also digital erledigen. Das nimmt Druck aus der Tourenplanung. Andererseits: Basel muss man einfach einmal gesehen haben, diese einzigartige Mischung aus Schweizer Bodenständigkeit und internationalem Kunstrummel, Bescheidenheit und Reichtum, Selbstbewusstsein und Nervosität, gerade jetzt, da Kunst zu Höchstpreisen gehandelt wird und auf dem Markt oft größere, aufwändigere Arbeiten zu sehen sind als in vielen öffentlich geförderten Ausstellungen.

Und hier stellt sich die zweite Frage dieses Sommers. Was ist Kunst denn nun: Ware oder Bildung, Statussymbol, Teil der Unterhaltungsindustrie, allgemeines Kulturgut, Mittel zu Aufklärung und Emanzipation oder alles zusammen? Zumindest „Skulpturen Projekte Münster“ und die „documenta“ setzen ganz auf Distanz zum Markt. Demokratie und Teilhabe aller, lautet die Devise – statt „Marktorientierung und Elitenbildung“, wie es aus Münster, statt „Konsum“, wie es aus Kassel heißt. Die Omnipräsenz von Markt und Privatsammlungen zwingt die hoch subventionierten Großausstellungen der öffentlichen Hand, ihr Profil zu schärfen und sich zu legitimieren. Deshalb ist die Vermittlungsarbeit, das Erklären von Kunst so wichtig wie nie zuvor. Münster bietet täglich kostenlose Führungen an, zudem spezielle Touren etwa für Gehörlose oder geistig Behinderte, Veranstaltungen für Jugendliche, Familien, Auszubildende und Studierende, Fortbildungen für Lehrer, Bücher für Kinder. Und Vorträge in der ganzen Stadt zum Thema „Kunst und Öffentlichkeit“ In Kassel versteht sich die ganze „documenta“ als einziges Bildungsprojekt, das den Aufklärungsgedanken der Moderne überprüfen und globale Zusammenhänge in der Kunst sichtbar machen soll (siehe Interview).

Um sich vom aufgeheizten Markt abzugrenzen, plädieren beide Ausstellungsteams nicht zuletzt für Entschleunigung. In Kassel führt der Parcours zwischen fünf Ausstellungsorten hin und her ins Grüne, Ruheinseln sollen die Besucher zum gemeinsamen Gespräch animieren. „Skulpturen Projekte Münster“ begnügt sich mit Arbeiten von 36 Künstlern, verteilt über die ganze Stadt. Da hat man eine Weile zu tun. Doch vielleicht ist das ja tatsächlich eine Alternative zur Rundreise-Hysterie. Mal immer schön langsam. Und runter von den Trampelpfaden. Venedig ist im November am schönsten. Und wer Basel mit Prag oder die „documenta“ mit so einem exotischen Ereignis wie der „Langen Nacht der Museen“ am 6. Juli im benachbarten Göttingen kombiniert, der sieht garantiert etwas anderes als alle anderen.

52. Biennale von Venedig: 10. 6.-21.11.

Art 38 Basel: 13.-17.6.

12. documenta: 16.6.-23.9.

Skulpturen Projekte Münster: 17.6.-30.9.

Reiseinformationen und Links zu den Ausstellungen unter www.grandtour2007.com

[www.grandtour2007.com Homepage]