Berlin

Die HalleLuja in Lichtenberg

In der HalleLuja finden Obdachlose Schutz vor der Kälte – und träumen von einem neuen, besseren Leben

HalleLuja
Seit 2015 steht die HalleLuja hinter dem Ring-Center Frankfurter Allee. Zuvor stand sie als Pilotprojekt seit Anfang 2014 auf dem ­Gelände des ehemaligen Güterbahnhofs ­Wilmersdorf. Jetzt soll sie vielleicht das ganze Jahr über öffnen.
Foto: imago/epd

Saulius krümmt seine nackten Zehen und sagt: „Hier dreht sich alles um zwei Fragen. Wo trinkst du und wie viel trinkst du?“ Mit ein paar Freunden sitzt der 29-jährige Litauer in der Raucherecke der HalleLuja. Die Wärmelufthalle ist die Notübernachtung III der Berliner Stadt­mission. Sie steht am Containerbahnhof hinter dem Ring-Center Frankfurter Allee – eine der drei Notunterkünfte für Männer in der Stadt.

Ein Abend Ende Februar. Draußen ist es bitterkalt, das Thermometer ist unter minus zehn gefallen. In der Halle ist es 20 Grad warm, Saulius Sveikavskas hat seine Socken ausgezogen. „Hier musst du aufpassen, wenn du deine Socken ausziehst“, sagt er. „Schuhe, warme Socken, Handys – alles wird geklaut.“ Im Winter kommt er jeden Abend in die HalleLuja, wie einige andere hat er ein festes Bett, das er selbst bezieht.

Seit zwei Jahren schlägt sich Saulius in Berlin mit Gelegenheitsjobs durch, im Sommer schläft er in einem Zelt an Böschungen und in Parks. „Eigentlich ist das kein Leben“, sagt er und knetet seine Hände, an denen er viele offene, entzündete Stellen hat. „Das ist nur Existieren. Aber ­Zuhause ist es auch nicht besser.“ Nicht mehr als 380 Euro verdiene man in Litauen mit ­einem richtigen Job – und den bekomme er nach den Jahren im Knast eh nicht, sagt er. Zwar habe er in Berlin mit denselben Problemen zu kämpfen, sagt Saulius. „Aber immerhin kriege ich in der Halle ein warmes Bett, eine Dusche, was zu Essen. Man lernt auch ein bisschen Disziplin.“

Mal läuft es besser mit den mit Kumpels, mal schlechter, hängt auch vom Alkoholpegel ab
Foto: Xenia Balzereit

Die Gäste der HalleLuja müssen früh aufstehen, um 8 Uhr müssen sie die Not­unterkunft verlassen, damit sie für die nächste Nacht gereinigt werden kann.
Saulius ist heute einer der ersten, der sich in der HalleLuja aufwärmen kann. ­Jeden Abend von November bis Ende März öffnet sie um 21 Uhr ihre Pforten. An Abenden wie diesen bildet sich aber schon ab 20 Uhr eine Schlange vor der Halle. 120 Männer können hier übernachten, 1.200 solcher Schlaf­plätze gibt es insgesamt in der Stadt. Nicht ­genug für die 4.000 bis 6.000 Obdachlosen, die sich nach einer Schätzung von 2016 in Berlin aufhalten. Wie viele es genau sind, weiß keiner. Aber es sind mehr geworden.

