Wem gehört Neukölln?

Die Karl-Marx Straße ist Neuköllns soziale Schlagader

Die Karl-Marx-Straße steht vor ­einer ungewissen Zukunft. Bleibt sie Schmelztiegel oder wird sie vom ­großen Geld gentrifiziert? Eine Tour entlang ­einer wegweisenden Großbaustelle

Fotos: F. Anthea Schaap

Die Straße, die einmal das Berlin der Zukunft repräsentieren soll: womöglich nur eine Trash-Meile. Schon immer sei die Karl-Marx-Straße „scheiße“ ­gewesen, sagt jedenfalls ein Choleriker von ­nebenan, der Bücher geschrieben hat wie „Berlin zum Abkacken“. Oder zuletzt „Neukölln – Ein Elendsbezirk schießt zurück“, ein Pamphlet über Hipster, Mafiosi und Inves­toren.

Trash as Kitsch can
Foto: F. Anthea Schaap

In der Back Factory, einer Selbstbedienungsbäckerei, hat sich der Autor auf einen mit Kunstleder bezogenen Stuhl platziert: Kristjan Knall, um die 30 Jahre alt, wohnt in Neukölln. Zum Gespräch erscheint er zunächst mit Sonnenbrille und Perücke; später streift er seine Tarnung ab.

Knall, eine Stimme der linken Szene, will in der Öffentlichkeit anonym bleiben – weil sein Furor politische Gegner provozieren könnte. Und weil ihn die Kollegen ihn seinem Brotberuf, dessen Branche er verschweigt, nicht als Bürgerschreck erkennen sollen. Der Maskenträger soll jetzt über die Häutung der Karl-Marx-Straße reden. 

Denn diese Promenadenmischung im Herzen Neuköllns soll eine Vorzeige-Straße werden. Mit Radwegen, aber auch mit ­einem Straßenbild, das so hip ist, das ihr einstiges Etikett als „No-Go-Area“ nur noch ein angestaubter Begriff in den Archiven von „Spiegel-TV“ wäre. Co-Working-­Spaces, Kreativquartiere, Gastronomen sollen in alte Renommierbauten einziehen.

Planspiele im Art-Deco-Gewand

Von einem „Großstadtboulevard“ träumt Martin Hikel, der SPD-­Bezirksbürgermeister. Kann das gutgehen?

Baukunst oder Sünde? Kann weg, finden jedenfalls die Stadtplaner. Das ehemalige C&A-Gebäude soll abgerissen werden – und einem Gewerbezentrum weichen
Foto: F. Anthea Schaap

Aus dem alten Postamt, einem Gründerzeitbau, der seit 2003 leer steht, wird derzeit ein Gewerbezentrum. Das ­ehemalige C&A-Gebäude, eine Bausünde von 1953, würde der Eigentümer am liebsten ­abreißen  – er träumt von einem Bürohaus auf dem Grundstück. Das Karstadt-Schnäppchencenter, wo sich Billig-Klamotten auf den Wühltischen häufen, will ein Investor in ein Firmengebäude verwandeln, inklusive Co-Workingspaces.

»Die Christian-
Lindner-Kacke läuft hier nicht«

Kristjan Knall, Kiezschriftsteller und
Sprachrohr der linken Szene

Hinzu kommt ein Planspiel der österreichischen Immobilienfirma Signa Holding, vorgenommen am Entree der Straße. Es geht um das Karstadt-Gebäude am Hermannplatz: Architekten sollen das Kaufhaus in ein Art-Deco-Gewand kleiden und um mehrere Stockwerke erhöhen, eine Remineszenz an den Originalbau. Der erstrahlte als ­Attrappe bereits in der Kulisse von „Babylon Berlin“, der ­20er-Jahre-Hommage im Serien­format. Das Vorhaben wird vom zuständigen Bezirksamt Friedrichshain-Kreuzberg bislang mit Skepsis verfolgt– dort könnte erwogen werden, die Genehmigung zu verweigern.  

Der Turm des Rathaus Neukölln
Foto: F. Anthea Schaap

Die Straße selbst bequemt sich zur Komfortzone: mit breiten Bürgersteigen und ­einem Verkehr, der auf Tempo 30 gedrosselt wird. Bauarbeiter schaufeln und asphaltieren zurzeit.

An anderen Adressen hat sich schon jetzt der Wandel eingenistet, mit Cafés und Restaurants, die Vorposten der Gentrifizierung sind. In einem Stadtteil, wo die ­Mieten in den vergangenen zehn Jahren um fast 150 Prozent nach oben geschossen sind.

