Berlin

Die Jungs vom Tiergarten

Junge Geflüchtete prostituieren sich in Berlins bekanntestem Park, mitten im ­Zentrum der Stadt. Wer hilft ihnen?

Eine Bank im Tiergarten: Hier trifft man die jungen Männer. Doch nicht alle wohnen im Park: Manche leben in Flüchtlingsunter­­künften – einige auch bei Freiern
Foto: F. Anthea Schaap

Nieselregen legt sich auf die Bäume im Großen Tiergarten. Es ist ein Freitag im Oktober, der Himmel ist grau. Langsam beginnt die Dämmerung. Attila Hartwig verteilt Reis und Hähnchen mit einer großen Kelle auf Plastiktellern. Gerade hat er auf einer Bank im Tiergarten Kochtöpfe und Wasserflaschen abgestellt, da nähern sich bereits zwei junge Männer, dunkle Haare, schmale Gesichter, und begrüßen ihn. „Reis?“, fragt Hartwig. „Hühnchen?“ Die Männer nicken matt. Seit etwa einem Jahr kommt Hartwig, der als Fotograf arbeitet, regelmäßig mit Essen in den Tiergarten, um den Männern zu helfen, die ihn nun umringen.

Nicht nur einfache Suppen oder Nudeln hat er dann im Gepäck, sondern Schmor- oder Fleischgerichte mit vielen Kräutern und Gewürzen. Rezepte aus dem Mittleren Osten. „Ich will, dass es den Jungs schmeckt wie zu Hause“, sagt Hartwig. „Dass sie den ganzen Mist mal für ein paar Minuten vergessen können.“ Sie, das sind etwa 30 Männer aus Ländern wie Afghanistan und dem Iran. Und der Mist, das ist die Prostitution. „Ich will nicht mehr“, sagt ein junger Mann zu Hartmann. Jeden Tag denke er daran, ins Krankenhaus zu gehen. Aber das funktioniere nicht. Er müsse weitermachen, hier draußen im Park. Hartwig nickt verständnisvoll. Fragen stelle er den Männer keine, sagt er. Gute Antworten hat gerade ohnehin niemand.

Das Haus, um das es geht

Im Tiergarten, wenige Kilometer entfernt von Kanzleramt und Bundestag, prostituieren sich junge Geflüchtete. In den Schlagzeilen ist der Park schon länger: Obdachlose campieren im Park, Müllberge und Überfälle geraten zum Problem. Stephan von Dassel, Bezirksbürgermeister von Mitte, mahnte kürzlich, der Tiergarten dürfe nicht zum rechtsfreien Raum werden. Als „Boris Palmer von der Spree“ gilt der Grünen-Politiker manchen seit seiner Äußerung, auch die Abschiebung aggressiver Obdachloser aus EU-Staaten dürfe kein Tabu sein. Am schmucklosen, nordwestlichen Ende des 210 Hektar großen Parks aber geht es nicht um Müll oder Zeltstädte. Sondern um junge Männer, die aus wirtschaftlicher Not Sex gegen Geld tauschen. Ein Fanal des Versagens im Umgang mit Geflüchteten, die in Deutschland auf einen Neuanfang hofften.

Man kann beobachten, wie ein Mann mit Schnauzbart und schütterem Haar einem der jungen Männer einen Geldschein reicht. Sie gehen ins Toilettenhaus
Foto: F. Anthea Schaap

„Das ist das Haus, um das sich alles dreht“, sagt Attila Hartwig und zeigt auf ein weißes, quaderförmiges Toilettenhaus am Parkeingang. Papiertücher im Rasen um das Häuschen, Gestank. Wer sich hier auf eine Bank setzt, kann zuschauen, wie Männer auffällig langsam an den jungen Geflüchteten vorbeischlendern und Blicke mit ihnen tauschen. An einem anderen Tag lässt sich beobachten, wie ein Mann mit Schnauzbart und schütterem Haar einem der jungen Männer einen Geldschein reicht und mit ihm ins Toilettenhaus geht. Da ist es nachmittags um vier.

