Solidarität für alle

Die Geschichte der Kranken- und Sozialversicherung in Deutschland

In Zeiten, in denen nicht wenige von einer „Zweiklassengesellschaft“ der deutschen Krankenversicherten sprechen und andere höhere Zahlungen für Risikogruppen fordern, ist es Zeit, zwei Berliner Urgesteine zu bemühen – Solidarität und die Sozialversicherung.

Wilhelm I: Obwohl von der 48er-Revolution als „Kartätschenprinz“ bekannt, legte er die Wurzeln der Sozialversicherung.
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Wer sich heute in irgendeine der fast 1200 allgemeinmedizinischen Praxen Berlins setzt, weil die Nase läuft oder ein Zipperlein plagt, neigt schnell dazu, angesichts der Überfüllung zu fluchen. Unter Online-Nachrichten, die sich mit Übergewicht und Co. befassen, finden sich immer Kommentare, die für solche Risikogruppen höhere Kassenzahlungen fordern. Es scheint fast, als hätten nicht nur viele Berliner vergessen, wie eine echte Zweiklassengesellschaft aussieht. Dieses Wissen will der folgende Artikel auffrischen.

 „Wer krank wird, hat Pech“

Denn es ist noch nicht allzu lange her, genauer gesagt noch bis Mitte des 19. Jahrhunderts, da galt „Biste krank, haste Pech gehabt“ – egal ob es nur ein Schnupfen war, oder ein Arbeitsunfall.

Das Leben vor einer Krankenversicherung

  • Krankheit

Wer vor der Einführung der Versicherungspflicht krank wurde, der musste buchstäblich zahlen. Denn es gab zwar Ärzte, diese ließen sich jedoch ihre Arbeit, wie jeder Dienstleister, direkt bezahlen.

  • Arbeitsunfälle
Wer damals dank der nichtvorhandenen Arbeitsschutzgesetze einen Unfall hatte, fiel meist in ein bodenloses Loch der Armut.
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Wen es hingegen auf der Arbeit erwischte – und mangels jeglicher schützender Arbeiter-Regularien war das wahrscheinlich – hatte noch größeres Pech. Heute diskutieren wir über gefährliche Berliner Straßen – damals waren die täglichen Gefahren, von Dampfkessel verbrüht oder von Zahnrädern Glieder abgerissen zu bekommen. Wer „Glück“ hatte, wurde einfach nur durch die katastrophalen Arbeitsbedingungen verschlissen. Doch niemand konnte auf staatliche oder Hilfe seines Arbeitgebers hoffen.

  • Berufsunfähigkeit

Und wer dann durch Krankheit (bei 72-Stunden-Wochen auch ohne Arbeitsunfall keine Seltenheit) berufsunfähig geworden war, saß ruckzuck auf der Straße. Wo schon gesunde Berliner Arbeiter in absolutem Elend lebten, sich oft als Schlafgänger gerade ein Mietbett leisten konnten, gab es außer Armenhäusern niemanden, der sich diesem Heer annahm.

Eine echte Zweiklassengesellschaft

  • Systeme der Gilden und Zünfte

Die einzigen, die vor Einführung von Sozialgesetzen eine Ausnahme machten, waren Zünfte und Gilden. Diese erwirtschafteten durch Zwangsabgaben ihrer Mitglieder sowie Sammlungen Gelder, um bei Krankheit oder Arbeitsunfähigkeit beistehen zu können – wer jedoch nicht in diesen Gruppen organisiert war, ging leer aus. Durch die Industrialisierung, die keine Zünfte oder Gilden kannte, waren das sehr viele.

  • Ärzte für die Reichen

Und wo sich Ärzte ihre Leistungen direkt bezahlen ließen, ist klar, dass der Lohn einfacher Arbeiter bei weitem nicht ausreichte, um sich solchen Luxus zu leisten; das konnten nur Mitglieder der Herrscherklasse. Und so wundert es nicht, dass auch im 19. Jahrhundert noch Bader, Scherer und ähnliche „Halbmediziner“ quasi als Nebenberuf Zähne zogen und Wunden nähten – mehr schlecht als recht.

