Das trunkene Schiff

Die King Size Bar schließt

Die King Size Bar ist Berlins charismatischster Ort für die Gestrandeten der Nacht. Ende Juli schließt sie für immer. Das neue Buch „Nutzloses Gesindel“ huldigt noch einmal dem Mythos. Ein Vorabdruck

Text: Udo Tietz

Mythen sind entweder 2000 Jahre oder 2 Tage alt – so las ich es einmal vor vielen Jahren. An den Namen des Autors erinnere ich mich nicht mehr. Es könnte Roland Barthes gewesen sein.

2000 Jahre – ja. Aber 2 Tage? Das King Size ist älter als zwei Tage. Es ist am heutigen Tag, dem 23. Juni 2017, genau 7 Jahre und 61 Tage alt. Das King Size ist eine Bar in der Mitte Berlins, versteckt, aber doch leicht zu finden, zwischen der Oranienburger Straße, wo sich seit der Öffnung der Grenze in den Herbsttagen des Jahres 1989 wieder allabendlich die Nutten die Füße platt stehen, und der Weidendammer Brücke, die Wolf Biermann in seiner „Ballade vom preußischen Ikarus“ so schön besang. Sie ist Skandal, Institution, und sie ist ein Mythos. Ein Mythos des Alltags, genauer: ein Mythos des Alltags in Berlin. Noch genauer: ein Mythos der Nacht. Denn das King Size ist ein Garant dafür, daß auch an diesem Abend, an dem Abend nämlich, an dem jeder einzelne Besucher, der seine Füße über die Schwelle der kleinen Bar gesetzt hat, erwarten kann, daß der Abend im Exzess enden wird. Der abendliche Absturz ist keine theoretische Möglichkeit, sondern praktisches Programm.

Tanztheater am frühen Morgen – typische Szene in der King Size Bar
Foto: Eirikur Mortagne

Darin liegt ein Problem. Wer beabsichtigt, hier eine Auszeit von seinem alltäglichen In-der-Welt-Sein zu nehmen und sich und sein Leben zu feiern, der muß zunächst einmal durch die Tür – und die Türen von Institutionen stehen bekanntlich nicht jedem offen. Und die Tür, das ist Frank, 131 Kilogramm Lebendgewicht, blaue Turnhose, grüner Shell-Parker, ein Epikureer und ein exzessiver Küsser – und vermutlich, der einzige, der es Abend für Abend bei diversen Wassern und Säften beläßt.
Auch ich mußte irgendwann einmal an diesem Koloß vorbei. Es war im Winter des Jahres 2012. Die Kälte und das Warten waren einigermaßen frustrierend, aber Willens, durch diese Tür zu gelangen, wartete ich geduldig, bis ich meine Chance bekam: Jeder hat diese Chance, jeder, der es versucht.

Ich sagte bereits: Frank, die Tür, ist ein Epikureer, und daher gibt es hier keine strukturelle Unfairness – und in dieser besagten Winternacht fragte er mich: „Sag mir mal einen vernünftigen Grund, warum ich Dich hier hereinlassen sollte? Denk Dir mal ’ne schöne Geschichte aus!“ Und dabei lachte er über sein ganzes Gesicht.

Ich verstand die Frage sofort. Sie war klar wie Selters und ebenso ernüchternd. Mir war augenblicklich klar: Es gibt hier nur einen Versuch – oder der Abend hätte sein vorzeitiges Ende gefunden, was in einem bestimmten Sinn von „vernünftig“ vielleicht sogar vernünftig gewesen wäre, aber eben nicht so schön. Ob es Geistesgegenwart oder aber Wahnsinn war, vermag ich im Nachhinein nicht mehr zu sagen. Jedenfalls antwortete ich: „Ich denke mir jeden Tag 25 Stunden Geschichten aus. Da denke ich mir jetzt für diese beschissene Türe nicht schon wieder eine blöde Geschichte aus.“ Frank, die Tür, schaute mir ein Weile in die Augen – und sagte: „OK. Schönen Abend“. Das nächste Mal wurde ich mit Namen begrüßt.