Hartwig engagiert sich seit Jahren in der Flüchtlingshilfe. Den Männern im Park bringt er neben Essen Schokolade und Kleiderspenden. Auch Kondome hat er im Gepäck. Die aber wollen die jungen Männer heute nicht oder nur zögerlich annehmen. „Nee, warum?“, sagt einer von ihnen und winkt ab, bevor er Hartwig den Rücken kehrt. „Der schämt sich“, sagt Hartwig. Er wolle nicht zugeben, wozu er sich hier im Park aufhalte. Einer der Freunde des Zögernden, ein hochgewachsener junger Mann, lächelt unsicher, steckt die Kondome aber schließlich ein. Sein Gesicht sieht jungenhaft aus, doch volljährig sind die Männer laut Pass allesamt. Das bestätigten immer wieder Organisationen wie „Hilfe für Jungs“, die regelmäßig mit ihnen arbeiten. Wer sind die Männer?

Charlotte Schmitz kennt die Situation im Tiergarten so gut wie wenige Menschen. Seit diesem Frühjahr kamen sie und ihre Projektpartnerin Johanna-Maria Fritz, beide Fotografinnen und Aktivistinnen, regelmäßig in den Tiergarten, um die Männer zu fotografieren und so auf ihre Situation aufmerksam zu machen. Beide hatten Ende 2015 durch Medienberichte von der Situation im Tiergarten erfahren. Über Monate gewannen Schmitz und Fritz das Vertrauen der Männer, unterstützten sie bei Arztbesuchen oder Behördengängen. Schlossen Freundschaft mit einigen von ihnen.

Seit sie im Tiergarten tätig sind, sei die Zahl der Männer konstant bis leicht steigend, erzählt Schmitz. Aktuell sind es etwa 30 Männer im Tiergarten, doch die Zahl schwankt. Ein paar bekannte Gesichter trifft man bei jedem Besuch im Tiergarten. Einigen Männern ist es schon gelungen, aus der Prostitution auszusteigen und sich in ärztliche Behandlung zu begeben, dafür kommen hin und wieder Neuzugänge, manche auch aus angrenzenden Bundesländern. Die meisten von ihnen stammen aus Afghanistan, dem Iran oder Pakistan. Laut deutschem Asylrecht „sichere Herkunftsstaaten“. Geflüchtete aus Syrien sind nicht dabei.

Der Tiergarten ist populär als Treffpunkt für unverbindlichen Sex. „Cruising“ hat eine lange Tradition – Prostitution ebenfalls. Als „Klappe“ bezeichnet man Orte wie das Toilettenhaus
Foto: F. Anthea Schaap

Vor dem Lageso und Flüchtlingsunterkünften, so berichten viele Menschen aus der Helferszene, haben die Dealer gestanden. Haben darauf spekuliert, dass die Männer eine Pause von der Realität brauchen. An Orten wie dem Leopoldplatz und dem Kleinen Tiergarten finden Geflüchtete schnell Zugang zur Drogenszene. Die ersten Heroinkugeln sind oft gratis. Der Einstieg in die Abhängigkeit.

Drogen sind ein Problem im Tiergarten

Auch der Verein Fixpunkt e.V. ist seit rund einem Jahr im Großen Tiergarten unterwegs, um Infektionsschutz zu betreiben. „Suchtmittel sind ein großes Problem“, sagt Mitarbeiterin Astrid Leicht. Doch nicht alle Männer, die sich im Tiergarten prostituieren, sind drogenabhängig, und nicht alle wurden von Dealern in Berlin „angefixt“. Astrid Leicht sagt, manche der Männer sollen bereits in ihren Herkunftsländern Vorerfahrungen mit Drogen gemacht haben, andere seien auf der Flucht in Kontakt mit Rauschmitteln gekommen, wieder andere begannen erst in Berlin, Drogen zu nehmen. Nicht nur Heroin, sondern auch andere Substanzen würden konsumiert.