Preußische Morgenröte

Die Gründung erster „Arbeiterkassen“ 1845

Erst die Angst vor sozialdemokratischen Vordenkern wie August Bebel brachte die Herrscher zu einem Umdenken.
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Erst angesichts der massenhaften Verelendung der Arbeiterklasse begann in der Oberschicht ein Umdenken. Wenig hilfreich war es natürlich, dass es damals kein einheitliches Deutschland gab, sondern nur einen Verbund aus Herzog- und Fürstentümern und Königreichen. Das größte davon war Preußen – und dort erließ man am 17. Januar 1845 ein Gesetz, das die Entstehung von Arbeiter-Krankenkassen erlaubte. Das Besondere daran war, dass das Gesetz es den preußischen Kommunen, also auch Berlin, erlaubte, Menschen zum Eintritt zu zwingen.

Einfluss der Sozialdemokratie

Untrennbar verbunden mit diesen frühesten Schritten ist auch die Entwicklung der Sozialdemokratie. Die „Alte Tante“ SPD entstand erst in der Folge des Massenelends und der gescheiterten Revolution von 1848. Der 1863 gegründete Allgemeine Deutsche Arbeiterverein gilt heute als einer der wichtigsten SPD-Vorgänger – und hatte als solche explizit die Verbesserung der Lebensumstände der Arbeiterschaft im Sinn. Erst dieser Druck war es, der die Politik handeln ließ – dort hatte man nämlich Panik vor einem Arbeiterheer, das sich wutentbrannt erheben könnte. Die Französische Revolution war noch zu deutlich vor aller Augen. Daher handelte man nach dem Motto „besser die Arbeiter ein wenig humaner behandeln und die Macht behalten, als den Sozialdemokraten mehr Macht geben und auf dem Schafott enden“.

Die „Kaiserliche Sozialbotschaft“

Und auch wenn es bis 1881 dauerte, wundert es da nicht, dass Kaiser Wilhelm I. durch Otto von Bismarck eine Botschaft verkünden ließ, die das Problem an der Wurzel packen sollte: „Schon im Februar dieses Jahres haben Wir Unsere Ueberzeugung aussprechen lassen, daß die Heilung der sozialen Schäden nicht ausschließlich im Wege der Repression sozialdemokratischer Ausschreitungen, sondern gleichmäßig auf dem der positiven Förderung des Wohles der Arbeiter zu suchen sein werde“.

Wer zwischen den Zeilen zu lesen vermag, sieht genau die im letzten Punkt gemachten Aussage von der Angst gegenüber der Sozialdemokratie bestätigt. Nichtsdestotrotz sorgte die Sozialbotschaft dafür, das der Reichstag die Grundlagen für:

  • Krankenversicherung
  • Unfallversicherung
  • Arbeitsunfähigkeitsversicherung
  • Altersrente

beschloss – das Fundament für eine solidarische Sozialversicherung aller war gelegt.

Quelle: Verivox

 

Hilfe von allen für alle

Was nun seinen Lauf nahm, war die bis dahin solidarischste Tat, die jemals in Deutschland getätigt wurde. Jeder Arbeiter wurde in die Pflicht genommen – jeder war aber auch abgesichert. Klar, dass dies zunächst vor allem den untersten Gliedern der Arbeiterschaft zugutekam. In der Retrospektive war dies aber nur in einem geeinten Deutschland möglich geworden, wie es nach dem 1870er Krieg mit Frankreich entstanden war.

