Ans Eingemachte

Die jungen Filmemacher beim Filmfestival Achtung Berlin – New Berlin Film Award

Rosa von Praunheim hat seinen Studenten immer gepredigt, sie sollen Filme über ­Dinge machen, mit denen sie sich auskennen, die sie wirklich berühren. Und das hat einer seiner Schützlinge berücksichtigt: Oliver Sechting. Ursprünglich sollte er ­zusammen mit seinem Regiekollegen Max Taubert nach Manhattan reisen, um einen Film über jene Damen zu drehen, die in Rosas Filmen „Überleben in New York“ und „New York Memories“ zentrale Figu­ren waren. Doch Sechting ist so von seinen inneren Zwängen in Beschlag genommen, dass er und Taubert genau darüber einen Film gemacht haben. Wie ich lernte, die Zahlen zu lieben erinnert an den ­Untertitel zu Kubricks „Dr. Seltsam“, zeigt aber einen Horror der anderen Art – wie jemand von inneren Dämonen wie „böse Zahlen“ um sich herum ­gefangen gehalten wird. Ein unge­wöhnlicher, sehenswerter Film.

Wie ich lernte, die Zahlen zu lieben
Regisseur Oliver Sechting in „Wie ich lernte, die Zahlen zu lieben“

Mit dieser sehr privaten ­Herangehensweise stehen Sechting und Taubert nicht alleine. Etliche der jungen Regisseure gehen mit ­ihren Filmen bei der zehnten Ausgabe des ­Festivals „Achtung Berlin – New Berlin Film Award“ ans Eingemachte. Zum ­Beispiel Aline Fischer. Elf Jahre nach der Ermordung ihres damaligen Freundes ­Michael in Peru begibt sie sich in dem 50-Minüter Der grüne Stern auf Spurensuche, involviert die Familie, befragt Amazonas-Spezialisten.

Oder Josephine Links. Die Filmemacherin beschäftigt sich in Am Anfang mit den Problemen der Pränatal­diagnostik. Ist es wirklich ein Segen, wenn eine werdende Mutter erfährt, dass ihr Kind womöglich behindert sein wird? Und wie mit so einer Botschaft umgehen? Zu Wort kommen schwangere Frauen ­ebenso wie eine Mutter mit einem Down-Syndrom-Kind.


„Am Anfang“ von Josephine Links

Einen ungewöhnlichen Ansatz wählt Kata­rina Schröter für ihren eher experimentell anmutenden Dokumentarfilm The Visitor. Die Filmemacherin selbst reiste in die ­Metropolen Mumbai, Shanghai und Sao Paulo. Dort suchte Schröter, die praktisch ununterbrochen im Bild zu sehen ist, ohne Worte den Kontakt zu den Menschen – die Reaktionen der Leute reichen von Ablehnung bis zum Vereinnahmen. Ein gewagtes Projekt. Oder wie würden Sie sich fühlen, wenn ein für Sie fremdländisch aussehender Mensch, begleitet von einer Kamera, in ­ihren Alltag eindringen möchte?

The Visitor
Katarina Schröter ist „The Visitor“

Eine schrecklich nette Familie

Im Zentrum des Privaten steht seit eh und je die Familie. Gleich mehrere Filmemacher nähern sich diesem Mikrokosmos in ihren Spielfilmen an. Der schönste Beitrag kommt dabei einmal mehr aus der prosperierenden Berliner Indieszene. Regisseur Nico Sommer (letztjähriger Gewinner mit „Silvi“) benutzt als Prämisse für seinen Film Familienfieber eine fast schon boulevardeske Ausgangssituation: Das junge Pärchen ­Alina und Nico, sie 17, er 19, möchte die Eltern zusammenbringen. Also lädt man Alinas Eltern ins riesige Brandenburger Landhaus von Nicos Eltern ein. Die Crux: Alinas Mama hat eine Affäre mit Nicos Papa. Klingt erstmal recht konstruiert. Doch was das Schauspielerensemble rund um Peter Trabner in großartig improvisierten Dialogen daraus macht, ist sehr sehenswert und herrlich unverkrampft.