In etwa zehn Euro kostet eine Kugel Heroin. Wie viel die Männer pro Kunde verdienen variiert stark: Im Schnitt sind es 30 Euro, hört man von vielen Involvierten, doch manche Freier drücken den Verdienst auf wenige Euro. Ein Geschäft mit der Not Schutzbedürftiger.
Zwei Probleme, die in der öffentlichen Wahrnehmung gern verquickt werden, sind die Prostitution und die Zeltstädte obdachloser Menschen im Tiergarten. Nicht alle der Männer, die sich prostituieren, sind obdachlos, etwa zehn leben im Park, eine Mehrheit in Flüchtlingsunterkünften – manche sogar mit ihren Angehörigen: Einige sind mit der Familie nach Deutschland geflüchtet. Helfer bestätigen, dass manche der Männer bei Freiern eingezogen sind, die ihnen Obdach, Nahrung und Kleidung zur Verfügung stellen. Und sie damit in ein neues Abhängigkeitsverhältnis bringen.

Die Straße des 17. Juni teilt den Tiergarten: Am nordwestlichen Parkeingang nahe des Hansaplatzes trifft man überwiegend die jungen Geflüchteten, südlich der Straße, im Areal um die Löwenbrücke, hat sich seit Jahren ein Prostitutionsmilieu mit Sexarbeitern aus osteuropäischen Ländern etabliert. Viele von ihnen sind Roma, nahezu alle extrem jung.

Kein neues Phänomen

Es ist ein Thema, das schnell Fragen der Moral berührt. Der Tiergarten hat eine lange Tradition – und internationale Bekanntheit – als sexuelle Begegnungsstätte für Homosexuelle. „Klappe“ heißen Orte wie das Toilettenhaus im Tiergarten, „Cruising“ nennt man den schnellen, oft unverbindlichen Sex im Park. Auf die Kritik, Cruiser verschmutzten durch gebrauchte Kondome öffentliche Grünflächen, reagiert etwa das schwule Anti-Gewalt-Projekt Maneo immer wieder mit Putzaktionen im Park. Weder Cruising noch Sexarbeit sind in Deutschland verboten, auch moralisch verwerflich muss käuflicher Sex nicht sein – doch im Tiergarten, daran lässt die Lebenssituation der Männer keinen Zweifel, prostituiert sich niemand aus freien Stücken. Nahezu keiner der Männer sei schwul, hört man von den Helfern. Wer beobachtet, wie die Männer durch den Park schleichen, scheinbar bemüht, so unsichtbar wie möglich zu bleiben, kann erahnen, wie unangenehm ihnen ihre Situation ist.

Müll im Gebüsch, benutzte Taschentücher, gebrauchte Spritzen und Kondome: Ein sehr sauberer Ort ist der Tiergarten nicht. Umso wichtiger für die Männer ist Infektionsschutz
Foto: F. Anthea Schaap

Seit die Zeitungen vermeldet haben, dass der Park geräumt werden soll, ist die Stimmung im Tiergarten noch gespannter als zuvor. Trifft man auf einen der Männer, blickt man in verschlossene Gesichter. Auf die Frage nach einem Gespräch reagiert er unsicher und ablehnend. Zu viele Journalisten sind in den letzten Wochen durch den Park gestreift, um mit ihnen zu sprechen. Auch in der Helferszene ist man müde: Viele lehnen Interviewanfragen ab oder reagieren gereizt auf Fragen zum Thema.

Einige Experten aus der Sozialarbeit zeigen sich irritiert von Heftigkeit und Zeitpunkt der Debatte um den Tiergarten. Anders als der benachbarte Kleine Tiergarten zählt der Park nicht zu den zehn Orten, die von der Berlin Polizei als besonders kriminalitätsbelastet eingestuft werden. Ein neues Phänomen ist die Prostitution hier ebenfalls nicht: Schon im Kaiserreich gab es sie hier. Dass es auch junge Geflüchtete sind, die hier unterwegs sind, ist seit fast zwei Jahren bekannt.

„Gerade sind im Park zeitweilig mehr Journalisten unterwegs als Männer, die sich prostituieren“, sagt Astrid Leicht von Fixpunkt am Telefon. Die Effekthascherei und der Vorwurf seitens der Politik, niemand hätte Handlungsvorschläge gemacht, würden ihr auf die Nerven gehen. Schließlich würden Experten aus der Wohnungslosenhilfe und der Suchthilfe seit Jahren gebetsmühlenartig ihre Forderungen wiederholen, die Kältehilfe, Notunterkünfte und die niedrigschwellige Wohnungslosen- und Suchthilfe besser auszustatten, auch damit nicht nur überwiegend ehrenamtliche Mitarbeiter, sondern auch mehr bezahlte Fachleute eingesetzt werden können. Der Konflikt zwischen überforderten Behörden und überlasteten Flüchtlingshelfern, er zeigt sich deutlich am Beispiel der Prostitution im Tiergarten. Eine Räumung wird keines der Probleme der Männer lösen – höchstens verlagern.