Die ersten Maßnahmen

1884: Gesetz betreffend die Krankenversicherung der Arbeiter

Wer mit Dampfkesseln arbeitete, war nun automatisch krankenversichert. Damit waren auch die Bahnarbeiter nun erstmals abgesichert.
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Den Anfang machte das drängendste Problem. Nämlich die völlig unzureichende medizinische Versorgung. Das „Gesetz betreffend die Krankenversicherung der Arbeiter“ wurde 1883 verkündet und trat im darauffolgenden Dezember in Kraft. Die wichtigsten Punkte waren (im originalen Wortlaut):

  • Personen, welche gegen Gehalt oder Lohn beschäftigt sind: in Bergwerken, Salinen, Aufbereitungsanstalten, Brüchen und Gruben, in Fabriken und Hüttenwerken, beim Eisenbahn- und Binnendampfschifffahrtsbetriebe, auf Werften und bei Bauten, im Handwerk und in sonstigen stehenden Gewerbebetrieben, in Betrieben, in denen Dampfkessel oder durch elementare Kraft (Wind, Wasser, Dampf, Gas, heiße Luft etc.) bewegte Triebwerke zur Verwendung kommen, sofern diese Verwendung nicht ausschließlich in vorübergehender Benutzung einer nicht zur Betriebsanlage gehörenden Kraftmaschine besteht, sind […] gegen Krankheit zu versichern.
  • vom Beginn der Krankheit ab freie ärztliche Behandlung, Arznei, sowie Brillen, Bruchbänder und ähnliche Heilmittel
  • im Falle der Erwerbsunfähigkeit, vom dritten Tage nach dem Tage der Erkrankung ab für jeden Arbeitstag ein Krankengeld in Höhe der Hälfte des ortsüblichen Tagelohnes gewöhnlicher Tagearbeiter
  • Die Krankenunterstützung endet spätestens mit dem Ablauf der dreizehnten Woche nach Beginn der Krankheit
  • An Stelle der in §. 6 vorgeschriebenen Leistungen kann freie Kur und Verpflegung in einem Krankenhause gewährt werden, und zwar: Für diejenigen, welche verheiratet oder Glieder einer Familie sind, mit ihrer Zustimmung, oder unabhängig von derselben, wenn die Art der Krankheit Anforderungen an die Behandlung oder Verpflegung stellt, welchen in der Familie des Erkrankten nicht genügt werden kann.

Was heute lapidar anmutet, war damals absolut bahnbrechend. Zum ersten Mal konnte es sich nun selbst der ärmste Arbeiter leisten, eine dem Stand der Medizin entsprechende Behandlung zu bekommen.

1885: Das Unfallversicherungsgesetz

Das Unfallversicherungsgesetz hingegen nahm ausschließlich die Arbeitgeber an die Kandare. Seine Finanzierung oblag zu 100 Prozent den Betrieben. Im Klartext bedeutete das, dass die Unfallversicherung nach Betriebsunfällen eingriff, wenn der Arbeiter nach den ersten 13 Wochen aus den Leistungen der Krankenversicherung fiel.

Die damals hohe Kindersterblichkeit wurde ab 1885 schon dadurch verbessert, dass auch Mütter krankenversichert wurden – wenngleich nur als Wöchnerinnen.
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Allerdings war das auch ein zweischneidiges Schwert. Denn unter massivem Widerstand der Industrie konnte der Reichstag das Gesetz nur gegen entsprechende Konzessionen durchdrücken. Namentlich die Entbindung von der zivilrechtlichen Haftpflicht. Ein in Ausübung seines Jobs verunfallter Arbeiter konnte den Betrieb – abgesehen von vorsätzlichen Fällen – nun nicht mehr vor Gericht verklagen.

Und das Unfallgesetz war nicht allgemeingültig. Zunächst betraf es nur die gleichen gefährliche Zweige wie im Krankenversicherungsgesetz. Das heißt, der Heizer am Kessel der Fabrik war versichert, sein Kollege im Büro jedoch nicht. Dies änderte sich erst in den folgenden Jahren, während derer die Arbeitsfelder ausgedehnt wurden. 

