Klimawandel

Die heiße Stadt

Was der fortschreitende Klimawandel mit dem wachsenden Berlin macht –  und was Forscher und Aktivisten, Bewohner und Politiker dagegen tun

Es ist trocken, sehr trocken. Auch wenn es Mitte des Monats geregnet hat, reicht die Wassermenge kaum, den Rückstand aufzuholen. Bis Juli sind nur so viele Niederschläge gefallen wie sonst im Schnitt bis März. Was Wirte von Biergärten und Festivalbesucher freut, sorgt all diejenigen, die mit Pflanzen arbeiten.

Bilder von kümmerlichem Raps, vorzeitig geerntet und nur für Viehfutter tauglich, zeigte die „Tagesschau“. Auf Brandenburger Feldern hat es zuletzt täglich irgendwo gebrannt. In Bötzow bei Velten runzelt ein Pferdewirt die Stirn: Die erste Mahd Heu ist früh eingefahren worden, eine zweite wird es wohl nicht geben, weil kein Gras nachwächst. Vor dem Kanzleramt in Berlin tragen die jungen Bäumchen graue Säcke aus Plastik. Das aussickernde Wasser soll ihr Vertrocknen verhindern.

Volle Gießkanne

Hinter den Bahngleisen an der Warschauer Brücke schwenken Anke Kuß und Uwe Hiksch grüne Plastik­kannen über die ausgedorrten Beete eines Nachbarschaftsgartens. Hiksch und Kuß zählen zu den Mitstreitern des Berliner Naturfreundeverbands, der den brachliegenden Garten unter Apfelbäumen, Kiefern und Robinien wiederbeleben will, mit Borretsch und Lupinen, Ölrettich, Saatwicke und verschiedenen Sorten Klee. „Wir müssen alle zwei Tage gießen, etwa 500 Liter auf 200 Quadratmeter“, sagt der Volkswirt Uwe Hiksch, Sohn eines Gärtners, dem er oft ­geholfen habe. „Früher war es mal zwei, drei Wochen trocken, dann kam Regen.“ So sei es nicht mehr.

Oft herrsche Trockenheit oder aber es falle Starkregen, der die ­obere Schicht des verhärteten Bodens fortschwemme. Eigent­lich, sagt Hiksch und beschreibt mit dem Arm einen weiten Bogen, eigentlich ­müsse Berlin Schneisen offen halten wie hier am Bahndamm, ­damit ­kühle Frischluft in die Stadt ziehen könne. Und der Bezirk müsse Grün und nochmals Grün pflanzen. Doch auf dem Gelände direkt an den Gleisen erheben sich ­flache Wirtschaftsgebäude. Berlin wächst. „Wir“, sagt Hiksch und meint damit die Naturfreunde, „wir ­gehen davon aus, dass es mit dem Wetter schlimmer wird.“

Wärmeinsel Berlin: Stadttempera­turen im Vergleich zum Umland im Berliner Umwelt­atlas – je roter, desto wärmer, je grüner, desto kühler
Karte: Senatsverwaltung für Stadtentwicklung und Umwelt Berlin / Umweltatlas Berlin / Klimaanalysekarte 04.10.7. Link

Die Naturfreunde zählen zu den Verbänden, die am 24. Juni vor dem Kanzleramt für ein schnelles Ende der Stromgewinnung aus Kohle demons­triert haben. Das war zwei Tage, bevor die Kommission für „Wachstum, Strukturwandel und Beschäftigung“, kurz Kohlekommission genannt, ihre Arbeit in Berlin-­Mitte aufgenommen hat. Vertreter von Politik, Wirtschaft und Wissenschaft, von Gewerkschaften und Umweltverbänden sollen im Auftrag der Bundesregierung ­Lösungen finden, wie sich der Ausstieg aus der Braunkohle organi­sieren lässt. Sie sollen sich beeilen, bis Ende des Jahres Ergebnisse liefern. Deutschland, das ­musste die Bundesregierung im Juni einräumen, wird seine Klimaziele für 2020 verfehlen. Die Kohleverstromung mit ihrem hohen Ausstoß von Treibhausgasen gilt als besonders klimaschädlich.

Blinder Fleck

„Es gibt keine Erkenntnislücke mehr“, sagte Bundes­umweltministerin Svenja Schulze (SPD) beim 7. Berliner Klimagespräch am Gendarmenmarkt Ende Juni. An ­diesem Abend hatte wieder so ein trockenes, heißes Wetter geherrscht. Die Junitemperaturen, so schreibt der Deutsche Wetterdienst, waren im Mittel um 2,4 Grad Celsius höher als zwischen 1961 und 1990. Die beiden Monate zuvor waren erneut der wärmste ­April und Mai seit Beginn der Wetteraufzeichnung gewesen. Berlin gilt als auch in diesem Jahr als das wärmste Bundesland.

