Kopforgasmus dank Wundertütenprogramm

Die Konzertreihe „Kiezsalon“

Der Kurator Michael Rosen verfolgt mit seinem „Kiezsalon“ ein originelles Konzept: Jedes Konzert dauert nur 30 Minuten. 30 Minuten, die man nicht vergisst

Jeder, der schon einmal versehentlich in eine Frank-Castorf-Inszenierung geraten ist, kennt diese Abende, die dem hochkulturbeflissenen Publikum Geduld und Sitzfleisch abverlangen, die sich bis spät in die Nacht, ja bis in die frühen Morgenstunden hineinziehen – und noch immer kein Ende in Sicht. Kunst als kalkulierte Zumutung, die den Besuchern viel gibt, aber auch viel nimmt, vor allem Zeit.

Ganz anders die Kiezsalon-Reihe des Kurators Michael Rosen: Er räumt den eingeladenen Künstlern maximal 30 Minuten ein, mehr nicht. „Ich mag kurze Konzerte“, sagt er. „Denn sonst schaltet irgendwann der Kopf ab.“ Als ihn zum Beispiel der gefeierte New Yorker Schlagzeuger Greg Fox um mehr Zeit bat, beharrte er rigoros auf seiner Vorgabe. Also spielte auch Greg Fox nur eine halbe Stunde – und das funktionierte offenbar derart gut, dass der Drummer ebendiese 30 Minuten nicht vergessen und bei einem späteren Konzert noch von ihnen schwärmen sollte. Es war einer dieser Gänsehautmomente in seiner Konzert­reihe, erzählt Michael Rosen, der seit 2015 an ausgewählten Mittwochabenden in die Musikbrauerei in Prenzlauer Berg einlädt.

David Lynch lässt grüßen: die Ectoplasm Girls aus Schweden
Foto: Frank Byrne

„Ich gebe dem Publikum Zeit und Raum“, erklärt Rosen sein kompaktes, rezi­pientenfreundliches Konzept. Eine Stunde Pause zwischen den beiden Auftritten – und eine zweite Halle, eine Art Salon, in dem sich die Besucher auch während des Konzerts frei bewegen dürfen.
Die Musikkritiker, die sich regelmäßig unter die 200 Gäste mischen, schätzen den Kiezsalon als Fundgrube für neue Entdeckungen, als „gut sortiertes Wuntertütenprogramm“ zwischen „Laptop-Krach, improvisierter Musik und psychedelischem Folk“, zu dem ausgesuchter Wein, etwa „ein Gläschen Gutedel“ gereicht wird. Im Juni begeisterte ein Schwesternpaar aus dem südindischen Chennai mit elektronischer, tranceartiger Mandolinenmusik. „Da die Abende immer ausverkauft sind, kann ich mir die Freiheit nehmen, weniger bekannte Musiker einzuladen“, sagt Rosen. „Ich bin nicht auf große Namen angewiesen.“ Überhaupt ärgere ihn das an der Berliner Kulturlandschaft: Es fehle der Mut, Künstlern eine Bühne zu geben, die man in der Stadt noch nicht kennt.

Die Klangkünstlerin Félicia Atkinson
Foto: Félicia Atkinson

Und so hat Michael Rosen wieder ein einigermaßen überraschendes Herbstprogramm zusammengestellt: Am kommenden Mittwoch sind die Ectoplasm Girls zu Gast, die schwedischen Schwestern Nadine und Tanya Byrne, deren unheimliche, esoterische Soundlandschaften einem Mysterythriller entsprungen sein könnten – David Lynch lässt grüßen.

Den zweiten Teil des Abends gestaltet die französische Klangkünstlerin und Male­rin Félicia Atkinson, die sich mit ihren ab­strakten, surrealistischen Kompositionen gerne mal in die französischen Alpen zurückzieht. „Sie arbeitet auf ganz besondere Art und Weise mit ihrer Stimme“, sagt Michael Rosen. Meist ist es nur ein leises Flüstern, das eine Aura der Intimität schafft und auf den Hörer beinahe hypnotisch wirkt, ähnlich dieser dramaturgielosen ­ASMR-Videos auf Youtube, die bei manchen Menschen ein wohliges Kribbeln unter der Kopfhaut erzeugen. Mit etwas Glück und Sensibilität geht das Publikum mit nichts Geringerem als einem Kopforgasmus nach Hause – und das spätestens um Mitternacht. Überlänge ausgeschlossen

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