Kathrin Waligura und Peter Trabner in „Familienfieber“

Jede Menge Konfliktpotenzial packt Regisseur John Kolya Reichart in seinen Ensemblefilm Antons Fest. Jener Anton hat seine gesamte Familie zum Geburtstagsfest in ein Ferienhaus auf dem Lande eingeladen – auch den Herrn Papa, der seine Familie vor Jahren verlassen hat. Doch wer nicht ­erscheint, ist Anton. Die Anwesenden müssen sich uralten Konflikten stellen, die Konfrontation hat eine kathartische Wirkung. Ein dichtes Drama mit bitterem Humor, sehr nah an den Figuren.


Nach dem Megastreit ab ins Wasser: „Antons Fest“

Nach dem Unfalltod der Eltern treffen ­Emilie und ihr jüngerer Bruder Jakob im Schweizer Ferienhaus zusammen, um ­gemeinsam mit Emilies Freund den Verkauf des Chalets über die Bühne zu bringen. Doch schon bald fühlen sich die Geschwis­ter auch körperlich zueinander hingezogen. Regisseur Samuel Perriard lädt seine toll fotografierte Inzest-Geschichte Schwarzer Panther mit allerlei allegorischen Bildern auf.

Ähnlich bedeutungsschwanger geht der Schauspieler Godehard Giese in seinem ­Regiedebüt Die Geschichte vom Astronauten vor. Beim Arbeitsaufenthalt auf Mallorca lernt die erfolgreiche Schriftstellerin Charlotte ihre ältere Nachbarin ­Renate kennen, die offenbar seit Jahren auf die Rückkehr ihres Mannes wartet. Charlotte, die sich bevorzugt von Menschen um sich herum inspirieren lässt, glaubt, in ­Renate ein Vorbild für ihren neuen Roman gefunden zu haben. Realität und schriftstellerische Fantasie verschwimmen.

Traumberuf Filmemacherin

Filmemacher – was für ein Traumberuf. Immer auf Festivals herumturteln und nach einem erfolgreichem Film Lorbeeren einheimsen. Wer diesem Klischee aufgesessen ist, sollte sich unbedingt Männer zeigen Filme & Frauen ihre Brüste von Isabell Šuba ansehen. Die junge Filmemacherin nutzte eine Einladung zum wichtigsten Filmfest der Welt nach Cannes, um die Schauspielerin Anne Haug als ihr Alter Ego ins ­Festivalgetümmel zu stürzen. Dabei ist Šubas Ansatz ein durchaus kritischer: Wie kann es sein, dass selbst in Cannes Regisseurinnen so gut wie nicht vorkommen? Fortan eilt Šuba/Haug von gescheitertem Termin zu verpasstem Treffen und streitet sich leidenschaftlich mit ihrem verpeilten Produzenten David (Matthias Weiden­höfer). Šuba lieh für den gesamten Festivalzeitraum ihre Identität an die Schauspielerin aus und sah so quasi sich selbst beim Festivalbesuch zu. Das Ergebnis ist ein bitterer, mal nerviger, mal lustiger Blick hinter die Kulissen der Scheinwelt Kino.

„Männer zeigen Filme & Frauen ihre ­Brüste“ ist als Eröffungsfilm von Achtung Berlin der Startschuss für ein buntes ­Festival, dessen Retrospektive ­einen Fokus auf Berlinfilme der 90er-Jahre setzt. Mit dabei: alt bekannte Filme wie Das Leben ist eine Baustelle, kultige wie Alle Zeit der Welt mit Jockel Tschiersch und (wieder) zu ent­deckende wie Chronik des Regens von ­Michael Freerix. Dazu Gespräche, Partys und mehr (siehe Seiten 138, 166 und 170).

Achtung Berlin – New Berlin Film Award, 9.-16.4., International, Babylon Mitte, Tilsiter Lichtspiele, Filmtheater am Friedrichshain, Volksbühne, www.achtungberlin.de

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