Urban Gardening
500 Liter auf 200 Quadratmeter: Anke Kuß muss den Nachbarschaftsgarten der Berliner Naturfreunde vor dem Vertrocknen bewahren
Foto: Lena Ganssmann

Berlin hat sich 2011 verpflichtet, bis zum Jahr 2050 klimaneutral zu werden und so seinen Beitrag zum Klimaschutz zu leisten. In der Koalitionsvereinbarung steht der Klimaschutz festgeschrieben. Doch seit rund zehn Jahren steigen die Treibhausemissionen der Stadt wieder. Mehr Einwohner und mehr Pendler verbrauchen mehr Strom und fahren mehr Autos. Rund vier Fünftel der Berliner Energie kommt noch immer aus fossilen Quellen. Doch ein halbes Jahr, nachdem das „Energie- und Klimaschutzprogramm 2030“ von SPD, Linken und Grünen im Abgeordnetenhaus beschlossen worden ist, so recherchierte „Der Tagesspiegel“, betragen die Inves­titionen aus dem Topf dafür immer noch null Euro.

Nun macht ein trockener Sommer noch keinen ­Klimawandel. Und selbstverständlich gibt es ­Personen, die einen hauptsächlich von Menschen ­verursachten Klimawandel für Unsinn halten, etwa die Auto­ren des Parteiprogramms der AfD: „Die Aussagen des Welt­klimarats, das Klimaveränderungen vorwiegend menschengemacht seien, sind wissenschaftlich nicht gesichert“, steht da. „Wir wollen das Projekt der Dekarbonisierung über die ,Große Transformation‘ beenden und den ,Klimaschutzplan 2050‘ der Bundes­regierung aufheben.“

Viele Städter finden das sonnige, warme Wetter auch einfach schön oder zumindest bedenkenlos. Das ist sogar erforscht. In einer Schrift zur hiesigen Klimaanpassung, an dem das Potsdam-Institut für Klima­folgenforschung (PIK Potsdam) mitgewirkt hat, heißt es: „Bundesweite Vergleichsuntersuchungen zeigen, dass in Berlin die Wahrnehmung der Gefahren durch Hitze in Berlin sehr gering ausgeprägt ist, obwohl die Spreemetropole zu den gefährdetsten Städten in Deutschland gehört.“

Doch auch wenn ein trockener Sommer keinen ­Klimawandel macht, so begünstig doch der Klimawandel im Nordosten Deutschlands warme, trockene Sommer – oder aber eine stark verregnete Saison wie 2017, als Platzregen die Kanalisation überlaufen ließen, Autos unter den Yorck-Brücken schwammen und die Videoaufnahmen von einer Frau viral gingen, die in einen von Wassermassen verborgenen, offenen Gulli fiel. Er begünstigt auch Stürme wie im Oktober, als entlang der Autobahn nach Norden die Bäume umstürzten.

Anpassung und Schutz

Das alles kostet Geld, auch in Mitte, wo die Bäumchen Wassersäcke tragen. „In den letzten Jahren haben extreme Trockenzeiten oder ­Starkregenvorkommnisse zugenommen“, heißt es aus dem Bezirksamt. „Aber auch Stürme wie die im vergangenen Herbst verursachen hohe Schäden in den öffentlichen Grünanlagen und Erholungsanlagen sowie dem Baumbestand insgesamt.“ Um die Schäden des Sturms Xavier zu beseitigen, hat die Senatsverwaltung für Umwelt 2017 jedem Bezirk 100.000 Euro gegeben. Die Wassersäcke bezahlt Mitte aus ­einer weiteren Sonderzahlung von 200.000 Euro. ­Anfang Juli rief der Regierende ­Bürgermeister ­Michael ­Müller (SPD) die Bewohner der Stadt auf, die Straßen­bäume zu gießen.

Foto: Daniel Fenner

Daniel Fenner ist Klimatologe. An der Technischen Universität (TU) erforscht er in einem Team das Stadt­klima. Berlin gilt als Wärmeinsel. Dieser Inseleffekt lässt sich fühlen, wenn man beispielsweise an einem heißen Tag vom brandenburgischen Velten über Tegel ins Stadtzentrum fährt: Zwei, drei, an manchen Tagen sogar vier oder fünf Grad mehr zeigt das Thermometer in der City an.