Wer durch die Tür gekommen ist, hat sich damit für den abendlichen Untergang und das Desaster qualifiziert. Denn hier ist der Mensch Mensch, wenn er allein in der Maßlosigkeit sein Maß sucht und wenn im dionysischen Schwindel das Oben und das Unten ineinander stürzen, womit allabendlich ein Prinzip aufgerufen ist, daß als ein übersubjektives Geschehen verstanden werden muß und den ethischen Raum der Werte und den moralischen Raum der Normen transzendiert, der für unser alltägliches In-der-Welt-sein mehr oder weniger obligatorisch ist.
Arthur Rimbaud hat hierfür 1871 die bis heute gültige Bezeichnung gefunden Le bateau ivre – Das trunkene Schiff. Hier tritt das lyrische Ich als ein Schiff auf, das in eindrucksvollen Bildern von einer traumartigen Reise steuerlosen Dahintreibens erzählt, auf der alles nur denkbare an Untergängen und Katastrophen versammelt ist, was sich die menschliche Phantasie hat ausmalen können – doch so, daß dieses Schiff, bei allen Stürmen und Gefahren, sich dabei immer über dem Grund hält, auf den andere Schiffe längst gesunken sind. Das King Size ist solch ein trunkenes Schiff.
Und ein trunkenes Schiff ist ein Schiff, an dem „kein Glied nicht trunken ist“.

Dies bedeutet: Es gibt keinen sicheren Platz auf trunkenen Schiffen. Gleichwohl gibt es Plätze, die sicherer sind als andere. Ein solcher ist der Platz am Tresen, in der vordersten Ecke gleich rechts hinter dem Eingang. Dieser Platz ist besonders, jedenfalls für mich ist er dies. Es ist mein Platz. Seine Besonderheit besteht darin, daß ich hier mit dem Rücken zur Wand stehe. Und dies meine ich durchaus wörtlich. Es gibt im King Size nicht viele solche Plätze. Und es ist ein Platz, von dem aus man alles übersieht, was sich an Bord ereignet, jedenfalls wenn man von den hinteren Teilen des Schiffes absieht, von denen gemunkelt wird, daß es hier absturztechnisch gesehen noch ganz anders zugeht, als in den vorderen Bereichen. Soziologisch gesprochen entspricht dies der Position des teilnehmenden Beobachters. Für solche gilt: Sie sind immer noch Teilnehmer in dem Sinne, daß sie sich auf besagtem Schiff befinden. Aber der Abstand zum Desaster ist nie so groß, dass er nicht jederzeit aufgegeben werden könnte.

Aristokratie der Schnelldenker: Die Tür der King Size Bar öffnete sich für Besucher mit smartem Auftritt
Foto: Eirikur Mortagne

Als teilnehmender Beobachter nehme ich an Diskussionen zwischen den Gespenstern der Nacht keinen Anteil, die als Existenzialisten, radikale und gemäßigte Veganer, Kommunisten, Surrealisten, Anhänger des Konfuzius, Marxisten, radikale und gemäßigte Ökologiebewegte oder Feministinnen die letzten und dringlichsten Fragen der Welt zu ihrem Abschluß bringen möchten, mit dem Ziel, mindestens auf ihren Gegenüber einen guten Eindruck zu machen – bei witzigem Nonsens oder einer schönen Frau ist dies etwas anders. Aber dies wäre eine andere Geschichte. Wichtig ist: Ich pflege eine ausgesprochene Aver­sion gegenüber Gesprächen, die andere als „tief“ bezeichnen. Solange ich an Bord des trunkenen Schiffes bin, gilt die Regel: Keine Gespräche über die letzten Dinge und vor allem auch keine Diskussionen mit Passagieren, die das trunkene Schiff und die ­Feier auf ihm, für die Normalform des Lebens halten, das dann vielleicht auch noch als „bürgerlich“ verschrien wird. Die Verweigerung der Bürgerlichkeit geht mir entschieden auf die Nerven.

Ich bin in diesem Sinn ein „Verweigerungsverweigerer“, weshalb ich, wenn es denn wieder hell wird, nach durchzechter Nacht, beschwingt und gut gelaunt über die Weidendammer Brücke nach Hause laufe, nicht ohne noch einmal den „preußischen Ikarus“ zu grüßen, mit seinen „grauen Flügeln aus Eisenguß“, von dem die Wolf-Biermann-Ballade sagt:
„er fliegt nicht weg – er stürzt nicht ab macht keinen Wind – und macht nicht schlapp am Geländer über der Spree.“


Udo Tietz ist Philosoph an der Humboldt-Uni und an der Universität Stuttgart. Er schreibt konsequent in alter Rechtschreibung.

Der Text ist ein stark gekürzter Auszug aus: „Nutzloses Gesindel. Geschichten aus dem King Size“, herausgegeben von Anna Müller & Frank Künster, mit Texten u.a. von Julia Schramm, Norman Ohler, Sarah Waterfeld, Oliver Polak, Herzstückverlag, 21,90 €, erscheint am 15. Juli. Buchpremiere: King Size Bar, Friedrichstraße 112b, Mitte, 19.7., 21 Uhr

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