1891: Gesetz betreffend der Invaliditäts- und Altersversicherung

Nachdem die restlichen 1880er und frühen 1890er vor allem das Unfallversicherungsgesetz auf weitere Branchen ausgeweitet hatten, entstand mit dem „Gesetz betreffend der Invaliditäts- und Altersversicherung“ nun auch eine staatliche Regelung für alle, die durch einen Unfall oder schlicht die Last des Alters nicht mehr am Erwerbsleben teilnehmen konnten. (im originalen Wortlaut):

  • Invalidenrente   erhält   ohne   Rücksicht   auf   das   Lebensalter   derjenige   Versicherte,   welcher   dauernd erwerbsunfähig ist […]
  • Erwerbsunfähigkeit ist dann anzunehmen, wenn der Versicherte in Folge seines körperlichen oder geistigen Zustandes nicht mehr im Stande ist, durch eine seinen Kräften und Fähigkeiten entsprechende Lohnarbeit mindestens einen Betrag betreffend die Invaliditäts- und Altersversicherung 101 zu verdienen
  • Altersrente erhält, ohne daß es des Nachweises der Erwerbsunfähigkeit bedarf, derjenige Versicherte, welcher das siebenzigste Lebensjahr vollendet hat

Die Rente mit 70 war also von da an Gang und Gebe – wenngleich es ein sozialer Riesenschritt war, weil vorher ein Großteil der Arbeiterschaft einfach bis zur völligen Arbeitsunfähigkeit leisten musste und danach nur auf Unterstützung durch die Familie hoffen konnte.

Meilensteine

Hintergründe

All diese Gesetze waren nicht nur wegen der darin festgeschriebenen Leistungen so wichtig, sondern vor allem, weil darin auf verbindliche Weise die Einrichtungen entsprechender Krankenkassen geregelt wurden. Und zudem auch, in welcher Form es Ausschlusskriterien gab und ab wann der Staat was zu zahlen hatte.

In der Retrospektive also schon ein sehr umfassendes Versicherungspaket, welches nach Beginn des 20. Jahrhunderts weiter verfeinert wurde.

Die Reichsversicherungsordnung von 1911

Den Anfang machte dabei die Reichsversicherungsverordnung. Sie machte aus den bisherigen Einzelgesetzen und Verordnungen ein großes Gesamtpaket – nicht nur deshalb sehen Historiker darin die Grundlage des deutschen Sozialstaates, wie man ihn heute kennt.

Besonderes Merkmal der insgesamt sechs Bücher der Reichsversicherungsverordnung war ihr schierer Umfang. Praktisch kein anderes Gesetz der damaligen Zeit war so ausführlich und dabei gleichzeitig so fair – keine Selbstverständlichkeit im späten Kaiserreich.

 Das Versicherungsgesetz für Angestellte

Bislang hatten die Gesetze jedoch primär der Arbeiterschaft geholfen, die durch körperliche Anstrengung besonders gefährdet war. Angestellte blieben weitestgehend ausgeklammert. Das änderte, ebenfalls 1911, das Versicherungsgesetz für Angestellte.

Die fürchterlichen Verluste des Ersten Weltkriegs beeinflussten auch die Sozialversicherung: Es fehlten 2 Millionen gefallene Arbeiter – bei gigantischen Invalidenzahlen.
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Es regelte vor allem die Altersversorgung dieser Berufsgruppen und legte fest, dass diese ab 65 nicht nur eine Altersrente bekamen, sondern auch Witwen nach ihrem Tode einen Teil (40%) dieser Summe bis zum eigenen Lebensende beziehen konnten. Interessant war dabei vor allem, dass damit quasi per Gesetz die zwar schon lange existierende, bisher jedoch ignorierte Gruppe der Angestellten zu einer neuen sozialen Schicht gemacht wurde, die sich nun, wie heute, aus Beamten, Angestellten und Arbeitern zusammensetzt.

