Bauch, Beine, Klo

Die Hafenbar

Die Hafenbar nennt sich Berlins älteste Diskothek.  Nun wird sie 50 Jahre alt.  Der Erfolg liegt auch an einer Frau, die viel mehr ist als eine Toilettenfrau

Oma Monika passt hier auf die Klos auf. Schrubben, wischen, Kotze wegmachen. Ihr Reich. Ihr Job. Sie macht ihn gerne. „Das ist nicht für jeden. Das muss man abkönnen“, sagt sie. 67 Jahre alt. In Rente. Doch wer möchte schon zuhause sitzen und sich langweilen? Monika nicht. Es ist auch nicht irgendein Klo. Es ist das Klo der Hafenbar. Nach eigenen Angaben Berlins älteste Disco, 50 Jahre alt und ein Familienbetrieb: Tochter Petra steht hinterm Tresen. Enkel Christoffer kümmert sich um das Geschäftliche. Und sie macht das Klo. Aber Monika ist mehr, als nur die Klofrau. Sie ist der heimliche Star des Abends. Sie, eine zarte, kleine Dame in weißer Schürze mit Liebe und Fürsorge in den Augen.

Foto: Karl Grünberg

Um 21 Uhr macht die Tür auf, um 21.15 Uhr ist der Laden voll, um 21.30 Uhr ist Remmidemmi. Es ist, als ob die Leute einen Schalter umgelegt haben. Eben noch oben im nassen, griesgrämigen Berlin. Sobald sie die Bar betreten, die Mäntel abgegeben haben, wird Wodka bestellt, zu den deutschen Schlagern gesungen und getanzt: „Er hat ein knallrotes Gummiboot“, „Ohne dich schlaf ich heut nicht ein“, „Ich bin geboren, um dich zu lieben.“ Muss man mögen.

Ein Familienbetrieb: Oma auf dem Klo, Mutter an der Bar, der Sohn Geschäftsführer. Zum Geburtstag gibt es eine Jubiläums- CD, eine spezielle Party nicht
Foto: Karl Grünberg

Zu Monika dringt die Musik nur gedämpft. Hier ist es ruhiger. Hier kann man sich unterhalten. Ein Mann kommt rein, Drei-Tage-Bart, Basecape. Er umarmt sie: „Ich wollte mich noch entschuldigen“, sagt er: „Das letzte Mal hatte ich wirklich zu viel getrunken.“ – „Das macht doch nichts. Jeder hat mal einen schlechten Tag“, sagt Monika. „Komm, drück mich mal“, sagt er. Sie drückt ihn. Eine Frau um die 30 Jahre grüßt und umarmt Monika, sie kichern und lachen. Die Frau hat eine schwere Krankheit. Freitags kommt sie in die Hafenbar, um wenigstens für eine Nacht zu vergessen. Einmal, da war es schon sehr spät, hat sie Monika davon berichtet.
Wetten, ob das Baggern klappt

Monika herzt, Monika lacht, Monika drückt. So geht es in einem fort. Für manche ist sie die Oma, für andere die Mutter, ist vertraut, bekannt und geschätzt. Man kann sie nach Haarspray, Haargummi oder Mundwasser fragen. Früher hat sie bei der DDR-Reichsbahn gearbeitet, als Warendis­ponentin, im Schichtdienst, deswegen machen ihr die langen Nächte auch nichts aus. Um 21 Uhr anfangen und um 6.30 Uhr die Straßenbahn nach Hause nehmen. „Dit is doch schön hier. Ich bin unter Leuten, helfe meiner Familie, habe Spaß und es ist für mich auch ein Stückchen Heimat. Meine Eltern waren schon in der Hafenbar tanzen.“ Auch eine Disko kann so etwas wie eine Heimat sein. Hier kennen sie die Leute, die Lieder, die Monika, die Petra hinterm Tresen. Die gefährliche Welt, die direkt gegenüber, am Alexanderplatz beginnt, bleibt draußen und vergessen, für ein paar Stunden zumindest.

Zu den Herren geht’s nach hinten durch. Zu den Damen nach rechts. Monika wuselt mal zu den einen, mal zu den anderen. Wischt, putzt, füllt nach. Wenn jemand kotzt, macht sie’s auch weg. Passiert. Hier wird gefeiert. Bleibt sie einen Moment stehen, stützt sich auf der Kommode ab und schaut auf das Treiben, das sich vor ihrer Tür abspielt. Auf das Leben, das an ihr vorbeidreht. Auf die Leute, die Aufregung in ihren Gesichter. Jedem Beginn liegt ein Kitzel, eine Erwartung auf die kommenden Stunden. Wird man jemanden kennen lernen, sich küssen, zusammen tanzen und vielleicht sogar mit nach Hause genommen?

Eigentlich hat sie keine Zeit. Wer hier hinter dem Tresen arbeitet, rotiert wie ein Brummkreisel. Bier, Cocktails, Schlag auf Schlag. Doch ab und zu schaut Tochter Petra von ihrem Posten auf das Gebalze: „Wir schließen manchmal Wetten ab, ob einer, der seine Flirtversuche startet, auch Erfolg haben wird.“ Frauen seien direkter. Die haben keine Zeit zu verlieren. Gehen auf einen zu und fragen: Willst du mich nicht auf ein Getränk einladen? Männer müssen immer erst ihren Mut fassen.

Foto: Karl Grünberg

Mutig musste auch Petra sein, als sie mit ihrer Familie die Hafenbar vor einem Jahr übernahm. 25 Jahre hat sie unter dem alten Kapitän, so nannten sie den Besitzer, an der Bar gearbeitet. Neben ihrem eigentlichen Beruf. Als der Kapitän aufhören wollte, heuerte sie an, kündigte ihren Brotjob und verschrieb sich ihrem Traum. Einer, der schön ist, aber auch anstrengend und mit Sorgen belastet. Würden die Gäste den Umzug und den neuen Standor am Alexanderplatz akzeptieren? Würde Schlager weiter angesagt sein? „Klopf aufs Holz, bisher tuckert unser Dampfer weiter und falls mal stürmisch wird, hält die Familie zusammen“, sagt Petra. Dann lacht sie und zeigt auf einen jungen Mann, der versucht, einer Blondine einen Jägermeister zu spendieren. Ahoi.

Hafenbar, Karl-Liebknecht-Str. 11, Mitte, Fr+Sa 21–5 Uhr, S+U Alexanderplatz

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