Die Geschichten der O.

Die Oranienstraße

Stimmen und Anekdoten, Neues und Nebensächliches aus Berlins spannendster Lebensader

Wer in diesen Tagen die Oranienstraße vom Görlitzer Bahnhof aus betritt, vor dem liegt ein Grau in Grau aus Novemberhimmel, Nebelschwaden, Fassaden und Straße. Am Horizont der balkonlosen Häuserschlucht leuchtet vielleicht noch eine Müllabfuhr – oder ein Doppeldecker-Bus der BVG, vorne aber leuchtet tagaus tagein der Orient. In Blau und Rot und Orange strahlen am Straßenanfang indische Restaurants, das Mirchi, das Amrit, das Shanti. Das Reisebüro einer türkischen Fluggesellschaft ist auch hier angesiedelt. Genauso wie ein Geschäft für gebrauchte Mobiltelefone, eins für Naturkosmetik,  ein Spätkauf, eine Weinhandlung und eine Papeterie.

Davor die einst besetzten Häuser, die sich O2 und O3 nennen und heute als selbst verwaltende Hausprojekte bekannt sind. Relikte des hier ansässigen alten Politgeists sind an den Häuserfassaden zu erkennen, dort haben Farbbeutel ihre Spuren hinterlassen. Am Straßenrand liegen Müll und Glasscherben, die Hauseingänge sind mit Plakaten zugeklebt.

Die Oranienstraße ist ein Sammelsurium an parallel existierenden Welten. Sie vereint Lebensweisen, Kulturen und Auffassungen, wie sie unterschiedlicher kaum sein können.

Derzeit wird wieder einmal ihr Niedergang besungen. Gentrifizierung ist das Schlagwort. Ereignisse, wie im Sommer diesen Jahres, als die Berlin-Biennale Einzug in die Straße hielt, oder die Eröffnung des ersten Geschäfts für Designermode Anfang November, gelten als Indikatoren für einen nicht aufzuhaltenden Prozess. Steigende Mieten, so die Befürchtung, werden die alten Bewohner und Ladeninhaber verdrängen, sie werden die heterogene in eine homogene Masse verwandeln, von den hier ansässigen Türken, Griechen, Arabern, Künstlern, Hipstern, Punks und Pennern werden nur die Hipster bleiben und die Bugaboo-Muttis dazukommen.
Andere wiederum glauben nicht daran. Sie sind sich sicher: Die Oranienstraße bleibt wie sie ist. Hier waren die Leute nie bereit alles mitzumachen. Hier hat man immer gewusst, sich zu wehren, sich ein Stück Identität zu wahren, auch wenn die Zukunft düster schien.

Düster schien es, als das Nazi- Regime und der Zweite Weltkrieg den wirtschaftlichen Niedergang der bis dahin florierenden Einkaufsmeile gefordert hatten und mit dem Mauerbau die Isolation folgte. In den 60ern wurde die Gegend zum Sanierungsgebiet erklärt, zunehmend türkische Gastarbeiter zogen her, die einkommensstärkeren Deutschen verließen Kreuzberg. Als der Senat eine parallel zur Oranienstraße verlaufende Autobahn plante, sowie die komplette Flächensanierung der Gegend in Form von Abriss und Neubau, wehrten sich die Anwohner: Sie besetzten Häuser entlang der Oranienstraße und verhinderten so die Realisierung der Pläne. Ende der 70er zog es dann auch alternative Kleinunternehmer, Punks und Künstler in die Straße, die nach dem Postzustellungsbezirk benannte Clublegende SO36 wurde gegründet. Für die Alteingesessenen die heroischen Zeiten der O-Straße, die am berüchtigten 1. Mai 1987 ihren Höhepunkt erlangten. Die Krawall-Orgie, die in der Plünderung und Abfackelung einer Bolle-Supermarktfiliale gipfelte, bezeichneten manche als „ein von der Polizei gestürmtes Familienfest“, andere als „ein Fest der Zukurzgekommenen“. Es war die Zeit, als der „Stern“ Kreuzberg als „Endlager für Berlins Sozialschrott“ bezeichnete.

Düster wurde es wieder mit dem Mauerfall. Plötzlich war es vorbei mit den Touristengruppen, die in Reisebussen durch die Straße gekarrt wurden, direkt nach Ku’Damm und ICC zu dem sagenumwobenen Hort der linken Szene, Türken, Punks und Aussteiger, irgendwo fast am Rande der Inselstadt West-Berlin. Nach 1989 zogen die jungen Leute weg, die die Ecke interessant machten. Der Osten mit seiner Mitte und Prenzlauer Berg galt als spannender. Und die Kneipen auf der O-Straße blieben leer. Immer wieder wurde über den unwiderruflichen Verlust des spektakulären Rufs der Straße geschrieben. Immer wieder lag man falsch. Es dauerte ein wenig. Aber das Leben und die Leute kehrten irgendwann Ende der 90er zurück.

Die O-Straße ist eine Straße des ewigen Wandels. Auf den folgenden Seiten wagen wir ein Porträt dieses außergewöhnlichen Ortes in einem außergewöhnlichen, dem einzig ihm gerecht werdenden Format: einem Sammelsurium an Informationen, Anekdoten, Zitaten, Porträts, Protokollen und Fotos.