Die Übernahme aller Rentner in die Krankenversicherung

Mit dem nun folgenden Ersten Weltkrieg und der politischen Instabilität der Weimarer Republik blieben Gesetzesüberarbeitungen weitgehend auf der Strecke. Erst die Nationalsozialisten griffen wieder regulierend ein und regelten vornehmlich das Kassenwesen von Grund auf neu. Ein wichtiger Schritt war jedoch, als 1941 beschlossen wurde, alle Rentner in die Krankenversicherung aufzunehmen – bisher hatte es hier eine Lücke gegeben; wer Rente bekam und krank wurde, hatte die Behandlung selbst tragen müssen. Mit einigen Änderungen hat das Gesetz so auch heute noch Bestand.

 

Nach dem Krieg

Die Rentenreform von 1957

1957 konnte die Rentenversicherung bereits auf eine lange und erfolgreiche Geschichte zurückblicken. Doch das konnte nicht darüber hinwegtäuschen, dass Verbesserungsbedarf bestand. Konkret wurde das dadurch, dass die Löhne sich immer weiter von den Renten absetzten – denn diese waren nach wie vor durch ein Kapitaldeckungsverfahren finanziert. Dabei bekommt der Einzahlende nur das zurück, was er während der Arbeitszeit angespart hat. Während der ganzen Laufzeit waren Rentner deshalb immer auf gewisse Unterstützung durch die Familie angewiesen. Und schon nach dem Ersten Weltkrieg mit seinen Menschenverlusten hatte sich gezeigt, dass Rentner, deren Kinder gefallen waren, verarmten. Der gerade zurückliegende Zweite Weltkrieg mit seinen ungleich höheren Menschenverlusten in Deutschland (über fünf Millionen Tote allein unter den Soldaten) hatte dieses Problem nochmals wesentlich verschärft.

Für Rentner begann das Wirtschaftswunder erst 1957 – vorher waren ihre Renten in keinster Weise mit dem allgemeinen Lohnniveau gestiegen.
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Die Rentenreform verwarf dieses System völlig und koppelte die Renten durch ein Umlageverfahren an die Bruttolöhne. Stiegen diese, kletterten fortan auch die Renten.

Der Wechsel 1975 – das Sozialgesetzbuch

Im Verlauf der 60er und 70er Jahre zeigte sich, dass das bisher so erfolgreiche System der Reichsversicherungsverordnung, das in weiten Teilen nach wie vor bestand, durch die geänderte wirtschaftliche Lage und völlig umstrukturierten Berufsbilder an seine Grenzen gestoßen war. Die Lebenserwartung war wesentlich höher, die Zahl der Arbeiter ging im Vergleich zu den Angestellten zurück.

Es war also an der Zeit, die Sozialversicherung der neuen Zeit anzupassen. Allerdings geschah dies schrittweise. Während der erste Teil des Sozialgesetzbuches bereits 1975 in Kraft trat, gibt es andere Teile erst seit diesem Jahrtausend. Und es zeigt sich, dass aufgrund des demografischen Wandels auch weiterhin Änderungsbedarf besteht.

 

Krankenversicherung und der Mauerfall

Die Wiedervereinigung war eine gewaltige Belastung für die Sozialkassen, weil viele Menschen aber kaum finanzielle Werte eingebracht wurden.
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Besonders krass trat diese Tatsache nach der Wiedervereinigung zutage. Am Ende der DDR lebten auf ihrem Gebiet 16,11 Millionen Menschen – die nun, ohne in die (west) deutsche Sozialversicherung eingezahlt zu haben, in diese aufgenommen werden mussten. DDR-Rentner benötigten ebenso Ihre Bezüge wie die nach Abwicklung der maroden staatseigenen Betriebe immens hohen Zahlen an Arbeitslosen – einer der Gründe, warum auch heute noch gewisse Ungleichheiten bestehen.