Vor mehr als 100 Jahren, in der Zeit des Kaiserreichs, war die Straße noch verrufen. Berlins Reeperbahn, eine Meile mit Bordellen, Tanzsalons und anderen Amüsierbetrieben, wo die Werktätigen aus der Monotonie ihres durchgetakteten Lebens ausbrachen. In dieselbe Zeit fiel auch ihre Neugeburt als Einkaufs- und Verwaltungsstraße: In neu ­eröffneten Kaufhäusern stapelten sich Konsumgüter; das Rathaus, dessen Turm bis heute aus dem Häusermeer ragt, ­wurde ­erbaut. Zudem erblühten Kulturstätten, die heute Institutionen sind: die ­Neuköllner Oper, das Passage-Kino, der Saalbau Neukölln, wo heute der Heimathafen kritischen Geistern einen Anker gibt, ob Theater­machern, Avantgarde-Musikern oder Poeten.

Soll dieses Erbe überwunden werden?

Kristjan Knall, der Häuserkämpfer, prophezeit: „Es wird sich Widerstand regen.“ Er betrachtet den Anbruch einer neuen Ära an Neuköllns zentraler Straße als Kriegserklärung. „Die Christian-Lindner-Kacke läuft hier nicht“, sagt er. Knall ist ein Gesicht der Gegenbewegung, hält Lesungen im Syndikat, der Polit-Kneipe im Schillerkiez weiter westlich, die ein Immobilienunternehmer räumen lassen will. Er sympathisiert mit den Aktivisten der linken Szene, mit Bündnissen wie dem „Solidarischen Neukölln“ oder „Syndikat bleibt!“.

Dominik Kunz

»Lebens-gefährlich war das«

Dominik Kunz, Mieter an der Karl-Marx-Straße, über rabiate Entmietungsstrategien

Seine Rhetorik ist radikal – wenn er zum Beispiel die Straßengangs der 90er-­Jahre herbeisehnt, deren Mitglieder mit Butterfly-Messer in der Jogginghose über die Bordsteine schlenderten – ­patrouillierende Gangster als Abschreckung gegen Yuppies. Und wenn Knall behauptet, dass die Karl-Marx-Straße „scheiße“ sei, wie zu Beginn des Gesprächs in der Back Factory, meint er: bewahrenswert in ihrem Chaos, ihrer ­diffusen Identität.

Kristjan Knall kanalisiert ein Unbehagen im Kiez. Viele Menschen fürchten, von Spekulanten vertrieben zu werden. 

Ein Schauplatz dafür ist die Karl-Marx-Straße 179 – eine Immobilie, die verfällt. Die Fassade ist mit Brettern zugenagelt – ­früher einmal gab es dort eine Spielothek und einen Imbiss. Passiert man den Hof, steht dort ein Hinterhaus, so verwittert wie ein Quartier, das nach einer Naturkatastrophe evakuiert worden ist. Dennoch leben hier Menschen in durchgewohnten Buden, deren Heizungen kalt ­bleiben, ebenso wie das Wasser im Bad, ­mitten im strammsten Winter.

Im März 2018 war das, erinnert sich Dominik Kunz, der im zweiten Stockwerk wohnt. Ein Medientechniker, Mitte 30, ­zurzeit arbeitslos. Er ist dort vor knapp 20 Jahren eingezogen.

Bauarbeiter hatten im Haus ­gewerkelt, etwa Fensterrahmen aus der Fassung montiert. Am gleichen Tag seien im Keller des Hauses ein Gasrohr aus der Muffe und Schellen aus der Wand gerissen worden, ­erzählt er. Die Gasversorgung brach zusammen – und die Mieter froren, über Wochen hinweg, weil der Defekt nicht repariert ­wurde. Wer das Gas-System manipuliert hat, ist bis heute ungeklärt.

Karl-Marx Straße 179
Das Hinterhaus der Karl-Marx-Straße 179: eine Immobilie, die der Eigentümer abreißen lassen will – zugunsten eines profitablen Neubaus
Foto: F. Anthea Schaap

Knapp anderthalb Jahre später sitzt Dominik Kunz im abgewetzten Sofa seines Wohnzimmers und sagt: „Lebensgefährlich war das.“ Die Polizei hat ihre Ermittlungen eingestellt.