In der vergangenen Woche erregte das ZDF-Magazin „Frontal 21“ Aufmerksamkeit mit einem Bericht über Prostitution unter Geflüchteten. Danach hätten Mitarbeiter einer Berliner Securityfirma gegen Provision Geflüchtete in die Sexarbeit vermittelt. Ein regelrechtes Zuhälternetzwerk sei in Berliner Flüchtlingsunterkünften entstanden, berichtete das Magazin unter Berufung auf Zeugen. Im Fokus des Berichts stand das Heim im ehemaligen Rathaus Wilmersdorf. Der Träger der Einrichtung, der Arbeiter-Samariter-Bund, weist die Vorwürfe zurück. Der „Morgenpost“ sagte die Sprecherin Melanie Rohrmann, weder die im Beitrag zu Wort gekommene Sozialbetreuerin noch der zitierte Security-Mitarbeiter könnten mit dem Wilmersdorfer Heim in Verbindung gebracht werden. Zumindest hinter den Geflüchteten, die sich regelmäßig im Tiergarten prostituieren, stehe nach Angaben von Helfern kein Zuhälter-Ring. Im Fall der jungen Männer aus Osteuropa hingegen vermutet man organisierte Kriminalität.

Es fehlt an Hilfsangeboten

Wer hilft den Männern? Neben Fixpunkt und Privatpersonen wie Attila Hartwig, Charlotte Schmitz und Johanna-Maria Fritz hat der Verein „Hilfe für Jungs“, der von sexueller Ausbeutung und Gewalt betroffene Männern unterstützt, mit dem Projekt „Subway“ eine Anlaufstelle für junge Prostituierte geschaffen. Ein Gespräch mit ­ZITTY sagt Ralf Rötten, der Geschäftsführer des Vereins, mit Verweis auf Überlastung durch massives Medieninteresse ab. Viele Helfer scheinen mit ihren Ressourcen am Ende.

Das Bezirksamt Mitte beauftragt seit März den Vereins „KommMit“ e.V. mit der Betreuung der Männer. Einigen konnte der Verein bereits helfen, etwa durch die Vermittlung von Wohnheimplätzen. Doch eine Stelle ist wenig, um 30 Männern bei Behördengängen zu begleiten oder ihnen auch einfach zuzuhören.

Astrid Leicht von Fixpunkt e.V. betont, es komme nicht nur auf mehr bezahlte Sozialarbeit an, sondern vor allem auf mehr Möglichkeiten, Wohnungslose tatsächlich unterzubringen – wenigstens in ganzjährig geöffneten Notunterkünften oder Übergangswohnungen. „Dazu gehören auch praktikable, lebensweltnahe Möglichkeiten, Menschen ohne Papiere, Süchtige und psychiatrisch Auffällige, die aus den bisherigen Angeboten der Wohnungslosenhilfe rausfallen, unterzubringen und professionell zu betreuen“, sagt sie.

Vor wenigen Wochen haben Charlotte Schmitz und Johanna-Maria Fritz ein großes Vernetzungstreffen für alle Träger, Organisationen und soziale Einrichtungen organisiert, die sich dem Thema widmen. Der Auftakt zu großen Vorhaben: Momentan bauen Schmitz und Fritz ein Patenschaftsprojekt für die Männer auf. „Wir haben in den vergangenen Monaten Zugang zu den Männern bekommen. Das muss man nutzen“, sagt sie. In ihrem Projekt wollen sie ihnen Paten – Helfer, Unterstützer, Freunde – vermitteln, die ihnen beim Wiedereinstieg in die Gesellschaft helfen. Oder überhaupt: beim Einstieg. Keiner der Männer hatte einen guten Start in Berlin, nahezu niemand pflegt Kontakte zu Berlinern. Das isoliert.