Lückenschluss durch Pflegeversicherung

1995 trat die Pflegeversicherung in Kraft und schloss so eine bisher vorhandene, klaffende Lücke. Wer bislang pflegebedürftig geworden war, hatte dies durch Sozialhilfe abfedern können. Durch die gestiegene Lebenserwartung und erst Recht die „Menschenflut“ der Wiedervereinigung hatte sich jedoch offenbart, dass die Sozialhilfe bei weitem nicht ausreichte. Mit dem Pflegeversicherungsgesetz wurde dieser Zweig auf eine eigene Basis gestellt – zum Glück, muss man sagen, denn derzeit gibt es in Deutschland knapp 3 Millionen Pflegebedürftige, das sind rund 3,6% der Gesamtbevölkerung.

Wahlfreiheit total – das Krankenkassenwahlrecht

Ein weiterer Meilenstein wurde 2009 gelegt. Denn obgleich bis dahin – weit über 100 Jahre nach Entstehung der Sozialversicherung – ein Großteil der Bevölkerung versichert gewesen war, gab es immer wieder Lücken, die Unversicherte hervorbrachten.

Seit 2009 gilt hingegen, dass jeder Mensch, der seinen Wohnsitz in Deutschland hat, krankenversichert sein muss – Punkt. Erleichtert wird dies durch das Krankenkassenwahlrecht. Dadurch kann jeder eine zu seinen Bedürfnissen passende auswählen – und andersherum darf nun kein Pflichtversicherer einen Mandanten mehr ablehnen. Und obgleich damit ein langer Weg seit Wilhelms Sozialbotschaft gegangen wurde, zeigt sich, dass an diesem Punkt noch lange nicht Schluss ist. Denn die Herausforderungen der Gegenwart und der Zukunft – weniger Einzahlende, viel mehr Empfänger – werden die Gesetzgeber noch weiterhin beschäftigen. Erst jüngst beispielsweise durch die Änderungen des Zweiten Pflegestärkungsgesetzes sowie das sogenannte Flexirentengesetz.

Keine Kritik, bitte

Man sieht also, es ist nicht ganz einfach, unter Einbeziehung aller Faktoren Gesetze zu machen, die keinen benachteiligen. Und genau aus diesem Grund sollte man, bei aller erlaubten Kritik, vielleicht künftig etwas mehr nachdenken. Besonders gilt das für die oft geforderten, erhöhten Zahlungen für Risikopersonen

Warum es keine Bevorzugung geben sollte

Rückkehr zur Klassenmedizin

Der Grundgedanke der Sozialversicherung war es immer, unabhängig vom Risiko zu versichern – das sollte auch heute noch gelten.
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Übergewichtige sollten mehr einzahlen müssen“. „Risikosportler benötigen höhere Beiträge“. Solche Forderungen hört man von vielen Seiten; erstere beispielsweise vor einigen Jahren durch einen CDU-Politiker. Ihnen allen gemeinsam ist jedoch, dass sie kurzsichtig sind. Würde man sowas umsetzen, würden wir wieder zu einer echten Zweiklassenmedizin zurückkehren. Hier die, die (vermeintlich) gesund leben, dort die, die ein höheres Risiko haben und mehr zahlen. Die Frage ist, wo soll ein solches Vorgehen enden? Immerhin hat rein statistisch jeder einzelne Bundesbürger ein unterschiedliches Risiko – der Verwaltungsaufwand wäre unendlich.

Wo bleibt die Solidarität?

Vor allem stellt sich dabei die Frage, wie es in einer solchen Welt mit der Solidarität aussieht. Hat nicht auch ein Übergewichtiger das gleiche Recht auf eine Versorgung? Immerhin ist es auch bewiesen, dass Übergewichtige häufig Probleme bei der Jobsuche haben. Und behindert eine höhere Zahlung von Risikosportlern wie Skifahrern nicht die Freiheit der Menschen bezüglich ihrer Freizeitgestaltung ganz erheblich?

Die Sozialversicherung war seit ihrem Beginn ein lebendiges Zeugnis echter Solidarität. Und je mehr man daran „herumfummelt“, desto unfairer wird sie. Der Spargedanke ist zwar verständlich, er darf jedoch nicht zulasten der Solidarität gehen. Denn sonst kommen wir an einen Punkt, an dem selbst Veganer vom Prenzlauer Berg zum Beispiel höher eingestuft werden, weil sie durch den Berliner Verkehr zur Arbeit radeln.

