DRAMA

Die Gerechten

Sebastian Baumgarten verwackelt Albert Camus’ Terroristendrama am Gorki Theater

Lea Draeger als unheilige Bombenbastlerin – Foto: Ute Langkafel / Maifoto

Darf der Revolutionär Unschuldige töten? Diese Frage lässt Albert Camus in „Die Gerechten“ aus dem Jahr 1949 eine Gruppe von Anarchisten diskutieren. Weil in der Kutsche Kinder sitzen, zögert Janek Kaljajew im entscheidenden Augenblick, den Großfürsten Sergej mit einer Bombe zu töten. Zwei Tage später gelingt die Tat, Kaljajew wird verhaftet und erpresst.

Das Szenario geht auf einen wahren Fall zurück. Bei Camus geht es wie immer um die äußerst komplex strukturierte Lücke zwischen Theorie und Praxis, die wir Leben nennen. Regisseur Sebastian Baumgarten fügt Fremdtexte ein, um Camus’ Debattierclub ans 21. Jahrhundert heranzuzoomen. Politischer Widerstand gegen die Ideologie des allgegenwärtigen Kapitalismus wäre notwendig, aber welche Mittel sind erlaubt? Die historische Dis­tanz fängt Baumgarten mit markanten Stummfilmelementen auf: Ein Pianist unterlegt die Szenen live. Große Gesten, gekritzelte Hintergrundprospekte, Zwischentitel auf der Leinwand: alles bigger than life und in Richtung Farce tendierend.

Die Inszenierung beginnt vielversprechend. Ihr Anliegen schrumpft allerdings zusehends unter schnoddrigem Einsatz der ästhetischen Mittel. Wenn Baumgarten sich Zeit lässt, Situationen zu entwickeln, nimmt der Abend Fahrt auf; Schauspieler, denen man zuvor nur beim Hampeln zusah, dürfen dann sogar spielen. Immerhin gibt der Abend dem Publikum dann doch ein paar substantielle Fragen mit auf den Weg. ANNA OPEL

23.10., 19.30 Uhr, Maxim Gorki Theater, Am Festungsgraben 2, Mitte. Regie: Sebastian Baumgarten, Eintritt 10–38, erm. 8 €