„Wir sehen eine deutliche Steigerung seit Öffnung des Schengener Raumes nach Osten“, sagt Ortrud Wohlwend von der Stadtmission. „Oft kommen die Menschen aus Polen, ­Litauen oder Rumänien und hoffen hier auf ein besseres Leben, bessere Jobchancen und werden dann enttäuscht.“

Laut Wohlwend macht sich das in den letzten fünf Jahren immer mehr im Stadtbild bemerkbar. Hätten sich Obdachlose vorher mehr im Verborgenen aufgehalten, so seien sie nun immer häufiger an S-Bahn-Statio­nen oder an Straßenecken zu sehen. Doch während es für deutsche Obdachlose Hilfs­angebote gibt, fallen Osteuropäer durch das Netz. Ohne Krankenversicherung, ohne ­Anspruch auf Unterstützung vom Staat, ohne Sprachkenntnisse und ohne Job sind ihre Aussichten schlecht. „Wir haben die Frostschutzengel“, sagt Sabrina Bieligk, die in dieser Nacht die HalleLuja leitet. „Die sprechen mit den Leuten in ihrer Sprache und bringen ihnen Tee und Essen mit.“ Weiterführende Hilfsangebote wie für die deutschen Obdachlosen jedoch gibt es nicht.

Keine Drogen, keine Waffen

In der HalleLujia
Foto: Xenia Balzereit

In der Halle zumindest bekommt jeder ein Bett, solange er sich an die Hausregeln hält: Keine Drogen, kein Alkohol, keine Waffen. Und vor allem keine Gewalt. Alle werden sorgfältig abgetastet, bevor sie ihren Rucksack abgeben dürfen und einen Platz zugewiesen bekommen. Ganz gewaltfrei geht es hier trotzdem nicht immer zu. Im Büro der Halle hängen Bilder von Männern, die Hausverbot haben. „Wo wie hier viele verschiedene Persönlichkeiten und Nationalitäten aufeinandertreffen, da kracht’s schon mal. Viele haben ja auch schon einen gewissen Alkoholpegel, wenn sie hier ankommen. Am nächsten Morgen verstehen sie sich dann oft wieder gut und der Streit ist vergessen“, sagt Bieligk.

Gegen elf Uhr dünnt sich die Schlange vor dem Eingang aus. Alle, die ein festes Bett haben, müssen nun hier sein, sonst wird das Bett an einen der Wartenden vergeben. ­Einer, der ebenfalls fast jeden Abend hierher kommt, ist Marcin. Marcin wurde vor zwei Monaten aus einem polnischen Gefängnis entlassen und will nun raus aus der Kriminalität und rein in ein anständiges Leben. Er möchte legal arbeiten, am liebsten mit Holz, denn er hat eine Ausbildung als Tischler, wie er sagt. Mit seinem alten Leben will er nichts mehr zu tun haben. Vor allem nicht mit den alten Leuten, mit denen er Überfälle verübte und in Drogendeals verstrickt war. „Er hat Angst vor denen“, sagt Agnieszka Pestka, die ab und zu in der Halle arbeitet und heute Abend dolmetscht.

Was er nun hier in Berlin mache, tagsüber? Marcin schüttelt den Kopf und lacht leise. „Ja, was mache ich?“, fragt er zurück. Als wüsste er es selbst gern.
Das Ziel der Kältehilfe ist simpel: Niemand soll draußen sterben müssen. Trotzdem bietet die Mission des evangelischen Trägers Zusatzleistungen an. So kommen regelmäßig Krankenschwestern und Medizinstudenten in die Halle und bieten eine Grundversorgung an. An manchen Abenden sind auch Sozialarbeiter vor Ort und helfen denjenigen, die den Weg zurück ins System finden wollen.

„Nach ein paar Nächten am Stück in der Halle bin ich schon froh, wenn ich eine Büroschicht habe“, sagt Bieligk. „Manche Leute sieht man jeden Abend. Oft gehen sie ein paar Schritte und fallen dann doch wieder zurück. Dann fühlt man sich hilflos und frustriert. Aber manchmal tut sich dann doch längerfristig was, und das macht Hoffnung, das motiviert.“

Ein tragischer Absturz

In dieser Saison haben bisher zwei Männer zu Bieligk Vertrauen aufgebaut und Hilfe angenommen. Einer davon ist Peter Bach.
Bachs Geschichte ist die eines klassischen Absturzes. In einer Pflegefamilie aufgewachsen, arbeitete er sich in seinem Heimatort in Rheinland-Pfalz vom Lagerhelfer zum Lagerchef hoch, gründete eine Familie, fuhr einmal im Jahr in den Urlaub, nach Italien, nach Mallorca, nach Frankreich.