Jeder kann zur Risikoperson werden

Chronische Krankheiten können jeden treffen – eine Mehrklassenmedizin würde diese Menschen dann finanziell extrem stark belasten.
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Dieses letzte Beispiel zeigt auch, dass jeder in einer solchen Welt Risikoperson werden kann. Schon heute sähen es die Kassen gerne, wenn chronisch Kranke mehr zahlen müssten – und das kann jeder sein, der einmal unglücklich stolpert.

Wer mehr will, kann ergänzen

Die PKV als Zusatzmaßnahme

Zudem steht es jedem Pflichtversicherten, der sich über lange Wartezeiten mokiert, offen, sich private Zusatzversicherungen zu gönnen und so bestimmte Extraleistungen zu bekommen. Dies ist der faire Weg, denn umgekehrt, also durch Benachteiligung anderer, ginge wiederum die Solidarität den Bach runter.

Trend Auslandsbehandlung?

Obendrein zeigt sich im Trend, sich Zähne und Co. im EU-Ausland richten zu lassen ebenfalls, was möglich ist. Denn diese Leistungen werden nicht nur gemäß der Gesetzeslage übernommen, sondern sind, sofern sie darüber hinausgehen, auch noch kostengünstiger als im Hochlohnland Deutschland.

Blick auf die wirklich Schwachen

Andere Länder, andere….

Und wer jetzt immer noch über die deutsche Sozialversicherung knirscht, der kann einen Blick in andere Länder werfen, wo es solche Systeme gar nicht oder nur teilweise gibt.

  • In den USA müssen sich die Bürger nach dem Ende von Obamacare wieder selbst krankenversichern. Und selbst das so vielgepriesene System hatte durch seine Strafzahlungen für alle, die sich keine Versicherung leisten konnten, eklatante Lücken.
  • Im britischen Gesundheitssystem gibt es keine freie Wahl der Ärzte – und gleichsam darbt das System an den extrem hohen Kosten und dünn gesäten Krankenhäusern.
  • In Ungarn zahlt die staatliche Krankenversicherung praktisch gar nichts. Medikamente müssen grundsätzlich selbst bezahlt werden. Nur für 60 genau definierte Erkrankungen gibt es Rückzahlungen von 90%, beim Rest übernehmen die Kranken die meisten Kosten
  • In China gab es bis in die 1990er gar kein Altersrentensystem. Und selbst unter dem heutigen Prozedere landen viele alte Chinesen in der Armutsfalle.
Man muss nicht weit gehen, um Unversicherte zu finden – diese gibt es auch in Deutschland noch zuhauf.
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Deutschlands Sozialversicherungssystem gilt im internationalen Vergleich zwar nicht als Topmodell – aber nur, weil es nicht effizient geregelt ist. In den Grundzügen ist das Prinzip sehr gut, denn es ist fair gegenüber allen.

Bundesbürger – ohne Krankenversicherung

Zudem gibt es auch im Land der Zwangsversicherung immer noch gut 130000 Menschen, die ohne Versicherung leben. Sei es, weil sie zu wenig als Selbstständige verdienen, sei es, weil sie schlicht zu viel verdienen. Zwar dürfen Ärzte nur in extremen Ausnahmesituationen bei solchen Patienten eine Behandlung verweigern. Aber es zeigt, dass auch in Deutschland längst nicht jeder in den Genuss einer Versicherung kommt.

Fazit

Die deutsche Sozialversicherung ist ein Berliner Kind seit über 150 Jahren und damit die älteste weltweit – sie mag nicht perfekt sein, aber jede tiefgreifende Änderung nur mit Spargedanken im Hinterkopf würde dazu führen, sie zu ihrem Nachteil zu beeinflussen und so viele ihrer Errungenschaften preiszugeben.