Bühne - Hintergrund

Die Götter, die Menschen

Was sind Candomblé und Santeria? Und mit wem sollte man es sich nicht verscherzen?

Text: Friedhelm Teicke

„Bei den Göttern der Favela kriegt man wenigstens was angeboten“, schreibt Hubert Fichte in „Explosion – Roman der Ethnologie“ über die Begegnung mit den afro-brasilianischen Religionen, dem Candomblé. Santeria heißt der verwandte Kult in Kuba, Voodoo in Haiti und Benin. Bei deren Göttern, den Orixás, sind Kopf und Bauch gleichermaßen gefragt. Während man in christlichen Kathedralen eher seelische Nahrung findet, endet der öffentliche Teil eines Candomblé-Rituals meist mit einem Bankett. Und während andere Religionen sich prächtige Tempel und Kirchen errichten, begnügen sich die afrobrasilianischen Gottheiten mit „Terreiros“, manchmal Häuser, oft eher Tempelchen oder auch nur abgegrenzte Plätze unter Bäumen mit festgestampften Boden.

Gleichwohl sind das magische, mit Tierblut geweihte Orte, an denen die Priesterinnen und Priester, die Mães und Pães de Santo, und die Gläubigen sich in Trance tanzen, um den Orixas ihre Körper anzubieten, damit sie sich in ihnen manifestieren können. Man kennt das aus Dokumentationen und Spielfilmen wie dem Oscar-Gewinner „Orfeu Negro“ von Marcel Camus und ein bisschen lächerlich wirkt das Zappeln und Tanzen schon für uns aufgeklärte Westler.

Und doch, wenn man mal an so einem Ritual beobachtend teilnimmt, hat das eine ungeheure Wucht. Die mittels Trommeln frei gerufene Energie, die fröhliche Ernsthaftigkeit der Gemeinde, fasziniert. Und wenn der skeptische Beobachter sieht, wie eine als Medium von einem Orixás „gerittene“ Tanzende dabei lachend eine volle Flasche Cachaça lehrt, ohne dass der hochprozentige Schnaps hinterher bei ihr irgend eine Wirkung zeigt, irritiert das doch. Den habe ja nicht sie getrunken, wird erklärt, „das war Exú“.

Eigentlich ist Exú gar kein richtiger Gott; der Sendbote der Orixás wird mehr den Geistern zugeordnet. Gleichwohl sollte man es sich gerade mit ihm nicht verscherzen. Er gilt als der Menschlichste aller Orixás. Das „Enfant Terrible“ des afrobrasilianischen Olymps ist leicht zu beleidigen, weshalb jedes Fest im Candomblé mit einer Zeremonie für ihn beginnt und nicht für Oxalá, dem mächtigen Oberhaupt der Götterfamilie, dem Welterschaffer. Oxalá oder Obatala, wie er in der Santeria heißt (und übrigens Volksbühne-Intendant Frank Castorfs Schutzgott), ist zum Glück außerordentlich gutmütig und nimmt diesen lockeren Umgang mit Hierarchie nicht krumm. Dafür wird ihm zu Ehren weiße Kleidung getragen, die Symbolfarbe des Vaters der meisten Orixás.

Der Meister und Margarita: Frank Castorf bei einer Santeria-Zeremonie in Kuba – Foto: Carolin Mylord
Frank Castorf bei einer Santeria-Zeremonie in Kuba – Foto: Carolin Mylord

Hohe Verehrung erfährt auch Yemanjá, die elegante Göttin des Meeres. Sie gilt als Mutter der Orixás, ist ein bisschen eitel und liebt den Luxus. Aber auch die Menschen: Ihre Liebe ist mitunter so groß, dass ihre Medien Schwierigkeiten haben, wieder ins normale Leben zurückzukehren. Stolz und hitzig ist ihr Sohn, der Donnergott Xangô, ungeduldig und geschickt ihr Sohn Ogun, der Herr des Eisens und des Krieges. Oxóssi, der dritte Sohn Yemanjás, ist der Gott der Jagd und des Waldes.

Es gibt noch Dutzende weiterer Gottheiten, etwa Iansã, die Göttin für Wind und Unwetter, die Fruchtbarkeitsgöttin Oxum, Herrscherin über Flüsse, Wasserfälle und Seen oder den Pflanzengott Ossâim. Letzterer sorgt für das „Axé“, die positive Energie, das in den Blättern der Vegetation enthalten ist, und ohne die kein Ritual stattfindet.

Das ist alles sehr verwirrend für den westlichen Beobachter, der natürlich Adornos untröstlichen Satz „Die vollends aufgeklärte Erde strahlt im Zeichen triumphalen Unheils“ meist grad nicht parat hat. Immerhin, wir haben vielleicht unseren Glauben verloren, haben aber noch Shakespeare, der seinen Hamlet sagen lässt: „Es gibt mehr Dinge zwischen Himmel und Erde, als Eure Schulweisheit sich träumen lässt.“ In diesem Sinne: Axé!