Foto: Xenia Balzereit

Dann kam der Arbeitsunfall, Bach stürzte mit dem Genick auf einen Kühlschrank. Zweieinhalb Jahre Krankenhaus folgten, sieben Monate davon lag er im Koma. „Ich habe Glück, dass ich überhaupt noch lebe“, sagt er. In dieser Zeit verließ ihn seine Frau. Der Alkohol füllte die Lücke, die sie hinterließ. Nicht lange, und Bach verlor erst den Job, dann die Wohnung. „Mit Papierkram hatte ich nie was am Hut“, sagt er. „Zuerst hat das immer mein Pflegevater übernommen, dann meine Ex. Dann habe ich irgendwann gar keine Briefe mehr aufgemacht.“

Bach landete in Frankfurt/Main auf der Straße. Ein Freund zahlte ihm das ­Ticket nach Berlin. „In Frankfurt gab es keine ­Hilfe für Obdachlose“, sagt er. Er redet leise, weicht Blicken immer wieder aus und sucht dann doch wieder Augenkontakt. Immer wieder schiebt er seine Tasse hin und her und umklammert sie dann mit festem Griff.

Als seine Tochter ihn im Dezember vergangenen Jahres besuchte, rappelte er sich auf. „Wegen meiner Tochter habe ich ­wieder angefangen, um mein Leben zu kämpfen. Wegen ihr habe ich mit dem Alkohol und den Drogen aufgehört“, sagt er. Bach nahm die Hilfsangebote der Sozialarbeiter an, hat jetzt eine feste Unterkunft, eine Postadresse, kriegt Hartz IV. Er trägt saubere Kleidung, ist frisch rasiert und sehr höflich. Am liebsten würde er wieder als Lagerarbeiter sein Geld verdienen.

Essensausgabe in der HalleLuja
Essensausgabe in der HalleLuja
Foto: imago/eps

Warum er dann heute Nacht hier ­schlafe? Bach schweigt, eine ganze Weile. Dann sagt er: „Ich brauchte Gesellschaft, Leute zum Reden wie Sabrina.“
Vor zwei Tagen habe er einen Anruf bekommen, von seiner Ex. Seine Tochter sei gestorben, vom LKW überfahren. „Ich kann jetzt nicht alleine sein“, sagt Bach.
Auch Sabrina Bieligk geht die Geschichte nah. Sie hat mitbekommen, wie viel Mühe sich Bach nach dem Besuch der Tochter gegeben hat. Und weiß nicht, was sie sagen soll. Sie weiß aber, dass Menschen wie Bach besser geholfen werden könnte, wenn die Halle auch im Sommer offen wäre. Genau das steht im Moment zur Debatte. „Wir könnten dann an den Menschen dranbleiben. Oft schaffen wir im Winter viel und im Sommer verlieren wir den Kontakt“, sagt Bieligk. Das Angebot im Sommer wäre ­daher eher Fallberatung als Notversorgung. 60 bis 70 Männer sollen in der Halle unterkommen, mit denen die Mitarbeiter der Stadtmission intensiver ­zusammenarbeiten wollen. Doch das kostet Geld. Geld, das der Senat, der neben dem evangelischen Träger für die Versorgung der Obdachlosen aufkommt, noch nicht bereitgestellt hat.

Vorläufig bleibt also nur: die Hoffnung.

Der Kältebus der Berliner Stadtmission ist unter Tel. 0178-523 58 38 zu erreichen. Wenn Sie eine bedürfige Person sehen: Erst fragen, ob Hilfe gewollt wird, dann den Kältebus rufen.

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