Die Karl-Marx-Straße 179 machte dennoch Schlagzeilen – als Spielwiese von Spekulanten, die ihre Mieter schikanieren, bis sie ihre Heiligtümer räumen.

Die Bruchbude gehört einem Hamburger Unternehmer. Auf dem dazugehörigen Grundstück, das Brachland bereithält, will er ein neues Wohnquartier errichten, mit drei weiteren Häusern. Der Bezirk hat dafür bereits eine Baugenehmigung erteilt, unter anderem mit der Maßgabe, dass dort jede fünfte Mieteinheit eine Sozialwohnung ist, 

In dem Bestandsbau auf dem Filetstück harren derweil Dominik Kunz und seine Nachbarn aus. Trotz unmoralischer Angebote des Vermieters – Abfindungen, so hoch wie der Preis eines neuen VW Golfs.

Letztes Kapitel einer Familiensaga

Andere in der Karl-Marx-Straße haben aufgegeben, zum Beispiel alte Einzelhändler. Die „Hohenzollern-Apotheke“ etwa, die jahrelang die Etablierten mit Aspirin und Antibiotika versorgte und Menschen von der Straße mit Spritzen. Zweieinhalbmal mehr Miete wollte der Vermieter auf einmal, ein Anstieg um mehrere tausend Euro. Die Betreiberin wurde mürbe. Das letzte ­Kapitel einer Familiensaga: Nach dem Zweiten Weltkrieg hatte ihr Großvater den Arznei-Laden eröffnet, später ihr Vater geerbt.

Einkaufsmeile Karl-Marx-Straße
Warenangebot einer Einkaufsmeile: Modeboutique mit Straßenchic
Foto: F. Anthea Schaap

Eine andere Verlustgeschichte führt in die Ära der Kulenkampff-Shows und Karl-May-Filme: ein Laden, wo Familienväter aus Rudow oder Britz ihre ­Röhrenfernseher kauften, vor allem in den 60ern und 70ern. „Fernseh-Clavis“, die Filiale eines Berliner Elektronik-Verkäufers, eine verblichene Institution, nur einen Steinwurf von der dichtgemachten Apotheke entfernt. Vor etwas mehr zwei Jahren haben die Angestellten zum letzten Mal abends das Licht ausgemacht – weil junge Menschen keine TV-Geräte mehr kaufen, erst recht nicht in einem Fachhandel mit Patina.

In die Ladenzeile ist jetzt das ­polyglotte Berlin eingezogen – ein Gastro-Tempel, der die Weltküche versammelt: zypriotisch, chinesisch und peruanisch. „Paolo ­Pinkel“ heißt das Restaurant, das drei ­Küchen ­beherbergt, benannt nach dem Pseudonym Michel Friedmans, als er im Koks-Wahn ukrainische Zwangsprostituierte aufs ­Hotelzimmer bestellte. Drinnen ranken sich exotische Pflanzen um Tresen und Tische, leuchtet rosafarbenenes Licht; ­irgendwo steht eine italienische Eistheke, die ­Requisite in einem Visconti-Film ­gewesen ­könnte. Ein Mobiliar im Pop-Chic, verwirrend und ironisch. Nick Kapros, 37, Sebastian Schwendtner, 35, und Kubilay Akkaya, 44, sind die Macher dieses Wunderlands.

»Jeder ist bei uns willkommen«

Sebastian Schwendtner und Nick Kapros, Betreiber des Gastro-Tempels  Paolo Pinkel

Im Restaurant, in diesem Frühjahr ­eröffnet, sei „jeder willkommen, und wir glauben, die Gäste spüren das auch“, sagt Sebastan Schwendtner. „Uns gefällt es ­mitanzusehen, wie Künstler und Szene­publikum sich mit echten Neuköllnern mischen.“

Das Paolo Pinkel ist allerdings vor allem Tafel einer begehrten Klientel, jung und gebildet. Es symbolisiert einen Lebensstil, der noch mehr Twenty- und Thirty­somethings anzieht und die Mietpreise treibt. Ein Menetekel für den Gentrifizierungs-Prozess, der sich in den Metropolen der westlichen Welt fortschreibt: die ­Weserstraße, nur ein paar ­Straßenzüge ­entfernt. Die Docklands in London, der Mission ­District in San Francisco.

