Berlin

»Die Hoffnung ist verschwunden«

Unser Autor, ein Syrer, hat Landsleute zu dem künftig streng regulierten Familiennachzug befragt

Als die Jamaika-Koalitionsverhandlungen scheiterten, rea­lisierten viele Flüchtlingsfamilien, dass sie ein großes Problem haben. Wer noch Familienmitglieder in Syrien oder in den Lagern in den umliegenden Ländern hatte, der wusste, dass es nun wahrscheinlich nichts mit der lang erhofften Familien­zusammenführung werden ­würde. Ich selbst hatte das Glück, im Sommer 2015 durch die Hilfe von „Reporter ohne Grenzen“ kommen zu können, die vier Visa für meine Frau, meine beiden Töchter und mich besorgt hatten. Schon am ersten Tag erkundigte ich mich nach dem in Syrien allseits bekannten Wort „Familienzusammenführung“, doch realisierte schnell, dass ich dankbar sein musste, meine „Kernfamilie“ um mich herum und in Sicherheit wissen zu dürfen. Ich begriff, dass die ­„Familie“ in Deutschland nicht auch die Eltern, ­Geschwister und ihre Kinder einschließt.

Dann kam der Schock für die Syrer in Deutschland – in Form einer Übereinkunft zwischen SPD und CDU. Die schlimmsten unserer Ängste wurden in der Formel „Familiennachzug: 1.000 Menschen pro Monat“ festgeschrieben.

Tausende von Menschen, die zwar nicht als Flüchtlinge anerkannt sind, aber hier Schutz genießen, weil sie zu Hause Lebensgefahr ausgesetzt wären, warteten seit Jahren auf März 2018. Denn für sie wurde das Recht auf Familiennachzug bereits 2015 ausgesetzt, um die Zahl der Ankommenden zu verringern. Im März 2018, so hofften alle betroffenen Familien, sollte dieser Nachzugsstopp auslaufen. Doch nun scheint es, als ob sie noch länger warten müssten.

Angst um die Zurückgebliebenen

Maher ist ein Flüchtling aus Syrien, der vor zweieinhalb Jahren nach Deutschland gekommen ist. Seine Familie sitzt immer noch in Syrien. Er sagt, dass er während der Jamaika-Koalitionsverhandlungen sehr ­optimistisch gewesen sei. „Ich habe so sehr auf einen Durchbruch zum Thema Fami­lienzusammenführung gehofft“, sagt er.

Als die Verhandlungen abgebrochen wurden und Frau Merkel sich vermeintlich nach links, zur SPD, gedreht hat, änderte sich die gesamte Situation, erklärt Maher. Martin Schulz habe auf ihn zögernd, unüberzeugend und unüberzeugt gewirkt. „Als ob irgendwas im Verborgenen gespielt ­würde.“ Schließlich habe Herr Schulz nach der Wahl klargemacht, dass seine Partei in die Opposition gehen würde, dann aber war er plötzlich wieder in Verhandlungen um die Macht. „Viele haben sich gefragt, ob Schulz wirklich keinen besseren Deal in Sachen Familienzusammenführung hinbekommen konnte – oder wollte.“ Schließlich, so meint Maher, war es Schulz wahrscheinlich wichtiger, Ministerien für seine Genossen zu sichern – als für die Familienzusammenführung derer zu kämpfen, die unter Bomben und in Armut darauf hoffen.

Maher hat über ein Jahr lang fast ohne Privatsphäre in einem Berliner Hostel gelebt und erst vor Kurzem zusammen mit einem befreundeten Syrer eine kleine Wohnung beziehen können. Seine Frau und die beiden gemeinsamen Kinder leben in einem Vorort von Damaskus und sind jeden Tag in Gefahr. Täglich fallen Bomben, es wird entführt, gemordet und willkürlich verhaftet. „Ich weiß nicht, ob ich es mir verzeihen könnte, wenn eines meiner Familienmitglieder verletzt würde.“

Ghoson ist eine Frau aus Syrien, deren Ehemann und Sohn seit drei Jahren in der Türkei ausharren. Als ihr Haus in Syrien vom Regime zerstört worden war, flüchtete die Familie mit den beiden Söhnen. Ghoson schaffte es mit dem jüngeren nach Deutschland, während der mittlerweile 15-jährige Sohn mit dem Vater in der Türkei bleiben musste. „Wir hatten nicht das Geld, um die Schleuser für uns vier zu zahlen, also entschieden wir, dass der Kleine und ich nach Europa gehen.“ Ihr Mann, der unter Bluthochdruck leidet und den langen Fußmarsch nach Deutschland wahrscheinlich nicht überstanden hätte, blieb also mit dem Großen zurück.

