Berliner DJ

Die Hit­macherin

Peggy Gou war vor vier Jahren ­außerhalb ihrer Heimat ­Südkorea ­nahezu unbekannt.  Nun legt die Berlinerin jede Woche auf der ganzen Welt auf und wird dafür wie ein Popstar gefeiert, Fan-Artikel inklusive. Wie konnte es so schnell so weit kommen? Und wer stört sich daran?

Tigerbalsam für die Ohren: Tracks von Peggy Gou
Foto: Sander Houtkruijer; KLS Bookings

Peggy Gou ist ein Phänomen. 2011 entdeckte sie elektronische Musik für sich, 2015 spielte sie eine Handvoll Gigs überwiegend in ihrem Heimatland Südkorea, und nun hat sie allein im Mai dieses Jahres einige Dutzend Male aufgelegt, von Japan bis in die USA. Doch nicht nur das bescheinigt: Die Koreanerin ist längst ein Superstar. Eine DJ mit Popstar-Appeal, wie ihn in der Underground-Szene der elektronischen Musik kaum jemand jemals innehatte. Bei ihren Sets jubelt die Menge „Peggy, Peggy“, Fans basteln sich T-Shirts mit ihrem Namen, und sie selbst verteilt ebensolche bei ihren Auftritten, aktuell mit dem Aufdruck „Just Gou It“, Sportmarken-Sponsoring ­inklusive. Wie konnte innerhalb von drei Jahren aus einer eher unbekannten DJ ein umjubelter Popstar werden?

Ein Annäherungsversuch: ­Grundlage für eine erfolgreiche DJ-Karriere ist immer noch die Musik. Peggy Gou hat sich als Künstlerin dem Dancefloor verschrieben. Ihre Sets sind fest in groovigem House verankert, wahlweise garniert mit tropischen, sonnig eingesprenkelten Melodien oder dunklen, clubbigen Acidlines. Die Musik animiert zum Tanzen. Mit ihrer Selektion schafft sie es, aktuelle Veröffentlichungen und Sachen aus den 90ern zu vereinen. Altes klingt neu, Neues klingt alt.

Die Tracks einer Künstlerin sind ­quasi die Visitenkarte, um DJ-Gigs zu bekommen.  Peggy Gou hat ausgeprochen stilvolle. Ihre ersten zwei Platten erschienen 2016 auf dem angesehenen Label Rekids. Bereits da konnte man die catchigen Melodien erahnen, die heute Gous Produktionen so beliebt machen. Damals legte sie mit Eifer los und veröffentlichte vier Singles innerhalb nur eines Jahres. Dieser Ehrgeiz macht Gou aus: „Ich will keine Zeit mit einer Tätigkeit verschwenden, bei der ich nicht das Gefühl habe, irgendwann die Beste sein zu können. Wenn ich etwas liebe, lerne ich extrem schnell“, sagte sie dem Electro-Magazin „Groove“ im vergangenen Jahr.

2018 kehrte sie mit einer Single zurück, die sie endgültig in die vorderste ­Reihe relevanter DJs katapultierte. „It Makes You Forget (Itgehane)“ ist ein Housetrack mit Hitpotenzial; die Bassline groovt, die Glöckchen animieren sommerlich, und Gou selbst singt eingängig auf Koreanisch und Englisch. Das Potenzial erfüllte sich, der Track wurde ein Hit und befeuerte Gous Bekanntheit zusätzlich.

Ein Jahr später folgen nun das eigene Plattenlabel „Gudu“ und auch der DJ-Kicks-Mix, ein Ritterschlag in der Szene und die Möglichkeit, sich über tanzbare Sets hinaus als Musikkennerin zu profilieren.

Szene-Credibility vs. Kommerz

Peggy Gou allerdings macht aus ihrer öffentlichen Präsenz als DJ noch mehr. Sie nutzt sie für eine Art zweite Karriere, genau wie Fußballer oder Models es tun: Gou ist de facto auch Influencerin. Bevor sie sich für die Musik entschied und 2014 nach Berlin zog, hatte sie in London Mode studiert und als Korrespondentin für ein koreanisches Modemagazin gearbeitet. Den Sinn für Mode und die Verbindungen zur Branche hatte sie also. Das, kombiniert mit eingängigen Produktionen, guten DJ-Sets und einer hohen Aktivität auf Instagram (aktuell rund zwei Posts pro Tag), macht sie bei einem breiten Publikum beliebt. Das Resultat sind 800.000 Follower allein auf Instagram und Werbedeals, unter anderem mit Herrstellern von Sportartikeln, Sportwägen und Sonnenbrillen. Und wie es Influencer so machen, folgen bald auch Produkte unter eigenem Namen. Gous Modelabel „Kirin“ wird im Herbst seine erste Kollektion veröffentlichen.

Ohne Kontroverse bleibt dies freilich nicht. Gerade als modebewusste Frau sieht sie sich schnell mit Vorwürfen konfrontiert, nur einen hübschen Socialmedia-Feed, aber keine DJ-Skills zu haben. „Wenn du in der Szene ernst genommen werden willst, darfst du dich nicht aufstylen. Techno und ­Farbe passen nicht zusammen“, sagte sie der „Groove“. Außerdem wird Gou gerne unterstellt, mit ihren Werbepartnerschaften die Kommerzialisierung der Szene zu fördern. Trotz einer weltweiten Club- und Festivalindustrie hat letztere Kritik sicher ihre Berechtigung. Gou begegnet dem jedoch gar nicht erst, sondern zieht ihr Ding durch.

Anders als bei vielen DJs, die underground und understatement sein wollen, lässt sie einen scheinbar unmittelbar an ihrem Leben teilhaben. Damit sticht sie heraus. Ihren Fans, darunter viele Asiat*innen, die in der internationalen Clubmusikszene immer noch wenige asiatische Vorbilder finden, liefert sie reichlich Projektions- und Identifikationsfläche. Sie danken es ihr mit einer Verehrung, für die das britische Magazin „Mixmag“ eigens ein treffendes Wort erfand: Goumania.