Das Paolo Pinkel in der Karl-Marx Straße
Das Paolo Pinkel in der Karl-Marx Straße
Foto: F. Anthea Schaap

In Neukölln gibt es Menschen, die ­damit nicht einverstanden sind. Die Fenster des Paolo Pinkel sind vor Kurzem be­spuckt worden, Unbekannte haben zudem die Toiletten mit Gips verstopft. Die Betreiber sind Mittelständler, die Gründergeist verströmen. Wie der ­TV-Händler, der in der Nachkriegszeit ­einen Laden eröffnete, um Grundig-Geräte zu verkaufen. Was ihn von den Nachfahren unterscheidet: die Jung-Unternehmer sind besser angezogen.

Wie steht es um das Selbstbild der ­Betreiber? „Wir sind uns bewusst, dass ­unser Konzept mitunter für kritische Stimmen aus der Nachbarschaft sorgen kann. Diesen Konflikt werden wir wahrscheinlich auch nie zu hundert Prozent lösen können und das müssen wir dann auch in Kauf nehmen“, sagt Sebastian Schwendtner, einer der Gastgeber.

Handelsstandort im Szene-Bezirk

Ein Mann, der das Milieu in diesem Restau­rant goutieren dürfte, ist Daniel Bormann, Manager der Realace GmbH. Eine Entwicklungsfirma, die einen Zweckbau in ein New-Economy-Symbol verwandeln soll. 101 Neukölln lautet das Projekt, der Eigentümer ist die Tochterfirma eines Immobilienunternehmens mit Sitz in Wien. Die künftige Baustelle: das Schnäppchen-Center von Karstadt, früher einmal Standort von Sinn & Leffers, noch so ein Relikt der alten Bundesrepublik.

»Früher ist alles
besser gewesen«

Wafic Hanjoul, Chef im Shisha-Café Barbar Aga

Bormann bejubelt die Zeitenwende: ein „Handelsstandort“ in einem „Szene-Bezirk“ soll dort entstehen. „Die Entwicklung, die sich an der Weserstraße zeigt, schwappt in die Karl-Marx-Straße. Die neue Nutzung wird das weiter befördern“, prophezeit er. Vorne sollen Gastro-Einrichtungen ­entstehen, vielleicht auch Geschäfte. Zwischen den Gemäuern des ­angrenzenden Parkhauses ein Labor für „alternative ­Arbeitsformen“. Wo die Nomaden der krea­tiven Klasse in Co-Working-Spaces ihre Notebooks aufklappen. 2022 soll „101 Neukölln“ die Pforten öffnen. 

Noch hat der Bezirk das Projekt nicht genehmigt – ebenso wenig wie übrigens den Abriss des ehemaligen C&A-­Gebäudes ein paar Häuserblocks weiter. „Allein schon ­wegen der Straßenarbeiten in der Nähe können wir einen solchen Umbau nicht genehmigen – es gäbe keine ­ausreichenden Transportwege für den Bauschutt, den man abtragen müsste“, sagt Jochen Biedermann, Baustadtrat der Grünen. Weder in diesem noch im nächsten Jahr könne dort voraussichtlich mit den Bauarbeiten begonnen werden.

Der Behördenchef ist oft machtlos ­gegenüber Immobilienfirmen: Er muss geltende Gesetze einhalten. „Investoren haben grundsätzlich einen Genehmigungsanspruch für Bauvorhaben“, erklärt Biedermann. Das Bezirksamt könne nicht immer Einfluss nehmen auf Nutzungspläne. Sanierungsrechtliche Bedenken seien möglich, wie am ehemaligen C&A-Gebäude, aber konkrete Zugeständnisse hängen letztlich vom guten Willen des Investors ab, sagt er. Genehmigungen verweigert werden könnten in der Regel nur, wenn Vorhaben ­besonders groß sind – wie etwa der Umbau des monumentalen Karstadt-Gebäudes am Hermannplatz. Dann müsste ein ­Bebauungsplan entwickelt werden. Über den Plan würde die BVV abstimmen.

Das alte Postgebäude in der Karl-Marx Straße
Foto: F. Anthea Schaap

Aus diesem Grund kann eine Schlüssel-­Immobilie schon jetzt hergerichtet werden: Ab 2020 soll ins alte Postgebäude, ein paar Häuser entfernt, seit mehr als 15 Jahren eine Geister-Immobilie, ebenso ein ­neues Lebensgefühl einkehren – und dazu auch im benachbarten Fernsprechamt, ein Bau aus den 20er-Jahren. Das Ensemble soll Mini-­Appartements für Studierende behausen, Luxus-Maisonettes fürs Establishment, dazu ein Fitnessstudio, Restaurants, Einkaufsgeschäfte und natürlich: Co-Working-Spaces. Für den Umbau macht der Investor 50 Millionen Euro flüssig. Eine Einrichtung, die der Hausherr dem Kiez gönnt: die Werkstatt  „Young Arts Neukölln“, wo junge Kreative aus der Gegend experimentieren können. 

