Kino

Die Gentrifizierung bin ich

Thomas Haemmerli lebte in seiner Kindheit in einem Züricher Villenviertel, in seiner Jugend in einem besetzten Haus, dann in diversen Wohnungen in Paris, Tiflis, Sao Paulo. Teils renovierte er selbst vom Grund auf neu und luxuriös, teils kaufte er und teils untervermietete er als Zweitwohnsitz und AirBnB-Angebot. Der Filmemacher ist also selbst ein idealer Protagonist, wenn es um Gentrifizierung geht. Nach Haemmerlis Erfolg „Sieben Mulden und eine Leiche“ war es also wieder Zeit, einen autobiografischen Dokumentarfilm zu produzieren.

Ernstes, so argumentiert er in Interviews, müsse unterhaltsam dargestellt werden: So ist sein Erzählen tief ironisch, bedient sich collagenartig filmischen Klischees und scheut sich auch nicht, private Fotoalben-Bilder zu zeigen. Dabei verschont er trotz seiner eigenen linken Vergangenheit keine politische Seite. Er nennt manchmal Fakten, macht gerne provokante, verkürzende Auflistungen, fokussiert sich auch immer wieder auf architektonische Geschichte und schweift dann doch ab, zu seinem eigenen Leben, der Geburt seines Kinds und Szenen, in denen er Wäsche in der Spülmaschine reinigt. Er stellt keine expliziten Fragen und gibt erst recht keine Antworten, sondern reflektiert vielmehr über ein Phänomen, für das er seine eigene Schuld erkennt, was er jedoch eher mit Ironie als mit schlechtem Gewissen behandelt: „Wer weiß, was Gentrifizierung bedeutet, ist ein Teil von ihr“, heißt es am Ende.

Der Film erfüllt seinen eigenen Anspruch, ist also unterhaltsam, doch funktioniert das autobiografische Erzählen nicht immer. Ein bisschen weniger Haemmerli und mehr Gedanken zum Wohnen hätten den Film zu einer gelungenen Reflektion über Gentrifizierung gemacht.