„Als ich neulich mit meinem Sohn in der Türkei telefonierte, fiel mir auf, dass sich seine Stimme verändert hat. Ich erkenne ihn kaum wieder“, sagt Ghoson. Sie leidet sehr darunter, dass er nur mit dem Vater, weit weg von ihr, aufwächst, und ihr kleiner Sohn in einem fremden Land, an ihrer ­Seite ohne den Vater und den großen Bruder.

„Ich hoffe so sehr, dass genau mein Mann und mein Sohn in das ‚1.000 pro Monat‘-Programm von Merkel und Schulz genommen werden“, sagt Ghoson. „Sie leben in einem Lager, die Bedingungen sind unmenschlich, mein Mann ist krank, also hoffe ich, dass sie gute Chancen haben, nach Deutschland zu kommen.“. Was aber wäre, wenn sie nicht auserwählt würden? „Dann wäre es wie eine ganz langsame ­Todesstrafe … denn das Wissen darum, in welchen Bedingungen die beiden leben, ist fürchterlich.“ Immerhin konnte sie nach ewigem Warten in einem Berliner Übergangswohnheim für Flüchtlinge mit ihrem Sohn vor kurzem eine kleine Wohnung beziehen.

„Vielleicht gehe ich zurück“

Mohammad, der vor zwei Jahren aus Syrien nach Deutschland kam und seitdem in einem Wohnheim in Brandenburg lebt, kommentiert den Flüchtlings-Deal ebenfalls eher desillusioniert: „Die Idee, dass meine Familie ab März 2018 kommen würde, hat mir Hoffnung geschenkt. Diese Hoffnung ist nun verschwunden.“ Er kann kaum daran glauben, dass genau seine Fami­lie eine Chance haben sollte, anhand der neuen Regelung nach Deutschland zu kommen. Nach zwei Jahren alleine in der Fremde wirkt er verzweifelt. „Vielleicht gehe ich bald zurück“ sagt er, „meine Sehnsucht ist zu groß, als dass ich es noch lange ohne meine Familie aushalten kann.“ Seine Tochter ist drei Jahre alt. Er hat sie als Baby verlassen, in der Hoffnung, sie im Rahmen der Familienzusammenführung bald nachholen zu können. „Mittlerweile lernt sie sprechen, und die deutschen Worte ,Merkel‘ und ­,zusammen‘ kennt sie auch schon. Immer, wenn ich mit ihr telefoniere, fragt sie, ob wir wieder zusammen sein können.“
Beim ersten Mal habe er es niedlich gefunden, doch als die Kleine ihn immer wieder danach fragte, war ihm mehr und mehr zum Heulen zumute. Seine Frau und seine Tochter leben derzeit bei den Eltern seiner Frau, die sehr großzügig sind und alles mit den beiden teilen. Doch sie sind arm. Geld kann Mohammad nur selten senden, er hat selber gerade genug, um durchzukommen.
„Ich wünschte, ich hätte die Chance, sie unter den 12.000, die in diesem Jahr kommen dürfen, erwarten zu können.“ Wenn das nicht der Fall sein sollte, dann würde er die beiden bitten, in den Libanon zu gehen und versuchen, sie dort zu ­treffen. Egal, wie schlecht die Zustände für Syrer dort mittlerweile sein mögen – alles wäre besser als ­Syrien, sein Heimatland.

Yahya Alaous, 43, arbeitete in Syrien als politischer Korrespondent einer Tageszeitung. Wegen kritischer Berichterstattung saß er von 2002 bis 2004 im Gefängnis

Text: Yahya Alaous, Übersetzung: Jasna Zajcek