Das könnte auch Talente aus der türki­schen und arabischen Community anziehen. Ihre Eltern bilden eine prominente Schicht in der Neuköllner Gesellschaft: die Besitzer der Shisha-Cafés und Handyläden, aber auch die Gastgeber der Refugien einer neuen migrantischen Bürgerlichkeit, Frühstückshäuser etwa, wo kalorienreiche Torten serviert werden, oder Boutiquen, wo Brautkleider die Schaufenster ausstaffieren.

Foto: F. Anthea Schaap

Stattdessen stehen einige unter Verdacht. So wie Wafic Hanjoul, 63, in Beirut geboren. Ende der 70er emigrierte er als Kriegsflüchtling nach Berlin. 2002 eröffnete er das Barbar Aga. Seitdem ziehen dort Genussmenschen an Shisha-Pfeifen, trinken schwarzen Tee und Mokka. Touristen und andere Flaneure gesellen sich zu den ­Gästen. An den Wänden hängen Souvenirs aus der Levante, kleine Gemälde, die Wüsten, Kamele und weite Horizonte zeigen.

Die Behörden rücken Hanjoul ins Zwielicht: Ist sein Laden ein Hort der Orga­nisierten Kriminalität? Er beteuert, stets sauber gewesen zu sein. Dennoch ­kommen immer häufiger Polizeibeamte ins Lokal, gefolgt von Mitarbeitern des Ordnungs- und Finanzamts. Sie suchen ­Waffen, Schwarzgeld, Drogen. Oder wollen Glücksspieler aufmischen.

Spielothek in der Karl-Marx Straße
Volkstreffs an der Karl-Marx-Straße: die Spielotheken. Diese hier wird von Oliver Kahn empfohlen
Foto: F. Anthea Schaap

Die Razzien sind Teil einer Strategie des Bezirksbürgermeisters Martin Hikel und der Polizeibehörden. Sie wollen Clans und Kleinkriminellen den Kampf ansagen. Tatsächlich leben Angehörige der Großfamilie R. im Kiez. Einige Mitglieder sollen die millionenschwere Maple-Leaf-Münze aus dem Bode-Museum geraubt haben.

Manchmal stoßen die Fahnder auf Spuren: Teleskop-Schlagstöcke, Messer, Drogen in kleinen Mengen. Dazu kamen Fälle von Steuerhinterziehung und Schwarzarbeit ans Licht. Nur im Barbar Aga hätten sie noch keinen Fang gemacht, sagt ein Mitarbeiter.

„Früher ist alles besser gewesen“, sagt Hanjoul, der Patriarch im Barbar Aga. Er und seine deutschen Nachbarn seien sich damals mit weniger Misstrauen begegnet. Heute dagegen wird Neuköllnern mit arabi­schen Wurzeln ein Gangster-Image übergestreift: Da sind die Plots der Serie „4 Blocks“, die eine düstere Halbwelt zeichnen, da sind die Boulevard-Blätter, die sensationslüsterne Reportagen verbreiten.

„Protect the Original“ – Karl-Marx-Straße
Foto: F. Anthea Schaap

Dazu passt, dass Migranten unter­repräsentiert sind in Kreisen, wo Politiker, Investoren und Stadtplaner die Zukunft der Karl-Marx-Straße planen. Ob in den Konferenzräumen der Immobilienfirmen oder an den Runden Tischen der „Aktion Karl-Marx-Straße“, jenem Zusammenschluss, der Geschäftsleute, Stadtplaner aus dem Bezirksamt und Sozialarbeiter versammelt, um den Wandel zu dirigieren.

Dabei sind Neuköllner mit Einwanderungsgeschichte genauso betroffen: von neuen Nachbarn, einem anderen Kiez-­Charakter. Und von schwindelerregen­den Mieten.

Wafic Hanjoul selbst hat Glück: Sein Mietvertrag ist noch für die kommenden 14 Jahre gültig. Eine Existenzgarantie – falls das Haus, das sein Lokal umgibt, nicht von einem gerissenen Spekulanten gekauft wird.