Stress bei Hitze

Hitzestress nennen die TU-Forscher die gesundheitliche Belastung durch hohe Lufttemperaturen. „Es gibt ­keine einheitliche Definition von Hitzewellen“, sagt Fenner. „Wenn wir uns aber Perioden mit lang anhaltenden hohen Lufttemperaturen anschauen, also beispielsweise ­Folgen von heißen Tagen mit 30 Grad oder mehr, und mit Nächten, in denen die Temperatur nicht unter 20 Grad fällt, dann können wir sagen: Das Auftreten von Hitzewellen hat sich in Berlin verstärkt.“ Fenner und seine Kollegen unterhalten Messstationen in der Stadt, etwa auf der Feuerwehrstation an der Wiener Straße in Kreuzberg, im Tiergarten, in Kleingärten, in Siedlungen mit Einfamilienhäusern.

So können sie verschiedene Typen von Grün- und Bauflächen miteinander vergleichen. Ihre Daten kombinieren sie mit denen des Deutschen Wetterdienstes, der schon länger in Berlin misst. Besonders markant zeigt die Messstation am Alexanderplatz die städtische Wirkung auf die Lufttemperatur. Der Alex gilt als einer der wärmsten Orte der Stadt. Dazu zählen auch Gegenden mit dichter Blockrandbebauung, wie Charlottenburg oder Neukölln. Viertel mit vielen Grünanlagen und Luftschneisen sind kühler.

Doch Berlin wird verdichtet. Groß ist der Wohnungsmangel, hoch der Druck auf die Bausenatorin Katrin Lompscher (Die Linke). Neue Viertel entstehen auf dem ­Pankower Rangierbahnhof, im Blankenburger Süden, an der Michel­angelostraße, am Südkreuz, in Lichterfelde Süd, in der Wasserstadt Oberhavel, im Kurt-Schumacher-Quartier. Die Notwendigkeit bestreiten auch Vertreter von Umweltverbänden nicht. Denn was wäre die Alternative? Flächenfraß im Umland, Beton auf Feldern, noch mehr Steuern, die Pendler nicht an Berlin, sondern an Brandenburg zahlen.

Klimagerechtigkeit

Bei all den Zu- und Umzügen, die eine wachsende Stadt mit sich bringt, kommt auch der Begriff ­Klimagerechtigkeit ins Spiel. Klimawandel betrifft nicht nur Bewohner der ­gemäßigten Zonen und des globalen Südens unterschiedlich stark, sondern auch die einer einzigen Stadt. Wer kann in angenehmem Klima wohnen? Wer kann für Wasserlage oder Blick auf einen Park zahlen? Und wer verhält sich wie?

Projekte am Start

Daniel Fenner, der Wissenschaftler, neigt nicht zum Drama. Durchaus könne der Klimawandel in unseren Bereitengraden günstige Effekte haben, sagt er, etwa mildere Winter mit niedrigeren Heizkosten, weniger Glatteis und weniger Knochenbrüchen. Das TU-Team analysiert dazu Daten von Klimamodellen für die Region. Die ­Projektionen für das 21. Jahrhundert werden in einer Kombination verschiedener Modelle ausgewertet und zeigen klare Signale, gerade für Hitze. Wenn der Ausstoß von Treibhausgasen in den nächsten 80 Jahren weiter so steigt wie bisher, wird wohl die durchschnittliche Zahl heißer Tage von derzeit rund zehn im Jahr auf knapp 40 steigen. Die Zahl der sogenannten Tropennächte könne sich sogar verfünffachen – von zwei auf zehn pro Jahr. ­Fenner, der im Weddinger Projekt „KiezKlima“ mitgewirkt hat, empfiehlt, die Stadtteile an das Klima anzupassen, etwa mit schattigen Grünoasen. „Wie stark Menschen von ­Hitze ­betroffen sind, hängt von vielen Faktoren ab wie dem Alter, der Gesundheit, der persönlichen Fitness, aber auch vom Aufenthaltsort in der Stadt“, sagt er.

Dicht bebaute Innenstadtviertel werden heißer als Viertel mit viel Grün, doch auch in den luftigeren ­Quartieren können Menschen betroffen sein. So setzt die bei Hitze erhöhte Feinstaubbelastung Menschen mit chronischen Lungenerkrankungen besonders zu. Auch Alte, ­Babys und Kleinkinder, die weniger schwitzen als Menschen ­mittleren Alters, gehören zu den Risikogruppen. An Hitze­tagen steigt die Zahl der Unfälle. Wenig später steigt die Zahl der ­Toten, hat man im PIK-Potsdam gemeinsam mit der ­Charité ­herausgefunden. Es sterben vor allem Senioren und Patienten mit Erkrankungen von Atemwegen, Herz und Kreislauf.

Für mediterrane Verhältnisse ist das Leben in Berlin nicht gemacht. Doch Gesundheit im Klimawandel taucht als Thema kaum auf. So kommen flexiblere Arbeitszeiten, gerade für Menschen, die sommers im Freien arbeiten, bei Gewerkschaften und der gewerkschaftsnahen Hans-Böckler-Stiftung noch nicht vor. In der Pressestelle der Senatsverwaltung für Gesundheit verweist man auf ein kleines Faltblatt mit Hitzetipps wie mehr zu trinken. Kurz inoffiziell beim Hausarzt gefragt, ob sein Praxisteam Fortbildungen zum Thema besuche, bedauert dieser: „Eigentlich müssten wir“. Im Anmeldezimmer hängt eine neue Landkarte mit den Gebieten, in denen Borreliose übertragende Zecken ­unterwegs sind. Die roten Areale, die früher Süddeutschland vorbehalten waren, sind nach Norden vorgerückt.

Wind und Wetter kosten

Bei der Hitze bleibt es nicht. Warme Luft lässt mehr ­Wasser verdunsten, das kennt man vom Wäschetrocknen. Sie speichert es gut, und sie kann viel Energie mit sich bringen, also mehr Wind. Die Stürme und Starkregen der vergangenen Jahre werden von vielen Wissenschaftlern als Folgen der ­Erwärmung gedeutet. Bei heftigen Gewittern, Platz­regen und Sturm stellen sich die Gefahren des Klimawandels viel deutlicher dar als bei der vergleichsweise langsamen Erwärmung der Stadt. Keller und U-Bahn-Tunnel laufen voll. Dachziegel fallen herunter, Festivals aus. Menschen verletzen sich oder sterben wie die Politikjournalistin Sylke Tempel, die 2017 während des Sturms Xavier im Berliner Norden von einem Baum erschlagen wurde.

Visionen für die Stadt

Extremwetter treffen auch Firmen empfindlich. Ange­stellte kommen nicht pünktlich zur Arbeit, weil Züge nicht fahren, Flugzeuge nicht starten. Lieferwagen verspäten sich, mancherorts ist auch die Stromzufuhr unterbrochen. Der Klimawandel ist daher bei der Wirtschaft ein Thema, bei großen Versicherungen, allen voran der Münchener Rück, aber auch bei der Berliner Industrie- und Handelskammer (IHK). Klimaschutz ist zwar teuer, kein Klimaschutz ist bei Extremwetter jedoch noch teurer.

Im Klimaschutz sieht man bei der IHK zudem wirtschaftliches ­Potenzial. Von Elektromobilität bis erneuerbare Energien: In mehreren Papieren weist sie auf ­Chancen hin, die sich Handwerk und Industrie auf dem Weg zur ­klimaneutralen Stadt bieten. Neue Techniken bei der Energiegewinnung und die Umgestaltung von Gebäuden versprechen Aufträge und Umsätze, vorausgesetzt, das Land Berlin und Unternehmen investieren. Sogar das Ziel, das Verkehrsaufkommen zu senken, taucht auf. Was Umwelt­aktivisten als Klimaschutz deuten würden, Mitarbeiter des Gesundheitssektors als Schutz der Luftqualität oder vor Lärm, läuft hier unter dem Vorsatz: Vermeidung des Zeitverlusts durch Staus.

Quer denken

So einfach, wie es sich auf dem Papier liest, stellt sich die Praxis allerdings nicht dar. „Die Berliner Politik hat den richtigen Weg eingeschlagen und sich ambitionierte ­Ziele für den Klimaschutz gesetzt“, antwortet der Pressesprecher Wirtschaftsförderung Berlin Partner. „Die Umsetzung dieser Ziele sollte akteurs- und technologieoffen erfolgen. ­Unternehmen und Infrastrukturbetreiber sollten Freiräume erhalten, um ihre Innovationen unter Realbedingungen zu erproben und auf den Markt zu bringen, zum Beispiel in dafür ausgewiesenen Quartieren.“

Uwe Hiksch von den Berliner Naturfreundem, der im Nachbarschaftsgarten die Beete angießt, befürwortet ­Mieterstrom und Photovoltaikanlagen auf Dächern. Doch er wohnt zur Miete, und der Besitzer des Hauses, so berichtet er, habe soeben erneut gewechselt. Ihn wird Hiksch zunächst nicht auf ein Solardach ansprechen. Wer weiß, was der Neue mit dem Haus vorhat, erst mal abwarten.

Soll eine PV-Anlage auf einem Dach installiert werden, muss dieses frisch gemacht sein, damit es in den kommenden 20 Jahren nicht überholt werden muss. Modernisierungen wiederum können auf Mieten umgeschlagen werden. Doch vielleicht aber fühlt sich ein Vermieter auch überfordert und nimmt die Aussicht auf Arbeit als Anstoß, das Haus zu verkaufen. Wissenschaftler und Umweltaktivisten schlagen daher eine bessere Absicherung der Mieter vor: Soll deren Bereitschaft wachsen, an einer klimaneutralen Stadt mitzuwirken, müssen sie vor den Folgen besser geschützt werden.

Klimaschutz und Klimaanpassung sind Querschnittsthemen. Sie erfordern ressortübergreifendes Zusammenwirken, allen voran der Senatsverwaltungen für Umwelt, Wohnen und Wirtschaft. Noch gibt es keine gemeinsamen Gremien, aber immerhin solche, die projektbezogen zusammenarbeiten wie bei der Quartiersentwicklung in Moabit. „Fachliche Abstimmungen zum Klimawandel erfolgen auf bilateraler Ebene zwischen jeweils verantwortlichen Referenten/Referentinnen beider Häuser“, heißt es aus der Umweltverwaltung. Etwas allgemeiner formuliert man es bei der Stadtentwicklung. Wie um den guten Willen zu ­demonstrieren, schickt die Pressestelle der Umweltverwaltung die Antworten beider Häuser in einer gemeinsamen Mail an ZITTY. Das soll wohl zeigen: Man stimmt sich ab. Immerhin waren Stadtentwicklung und Umwelt unter dem letzten Senat noch in einem Haus vereint.

Klimaschutz und -anpassung stellen Ansprüche an Gesellschaften und ihre gewählten Vertreter. Einfach durchregieren oder sich regieren lassen, geht nicht. Par excellence muss das die Kohlekommission vormachen. Sie soll die Interessen der im Braunkohle-Tagebau Beschäftigen mit den Zielen des Klimaschutzes in Einklang bringen. Nach dem Klimagespräch Ende Juni am Gendarmenmarkt stand ein Zuhörer auf. Er stellte sich als Pfarrer in der Lausitz vor und bat darum, die Sorgen der Brandenburger um Arbeitsplätze ernst zu nehmen und den Klimaschutz auf den Dörfern gut zu vermitteln. Sonst stelle die AfD den nächsten Ministerpräsidenten.

„Abwägen, Kompromisse finden, entscheiden“, sagt Fritz Reusswig. Der Soziologe arbeitet am Potsdam-­Institut für Klimafolgenforschung. Er hat federführend mitgewirkt an dem Projekt „Anpassung an die Folgen des Klimawandels in Berlin (AFOK)“ von 2016. Konflikte können entschärft werden, meint Reusswig und nennt ein Beispiel: Man müsse nicht jede Grünfläche verteidigen, wenn man das Grünvolumen berücksichtige. Pflanzen nutzen dem Stadtklima nicht in ­Quadrat-, sondern Kubikmetern. Während eine Rasenfläche schnell austrocknet und braun wird, kann eine senkrechte Staffelung von Pflanzen auf weniger Fläche mehr Wasser speichern, Schatten spenden und kühlen. Das leuchtet ein, muss man aber wissen. Im Fazit des „AFOK“ heißt es daher: „Es ist essenziell, die Stadtgesellschaft über die kommenden Risiken aufzuklären und zu verdeutlichen, dass und vor allem wie gehandelt werden kann – auch von jedem und jeder Einzelnen“.

Rasches Handeln

Manch einer will nicht mehr warten. „BerlinerInnen nehmen den Kohleausstieg selbst in die Hand“, lautet das Motto einer Genossenschaft, die sich „Bürger Energie Berlin“ nennt. Ihre Mitglieder wollen Strom aus ­erneuerbaren Energiequellen beziehen und vertreiben, derzeit aus Wasser- Wind und Sonnenkraftanlagen in Skandinavien, Deutschland und Österreich. Eine im Strompreis enthaltene Förderabgabe, „Sonnencent“ ­genannt, wird in den Ausbau erneuerbarer Energien gesteckt. Hinzukommen sollen Photovoltaikanlagen auf Berliner Dächern.

Derzeit hat die Genossenschaft nach eigenen Angaben 2.000 Förderer, die Sicherheiten auf ein Treuhandkonto gezahlt haben, und über 1.000 Mitglieder. Ein Anteil kostet 100 Euro, jedes Mitglied hat eine Stimme, egal, wie viele Anteile es gekauft hat. Klimagerechtigkeit bedeutet hier offensichtlich auch, dass Menschen mit wenig Geld am Klimaschutz mitwirken können.